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- Online-Handbuch - Herausgeber: Martin R. Textor |
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| Vernetzung von Kindertageseinrichtungen mit psychosozialen Diensten. Abschlussbericht. München: Staatsinstitut für Frühpädagogik 2000 - Teil 1
Martin R. Textor (Redaktion)
Inhalt 1. Vorwort (Simon Lehner) 2. Einführung (Martin R. Textor) 3. Konzeption für die Vernetzung von Kindertageseinrichtungen und psychosozialen Diensten (Martin R. Textor) 4. Rückblick auf das zweite Projektjahr: Betreuung von Jugendämtern (Martin R. Textor) 5. Rückblick auf das zweite Projektjahr: Betreuung von Kindertageseinrichtungen (Dagmar Winterhalter-Salvatore)
ab hier: Teil 2 6. Rückblick auf das dritte Projektjahr: Betreuung von Jugendämtern (Martin R. Textor) 7. Rückblick auf das dritte Projektjahr: Betreuung von Kindertageseinrichtungen (Dagmar Winterhalter-Salvatore) 8. Praxisberichte 8.1 Stadtjugendamt Hof (Hannelore Fischer) 8.2 Amt für junge Menschen und Familien Bad Kissingen (Franz Gundelach) 8.3 AWO-Kindergarten Würzburg/Schulkindergarten Heiligkreuz (Christine Schubert und Theresia Gerhard) 8.4 Städtischer Kindergarten "Haus der kleinen Strolche", Erlangen (Brigitte Czypull und Kirsten Jag-Reuter)
ab hier: Teil 3 9. Teilnehmer/innenbefragung (Martin R. Textor) 10. Ausblick: Grundsätze für die Kooperation von Kindertageseinrichtungen und psychosozialen Diensten (Martin R. Textor)
1. Vorwort Simon Lehner Mit dem vorliegenden Bericht findet ein dreijähriger, bayernweit durchgeführter Modellversuch des Staatsinstituts für Frühpädagogik zur "Vernetzung von Kindertageseinrichtungen mit psychosozialen Diensten" seinen Abschluss. Die Ergebnisse und Folgerungen sind für die qualitative Weiterentwicklung der Kindertagesbetreuung in Bayern, aber auch über seine Grenzen hinaus, von zentraler Bedeutung. Obwohl allseits längst gefordert, ist eine Vernetzung von Kindertageseinrichtungen mit den jeweiligen Jugendhilfeeinrichtungen vor Ort erst in Ansätzen und bruchstückhaft realisiert. Überwiegend handelt es sich hierbei um punktuelle, einzelfallbezogene Maßnahmen. Der Abschlussbericht beschreibt nun die gesamte Breite der Vernetzungsmöglichkeiten der Kindertagesstätten mit den möglichen Kooperationspartnern und stellt die positiven Effekte koordinierter und vernetzter Prävention und Intervention bei Hilfemaßnahmen für Kinder und Jugendliche dar. Wie sehr dieses vernetzte Arbeiten auch deren Eltern zu gute kommt, muss nicht besonders hervorgehoben werden. Es ist daher zu hoffen, dass dieser Abschlussbericht nicht nur in der Aus- und Fortbildung berücksichtigt wird, sondern auch in die Hände möglichst vieler Träger sowie möglichst vieler sozialpädagogischer Fachkräfte von Kindertageseinrichtungen gelangt, damit er seiner Intention, Wegweiser für die Möglichkeiten vernetzten Arbeitens im Kindertagesstättenbereich zu werden, auch gerecht werden kann.
2. Einführung Martin R. Textor In dem vorliegenden Abschlussbericht wird über das zweite und dritte Projektjahr des Modellversuchs "Vernetzung von Kindertageseinrichtungen mit psychosozialen Diensten" des Staatsinstituts für Frühpädagogik berichtet. Dieses Projekt begann Mitte 1997 und dauerte bis Ende 2000. Angestrebt wurden eine bessere Vernetzung von Kindertageseinrichtungen mit Jugendämtern, Beratungsstellen und anderen psychosozialen Diensten, wobei Vernetzung den Informations- und Erfahrungsaustausch, die Verbesserung der Kooperation (allgemein und im Einzelfall), die gegenseitige Unterstützung und Beratung sowie die bessere, zügigere Weitervermittlung Hilfsbedürftiger umfassen kann. Im Rahmen des Modellversuchs sollten verschiedene Vernetzungsaktivitäten und Kooperationsformen erprobt werden. Letztlich sollte durch die Verbesserung der Zusammenarbeit zwischen Kindertageseinrichtungen und psychosozialen Diensten erreicht werden, dass hilfebedürftige Kinder und/oder Familien mit Problemen so früh wie möglich an den jeweils indizierten psychosozialen Dienst weitervermittelt werden und dort die in ihrem Fall notwendige Hilfe erfahren - möglichst mit kontinuierlichem Informationsaustausch zwischen der jeweiligen Kindertagesstätte und dem psychosozialen Dienst (Voraussetzung: Einwilligung der Sorgeberechtigten). Ferner sollten Erzieherinnen erfahren, dass sie im sozialen Netz auch für sich selbst Hilfe finden können (z.B. Beratung, Fallbesprechung, Supervision, Fortbildung). An dem Modellversuch beteiligten sich 25 Jugendämter und 18 Kindertageseinrichtungen. In jedem der drei Projektjahre wurde ein Drittel der teilnehmenden Institutionen intensiver betreut, d.h., sie wurden von der/m Projektmitarbeiter/in Dagmar Winterhalter-Salvatore (zuständig für die Kindertageseinrichtungen; Mitarbeit ab dem zweiten Projektjahr) und Martin R. Textor (zuständig für die Jugendämter) ca. viermal aufgesucht und hinsichtlich einer besseren Vernetzung beraten. Ferner veranstaltete das Staatsinstitut vier Fachtagungen und bot eine Arbeitsgruppe "Vernetzung" für acht Jugendämter an, die sich einmal pro Jahr traf. Das Konzept des Modellversuchs, eine Beschreibung des Verlaufs des ersten Projektjahres, Praxisberichte, Ergebnisse von Befragungen bayerischer Jugendamtsleiter/innen und Leiter/innen von Kindertageseinrichtungen sowie sieben Fachbeiträge über mobile Dienste für Kindertagesstätten befinden sich in dem 1999 veröffentlichten Bericht 7/99 des Staatsinstituts für Frühpädagogik "Vernetzung von Kindertageseinrichtungen mit psychosozialen Diensten. Zwischenbericht" (Redaktion: Martin R. Textor), der inzwischen vergriffen ist. Der vorliegende Abschlussbericht beginnt mit einem Grundsatzartikel über Ziele, Formen, Akteure und Methoden der Vernetzung, über vernetzungsfördernde und -hemmende Faktoren. Es folgt ein Rückblick auf das zweite und anschließend auf das dritte Projektjahr, wobei zwischen Kindertageseinrichtungen und Jugendämtern differenziert wird. Nach mehreren Praxisberichten und den Ergebnissen der Teilnehmerbefragung schließt der Bericht mit "Grundsätzen für die Kooperation von Kindertageseinrichtungen und psychosozialen Diensten".
3. Konzeption für die Vernetzung von Kindertageseinrichtungen und psychosozialen Diensten Martin R. Textor Der Kindergarten ist die erste gesellschaftliche Institution, die von Kindern besucht wird; er erreicht inzwischen nahezu alle Drei- bis Sechsjährigen. Hier werden in der Regel Verhaltensauffälligkeiten, Entwicklungsrückstände und Sprachstörungen zum ersten Mal "öffentlich", die zuvor im Schonraum der Familie weitgehend ignoriert oder mangels eines Vergleichs mit Gleichaltrigen nicht erkannt wurden. Nach verschiedenen Untersuchungen (zusammengefasst bei Mayr 1997, 1998) sind bis zu 25% aller Kindergartenkinder "auffällig"; zwischen 10 und 13% gelten als behandlungsbedürftig - wobei oft eine Beratung der Eltern (oder Erzieher/innen) ausreichend sein dürfte. Bei der Schuleingangsuntersuchung 1997 in Bayern wurden beispielsweise u.a. folgende Auffälligkeiten seitens der Gesundheitsämter dokumentiert:
Andere Studien zeigen laut Mayr (1997, 1998), dass z.B. im Kindergartenalter vorhandene Verhaltensauffälligkeiten bei einem großen Teil der Kinder fünf Jahre später fortbestehen (wenn nicht interveniert wurde) und dass auch ein Zusammenhang zu Störungsbildern im Jugendalter wie Drogenmissbrauch oder Kriminalität festgestellt werden kann. So sollte diesen Kindern möglichst frühzeitig geholfen werden - zumal Verhaltensauffälligkeiten und Entwicklungsrückstände schon im Vorschulalter negative Auswirkungen auf das Leben des betroffenen Kindes haben. "Sie behindern die Entwicklung eines positiven Selbstkonzepts und belasten die Kontakte zu erwachsenen Bezugspersonen wie den Eltern oder den Erzieherinnen. Vor allem beeinträchtigen sie auch die Beziehungen zu den anderen Kindern: Sie wirken sich negativ auf die Stellung von Kindern in der Kindergartengruppe aus und führen zu einer geringeren Wertschätzung sowie zu Ablehnung und Zurückweisung durch die Altersgenossen" (Mayr 1998, S. 6). Es entspricht also dem Kindeswohl, wenn diese Kinder schon im Vorschulalter eine besondere Unterstützung erfahren, zumal frühzeitige Interventionen als effektiver und kostengünstiger gelten sowie oft eine Aussonderung - und damit Stigmatisierung - von Kindern unnötig machen. Aber auch den Erzieher/innen wird geholfen, für die der Umgang mit verhaltensauffälligen Kindern die größte berufliche Belastung ist (z.B. nach Gleich 1993). Suchen Eltern und/oder Erzieher/innen nach Hilfsangeboten für ein Kind oder die ganze Familie, werden sie mit einem unübersichtlichen System von Beratungsstellen, medizinischen, therapeutischen und sozialen Diensten konfrontiert. Nach Filsinger und Bergold (1993) entstand dieses System durch gesellschaftliche Modernisierungsprozesse, die (1) zu einer Ausdifferenzierung formaler Hilfesysteme verbunden mit Prozessen der Institutionalisierung und Professionalisierung, (2) zu einer Expansion psychosozialer Dienste, oft in Verbindung mit bestimmten "Themen- und Problemkonjunkturen", (3) zu einer Diversifikation dieser Dienste, also der Spezialisierung auf bestimmte Probleme, Adressatengruppen, Lebensphasen, Handlungskonzepte usw., sowie (4) zu einer Pluralisierung der Akteure führten - neben die großen Wohlfahrtsverbände und die öffentlichen Träger sind zunehmend Vereine, Selbsthilfegruppen, kleine (private) Träger und Projekte getreten. Negative Folgen dieser Entwicklung sind aber nicht nur die Unübersichtlichkeit des entstandenen Systems psychosozialer Dienste, sondern laut Filsinger und Bergold (a.a.O.) auch
Eine Strategie gegen diese hier nur kurz skizzierte Entwicklung ist die Vernetzung von psychosozialen Diensten, die in der Regel auf kommunaler Ebene angestrebt wird. 3.1 Zum Begriff "Vernetzung" Durch die Verknüpfung - zumeist nur eines bestimmten Teils - der Beratungsstellen sowie der medizinischen, therapeutischen und/oder sozialen Diensten zu einem Netzwerk sollen die Nachteile von Diversifikation, Spezialisierung und Pluralisierung gemildert werden. Diese Form der Vernetzung, die schon seit langem im politisch-administrativen und im professionellen Bereich diskutiert und (ansatzweise) praktiziert wird, erfährt in dem hier vorliegenden Konzept eine Erweiterung: Es geht um die Vernetzung von psychosozialen Diensten einerseits und Kindertageseinrichtungen andererseits, wobei Letztere in erster Linie als Vermittler psychosozialer Dienstleistungen an (Kindergarten-, Krippen-, Hort-) Kinder bzw. deren Familien und nur in zweiter Linie als Nutzer solcher Dienste betrachtet werden. 3.2 Ziele der Vernetzung Überragendes Ziel bei der Vernetzung von Kindertageseinrichtungen und psychosozialen Diensten sollte das Wohl des Kindes und seiner Familie sein. Letztendlich muss es immer (auch) darum gehen, wie (verhaltensauffällige, entwicklungsverzögerte, sprachgestörte, behinderte, von Behinderung bedrohte ...) Kinder, ihre Eltern bzw. Familien mit besonderen Belastungen die "passende" Hilfe erhalten. Dies sollte zu einem möglichst frühen Zeitpunkt geschehen, da dann eine Behandlung bzw. Beratung in der Regel kürzer, effektiver und effizienter ist. Erzieher/innen sollten also erfahren, für welche Problemlagen welche psychosozialen Dienste die richtigen Ansprechpartner sind und wie sie Kinder bzw. Familien an diese Einrichtungen weitervermitteln können. Eine in vielen Fällen anzustrebende, aber nicht immer realisierbare Erweiterung dieser Zielsetzung wäre die Zusammenarbeit von Erzieher/in und Mitarbeiter/in eines psychosozialen Dienstes - mit Einwilligung der Eltern bzw. unter deren Einbindung - bei der Problemdefinition, der Auswahl und Planung geeigneter Maßnahmen sowie bei deren Durchführung, sodass die Erzieherin im Rahmen ihrer (begrenzten) Möglichkeiten die Maßnahme unterstützen und ergänzend auf das Kind bzw. die Familie einwirken kann (größere Erfolgswahrscheinlichkeit durch Synergieeffekte). Ein weiteres wichtiges Ziel der Vernetzung ist, dass Erzieher/innen in Problemsituationen auch für sich selbst Hilfe durch psychosoziale Dienste erfahren. Die benötigte Unterstützung kann fallbezogen (Umgang mit einem bestimmten Kind bzw. einer Familie), allgemein (z.B. heilpädagogische Weiterqualifizierung), teambezogen (z.B. bei Konflikten mit Kolleg/innen) oder persönlich sein. In einem engen Zusammenhang mit diesen beiden zentralen Zielen stehen weitere:
Schließlich kann mehr Verständnis für die Arbeit und die Probleme der jeweils anderen Seite dazu führen, dass sich Erzieher/innen und Mitarbeiter/innen psychosozialer Dienste solidarisieren, um gemeinsam für bessere Arbeitsbedingungen zu kämpfen - oder für bessere Lebensverhältnisse für Kinder und Familien. Ein weiteres Ziel der Vernetzung von Kindertageseinrichtungen und psychosozialen Diensten ist die Erweiterung der Kenntnisse von Eltern über Hilfsangebote für Kinder und Familien - indirekt durch die Weitergabe entsprechender Informationen durch die Erzieher/innen. Auch wird erwartet, dass Schwellenängste bei Eltern reduziert werden, wenn Erzieher/innen besser über psychosoziale Dienste aufklären und ihnen persönlich bekannte Ansprechpartner benennen können. Hilfsangebote dieser Einrichtungen sollen immer mehr als alltägliche Dienstleistungen wahrgenommen werden. Öffentliche und freie Träger der Wohlfahrtspflege, Politik und Verwaltung verbinden mit der Vernetzung von Kindertageseinrichtungen und psychosozialen Diensten auch die Erwartung, dass die vorhandenen (knappen) Ressourcen gezielter, effektiver und effizienter genutzt sowie verschiedene Hilfsangebote miteinander verzahnt und abgestimmt werden. Eher abgeschottet arbeitende Einrichtungen sollen besser in das Netzwerk der Dienste eingebunden werden. All dies soll zu einer Optimierung der Versorgung mit medizinischen, therapeutischen und sozialen Dienstleistungen führen. 3.3 Formen der Vernetzung Eine Vernetzung kann sich auf zwei Einrichtungen beschränken und dann
oder sie kann mehrere Einrichtungen (z.B. eine oder mehrere Kindertagesstätten und mehrere bzw. einen psychosozialen Dienst) umfassen und multidirektional sein. Die Vernetzung kann horizontal (d.h. zwischen Einrichtungen auf der lokalen Ebene) und/oder vertikal (zwischen örtlichen und überregionalen Institutionen) erfolgen. Die Partner können gleichberechtigt sein, oder eine Institution mag die Führung übernehmen. Die Beteiligung an Vernetzungsbestrebungen kann auf Personen von der Leitungsebene beschränkt sein; es können aber auch (nahezu) alle Mitarbeiter/innen oder (nur) interessierte Einzelpersonen einbezogen werden. Eine Vernetzung kann informell und locker (z.B. in der Form unverbindlicher Gesprächsrunden, oft ohne Moderator oder Protokolle) oder formell und institutionalisiert sein (z.B. mit Vereinssatzung, Geschäfts- bzw. Tagesordnung). Sie kann kurzfristig (z.B. für die Dauer der Behandlung eines Kindergartenkindes) oder langfristig bzw. auf Dauer sein. Schließlich kann sie auf ein bestimmtes Thema bzw. Projekt begrenzt oder die ganze mögliche Themenvielfalt berücksichtigend sein (vgl. Altena 1997; Langnickel 1997). 3.4 Akteure der Vernetzung Vernetzungsbestrebungen können von (einzelnen) Kindertageseinrichtungen oder (einzelnen) psychosozialen Diensten ausgehen, aber auch von Verbänden (insbesondere der Fachberatung für Kindertagesstätten bei den Wohlfahrtsverbänden) und Arbeitskreisen (einschließlich von Psychosozialen Arbeitsgemeinschaften, Stadtteilkonferenzen u.a., die sich für Kindertageseinrichtungen öffnen). Eine besondere Rolle kommt den Trägern der öffentlichen Jugendhilfe, insbesondere den Landkreisen und den kreisfreien Städten zu, da sie laut § 79 SGB VIII die Gesamtverantwortung für die (örtliche) Jugendhilfe haben, im Rahmen der Jugendhilfeplanung nach § 80 SGB VIII u.a. "ein möglichst wirksames, vielfältiges und aufeinander abgestimmtes Angebot von Jugendhilfeleistungen", das "insgesamt den Bedürfnissen und Interessen der jungen Menschen und ihrer Familien" entspricht, schaffen sollen, dazu laut § 78 SGB VIII auch Arbeitsgemeinschaften gründen können sowie generell eng mit freien Trägern der Jugendhilfe, mit Bildungseinrichtungen, dem öffentlichen Gesundheitsdienst u.a. zusammenarbeiten sollen (z.B. §§ 71, 80, 81 SGB VIII). Die Jugendämter - Jugendhilfeausschuss und Verwaltung - sind gefordert, die Vernetzung von Kindertageseinrichtungen und psychosozialen Diensten zu initiieren und zu koordinieren. Dabei können andere relevante Vernetzungspartner - z.B. Fachberater/innen für Kindertagesstätten der Wohlfahrtsverbände und der Regierungen, Fachakademien und Fachschulen für Sozialpädagogik - einbezogen werden. 3.5 Methoden der Vernetzung Es gibt eine kaum noch überschaubare Anzahl von Vernetzungsaktivitäten, die hier - nur grob systematisiert - aufgelistet werden sollen:
Eine besondere Bedeutung kommt hier den mobilen (heil-, sonderpädagogischen) Diensten zu, die vielerorts von Frühförderstellen, Förderschulen, Erziehungsberatungsstellen oder anderen Institutionen speziell für die Betreuung von Kindertageseinrichtungen ausdifferenziert wurden. Die meisten mobilen Dienste behandeln auffällige Kinder mit Einwilligung der Eltern direkt in der Kindertagesstätte - nach Beobachtung, Diagnose und Fallbesprechungen mit den Erzieher/innen. Auf diese Weise werden Kinder erreicht, die von ihren Eltern aus verschiedenen Gründen (z.B. mangelndes Problembewusstsein, Vollerwerbstätigkeit, Schwellenangst, fehlender Pkw) nie bei einem psychosozialen Dienst vorgestellt werden würden. Aber auch manche Eltern sind in den vertrauten Räumen der Kindertageseinrichtung eher für eine Beratung zugänglich. Außerdem können Erzieher/innen leicht in die Behandlung des jeweiligen Kindes einbezogen werden und unterstützend wirken. Daneben gibt es (eine kleinere Zahl mobiler) Dienste, die sich auf die Beratung von Erzieher/innen spezialisiert haben. Neben Diagnosehilfen und Fallbesprechungen wird den Erzieher/innen hier auch das Angebot gemacht, ihr Verhalten in der Kindergruppe beobachten zu lassen, sodass es anschließend reflektiert werden kann. Dadurch - und durch die Vermittlung von Kenntnissen und Kompetenzen - können die pädagogische Arbeit und der Umgang mit bestimmten Problemsituationen verbessert werden. Abschließend ist festzuhalten, dass bei vielen Methoden der Vernetzung - immer wenn es um Sozialdaten geht - die Bestimmungen des Datenschutzes beachtet werden müssen (siehe Reichert-Garschhammer, in Druck). Ansonsten finden sich in den Kapiteln 4 bis 8 des hier vorliegenden Abschlussberichts viele Beispiele, wie die genannten Vernetzungsmethoden in der Praxis angewendet werden. 3.6 Vernetzungsfördernde und -hemmende Faktoren Eine Vernetzung von Kindertageseinrichtungen und psychosozialen Diensten wird oft durch die Rahmenbedingungen auf beiden Seiten erschwert: Beispielsweise können Erzieher/innen nur einen geringen Teil ihrer Verfügungszeit für Vernetzungsaktivitäten nutzen. Auch die weitaus meisten psychosozialen Dienste sind durch hohe Klientenzahlen (Wartelisten) so überlastet, dass kaum Zeit für den Kontakt mit Kindertageseinrichtungen bleibt. Hinzu kommt, dass insbesondere Freiberufler (Ärzt/innen, Psychotherapeut/innen, Logopäd/innen, Ergotherapeut/innen usw.) Vernetzungsaktivitäten mit Krankenversicherungen und anderen "Geldgebern" nicht abrechnen können. Vernetzungshemmend können auf beiden Seiten aber auch mangelndes Interesse und fehlende Motivation wirken. Eine besondere Bedeutung kommen hier auch dem Datenschutz und der Schweigepflicht zu, die eine einzelfallbezogene Kooperation erschweren, wenn keine (schriftliche) Einwilligungserklärung der Eltern vorliegt. Bei Arbeitskreisen und -gemeinschaften stellt sich oft die Frage, welche bzw. wie viele Kindertageseinrichtungen und psychosoziale Dienste einbezogen werden sollen. Zum einen könnte die Gruppe zu groß (erschwertes Arbeiten, schwierige Entscheidungsfindung usw.) oder zu klein werden (keine Beteiligung potentiell wichtiger Kooperationspartner, geringe Breitenwirkung usw.), zum anderen können bei der zumeist sinnvollen räumlichen Begrenzung - z.B. auf einen Landkreis oder einen Stadtteil (bei Großstädten) - außerhalb des Gebiets sich befindende wichtige psychosoziale Dienste ausgegrenzt werden (so fehlen in manchen Landkreisen Anbieter wie beispielsweise Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut/innen, Psychiater/innen oder Logopäd/innen). Besprechungen können sich als wenig nutzbringend erweisen, wenn keine Klarheit hinsichtlich der Aufgaben und Ziele des Arbeitskreises besteht oder wenn Teilnehmer/innen in den sie entsendenden Institutionen nur wenig Macht und Einfluss haben. Ferner ist problematisch, wenn der Eindruck entsteht, dass der hohe Aufwand für Vernetzungsaktivitäten in keinem angemessenen Verhältnis zum "Ertrag" steht bzw. dass die aufgewendete Zeit und Energie bei zentraleren bzw. wichtigeren Aufgaben (z.B. Erziehung der Kinder, Elternarbeit, Betreuung und Beratung von Klient/innen) fehlen. Enttäuschungen können aber auch aus zu hohen Erwartungen resultieren (dass Erzieher/innen bei der Behandlung von Kindern als "Cotherapeut/innen" eingesetzt werden können, dass psychosoziale Dienste für sie viele Fortbildungs- oder Supervisionsangebote machen können usw.). Negativ kann sich ferner der Eindruck auswirken, dass sich Kindertageseinrichtungen durch Vernetzung aller schwierigen Kinder entledigen wollen oder dass in diesem Bereich notwendige Veränderungen (z.B. bessere heilpädagogische Qualifizierung von Erzieher/innen in Aus- und Fortbildung, intensivere Elternarbeit und -beratung) hinausgeschoben werden sollen. Hingegen wirkt vernetzungsfördernd, wenn Erzieher/innen und Mitarbeiter/innen psychosozialer Dienste einander offen und vertrauensvoll begegnen, einander als gleichberechtigt behandeln und nach einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit streben. Jede Seite sollte eine gefestigte berufliche Identität haben (Wissen um die eigenen Kompetenzen und Grenzen, Selbstvertrauen), die Fachlichkeit der anderen achten und deren Grenzen (z.B. wenig Zeit) akzeptieren. Ferner wirkt sich positiv aus, wenn für die Vernetzung eine tragfähige Struktur - z.B. durch regelmäßig tagende Arbeitskreise - geschaffen wird. Die Partner müssen "zusammenpassen" (ähnliche Orientierungen, Werte, Leitideen usw.), klare Ziele verfolgen, gemeinsam Kooperationsfelder und -formen festlegen, einander vertrauen und kompromissbereit sein. Arbeitskreise und Arbeitsgemeinschaften benötigen eine gute Leitung, die nicht Macht oder Druck ausübt, sondern mit diplomatischem Geschick unterschiedliche Interessen ausbalancieren und Konflikte einer für alle Seiten akzeptablen Lösung zuführen kann. "Solche Diskurs- bzw. Verhandlungssysteme dürften nur dann funktionieren, wenn Kooperation und Konflikt nicht als einander sich ausschließende Formen sozialer Beziehungen verstanden werden und die Akteure durch die Teilnahme an solchen Verhandlungen nicht in ihrer Autonomie bedroht werden" (Filsinger/Bergold 1993, S. 46). Für Kindertageseinrichtungen darf Vernetzung auch kein Ziel in sich sein, sondern muss immer an das überragende Ziel der Gewährleistung des Kindeswohls (und der Unterstützung der Familie) zurückgekoppelt werden. Viele Vernetzungsaktivitäten sind nur von Erfolg gekrönt, wenn von den Erzieher/innen eine gute Elternarbeit praktiziert wird. So muss das Vertrauensverhältnis zwischen Eltern und Kindertagesstätte so tragfähig sein, dass Eltern bei Auffälligkeiten ihrer Kinder motivierbar sind, die Hilfe psychosozialer Dienste einzufordern und zu nutzen. Auch werden sie nur über Familienprobleme und Erziehungsschwierigkeiten sprechen, wenn sie den Erzieher/innen vertrauen. 3.7 Vernetzung als Zeichen von Prozessqualität Abschließend ist festzuhalten, dass Vernetzung ein Bereich neben anderen bei der Bestimmung von Prozessqualität in Kindertageseinrichtungen und psychosozialen Diensten ist. Wie alle Qualitätsmerkmale sollte sie regelmäßig evaluiert werden, und zwar anhand quantitativer (z.B. Häufigkeit von Überweisungen, Anzahl der Vernetzungsaktivitäten) und qualitativer Maßstäbe (z.B. persönlicher Nutzen, Kompetenzzuwachs). Beim IFP-Projekt "Vernetzung von Kindertageseinrichtungen mit psychosozialen Diensten" hat sich gezeigt, dass eine hohe Qualität von Vernetzung gesichert werden kann, wenn die in Kapitel 10 dieses Berichts beschriebenen Grundsätze befolgt werden. 3.8 Literatur Altena, H.: Formen und Funktionen sozialräumlicher Vernetzung. In: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): Qualitätssicherung durch Zusammenarbeit. Materialien zur Qualitätssicherung in der Kinder- und Jugendhilfe, Heft 10. Bonn: Selbstverlag 1997, S. 36-41 Filsinger, D./Bergold, J.B.: Entwicklungsmuster und Entwicklungsdynamik psychosozialer Dienste: Probleme und Perspektiven der Vernetzung. In: Bergold, J.B./Filsinger, D. (Hrsg.): Vernetzung psychosozialer Dienste. Theoretische und empirische Studien über stadtteilbezogene Krisenintervention und ambulante Psychiatrie. Weinheim, München: Juventa 1993, S. 11-47 Gleich, J.M.: Das Problem der Erzieherfluktuation - eine empirische Untersuchung zur Lage der Erzieherin in katholischen Kindergärten und Kindertagesstätten. Köln: Katholische Fachhochschule Nordrhein-Westfalen 1993 Langnickel, H.: Patentrezept Vernetzung Zwischen Sparzwängen und Qualitätsansprüchen. In: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): Qualitätssicherung durch Zusammenarbeit. Materialien zur Qualitätssicherung in der Kinder- und Jugendhilfe, Heft 10. Bonn: Selbstverlag 1997, S. 7-20 Mayr, T.: Problemkinder im Kindergarten - ein neues Aufgabenfeld für die Frühförderung. Epidemiologische Grundlagen. Frühförderung interdisziplinär 1997, 16, S. 145-159 Mayr, T.: Pädagogisch-Psychologischer Dienst im Kindergarten. Abschlussbericht. München: Staatsinstitut für Frühpädagogik 1998 Reichert-Garschhammer, E.: Sozialdatenschutz im Praxisfeld Kindertageseinrichtung. Ein Steuerungsinstrument auf dem Weg zu mehr Qualität. Eine Handreichung für Träger, Kindertageseinrichtungen und Ausbildungsstätten. Kronach, München, Bonn, Potsdam: Carl Link/Deutscher Kommunal-Verlag, in Druck Textor, M.R. (Red.): Vernetzung von Kindertageseinrichtungen mit psychosozialen Diensten. Zwischenbericht. München: Staatsinstitut für Frühpädagogik 1999
4. Rückblick auf das zweite Projektjahr: Betreuung von Jugendämtern Martin R. Textor In zweiten Projektjahr wurden sieben Jugendämter betreut. Die Fachabteilung Krippen des Sozialreferats der Landeshauptstadt München, die sich ebenfalls in diesem Jahr intensiver am Modellversuch beteiligen sollte, wünschte aufgrund folgender Entwicklungen keine Beratung mehr: Jeder Kinderkrippe wurde ein Kinderarzt sowie eine Fachkraft einer Erziehungsberatungsstelle zugeordnet, sodass die medizinische und die psychologische Beratung sichergestellt seien. Ferner würde gerade das Schulreferat ein Konzept für die bessere Vernetzung von Kindertageseinrichtungen mit Frühförderstellen und für einen mobilen Fachdienst entwickeln. Die Umsetzung dieses Konzepts soll über drei Jahre hinweg wissenschaftlich begleitet werden. Eine zusätzliche Betreuung durch das IFP sei unter diesen Bedingungen nicht sinnvoll. So beteiligte sich die Fachabteilung Krippen nur noch an den Großveranstaltungen im Rahmen des Modellversuchs. Die Betreuung der Jugendämter im zweiten Projektjahr orientierte sich weitgehend an den im ersten Projektjahr gesammelten (positiven) Erfahrungen (Textor 1999). Beim ersten der vorgesehenen maximal vier Besprechungstermine wurden in der Regel folgende Themen behandelt:
Durch diese Vorgehensweise konnte sichergestellt werden, dass die mit den jeweiligen Jugendamtsmitarbeiter/innen festgelegten Vernetzungsaktivitäten der besonderen Situation vor Ort entsprachen. Ein Zuschnitt der geplanten Maßnahmen auf den Bedarf im Jugendamtsbezirk wurde oft noch dadurch erleichtert, dass bereits am ersten Termin Leiter/innen von Kindertageseinrichtungen teilnahmen (z.B. Kreisjugendamt Würzburg). Etwas anders lief der erste Termin in Rosenheim ab. Hier hatte das Amt für Kinder, Jugendliche und Familien vorab einen Arbeitskreis von Erzieher/innen zu Vernetzungsfragen gegründet, der sich bereits dreimal zur Bestandsaufnahme, zur Ermittlung des Bedarfs und zur Abklärung von Erwartungen getroffen hatte. Am ersten Termin nahmen neben den Mitgliedern dieses Arbeitskreises auch Vertreter/innen psychosozialer Dienste und Eltern teil. Nach der Vorstellungsrunde wurde zunächst über den Stand der Vernetzung in der Stadt Rosenheim referiert. Auch wurde das Konzept des IFP-Projekts vorgestellt. Anschließend wurden die im Arbeitskreis gesammelten Gesprächsergebnisse vorgetragen. In der Diskussion wurden verschiedene Wünsche hinsichtlich von Vernetzungsaktivitäten geäußert. Das Treffen endete mit der Gründung eines interdisziplinären Arbeitskreises "Vernetzung". Im zweiten Projektjahr wurden ganz unterschiedliche Vernetzungsaktivitäten durchgeführt. Beispielsweise wurden erstmals Informationsbörsen geplant und realisiert. So organisierte das Kreisjugendamt Augsburg an einem Nachmittag (14.00-18.00 Uhr) Parallelvorträge in drei Räumen des Landratsamtes, sodass sich Erzieher/innen und Vertreter/innen der Gemeinden des Landkreises über insgesamt 12 psychosoziale Dienste informieren konnten. Jeder Dienst hatte eine knappe Stunde Zeit, um seine Arbeit durch einen Vortrag mit anschließender Diskussion zu präsentieren. Auch konnten Stellwände genutzt und schriftliche Materialien verteilt bzw. ausgelegt werden. Zwischen 15 und 40 Teilnehmer/innen hörten sich die einzelnen Referate an. Insgesamt wurden rund 70 Erzieher/innen erreicht, die großes Interesse an den Präsentationen zeigten und auf Nachfrage die Informationsbörse sehr positiv bewerteten. Eine ähnlich gestaltete "Kontaktbörse" wurde vom Stadtjugendamt Hof durchgeführt (siehe Kapitel 8.1). Ein Kennenlernen psychosozialer Dienste kann auch in deren Räumlichkeiten erfolgen. So boten z.B. die Frühförderstelle und die Erziehungsberatungsstelle in der Stadt Rosenheim Besuchstage für Erzieher/innen an. Die Resonanz war so groß, dass die Veranstaltungen wiederholt werden mussten. Sie sollen nun alle zwei bis drei Jahre stattfinden. Die Mitglieder des Arbeitskreises "Vernetzung" des Kreisjugendamtes Würzburg (vier Leiterinnen, zwei Jugendamtsmitarbeiterinnen), dessen Hauptaufgabe in der Erstellung eines Beratungsführers lag (s.u.), besuchten sieben psychosoziale Dienste, um persönliche Eindrücke zu sammeln. Bei der Leiterinnenkonferenz des Kreisjugendamtes Würzburg konnten sich der Allgemeine Sozialdienst, der (mobile) Heilpädagogische Fachdienst der Frühförderstelle und eine Mobile Sonderpädagogische Hilfe von einer Förderschule vorstellen. Ferner hielt Martin R. Textor ein Kurzreferat zum Thema "Vernetzung". Zur Information von Erzieher/innen über psychosoziale Dienste wurden ferner Beratungsführer erstellt (Stadtjugendamt Hof, Amt für Kinder, Jugendliche und Familien Rosenheim, Kreisjugendamt Würzburg). Bei den diesbezüglichen Besprechungen ging es darum, welche psychosozialen Dienste, Ärzt/innen, Selbsthilfegruppen usw. berücksichtigt werden und wie bzw. nach welchem Raster die notwendigen Daten erhoben werden sollen. Im Rosenheimer Arbeitskreis (s.u.) wurde auch eine Pressemitteilung erstellt, in der Fachtherapeut/innen und Selbsthilfegruppen gebeten wurden, sich zwecks Eintragung in den Beratungsführer zu melden. In allen Arbeitsgruppen wurden dann die eingegangenen Informationen gesichtet, auf Vollständigkeit überprüft und eventuell überarbeitet. Schließlich mussten Vorwort, Layout, Einband, Auflage, Druck und Kostenfragen geklärt werden. Es waren circa fünf Treffen notwendig, bis der Beratungsführer von einem Arbeitskreis verabschiedet werden konnte. Das Kreisjugendamt Augsburg integrierte den Kindertagesstättenbereich in die seit langem bestehende Psychosoziale Arbeitsgemeinschaft (PSAG). So nahm im Projektjahr erstmals die zuständige Fachberaterin zusammen mit mehreren Leiterinnen an einer Sitzung der PSAG teil. Hier wurde ein Unterarbeitskreis "Vernetzung und Kooperation am Beispiel Kindertagesstätten" mit 14 Teilnehmer/innen gegründet. An einer Sitzung wirkte auch Martin R. Textor mit. Er stellte den Modellversuch "Vernetzung von Kindertageseinrichtungen mit psychosozialen Diensten" vor und sprach über die bisher gesammelten Erfahrungen. Ferner wurde bei dem Treffen über Erfahrungen von Erzieher/innen mit Vernetzung, über Diagnostik in Kindergärten, Helferkonferenzen, das Verhalten der Eltern von auffälligen Kindern u.Ä. gesprochen. Auch wurden mögliche Vernetzungsaktivitäten diskutiert (z.B. anonymisierte Fallbesprechungen, Fortbildungsveranstaltungen für Erzieher/innen, Teilnahme von Mitarbeiter/innen psychosozialer Dienste an informellen Veranstaltungen in Kindergärten, "Tag der offenen Tür" bei psychosozialen Diensten, aktualisierter Beratungsführer). Der bereits erwähnte Arbeitskreis "Vernetzung" des Amtes für Kinder, Jugendliche und Familien in Rosenheim umfasste einige Kindergartenleiterinnen aus dem zuvor aufgelösten Erzieherinnenarbeitskreis sowie Mitarbeiter/innen psychosozialer Dienste. Er traf sich mehrfach, um über mögliche Vernetzungsaktivitäten zu sprechen. Manche Wünsche wurden recht kontrovers diskutiert - z.B. Sprechstunden der Frühförderstelle für Eltern in Kindertagesstätten (die Frühförderer würden das Kind nicht kennen; eine Diagnostik sei nicht möglich; die Eltern müssten von selbst kommen) oder das Vorstellen von psychosozialen Diensten bei Elternveranstaltungen im Kindergarten (zu aufwendig; besser wenn Erzieher/innen so gut informiert werden, dass sie Eltern über die Dienste unterrichten können). Ferner wurden Themen wie Datenschutzfragen, Jugendhilfeplanung, die Schlüsselrolle von Ärzt/innen, die fehlende Abrechenbarkeit von Fallbesprechungen freiberuflich tätiger Fachleute mit Erzieher/innen, die ablehnenden Reaktionen einiger Eltern, der zu geringe Bekanntheitsgrad mancher Hilfsangebote u.Ä. besprochen. Der Arbeitskreis bildete später zwei Arbeitsgruppen; in der einen wurde ein Beratungsführer für Kindertageseinrichtungen in der Stadt Rosenheim (s.o.), in der anderen ein Konzept für einen mobilen Dienst erstellt (s.u.). Ferner wurden die von Martin R. Textor erstellten Grundsätze für die Kooperation von Kindertageseinrichtungen und psychosozialen Diensten diskutiert (siehe Kapitel 10). Diese wurden in einer leicht veränderten Fassung im Arbeitskreis verabschiedet und auf einer Leiterinnenkonferenz verteilt. Im Landkreis Neumarkt i. d. OPf. wurde ein zeitlich befristeter Arbeitskreis gegründet, an dem das Referat Kindergarten, das Kreisjugendamt, das Gesundheitsamt, die Frühförderstelle, Kindergartenleiter/innen und Erzieher/innen teilnahmen. Letztere berichteten von ihren Problemen in der Zusammenarbeit mit (Kinder-)Ärztinnen (z.B. unterschiedliche "Qualität" der Vorsorge- und Eingangsuntersuchungen von Kleinkindern; keine Diagnose der im Kindergarten beobachteten Auffälligkeiten; kaum Gesprächsbereitschaft von Ärzt/innen bei Telefonanrufen von Erzieher/innen; Ablehnung von "etablierten" Behandlungen wie Ergotherapie). Deutlich wurde aber auch, dass die Erzieher/innen manche Probleme in der Kooperation selbst verursachen (z.B. "Überweisung" eines Kindes mit einer "Diagnose" und einem "Therapievorschlag"; schlechte Vorab-Information der Eltern, wenn sie diese mit ihrem Kind zum Arzt senden; kein Einholen einer schriftlichen Einwilligung). Schließlich wurde eine Veranstaltung für alle Kinderärzte im Landkreis und alle "Hausärzte" in den kleineren kreisangehörigen Gemeinden geplant. Zu dieser Informationsveranstaltung kamen rund 35 Personen, darunter sieben Ärzte. Zunächst sollten die Teilnehmer/innen einen besseren Eindruck von der beruflichen Qualifikation von Erzieher/innen erhalten: In drei Kurzreferaten ging es um deren Ausbildung und pädagogische Arbeit (insbesondere die Einzelintegration behinderter Kinder), aber auch um die Kooperation mit Ärzt/innen. Ferner wurde die Bedeutung von Kindertageseinrichtungen auf dem Gebiet der Prävention und Früherkennung betont. Dann stellten sich fünf psychosoziale Dienste vor - sie wollten vor allem den Ärzt/innen einen Eindruck von ihrer Arbeit vermitteln und ihnen verdeutlichen, dass - und wann - es sinnvoll ist, Kinder bzw. Familien an sie zu überweisen. In der allgemeinen Diskussion zum Schluss der Veranstaltung ging es um das begrenzte Heilmittelbudget der Ärzt/innen, die Unterversorgung mit psychosozialen Dienstleistungen im Landkreis und die Einzelintegration. Ferner musste nachträglich das IFP-Projekt vorgestellt werden. Immer wieder wurde im zweiten Projektjahr der Bedarf an Mobilen Diensten für Kindertageseinrichtungen diskutiert (z.B. Stadtjugendamt Hof, Amt für Jugend und Familie Miesbach, Amt für Kinder, Jugendliche und Familien Rosenheim). So wurde im Landkreis Miesbach bereits 1995 ein Arbeitskreis "Mobile Beratung" gegründet. Seiner Arbeit war es zu verdanken, dass zum 01.12.1998 eine Psychologin halbtags als ABM-Kraft eingestellt werden konnte. Bei einer Besprechung mit den Arbeitskreismitgliedern und Vertreter/innen psychosozialer Dienste ging es darum, welche Aufgaben die Fachkraft übernehmen soll (vor allem die Beratung von Erzieher/innen und Eltern sowie diagnostische Tätigkeiten), wer ihr gegenüber weisungsberechtigt ist, wie ihre Stelle in das Netz bestehender psychosozialer Dienste eingebettet werden soll und wie eine Finanzierung auf Dauer sichergestellt werden kann. Auch wurden Fragen im Zusammenhang mit der Anerkennung eines Fördervereins "Mobile Beratung Miesbach" diskutiert. Dieser Verein wurde im Dezember 1998 gegründet; den Vorsitz übernahm der Stellvertretende Landrat, der selbst Träger von zwei Kindergärten ist. Bei einem zweiten Treffen, an dem weitere Vertreter/innen psychosozialer Dienste teilnahmen (insgesamt 28 Personen), wurde über den Wunsch des Jugendhilfeausschusses nach einem "Vernetzungspapier" diskutiert. In diesem Kontext erläuterte Martin R. Textor die Ziele des IFP-Projekts und erste Erfahrungen. Dann berichteten die anwesenden Vertreter/innen psychosozialer Dienste, wie sie mit Kindertageseinrichtungen kooperieren. In diesem Kontext wurden mit den Erzieher/innen die wechselseitigen Erwartungen abgeklärt. Ferner wurde behandelt, wie die Mobile Beratung mit den anderen Diensten zusammenarbeiten kann und was ihre originären Aufgaben sind. Schließlich wurden die von Martin R. Textor entworfenen Grundsätze für die Kooperation von Kindertageseinrichtungen und psychosozialen Diensten besprochen (vgl. Kapitel 10). Bei einem dritten Treffen wurden diese Prinzipien sehr kontrovers diskutiert, wobei es vor allem um die Rolle der Ärzt/innen und die Bedeutung der Diagnoseerstellung durch dieselben ging. Der Arbeitskreis entwickelte dann bei einer weiteren Sitzung eigene (ähnliche) Grundsätze. Die Arbeitsgruppe "Mobiler Dienst" des bereits erwähnten Arbeitskreises "Vernetzung" in Rosenheim befasste sich mit den möglichen Aufgaben eines solchen Dienstes. Da eine Befragung von Erzieher/innen im Rahmen der Jugendhilfeplanung ergeben hatte, dass 32% aller Kinder in Tageseinrichtungen "auffällig" wären und insgesamt 134 dieser Kinder noch nicht psychosozial versorgt werden würden, wurde ein Arbeitsschwerpunkt in der Behandlung solcher Kinder gesehen. Ein weiteres Tätigkeitsfeld soll die Beratung von Erzieher/innen sein. So hatten bei der Umfrage im Rahmen der Jugendhilfeplanung nahezu alle Kindergartenleiter/innen einen Bedarf an (Einzelfall-)Beratung gemeldet. Das Amt für Kinder, Jugendliche und Familien der Stadt Rosenheim plant, in der zweiten Jahreshälfte 2000 einen Psychologen/eine Psychologin auf ABM-Basis einzustellen, der/die halbtags als Mobiler Dienst für Kindertageseinrichtungen tätig sein soll. Als weitere Vernetzungsaktivitäten sind noch Fortbildungsveranstaltungen zu erwähnen. So führte das Kreisjugendamt Kronach eine Tagung mit rund 60 Erzieher/innen durch. Zunächst referierte eine Sonderschullehrerin über Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen (ADS-Syndrom). Dann wurde das "Würzburger Trainingsprogramm zur Förderung phonologischer Bewusstheit bei Kindergartenkindern" vorgestellt. Zum Schluss referierte Martin R. Textor über die Vernetzung von Kindertageseinrichtungen mit psychosozialen Diensten. Gelegentlich wurde auch ein Referat zu projektnahen Themen seitens des IFP-Mitarbeiters gewünscht. So sollte vor dem Kinder- und Jugendhilfeausschuss des Landkreises Augsburg ein Vortrag zum Thema "Verhaltensauffälligkeiten im Kleinkindalter" gehalten werden. Da der Projektmitarbeiter krankheitsbedingt ausfiel, übernahm sein Kollege Toni Mayr das Referat. Schließlich sind noch Umfragen bei Erzieher/innen als weitere Vernetzungsaktivitäten zu erwähnen (Kreisjugendamt Augsburg; Stadtjugendamt Hof, siehe Kapitel 8.1; Amt für Kinder, Jugendliche und Familien Rosenheim). 4.1 Arbeitskreis "Vernetzung" der Jugendämter Das zweite Treffen des Arbeitskreises "Vernetzung" fand am 18.03.1999 im Staatsinstitut für Frühpädagogik statt. Es nahmen sieben Mitarbeiterinnen von sechs Jugendämtern teil. Martin R. Textor begrüßte und gab einen Überblick über die derzeit laufenden Vernetzungsaktivitäten der von ihm individuell betreuten Jugendämter. Dann berichteten die Vertreterinnen der Jugendämter von Vernetzungsaktivitäten, die in den vergangenen 12 Monaten in ihren Jugendamtsbezirken durchgeführt wurden (z.B. Fortbildungsveranstaltungen für Erzieher/innen seitens psychosozialer Dienste, Veröffentlichung einer Sozialfibel, Vorstellung psychosozialer Dienste auf Leiterinnenkonferenz, Umfragen, Gründung mobiler Dienste, Sprachförderung für türkische Kinder in Kindergärten, Projekt "spielzeugfreier Kindergarten"). Anschließend wurden Ziele für das laufende Projektjahr aufgestellt und neue Vernetzungsaktivitäten geplant. Am Nachmittag wurden den Teilnehmer/innen zwei Fortbildungsangebote seitens des Staatsinstituts für Frühpädagogik gemacht. Zuerst referierte Wilfried Griebel über "Altersmischung - neue Formen, erste Forschungsergebnisse" und anschließend Bernhard Nagel über "Qualität der Kinderbetreuung: Ansätze, Kriterien, Bewertung". 4.2 Jahrestagung zum IFP-Projekt Die Jahrestagung fand am 27.10.1999 im Staatsinstitut für Frühpädagogik statt. Am Vormittag trafen sich die Mitarbeiter/innen von Jugendämtern und die Leiter/innen von Kindertageseinrichtungen in separaten Räumen. Dort wurden sie von Martin R. Textor bzw. Dagmar Winterhalter-Salvatore begrüßt. Es folgten dann Berichte der im zweiten Projektjahr betreuten Ämter bzw. Kindertagesstätten über die durchgeführten Vernetzungsaktivitäten (mit Diskussionsmöglichkeit). Am Nachmittag konnte zwischen drei Arbeitsgruppen gewählt werden:
An der Veranstaltung nahmen 21 Mitarbeiter/innen von Jugendämtern und 18 Erzieher/innen teil. 4.3 Im zweiten Projektjahr gesammelte Erfahrungen Bei den Besprechungen und Veranstaltungen vor Ort in den Jugendamtsbezirken wurde immer wieder die Erfahrung gemacht, dass Erzieher/innen schlecht über psychosoziale Dienste informiert sind - sieht man einmal von Erziehungsberatungs- und Frühförderstellen ab, mit denen in der Regel ein intensiverer und langfristiger Kontakt besteht. Es wurde betont, dass den Erzieher/innen entsprechende Kenntnisse vermittelt werden müssten und dass sie auch Ansprechpartner/innen bei relevanten psychosozialen Diensten persönlich kennen lernen sollten. Zur Erfüllung dieser Wünsche haben sich im IFP-Projekt Beratungsführer und Informationsveranstaltungen (z.B. Kontaktbörse, Vorstellung psychosozialer Dienste auf Leiterinnenkonferenzen u.Ä.) bewährt. Gibt es in einem Jugendamtsbezirk eine Psychosoziale Arbeitsgemeinschaft (PSAG) oder einen Arbeitskreis mit vergleichbarer Zielsetzung, so sind in der Regel Kindertagesstätten nicht einbezogen. Dies ist sehr bedauerlich, bedenkt man die große Bedeutung von Kindertageseinrichtungen hinsichtlich Früherkennung, Prävention und Weitervermittlung auffälliger Kinder und hilfebedürftiger Familien (siehe Kapitel 3). So sollte zumindest eine Repräsentantin aus diesem Bereich an den Sitzungen teilnehmen. Ähnliches gilt für die Jugendhilfeausschüsse. Selbst wenn Vertreter/innen aus dem Kindergartenbereich nicht qua Gesetz Mitglied des Jugendhilfeausschusses sein können (eine unverständliche Situation, wenn man bedenkt, dass zwei Drittel aller Jugendhilfeeinrichtungen Kindertagesstätten sind), so könnten sie doch zumindest als Gäste zu den Sitzungen eingeladen werden - wie dies z.B. im Landkreis Miesbach geschieht. Im zweiten Projektjahr wurde immer wieder der Wunsch nach mobilen Dienstleistungen bzw. nach einem mobilen Dienst für Kindertageseinrichtungen deutlich. Erzieher/innen halten es für sehr sinnvoll, wenn auffällige Kinder in der Kindertagesstätte zwecks Diagnoseerstellung beobachtet und möglichst auch dort behandelt werden. Dann sind gemeinsame Fallbesprechungen möglich. Viele Erzieher/innen wünschen außerdem für sich selbst eine Beratung und Unterstützung durch Mitarbeiter/innen psychosozialer bzw. mobiler Dienste. "Mobil" arbeiten auch die Mitarbeiter/innen des Allgemeinen Sozialdienstes (ASD). Im zweiten Projektjahr fiel erneut auf, dass sie wenig Kontakt zu Kindertageseinrichtungen haben. So ist anzustreben, dass sie - wie z.B. im Landkreis Miesbach oder in der Stadt Rosenheim - von sich aus Kontakt zu den Kindertagesstätten in ihren Bezirken aufnehmen. Oder jeder Mitarbeiter kann die Leiter/innen aus seinem Bezirk einmal im Jahr zu einer Besprechung einladen - wie im Landkreis Neumarkt i. d. OPf. Häufig äußerten Erzieher/innen den Wunsch nach Fortbildungen über Entwicklungsverzögerungen, Verhaltensauffälligkeiten, Behinderungen, Sprach-, Bewegungs- und Wahrnehmungsstörungen etc. Vor allem wollten sie wissen, wie sie Kinder mit solchen Problemen besser fördern können. Dieser Fortbildungsbedarf kann durchaus auch vor Ort durch psychosoziale Dienste abgedeckt werden. Neben Ganztags- und Halbtagsveranstaltungen können Informationsabende angeboten werden, die in den Räumen des jeweiligen Dienstes stattfinden können (z.B. wie in der Stadt Rosenheim). Hier sind die Anfahrtswege und Ausfallzeiten kurz, entstehen den Teilnehmer/innen in der Regel keine Teilnahmegebühren und kaum Fahrtkosten. Deutlich wurde im zweiten Projektjahr schließlich der Bedarf an Sprachförderung für ausländische Kinder. Diese können oft kein Deutsch, sodass sie in den Kindergartengruppen isoliert oder die ganze Zeit mit Kindern aus dem gleichen Sprachraum zusammen sind. Vielen Erzieher/innen fehlt die Zeit, um ausländischen Kindern die deutsche Sprache zu vermitteln. Auch sind sie für diese Aufgaben nicht ausgebildet, gibt es keinen "Sprachkurs" für ausländische Kleinkinder, mangelt es an hilfreichen Materialien. So werden die Kinder schließlich mit sehr schlechten Sprachfähigkeiten eingeschult, ist ihr Scheitern in der Schule schon vorprogrammiert. Hier konnte im Rahmen des IFP-Projekts keine Abhilfe geschaffen werden, da es keine Institutionen für die Sprachförderung ausländischer (Klein-)Kinder gibt, mit denen Kindertageseinrichtungen hätten vernetzt werden können. 4.4 Literatur Textor, M.R.: Rückblick auf das erste Projektjahr. In: Textor, M.R. (Red.): Vernetzung von Kindertageseinrichtungen mit psychosozialen Diensten. Zwischenbericht. Berichte 7/99. München: Staatsinstitut für Frühpädagogik 1999, S. 18-34
5. Rückblick auf das zweite Projektjahr: Betreuung von Kindertageseinrichtungen Dagmar Winterhalter-Salvatore Mit Beginn des Kindergartenjahres 1998/99 übernahm ich die Betreuung der am Modellversuch "Vernetzung von Kindertageseinrichtungen mit psychosozialen Diensten" teilnehmenden Kindertagesstätten. Im Folgenden beschreibe ich die Vernetzungsaktivitäten von vier Einrichtungen. Der AWO-Kindergarten und der Schulkindergarten Heiligkreuz, beide in Würzburg, stellen ihre Erfahrungen mit dem IFP-Projekt selbst vor (siehe Kapitel 8.3). 5.1 Rotmain Schlümpfe e.V., Altenplos Die Rotmain Schlümpfe wurden als erstes Netz für Kinder im Jahre 1996 im Landkreis Bayreuth ins Leben gerufen. Die Eltern reagierten mit dieser Initiative auf den Mangel an Kindergartenplätzen. Ein weiterer Grund, ein Netz für Kinder zu gründen, war auch die weit über das Angebot anderer Kindergärten hinausgehende Betreuungsform für Kinder vom zweiten bis zwölften Lebensjahr. Das Netz für Kinder befindet sich im alten Schulgebäude in Altenplos. Mit viel Elternengagement wurden die Räumlichkeiten ausgestattet, wurde Spielmaterial besorgt und ein Essensdienst eingerichtet. Fünfzehn Kinder besuchen täglich von 7.30 bis 15.00 Uhr die Einrichtung. Sie werden von einer Erzieherin betreut und gefördert; die Eltern leisten im Wechsel ihren Beitrag zur Betreuung und zum reibungslosen Alltagsablauf in der Gruppe. Knapp zwei Jahre nach der Gründung wurde die Finanzierung eingestellt - den Rotmain Schlümpfen drohte das Aus. Die Eltern und die Erzieherin waren sich einig, dass sie Wege finden müssten, den Kindern ihre Einrichtung zu erhalten. Die Erzieherin reduzierte ihre Stundenzahl, Eltern verzichteten auf ihr Honorar für die geleistete Arbeit im Netz für Kinder, und es gab etliche Spendenaufrufe. Zu guter Letzt wurden die Beiträge aller Eltern mit deren Einverständnis erhöht. In dieser Zeit war der Vorstand sehr stark belastet: Seine Aufgabe war es, die ganze Finanzierung, Verwaltung und Planung zu organisieren. Anstatt die Anstrengungen und positiven Vorschläge der Einrichtung zu sehen, verhärteten sich die Fronten in der Gemeinde. Leider wurden in diese Auseinandersetzungen auch die benachbarten Institutionen einbezogen. Die zwei anderen Kindergärten erlebten plötzlich das Netz für Kinder als Konkurrenz und damit als Bedrohung der eigenen Arbeitsplätze. Auch die Schule zog sich zurück. In erster Linie wollten die Eltern und die Erzieherin eine offene Diskussion mit der Kommune. So folgte eine Reihe von Aktivitäten:
All diese Aktivitäten sollten die Öffentlichkeit über die Arbeit des Netzes für Kinder in Altenplos informieren. Dem Vorstand und der Erzieherin ging es in erster Linie darum, dass die Einrichtung nicht als Konkurrenz für den Kindergarten gesehen wird, sondern als Bereicherung in der Einrichtungs- und Betreuungslandschaft. Aktivitäten in der Vernetzungsarbeit Den Rotmain Schlümpfen ging es vor allem darum, durch die Öffnung nach außen Ressentiments abzubauen, ihre Arbeit und ihre Zielsetzungen für alle transparent zu machen und eine Nische in der Gemeinde zu finden, in der die Kinder und Eltern ihr Netz weiter leben dürfen. Die Beratungen vor Ort im Rahmen des IFP-Projekts konzentrierten sich auf zwei Schwerpunkte: Die Suche (1) nach Vernetzungspartnern und (2) nach Formen der Öffentlichkeitsarbeit, um die positiven Aspekte eines Netzes für Kinder herauszustellen. Als Vernetzungspartner in Betracht kam die Grundschule, an der eine Mittagsbetreuung ("verlässliche Halbtagesschule") aufgebaut werden sollte. Der Vorschlag der Rotmain Schlümpfe war, die Organisation der Mittagsbetreuung zu übernehmen - also die Schulkinder in dieser Zeit mit der Möglichkeit der Hausaufgabenbetreuung und eines Mittagessens aufzunehmen. In Notfällen sollte eine längere Betreuung angeboten werden. Des Weiteren wurden Kontakte zum Heilpädagogischen Zentrum in Bayreuth aufgenommen - mit dem Anliegen, behinderte Kinder aus der Gemeinde mit Unterstützung durch Fachdienste des Zentrums in das Netz für Kinder aufnehmen zu können. Der zweite Schwerpunkt war eine intensivierte Öffentlichkeitsarbeit, um die positiven Aspekte eines Netzes für Kinder darzulegen, offene Kommunikationsstrukturen in der Gemeinde zu schaffen und als gleichberechtigter Partner zusammen mit den anderen Kindergärten ein breit gefächertes Betreuungsangebot zu gewährleisten. Der Vorstand und die Erzieherin versuchten,
Ziel für die Zukunft ist es, Eltern alternative Betreuungsmöglichkeiten für Kinder im Krippen-, Kindergarten- und Hortalter zu bieten, wo sie ihre Kompetenzen einbringen und die Kontinuität einer bis zu zehn Jahren dauernden Betreuung in Anspruch nehmen können. 5.2 Kindergarten der Evangelischen Diakonissenanstalt, Augsburg Der Kindergarten befindet sich im Gebäudekomplex der Diakonissenanstalt, der noch ein Krankenhaus, ein Altersheim und diverse Fachschulen, die Fachakademie für Sozialpädagogik und ein Tagungszentrum beherbergt. Im Einzugsgebiet gibt es einerseits Ein- und Mehrfamilienhäuser mit Gärten und ausreichender Spielfläche in einer verkehrsberuhigten Zone, andererseits große Wohnblöcke (Sozialer Wohnungsbau) an den Hauptverkehrsstraßen. Die Kinder kommen somit aus sehr unterschiedlichen sozialen Milieus. Entwicklung der Vernetzungsarbeit Beim ersten Beratungstermin, an dem das gesamte Team teilnahm, wurde zunächst das pädagogische Konzept der Einrichtung vorgestellt. Ausgehend von den Leitgedanken, dass jedes Kind von Geburt an stark, aktiv und fähig ist sowie mit seiner ganz eigenen Biographie, mit seinen ureigensten Erfahrungen und seiner einzigartigen Entwicklung in den Kindergarten kommt, wird die Pädagogik definiert. Die individuellen Situationen und Bedürfnisse prägen die situations- und lebensweltorientierte Arbeitsweise. Die Erzieherinnen orientieren sich ferner an Leitsätzen von Maria Montessori und Loris Malaguzzi. Außerdem ist für sie die partnerschaftliche Kooperation mit den Eltern ein sehr wichtiges Anliegen. So stehen die Erzieherinnen bei Fragen oder Problemen jederzeit zur Verfügung. Sie gestalten ihre alltägliche Arbeit transparent für alle Eltern. Seit mehreren Jahren bewährt sich die gute Zusammenarbeit mit einer Heilpädagogin, die der Mobilen Hilfe der Sprachbehindertenschule angegliedert ist. Sie besucht zweimal pro Woche den Kindergarten, um mit Kindern Spieltherapie, Motorik- und Sprachförderung durchzuführen. Bei der Analyse der Probleme von Kindern und deren Familien wurde schnell klar, dass noch weitere Kooperationspartner in die Zusammenarbeit eingebunden werden müssten:
Beim zweiten Beratungsgespräch konnte das Team über vielfältige neue Kontakte zu psychosozialen Diensten berichten. Folgende Vernetzungsaktivitäten wurden aufgenommen:
Das Team hatte bei allen Fachdiensten "offene Türen" mit ihren Kooperationswünschen eingerannt. In der kommenden Zeit sollte nun Kontinuität erreicht werden: So waren nach Rücksprachen alle psychosozialen Fachdienste bereit, sich in einem festgelegten Rhythmus mit dem Kindergarten zu treffen. Dieses Vorhaben wurde von der Elternschaft sehr begrüßt. Kooperation mit der Erziehungsberatungsstelle Bei Problemen und Fragen können sich Erzieherinnen des Kindergartens der Evangelischen Diakonissenanstalt an eine Ansprechpartnerin in der Erziehungsberatungsstelle wenden. Auf Wunsch begleiten sie ein Kind mit seinen Eltern zur Beratungsstelle. Sie haben einerseits die Aufgabe, das Kind während der Therapiestunde zu beobachten und andererseits Fragen zum Verhalten des Kindes in der Kindergruppe zu beantworten. So werden sie aktiv in den Therapieplan einbezogen. Von beiden Seiten wird diese Zusammenarbeit als wichtig bezüglich der Wahrnehmung des Kindes in seiner Ganzheit beurteilt. Weitere Kontakte zwischen Kindergarten und Erziehungsberatungsstelle sollen die Kooperation festigen. Zu diesem Zweck wurde ein Katalog erstellt, nach dem folgende Inhalte abgeklärt werden sollen:
Um eine feste Vernetzungsstruktur aufzubauen, war es notwendig, sich über die Planung der zukünftigen Zusammenarbeit zu verständigen:
Für das Team des Kindergartens war es wichtig zu erfahren, ob Möglichkeiten für eine Teamberatung zu spezifischen Fragestellungen bestehen und inwieweit der Kindergarten einen Beitrag zur Unterstützung der Therapien einzelner Kinder leisten kann. Mit Hilfe der neu erworbenen Kompetenzen könnten dann auch Kinder gefördert werden, die kleinere Schwächen in ihrer Entwicklung aufweisen, aber keinen Fachdienst besuchen. In ähnlicher Weise wurden die Kontakte zu anderen Vernetzungspartnern wie z.B. der Frühförderstelle, dem Gesundheitsamt und der Mobilen Hilfe der Sprachförderschule ausgebaut. Ausgehend vom Engagement des Kindergartenteams konnte innerhalb kurzer Zeit ein stabiles Netz von Kooperationspartnern entwickelt werden, welches dank klarer Absprachen und detaillierter Planungen Kontinuität verspricht. 5.3 Gemeindekindergarten Holzkirchen Im Gemeindekindergarten Holzkirchen werden circa 100 Kinder in vier Gruppen betreut. Die Arbeitsweise des Kindergartens orientiert sich am Situationsansatz. Die Kinder haben die Möglichkeit, in der Freispielzeit die offenen Angebotszonen zu nutzen. Durch die ideale Konstruktion des Kindergartens - ein wunderschön umgebautes Bauernhaus - lädt er mit seinen vielen Ecken und Nischen und seinem naturbelassenen Garten (alter Baumbestand) zum Spielen, Experimentieren und zum Wohlfühlen ein. Im gleichen Gebäude ist ein zweigruppiger Hort untergebracht. Das Umfeld des Kindergartens ist durch Ein- und Mehrfamilienhäuser geprägt. Verlauf der Vernetzungsarbeit Im Landkreis Miesbach gibt es seit mehreren Jahren vielerlei Aktivitäten bezüglich der Vernetzung von Kindergärten mit psychosozialen Diensten. Einige Arbeitskreise, an denen alle Leiterinnen von Kindertageseinrichtungen teilnehmen, beschäftigen sich mit zwei Schwerpunktthemen: Das eine ist die Öffentlichkeitsarbeit und damit die Transparenz der Arbeit in den Einrichtungen, das andere betrifft die Gründung eines Mobiler Dienstes, der 40 Einrichtungen im Landkreis betreuten soll (vgl. Kapitel 4). Beim ersten Beratungsgespräch ging es darum, anhand einer Bedarfsanalyse die möglichen Vernetzungspartner zu eruieren:
Das Kernstück der Vernetzungsarbeit in Holzkirchen sollte der Gesprächsaustausch mit Eltern und Fachleuten über folgende Schwerpunktthemen sein:
Dieser "Leitfaden" würde das Fundament für eine ganzheitliche Sichtweise der Entwicklung des Kinder aus pädagogischer, therapeutischer und medizinischer Sicht darstellen. Am runden Tisch kämen Pädagogen, Therapeuten und Lehrer ins Gespräch. Beim zweiten Treffen wurden verschiedene Entwicklungstests, die Checkliste der U9-Untersuchung und unterschiedliche Beobachtungsbögen analysiert und auf ihre Anwendbarkeit hin untersucht. Für die Erzieherinnen war es wichtig zu erfahren, dass ihre Fachlichkeit hinsichtlich der Einschätzung des Entwicklungsstandes, der Sozialkompetenz, der Konfliktbewältigung sowie der Sprach- und Kommunikationsfähigkeit fundamental bei der Entscheidung über die Einschulung eines Kindes ist. Vor allem die U-Untersuchungen legen einen Schwerpunkt auf die Gruppenfähigkeit und das Sozialverhalten des Kindes, was nur schwer von den Eltern und Ärzten beurteilt werden kann. Hier sind die Erzieherinnen in ihrer Kompetenz gefragt. Motiviert durch die Vernetzung mit der Schule, den Kinderärzten und der niedergelassenen Ergotherapeutin wurde ein erster gemeinsamer Besprechungstermin vereinbart. An diesem Gespräch nahmen einige Erzieherinnen und eine Kinderärztin teil. Gemeinsam wurde überlegt, wie eine befriedigende Zusammenarbeit zwischen Erzieherinnen und Kinderärztin gewährleistet werden kann. Im regelmäßigen Turnus wird sich dieser Kreis treffen, um sich über konkrete Fragen der Entwicklung und Förderung der Kinder auszutauschen. Wünschenswert wäre auch die Teilnahme einiger Grundschullehrer vor Ort. Die Ärztin hatte ihrerseits einen Beobachtungsbogen zur Schulfähigkeit erarbeitet, den sie mit den Erzieherinnen und Eltern gemeinsam anwenden möchte. Bei dieser Angelegenheit kam das Gespräch auch auf den Datenschutz. Beim nächsten Besprechungstermin nahm dieser Punkt einen großen Raum ein. Vor allem der Kinderärztin lag es sehr am Herzen, dass die Eltern aktiv in diese Kooperation eingebunden werden und auch ihr generelles Einverständnis zum fachlichen Austausch zwischen Kindergarten und Arztpraxis erklären. Ziel der Erzieherinnen ist es, Auffälligkeiten und Entwicklungsrückstände der Kinder frühzeitig zu erkennen und in Kooperation mit Therapeuten und Kinderärztin zu beheben. Gerade in den Bereichen der exakten Beobachtung der Kinder und des Wissens über Entwicklungspsychologie und Diagnostik sind sich Erzieherinnen zuweilen unsicher. Fortbildungen und der Austausch mit Fachdiensten wie Ergotherapie und Logopädie sind für eine bessere Förderung der Kinder unabdingbar. Aber auch die Kenntnisse der Fachdienste, der Ärzteschaft und Lehrer über die pädagogische Arbeit des Kindergartens sind oft nur bruchstückhaft. Wichtig erscheint die Kontinuität der Vernetzungsarbeit (nicht nur auf sporadische Einzelkontakte beschränkt), um eine generelle und eine situationsbezogene Zusammenarbeit verschiedener Fachleute sicherzustellen. Ein stabiles Netz an Kooperationspartnern gewährleistet, dass präventiv Auffälligkeiten und Defizite bei den Kindern erkannt und durch die Fachdienste therapiert werden können. Dieses Netz schließt die Eltern in die Beratung mit ein und schafft eine Form der partnerschaftlichen Zusammenarbeit mit den Eltern, wobei der Kindergarten als erste Anlaufstelle für Eltern der Dreh- und Angelpunkt der Vernetzungsarbeit ist. Tatsache ist, dass meist erst auf Initiative des Kindergartens Eltern Kontakt zu psychosozialen Diensten aufnehmen und damit deren Motivierung, Information und Vorbereitung den bereits sehr belasteten Erzieherinnen obliegen. 5.4 Städtischer Kindergarten Parsberg Das Team des städtischen Kindergartens in Parsberg orientiert sich am Konzept des Partizipations-Situationsansatzes in der Elementarpädagogik. Alle Erzieherinnen erwarben die Zusatzqualifikation zur Motopädagogin und richten ihr pädagogisches Handeln entsprechend aus. Die Ausstattung der Räumlichkeiten und der naturbelassene Garten regen die Kinder zu vielfältiger Bewegung an. Das Konzept der offenen und gruppenübergreifenden Arbeitsweise unterstützt die Kinder in ihrem Explorationsbedürfnis, in ihrer Selbstständigkeitsentwicklung und im Aufbau von Sozialkompetenzen. Durch die Weiterbildung vor allem im entwicklungspsychologischen und therapeutischen Bereich hat sich der Blick der Erzieherinnen geschärft: Entwicklungsdefizite der Kinder werden frühzeitig diagnostiziert, und das pädagogische Handeln wird darauf abgestimmt. Schon seit langem wird die Notwendigkeit einer kooperativen Vernetzungsarbeit erkannt und dementsprechend schrittweise die Zusammenarbeit mit psychosozialen Fachdiensten verbessert. Dem Team des Kindergartens geht es um eine gleichberechtigte partnerschaftliche Kooperation unter den verschiedenen Fachleuten. Die Erzieherinnen verstehen sich als kompetente Pädagoginnen, die im Gegensatz zu den spezifischen Fachdiensten das Kind in seiner Ganzheit und Komplexität fördern und in seiner Entwicklung begleiten. Es ist ihnen wichtig, ihr Wissen über ein Kind den Fachdiensten weiterzugeben, sie zu "schulen", auch aus dem Blickwinkel der Pädagogik das Kind zu sehen, und Therapieansätze in die reale Welt der Kinder zu integrieren. Nicht der Kindergarten geht zu den Fachdiensten, sondern die Fachdienste kommen in die alltägliche Spiel- und Arbeitswelt der Kinder, an der selbstverständlich auch die Eltern aktiv teilnehmen. Zielsetzung der Vernetzungsarbeit vor Ort Allgemeine Ziele des Kindergartenteams sind der gegenseitige Erfahrungs- und Informationsaustausch zwecks Erreichen von Transparenz der unterschiedlichen Arbeitsgebiete, die Verbesserung der Kooperation durch effiziente Handlungskonzepte und das Streben nach gemeinsamen Aktivitäten in der Begleitung der Kinder und deren Familien, aber auch in Bezug auf strukturelle Veränderungen in der Gemeinde zum Wohle der Familien. Bei der Vernetzung des städtischen Kindergartens in Parsberg mit psychosozialen Diensten geht es dem Team an erster Stelle darum, Entwicklungsauffälligkeiten frühzeitig zu erkennen, zu diagnostizieren sowie entsprechend therapeutisch und pädagogisch zu reagieren. Die Bedeutung der Früherkennung von Hör-, Seh- und Bewegungsschäden hinsichtlich der Vermeidung späterer Verhaltens- und Schulleistungsstörungen ist nach Meinung der Pädagoginnen noch viel zu wenig bekannt. Zu oft werden Auffälligkeiten erst im Vorschulalter oder sogar erst in der Schule erkannt, und dann sei eine wichtige Zeit in der Entwicklung des Kindes verpasst worden. Die Erzieherinnen setzen ihr Hauptaugenmerk auf drei Störungsbilder:
Die Zusammenarbeit des Kindergartens mit Fachärzten und psychosozialen Diensten garantiert eine fundierte Diagnose und Behandlung von Kindern mit Entwicklungsstörungen. Ein weiteres Anliegen der Erzieherinnen ist es, zusammen mit Ärzten (vor allem Kinderärzten) die Initiative zur Neugestaltung bzw. Veränderung der U-Untersuchungen (U8 und U9) voranzutreiben. Ziel wäre die Kompetenzerweiterung der Ärzteschaft bezüglich der Entwicklungsdiagnostik bei Kleinkindern sowie die Zusammenarbeit derselben mit dem Kindergarten und einem psychosozialen Fachdienst bei folgenden Befundserhebungen:
Der Kindergarten, den die Kinder tagtäglich über mehrere Stunden besuchen, in dem sie grundlegende zwischenmenschliche Beziehungen knüpfen, im sozialen Kontext spielen und durch gezielte Angebote seitens der Erzieherinnen in ihrer Ganzheit gefördert werden, kann fundiertere Aussagen über die Entwicklung der Kinder machen als ein Kinderarzt, der das Kind nur sporadisch zur Behandlung hat. Eine im Kindergarten durchgeführte Elternbefragung zu den Erfahrungen bei den U-Untersuchungen zeigte außerdem, dass viele Ärzte die Bedeutung und den präventiven Aspekt dieser Untersuchung zu wenig wahrnehmen. Wie sonst wäre der Umstand zu erklären, dass teils die Sprechstundenhelferin die Befragung durchführte und teils durch die Pauschalantwort, dass alles in Ordnung sei, der Untersuchung Genüge getan wurde In partnerschaftlicher Kooperation mit den Ärzten und therapeutischen Fachdiensten möchten die Erzieherinnen auf die Wichtigkeit und die Brisanz dieser Untersuchungen hinweisen und gemeinsam mit den Ärzten nach Verbesserungen der bisherigen Praxis suchen. Methoden der Vernetzungsarbeit Um die Breitenwirkung der Vernetzungsarbeit von Kindergärten zu verdeutlichen, wurde eine Informationsveranstaltung von dem Kindergartenteam in Neumarkt organisiert. Diese Fachtagung richtete sich an Erzieherinnen, Studierende an Fachakademien und Fachschulen, verschiedenste Fachdienste und alle anderen Interessierten. Es referierten neben Fachärzten (Hals-Nasen-Ohren-Arzt, Orthopäde) Vertreter/innen der Allgemeinen Ortskrankenkasse, der Psychologischen Beratungsstelle und der Frühförderstelle sowie eine niedergelassene Psychologin und eine Physiotherapeutin. Neben der Vorstellung der Fachdienste und ihrer Arbeitsweise vermittelte die Veranstaltung durch breit gefächerte Grundsatzreferate ein umfassendes Bild medizinischer und therapeutischer Ansätze zur Entwicklungsbegleitung und -förderung von Kindern. Die Fachleute gaben Einblicke in Themenkreise wie z.B.
Diese Großveranstaltung repräsentierte nur einen Teil der Bemühungen des städtischen Kindergartens, mit Fachdiensten aller Art intensiv und partnerschaftlich zusammenzuarbeiten. Gezielte Pressearbeit, vor allem in der örtlichen Tagespresse, ist ein weiteres Anliegen des Kindergartens. Neben Artikeln zum Leben und Wirken der Kinder im Kindergarten werden von der Leiterin immer wieder Fachartikel zu medizinischen und therapeutischen Themen veröffentlicht. Es soll Interesse geweckt werden für die Belange der Kinder: Schwächen und Auffälligkeiten sollten frühzeitig erkannt und behandelt werden. Immer wiederkehrende Informationen über die Entwicklungsphasen der Kinder sollen den Blick für Abweichungen schärfen. Die Schwellenangst, einen Fachdienst zu konsultieren, soll abgebaut werden. Außerdem ist es ein Anliegen der Leiterin des Kindergartens, bereits Studierende in diese Thematik einzuführen. Noch viel zu wenig Wissen wird ihrer Meinung nach in den Fachschulen über Auffälligkeiten und Störungen bei Kindern, Probleme von Familien sowie deren Beratung und Therapie vermittelt. Es müsste im Interesse aller Fachdienste und Pädagogen sein, wenn in der Ausbildung entsprechende Kompetenzen erworben und praxisrelevante Konzepte erarbeitet würden. So bemüht sich der Kindergarten Parsberg, zukünftige Pädagoginnen auf das Praxisfeld vorzubereiten und u.a. die Wichtigkeit einer funktionierenden Kooperation mit den verschiedenen Fachdiensten bewusst zu machen. Durch Kontakte mit den Fachakademien, durch Fortbildungen und Veröffentlichungen vermitteln die Erzieherinnen des Kindergartens notwendiges Wissen an die Studierenden. Vernetzung als Prozessqualität Ein Anliegen der Erzieherinnen ist es, auch anderen Kindergärten Mut zu machen, sich mit ihrer Kompetenz an die Öffentlichkeit zu wagen. Durch Fachpublikationen, Teilnahme an Tagungen und ständigen Austausch mit Fachdiensten wird nicht nur die pädagogische Arbeit des Kindergartens für ein breites Publikum transparent, sondern die Erzieherinnen können auch ihre eigene Fachlichkeit erweitern. In der Kooperation mit psychosozialen und medizinischen Fachdiensten sind die Erzieherinnen gleichwertige Partner, die - im Einzelfall nur mit Zustimmung der Eltern - die andere Seite fachlich und offen informieren. Wichtig dabei ist, dass jede Profession ihre ausbildungs- und berufsbedingten Grenzen kennt und diese auch dem Gegenüber zugesteht. Ziel ist das gegenseitige Lernen voneinander zum Wohle der anvertrauten Kinder und ihrer Familien. Die Qualität einer interdisziplinären Zusammenarbeit wirkt sich auch auf die Eltern aus. Je selbstverständlicher diese Kontakte ablaufen, desto weniger werden die Eltern mit Schwellenangst reagieren. Beratung und Therapie sind dann "natürliche" Bereiche in der Entwicklungsförderung von Kindern und Möglichkeiten, für Familienprobleme Hilfe zu erhalten. Resümee der pädagogischen Arbeit Der Kindergarten ist der bedeutendste Bereich der Jugendhilfe, mit dem fast alle Familien in Kontakt kommen. Die Erzieherinnen genießen ein hohes Maß an Vertrauen und Wertschätzung bei den Eltern. Durch die gute Einbindung in ein Netz von Kooperationspartnern kann der städtische Kindergarten in Parsberg sehr frühzeitig auf Auffälligkeiten und Probleme reagieren und die Kinder gegebenenfalls an andere Dienste weiterleiten. Meist haben sich Störungen bei Kindern in diesem Alter noch nicht verfestigt, sind Therapien effektiver, können Probleme schneller gelöst werden. Dieser Faktor schlägt sich auch in den Aufwandskosten nieder. Die qualifizierte pädagogische Arbeit der Erzieherinnen ist wichtig für die Prävention späterer Verhaltensauffälligkeiten, von Suchtproblemen und Konflikten. Die Erzieherinnen empfinden ihre Arbeitskonzeption als fachlich fundiert und wirkungsvoll. Sie erfahren dank ihrer vielseitigen und vernetzten Arbeit Wertschätzung, was allgemein zu Berufszufriedenheit führt. zu Teil 2 |