Rezension

André Frank Zimpel: Lasst unsere Kinder spielen! Der Schlüssel zum Erfolg. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2. Aufl. 2012, 158 Seiten, EUR 17,99 - direkt bestellen durch Anklicken


Das Buch "Lasst unsere Kinder spielen!" beginnt mit einem provokanten Vorwort von Professor Gerald Hüther, Leiter der Zentralstelle für Neurobiologische Präventionsforschung der Universitäten Göttingen und Mannheim/ Heidelberg: "Wenn Kinder nicht mehr frei und unbekümmert spielen können, so ist das ein untrügliches Anzeichen einer schweren Störung. Zu suchen ist diese Störung allerdings nicht bei den Kindern, sondern bei denjenigen Personen, die den Kindern ihre angeborene Lust am freien, unbekümmerten Spiel geraubt haben. Es wird noch einige Zeit dauern, bis diese Erkenntnis bei allen Eltern und Frühpädagogen angekommen ist. Zu tief und zu fest hat sich die Überzeugung in die Hirnwindungen der meisten Erwachsenen eingefressen, dass Kinder so früh wie möglich und so effizient wie möglich auf die Anforderungen unserer gegenwärtigen Leistungsgesellschaft vorbereitet werden müssen. Aber Kinder funktionieren nicht wie Maschinen. Und das kindliche Gehirn ist auch kein Computer, den es möglichst effizient zu programmieren gilt, oder gar so etwas wie ein leeres Fass, das mit möglichst viel Wissen abzufüllen ist. ... Nur dort, wo Kinder frei und unbekümmert spielen können, haben sie Gelegenheit, die in ihnen angelegten Potenziale zu entfalten. Aus sich selbst heraus und mit der damit einhergehenden Begeisterung über sich selbst" (S. 7 f.).

Diesem Vorwort entsprechend, geht es in dem leicht zu lesenden Buch von André Frank Zimpel, Professor für Erziehungswissenschaft an der Universität Hamburg, um die Bedeutung des Spiels aus psychologischer, neurobiologischer und pädagogischer Sicht. Der Autor nimmt sich dieses Themas aus zwei Gründen an: einerseits aufgrund der Beobachtung, dass Kinder von einer solchen Menge von Spielsachen umgeben sind, dass es ihnen immer schwerer fällt, sich in ein Spiel zu vertiefen, und andererseits wegen der übersteigerten Bildungsansprüche an Kleinkinder, die zur allmählichen Verdrängung des Spiels beitragen - obwohl das Spielen die kindgemäße Form des Lernens ist.

Das Buch umfasst drei Teile, in denen folgende Thesen erläutert werden:

  1. "Spiel befreit das Denken von der Wahrnehmung.
  2. Spiele zeigen die nächste Entwicklungsstufe an.
  3. Spielen optimiert das Verhältnis von Aufmerksamkeit und Lernen" (S. 9).

Zunächst befasst sich Zimpel mit dem Kindergarten Fröbels, in dem das Spiel im Mittelpunkt stand. Anschließend geht er auf Lerntheorien ein und arbeitet die Bedeutung der Verstärkung heraus - wobei schnelle Erfolgsrückmeldungen auch zum "Suchtpotenzial" von Computerspielen beitragen würden. Dann beschäftigt sich Zimpel mit Montessoris pädagogischen Auffassungen, insbesondere mit der von ihr erforschten "Polarisation der Aufmerksamkeit" und ihrer Sichtweise von Spielen, Lernen und Arbeiten. Er verweist auf Lewins Theorie, in der z.B. der Aufforderungscharakter von (Spiel-) Objekten, die Fantasie und die Rolle von Ersatzhandlungen betont wird. Anschließend befasst sich Zimpel mit Piaget, insbesondere mit dessen Entwicklungs- und Spieltheorie, mit dem Spiel als Assimilation und der Nachahmung als Akkomodation. Danach wendet er sich Wygotskis Vorstellung des Spiels als Zone der nächsten Entwicklung und dessen Auffassung von der sozialen Prägung des Spielgeschehens zu.

In den letzten Kapiteln seines Buches beschreibt Zimpel verschiedene Spielstufen und Arten von Spielen, behandelt die Bedeutung der Fantasie und der sensorischen Integration, geht auf Rollenspiel und Beziehungskommunikation ein und befasst sich mit dem Zusammenhang zwischen dem Spielen und der geistigen Entwicklung. Immer wieder fließen psychologische und neurobiologische Forschungsergebnisse und Theorien in seinen Text ein.

Schließlich kommt Zimpel zu folgendem Ergebnis: "Spiel ist mehr als Lernen. Die Verstrickung biologischer und kultureller Einflüsse im Spiel erzeugt Metakompetenzen: Fantasie, Abstraktion, Selbstbewusstsein, Perspektivwechsel, Vorausschau, Frustrationstoleranz, Kooperationsfähigkeit, Kreativität und Solidarität. Kurz: Im Spiel entwickeln die Kinder ihre einmalige, mit keinem anderen Menschen vergleichbare Persönlichkeit" (S. 143).

Martin R. Textor