Von Schatzkisten und Sammlerleidenschaft

Ingeborg Becker-Textor

 

"Ich heiße Anna und gehe schon das zweite Jahr in den Kindergarten. Was ich am liebsten mache? Natürlich male ich gerne, ich spiele gerne mit anderen, ich höre gerne Geschichten, ich turne gerne. Am besten aber finde ich das Sammeln und dabei am allerbesten, dass ich im Kindergarten eine Schatzkiste habe. Niemand darf an diese Kiste herangehen. Unsere Erzieherin hat uns fest versprochen, dass sie nicht hineinschaut. In diese Schatzkiste tue ich alles, was mir ganz besonders gut gefällt. Wahrscheinlich würden alle Erwachsenen lachen, wenn sie meine Schatzkiste sehen würden. Und ganz bestimmt könnte ich diese Schätze auch nicht verkaufen. Sie sind überhaupt keinen Cent wert. Und trotzdem sind sie wertvoll. Ich habe viele Glitzersteine, eine Feder, die ganz silbrig leuchtet, eine kleine Schachtel, ich weiß gar nicht mehr woher. Und den Arm von einer kleinen Puppe, den hab' ich auf der Straße gefunden. Ich hab' ihn gründlich sauber gewaschen. Ich hab' auch viele Knöpfe drin, die hab' ich aus der Knopfkiste von meiner Oma. Auf manchen sind Blumen, auf anderen Glitzersteine oder sie sind sogar richtig geschnitzt, aus echtem Holz. Nur meinem allerbesten Freund, dem Hans, dem hab' ich schon einmal meine Schätze gezeigt. Jetzt bekommen wir aber bald eine neue Erzieherin. Ob sie auch erlaubt, dass wir Schatzkisten haben? In der anderen Gruppe nämlich, da ist das verboten. Da meint die Erzieherin, dass das zu schmutzig sei. Da könnte man krank davon werden. Und außerdem könnte man mit dem alten Zeug sowieso nichts anfangen".

Soweit der Bericht von Anna.

Ein Kindergedicht beschreibt das Sammeln und seine Bedeutung für Kinder:

"Rumpelkammer

Was die Großen nicht mehr lieben oder achtlos von sich schieben,
landet oft zu unserem Jammer
in der dunklen Rumpelkammer.
Alte Hüte, alte Töpfe
und verbeulte Puppenköpfe,
Regenschirme, Reisetaschen und zerrissene Gamaschen.
Christbaumkugeln, Faschingsnasen und zersprungene Blumenvasen,
Vogelbauer, Bügeltücher und verspeckte Bilderbücher.
Was die Großen nicht verstehen oder achtlos übersehen,
gerade das sind oft die Sachen,
die uns Kindern Freude machen.

(Aus: "Purzelbaum", Verse für Kinder von Hans Stempel und Martin Ripkens, Verlag Heinrich Ellermann, München)

Unsere frühen Vorfahren waren Sammler und Jäger. Dieser Urtrieb ist in unseren Kindern wiederzufinden und wichtig für ihre Entwicklung und Entfaltung. Aber wie gehen wir damit um? Leider können die Erwachsenen diesen Sammlertrieb der Kinder nur sehr schwer akzeptieren. Da quellen aus dem Hosentaschen der Kinder Steine, Federn, Schrauben, Scherben, Schnipsel von Glitzerpapier, ja sogar eine Kellerassel. Für uns Erwachsene sind das alles Gegenstände oder Materialien, die nicht brauchbar sind oder auch eklig, wir können sie keiner ursprünglichen Zweckbestimmung mehr zuordnen. Für das Kind sind dies aber alles Schätze. Die Dinge haben für das Kind nicht an Wert verloren, sondern an Wert gewonnen. Das scheinbar Wertlose ist zur Rarität geworden. Deshalb also sind Eigentumsfächer oder - wie Anna es beschreibt - Schatzkästen im Kindergarten so notwendig und von den Kindern begehrt. Ob die Erzieherinnen diese zulassen können? Ob sie genug Verständnis haben für den Sammlertrieb der Kinder? Ob sie im Rahmen der Elternarbeit mit Eltern dieses Grundbedürfnis der Kinder einmal diskutieren können? Ob sich vielleicht aus dem Chaos der gesammelten Dinge eine Ordnung ableiten lässt?

Die beiden italienischen Pädagoginnen Rosa und Maria Agazzi haben uns viele Anregungen gegeben, wie derartige Sammlerleidenschaften in "Kindermuseen" umgewandelt werden können. Sie nennen diese Schatzkisten "Museum der Armen". Die Kinder, die sie betreuten, waren um die Jahrhundertwende (1900) auf dieses Sammeln angewiesen. Unsere Kinder heute leben im Überfluss, haben zuviel Spielsachen, und trotzdem - oder gerade deshalb - wollen sie sammeln. Sie zeigen immer wieder tiefes Interesse an diesen kleinen wertlosen und doch so wertvollen Dingen.

Sammeln ermöglicht differenzierte Wahrnehmung. Kinder sind wählerisch mit ihren Objekten, beweisen Geschmack, entwickeln ein eigenes System, ordnen ihr Sammelgut nach eigener Entscheidung und erfahren beim Vorzeigen ihrer Schätze Anerkennung und Bewunderung, von anderen, meistens von Erwachsenen, aber auch Strafen oder Verbote. Erwachsene können es so schwer begreifen, was in Kinderköpfen vorgeht! Was Erwachsene am wenigsten erkennen ist, dass Kinder unter anderem durch das Sammeln auf spielerische Weise Teilbereiche ihrer Umwelt kennen lernen, ohne Programm oder gezielte Beschäftigung. Sie lassen sich anregen, ansprechen von kleinen unscheinbaren Dingen, ordnen sie, experimentieren damit, erforschen sie, sortieren sie, bilden Gruppen nach Eigenschaften, Schönheit, Wert. Sie entscheiden sich für das eine oder andere Stück, tauschen auch mit Freunden, erfahren, wie verschiedenen Dinge der gleichen Art aussehen können und welch' unterschiedlichen Wert der gleiche Gegenstand bei anderen Kindern haben kann.

Sollten wir uns als Erzieher nicht motivieren lassen, Kinder wieder zum Sammeln anzuregen? Wir alle waren einmal Sammler. Jeder von uns hat andere Dinge gesammelt. Erinnern Sie sich noch, was zu Ihrer Sammlerleidenschaft geführt hat? Was Sie gesammelt haben? Vielleicht waren es Papierchen von Orangen, Briefmarken, Muscheln, Steine, Knöpfe, Schrauben, getrocknete Pflanzen, Samen usw. usw.

Leider hat Antoine de Saint-Exupery nur zu Recht, wenn er im Vorwort zum "Kleinen Prinzen" schreibt: "Alle großen Leute sind einmal Kinder gewesen (aber wenige erinnern sich daran)". Vielleicht sollten wir uns wirklich wieder alle an unsere Kindheit und ihre Eigentümlichkeiten erinnern. Denn dazu gehört auch die Sammelleidenschaft.