Rezension

Birgit Behrensen, Meike Sauerhering, Claudia Solzbacher, Wiebke Warnecke: Das einzelne Kind im Blick. Individuelle Förderung in der Kita. Freiburg im Breisgau: Herder 2011, 187 Seiten, EUR 19,95 - direkt bestellen durch Anklicken

 

Die Diskussion um die Qualität der pädagogischen Arbeit in Kindertagesstätten sowie um den damit verbundenen Bildungsauftrag enthält stets die Forderung nach einer individuellen Förderung von Kindern. Gleichzeitig scheint sich aber der Begriff "Förderung" dem definitorischen Bestreben der Fachwelt in den letzten Jahren größtenteils zu entziehen.

Der fehlende Konsens darüber, was im Bereich der frühkindlichen Bildung und Erziehung eigentlich unter diesem Begriff zu verstehen ist, bildet den Ausgangspunkt der Veröffentlichung der Forscherinnen aus dem Niedersächsischen Institut für frühkindliche Bildung und Entwicklung (nifbe) mit dem Titel: "Das einzelne Kind im Blick. Individuelle Förderung in der Kita."

In drei Kapiteln nähern sich die Herausgeberinnen und weitere Autor/innen dem Konstrukt der "individuellen Förderung". Den roten Faden bilden dabei die Fragen: "Was bedeutet Förderung? Was versteht die Wissenschaft darunter?" Und vor allem: "Was verbindet die Kita damit?" (S. 25).

Wie kann eine "individuelle Förderung" definiert werden?

Dem fehlenden definitorischen Konsens über die "individuelle Förderung" in der Kita-Praxis begegnen die Herausgeberinnen mit einer eigenen Annäherung an die Definition im ersten Kapitel des Bandes. Diese orientiert sich an dem konstruktivistischen Verständnis von (frühkindlicher) Bildung und hebt deutlich hervor, dass die individuelle Förderung an sich keine Methode darstellt, sondern sich viel mehr in der Haltung der pädagogischen Fachkräfte widerspiegelt.

Dabei bildet die Ressourcenorientierung vor dem Hintergrund des "Respekts vor der Vielfalt" die zentrale Kategorie (S. 28). Eine Definition, die ganz im Sinne der neueren bildungstheoretischen Diskussion steht, die die professionelle Rolle der pädagogischen Fachkräfte vorrangig in einer Beziehungs- und Umweltgestaltung sieht.

Die Herausgeberinnen betonen jedoch, dass es für einen ganzheitlichen Blick auf die Thematik auch einer systematisierten Aufnahme der Stimmen aus der Praxisbasis als "bottom up" bedarf (S. 25).

Was verstehen Praktiker/innen unter einer individuellen Förderung und wie wird diese im pädagogischen Alltag umgesetzt?

Dieser Frage wurde in einer von der nifbe-Forschungsstelle Begabungsförderung in niedersächsischen Kindertagesstätten durchgeführten und im zweiten Teil der Veröffentlichung vorgestellten Studie nachgegangen. Mittels einer Online-Befragung (563 ausgewertete Fragebögen) und auch persönlichen Interviews (36) wurden die pädagogischen Fachkräfte befragt, die mit Kindern im Alter von drei und sechs Jahren arbeiten. Die Darstellung der jeweiligen Ergebnisse erfolgt themenbezogen und in einer übersichtlichen Form. Jeder Themenabschnitt schließt mit einer Zusammenfassung der Teilergebnisse ab.

Die Herausgeberinnen konstatieren, dass sich die Erzieher/innen in ihrem professionellen Verständnis überwiegend von einem Bild vom Kind als aktivem Gestalter, mit "seinen spezifischen Interessen, Bedürfnissen und Fähigkeiten" leiten lassen (S. 109). Die Interessierten erhalten des Weiteren einen breiten Einblick in die persönlichen Einstellungen der Erzieher/innen zur individuellen Förderung von Kindern. Diese enthält auch ihre Einschätzung der gegebenen Rahmenbedingungen im Hinblick auf die erforderlichen Strukturen.

Die dargestellten Ergebnisse der Studie geben einen interessanten Einblick in die Praxis der individuellen Förderung in niedersächsischen Kitas, werfen aber auch einige Fragen auf. Wenn die Bedürfnisse der Kinder den Ausgangspunkt einer individuellen Förderung darstellen, warum lassen sich die von den Erzieher/innen meistgenannten Ziele (darunter: Vorbereitung auf die Schule) in die Kategorie "Förderung von fachspezifischen Kompetenzen der Kinder" einordnen (S. 44)? Vor dem gleichen Hintergrund stellt sich auch die Frage, warum die Entscheidung über individuelle Förderaktivitäten in einer Mehrzahl von Einrichtungen im Austausch mit der Leiterin getroffen wird? Die Studie und die vorliegende Veröffentlichung stoßen einen wichtigen und notwendigen Diskurs an, der einen der elementarsten Bereiche der pädagogischen Praxis in den Kitas fokussieren sollte.

Pädagogische Praxis schon längst auf dem Weg?

Die Ergebnisse der Studie zeigen jedoch deutlich, dass "das Thema individuelle Förderung in der Elementarpädagogik bereits Einzug gehalten hat und offenbar auch umgesetzt wird" (S. 47). Konsequenterweise sind im dritten und letzten Kapitel der Veröffentlichung auch Beiträge aus der pädagogischen Praxis zu finden. Hier wird beeindruckend aufgezeigt, wie unabdingbar eine sehr hohe Sensibilität der pädagogischen Fachkräfte beim Aufspüren von Entwicklungs- und Bildungsthemen der Kinder für die individuelle Begleitung ist. Dabei können die Wege zur Berücksichtigung von Individualität von Kindern sehr unterschiedlich sein.

Die vorliegende Veröffentlichung ist empfehlenswert als Ausgangspunkt und fundierte Grundlage für die Reflexions- und Weiterentwicklungsprozesse im pädagogischen Alltag von Kindertagesstätten.

Im gleichen Zuge leistet sie auch einen wichtigen Beitrag zu dem vielerorts geforderten Transfer zwischen Forschung und Praxis: Ergebnisse aus der Praxisforschung kommen unmittelbar in den pädagogischen Alltag zurück. Und die Praxis wird in ihrem Bestreben ernstgenommen, den vielfältigen Anforderungen gerecht zu werden.

Edita Jung