Aus: Becker-Textor, I./Textor, M.R.: Der offene Kindergarten - Vielfalt der Formen. Freiburg, Basel: Verlag Herder, 2. Aufl. 1998, S. 121-126

Zusammenarbeit mit Aus- und Fortbildung

Ingeborg Becker-Textor


Die Diskussion um die Weiterentwicklung des Kindergartens oder den offenen Kindergarten bleibt nicht ohne Auswirkungen auf die Aus- und Fortbildung. Während die Ausbildung auf den Beruf der Erzieherin bzw. des Erziehers vorbereitet und in erster Linie das notwendige Basiswissen vermittelt, richtet sich Fortbildung an Erzieherinnen, die bereits konkret im Feld arbeiten, und muß somit zeitnah auf Weiterentwicklungen und Veränderungen reagieren. Die Ausbildung orientiert sich an Lehrplänen und an der Praxis. Verständlicherweise hinken Lehrpläne immer etwas hinter der Realität her. Die Qualität der Ausbildung steht und fällt vor allem mit den Dozent/innen, ihrer Bereitschaft und ihrem Mut, Inhalte zu aktualisieren oder sich von alten Methoden zu lösen, um neue zu erproben bzw. andere Wege zu gehen.

Gesellschaftliche Entwicklungen und damit einhergehende notwendige Veränderungen in den Bereichen "Bildung - Erziehung - Betreuung" stellen hohe Anforderungen. Viele Erzieherinnen, befragt nach ihrer Ausbildung, erklären, daß sie diese nicht genug auf die Praxis vorbereitet habe. Gefragt nach Fortbildungswünschen, werden oft Themen genannt, die jedoch dann, wenn sie angeboten werden, nur sehr wenig angenommen werden. Ein klassisches Beispiel ist etwa die Medienerziehung. Kindertageseinrichtungen klagen über die Medienkindheit und ihre Auswirkungen auf das kindliche Verhalten. Gleichzeitig werden Seminare über Medienerziehung oder die Wirkung des eigenen Medienverhaltens eher zaghaft angenommen. Was gilt es also zu tun?

1. Zusammenarbeit mit der Ausbildung

In den vergangenen Jahren hat sich im Bereich der Kindertageseinrichtungen ein plurales Angebot entwickelt. Es reicht von der Kinderkrippe bis zur Heilpädagogischen Tagesstätte, vom Kinderhaus bis zum Integrationskindergarten oder -hort. Die Einsatzfelder von Studierenden - bereits während des Vorpraktikums oder der ausbildungsbegleitenden Praktika - sind also vielfältig. In den Lehrplänen der Fachschulen bzw. Fachakademien für Sozialpädagogik oder gar der Berufsfachschulen für Kinderpflege finden diese neuen Einrichtungsformen aber noch kaum Berücksichtigung. Vielmehr - und das trotz der bundesweit vorgesehenen Breitbandausbildung - liegt der Schwerpunkt noch immer auf der Pädagogik des Kindergartens und der Sozialpädagogik in der Jugendhilfe.

Wäre es nicht vielmehr anstrebenswert, zwischen einer Pädagogik der frühen Kindheit und einer Pädagogik des Jugendalters zu unterscheiden? Dies würde einen Wechsel von der "Institutionenpädagogik" zur "Kindheitspädagogik" bedeuten. Das Kind oder der Jugendliche kann in den verschiedensten Formen von Einrichtungen zur Bildung, Erziehung und Betreuung von Kindern leben, spielen und lernen, die alle einen familienergänzenden und -unterstützenden Charakter haben und in unterschiedlicher Intensität mit derem Elternhaus zusammenarbeiten.

Wenn die Ausbildung das Kind in den Mittelpunkt stellt, dann rückt die Institution(enlehre) erst an die zweite Stelle. Es geht dann um das Kind in der Krippe, im Kindergarten, in der Elternselbsthilfegruppe, im Hort etc. Institutionen, die bilden, erziehen und betreuen, lassen sich heute nicht mehr abschließend aufzählen; sie sind viel zu schnell strukturellen und organisatorischen, aber auch inhaltlichen Veränderungen unterworfen: Bei zurückgehender Kinderzahl wird beispielsweise aus einem Kindergarten vielleicht ein Kinderhaus mit Kindern von null bis sechs Jahren oder drei bis 12 Jahren; ein hoher Anteil ausländischer Kinder fordert inhaltliche und eventuell konzeptionelle Veränderungen; eine große Fluktuation durch Kinder aus einer Übergangseinrichtung für Aussiedler führt in relativ kurzen Zeitabständen zu einer immer wieder neuen Gruppenzusammensetzung.

Eine stärkere Kindorientierung in der Ausbildung könnte auf die Vielfalt des Arbeitsfeldes besser vorbereiten. Natürlich dürfen das Gruppengeschehen und die Spezifika der einzelnen Institutionen nicht außer acht gelassen werden. Unverzichtbar ist deshalb der Kontakt der Ausbildungsstätten zur Fachbasis. Hospitationen von Dozent/innen sollten daher ein wichtiger Bestandteil der Lehrerfortbildung sein. Projekte können gemeinsam mit der Fachbasis entwickelt werden und den Transfer zwischen Theorie und Praxis unterstützen oder gar sicherstellen. Ebenso sind viele Praktikerinnen gerne bereit, über ihr Tätigkeitsfeld im Unterricht zu berichten und über die Besonderheiten wie die "Normalitäten" der Alltagsarbeit in Kindertageseinrichtungen zu informieren.

Die Beschäftigung mit Konzepten von Kindertageseinrichtungen gewinnt immer mehr an Bedeutung. So läßt sich an ausgewählten Beispielen die Konzeptentwicklung nachvollziehen - von der Situationsanalyse bis hin zur Gestaltung des Alltags mit Kindern und der Elternarbeit. Im Zusammenhang mit dem Konzept einer Einrichtung lassen sich dann Fördermöglichkeiten, Beschäftigungen und Projekte unter ganz neuen Gesichtspunkten darstellen.

Auch muß sich Ausbildung verstärkt mit dem Leben von Kindern in Tageseinrichtungen befassen, der Gestaltung des Vormittags, Nachmittags oder auch des ganzen Tages. In diesem Tagesablauf kommt dann der "Fördereinheit" oder der sogenannten "gezielten Beschäftigung" eine ganz andere Bedeutung zu. Oft fällt es jungen Erzieherinnen schwer, nach Eintritt in den Berufsalltag plötzlich für eine ganze Gruppe von Kindern verantwortlich zu sein - und zwar nicht nur für eine Stunde, sondern eben für die gesamte Verweildauer der Kinder in der Einrichtung. Insbesondere bei einer situationsorientierten Arbeit wird die "Gesamtplanung" für den ganzen Tag bedeutsam. Somit sollte bei der Praxisbeurteilung auch nicht nur eine Beschäftigung benotet werden, sondern vielmehr das Zusammenleben der Praktikantin mit der Kindergruppe an einem halben Tag. Gerade wenn Erzieherinnen die Gruppen öffnen, Eltern teilhaben lassen oder Projekte durchführen, kann und darf sich die Beurteilung oder Leistungsbewertung nicht nur auf einen kleinen Ausschnitt der pädagogischen Arbeit beziehen, auf eine bis ins Detail vorgeplante und nicht selten "vorgeprobte" Beschäftigung mit einer kleinen Kindergruppe. Auch das Verhalten und Agieren der künftigen Erzieherin sowie ihre Fähigkeit zu planen, ohne den Kindern die notwendigen Freiräume zu nehmen, lassen sich besser beobachten, wenn einige Stunden im Kindergarten für die Beurteilung ausgewählt werden.

Entsendet eine Fachschule bzw. Fachakademie für Sozialpädagogik Praktikantinnen in einen Kindergarten mit offenen Gruppen, dann bedarf es einer besonders intensiven Vorbereitung. Die Aufgabenstellung an die Praktikantin muß und wird anders sein als beim Praktikum in einem tradiert arbeitenden Kindergarten. Können solche Konzepte von der Ausbildungsstätte nicht akzeptiert werden, dann ist es besser, wenn die Praxisstelle nicht genehmigt wird. Damit wird zwar der Praxisschock der künftigen Erzieherin hinausgeschoben, aber sie kann dann später selbst entscheiden, ob sie sich in neue Formen der Kindergartenarbeit hineinwagen will.

Bei Modellversuchen zu Kinderhäusern mit großer Altersmischung hat sich gezeigt, daß viele junge Erzieherinnen, die dort ohne Berufserfahrung angefangen hatten, bereits nach wenigen Wochen in einen tradiert arbeitenden Kindergarten wechselten. Berufserfahrene Erzieherinnen hingegen entscheiden sich oft aus dem Wunsch nach persönlicher Weiterentwicklung heraus für eine solche Einrichtung. Sie sind nicht nur von der neuen Form der Kindertagesbetreuung begeistert, sondern haben sich schon im Vorfeld intensiv mit dem Konzept der weiten Altersmischung befaßt.

Fazit: Die Ausbildungsstätten sollten alle neuen Formen der Kindertagesbetreuung wertfrei vorstellen und, wenn möglich, entsprechende Einrichtungen im Umfeld auch besuchen bzw. deren Fachkräfte einladen. Die Studierenden können dann Unterschiede in Inhalten, Standards, Konzepten etc. selbst herausarbeiten und ihre Rolle in der jeweiligen Einrichtung definieren. Damit könnten wesentliche Entscheidungshilfen für ihren Berufsweg gegeben werden.

2. Zusammenarbeit mit der Fortbildung

Von Fortbildung wird erwartet, daß sie zeitnah auf aktuelle Entwicklungen im Bereich der Kindertagesbetreuung reagiert und die notwendig werdenden Veränderungen bei Inhalten und Konzepten vorbereitet. Dies bedeutet, daß von Fortbildungsveranstaltern erwartet wird, daß sie auf der Basis von Situationsanalysen Fortbildungsangebote entwickeln. Die Situationsanalyse muß mehrdimensional erfolgen:

  • Wo liegen die Bedürfnisse der Kinder?
  • Was sind derzeitige Kindheitsbedingungen?
  • Wo und wie muß Fortbildung aufbauend auf das erworbene Basiswissen reagieren? (Eine Kooperation mit der Ausbildung ist also unverzichtbar!)
  • Welche Wünsche und Bedürfnisse werden von den Erzieherinnen und Trägern angemeldet?
  • Welche Problemlagen sind derzeit zu bewältigen?
  • Welche neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse aus Bereichen wie Entwicklungspsychologie, Frühpädagogik, Erwachsenenbildung, Elternarbeit und Gesellschaftswissenschaften sollen oder müssen in aufbereiteter Form den Praktikerinnen zugänglich gemacht werden?
  • Welche Fachliteratur gilt es vorzustellen und zu diskutieren?
  • Wie können Erzieherinnen dort abgeholt werden, wo sie stehen?

Fortbildungsprogramme sollten darum gemeinsam mit Praktikerinnen entwickelt werden und diese auch in Teilbereichen als Fortbildnerinnen eingesetzt werden.

Auf einer Landestagung der Arbeiterwohlfahrt, die im Oktober 1996 in Bayern stattfand, wurden Kindergartenleiterinnen in Workshops als Referentinnen zu ganz unterschiedlichen Themen eingesetzt. Der Erfolg war groß: Es entstand ein Dialog auf der Ebene Erzieherin zu Erzieherin - allerdings auch mit recht hitziger bis angespannter Diskussion, empfanden doch viele Erzieherinnen die Praxisberichte ihrer Kolleginnen als persönlichen Angriff. Statt sich konstruktiv auszutauschen, kam es zu - teilweise recht unqualifizierten - Streitgesprächen, was richtig und was falsch sei, was Aufgabe von Erzieherinnen sei und was nicht. Gleichzeitig wurde deutlich, wie unterschiedlich in den Kindertageseinrichtungen gearbeitet wird, daß verschiedenartige Qualitäten, Standards und Inhalte anzutreffen sind. Fortbildung sollte also Erzieherinnen künftig mehr zur eigenen Standortbestimmung veranlassen und sie dabei begleiten, gibt es doch keine zwei Kindergärten, die auf völlig identische Weise arbeiten.

Ebenso gibt es keine Inhalte, die in absolut gleicher Weise einer größeren Zahl von Kindertageseinrichtungen vermittelt werden können. So kommt der einrichtungsbezogenen Fortbildung eine immer größere Bedeutung zu, aber ebenso der (individuellen) Konzeptentwicklung. Gerade aufgrund der Vielfalt der neuen Formen von Kindertagesbetreuung und der ganz verschiedenen Formen und Möglichkeiten der Öffnung gilt es nicht, apodiktisch ein Konzept oder eine Organisationsform zu verteidigen, sondern vielmehr Mut zu fassen, die für die Situation und das Umfeld geeignete Lösung zu suchen und zu realisieren. So werden Themen wie Situationsanalyse, Projektarbeit, Kooperation und Vernetzung mit sozialen Diensten, Kommunikation und Gesprächsführung, Elternarbeit und Gemeinwesenorientierung in Zukunft eine immer größere Rolle in der Fortbildung spielen. Es wird vorrangig nicht um reine Wissensvermittlung, sondern vielmehr um qualifizierten Erfahrungsaustausch, kollegiale Beratung, Reflexion und Konzeptentwicklung gehen. Leider sind noch nicht alle Erzieherinnen bereit, diese Themen für ihre Fortbildung aufzunehmen. "Rezepte vermittelnde" Angebote haben weiterhin einen relativ hohen Stellenwert.

Blickt man in die Fortbildungsprogramme der verschiedenen Fortbildungsträger, so sind die neuen Entwicklungen im Kindertagesbetreuungsbereich dort ablesbar. Ihre Angebote helfen und begleiten bei der Weiterentwicklung und versuchen, die Fragen und Unsicherheiten der Erzieherinnen aufzugreifen. Fortbildung braucht aber auch qualifizierte Fortbildner/innen. Wenn es gelingt, gute Methodiker/innen mit guten Praktiker/innen gemeinsam einzusetzen, dann wird Fortbildung bestimmt interessanter und vor allem noch praxisnäher werden. Was für die Dozent/innen in Ausbildungsstätten gilt, sollte natürlich auch für Fortbildner gelten: Besuche in verschiedenen Praxisfeldern und gegebenenfalls auch Hospitationen sollten eine Voraussetzung für ihre Tätigkeit sein. Darüber hinaus sind Grundkenntnisse im einschlägigen Recht sicherlich auch von Nutzen.

Die Unmenge der erforderlichen Themen oder die Vielzahl der Wünsche von Erzieherinnen können oftmals von einem Fortbildungsträger alleine nicht zufriedenstellend berücksichtigt werden. Also ist auch hier Öffnung gefragt, die Absprache mit anderen Anbietern. Dann deckt zwar nicht jeder Verband in einer bestimmten Region alle Spezialbereiche ab - aber reicht nicht ein umfassendes trägerübergreifendes Angebot? Verbände, die sich auf solche Art öffnen, sind auch dann glaubwürdig, wenn sie Öffnungsbestrebungen in Kindertageseinrichtungen begleiten. Die Prozesse, die beide Seiten durchlaufen, werden sich in vielen Punkten ähneln.