Aus: was+wie? 1998, Heft 3, S. 119-121

Mit Kindern die Schöpfung erleben

Michael Schnabel


Religionspädagogische Vorüberlegungen und praktische Umsetzungen

"Schöpfung" ist ein theologischer Begriff, der die Welt, das Leben, den Menschen, das Universum und Gott aus der Haltung des christlichen Glaubens interpretiert. Die biblischen Erzählungen über die Entstehung der Welt und die Erschaffung des Menschen wollen nicht eine Entwicklungsgeschichte vorlegen, sondern geben Erklärungen zu den Fragen der Menschen: "Warum ist die Welt, der Mensch und das Universum entstanden?".

Die Antwort des gläubigen Menschen ist: Gott hat alles ins Dasein gerufen und die Schöpfung ist wertvoll und gut, weil ihr Ursprung in Gott ist.

Diese Überzeugung ist Kindern leicht zugänglich, wenn sie Schöpfung erleben dürfen und ihnen vielfache Naturerfahrungen eröffnet werden.

Schöpfung im Kindergarten erleben heißt: die Kinder sensibel zu machen für die Begegnung mit der Natur. Wenn Naturerfahrungen den Kindern zum Erlebnis werden, dann kann sich die Überzeugung "Schöpfung ist gut" festigen. Im Kindergarten werden viele Möglichkeiten der Naturerfahrung praktiziert: Staunen lernen über die vielen Geheimnisse in der Natur ist die Grundlage des Schöpfungsglaubens.

Schöpfung im Kindergarten erleben bedeutet auch: sich selbst und den Mitmenschen - die anderen Kinder - mit all ihren Fähigkeiten kennen lernen. Erfahrungen der Schöpfung sind auch: in der Stille sich selbst intensiver erleben, seine motorischen Fähigkeiten und Grenzen zu erproben, sich im Spiel und Feiern mit anderen Kindern zu erfreuen. Als ein Fest der Schöpfung kann somit auch die Geburtstagsfeier im Kindergarten bezeichnet werden, die das Kind mit seinen Eigenschaften und Fähigkeiten in den Mittelpunkt rückt. Bei einer solchen Feier darf auch ein Dank in einem kurzen Gebet formuliert werden: Lieber Gott, wir freuen uns, die Ursula in unserer Gruppe zu haben. Lass sie unsere Freude erleben und spüren. Gib ihr Menschen, die sie gern haben.

Zum Schwerpunkt "Schöpfung" gehört auch der verantwortungsvolle Umgang mit der Schöpfung - der Schutz der Natur und der Umwelt vor schädlicher Ausbeutung. Somit ist die Mülltrennung im Kindergarten, der sorgfältige Umgang mit dem Essen, das Sparen von Energie Thema einer Beschäftigung mit der Schöpfung.

Gebete, Erzählungen, Lieder und Lobpreisungen der Schöpfung sind Kulturleistungen der gläubigen Menschen, daher sollen die Kinder auch diese Beispiele kennen lernen. Der biblische Schöpfungsbericht ist eine allseits bekannte Erzählung. Wenn er den Kindern erzählt wird, so ist dabei zu beachten: Es handelt sich nicht um einen Tatsachenbericht, sondern es ist ein Loblied der Israeliten auf Gottes Güte und Gnade.

Praktische Anregungen

Die Erarbeitung des Schwerpunktes Schöpfung ist in vielen Themen und Praktiken der Pädagogik im Kindergarten enthalten: Erleben von Schöpfung ist über weite Strecken Naturbegegnung und Erziehung zum Umweltbewusstsein; das Thema Schöpfung trägt Möglichkeiten der Sensibilisierung und Wahrnehmungsschulung in sich; die spielerische Erarbeitung des Themas eröffnet den Kindern soziale Erfahrungen; durch Spiellieder, Zeichnungen, Collagen werden musikalische und ästhetische Fördermöglichkeiten angesprochen. Dieser Überblick macht deutlich: das Thema Schöpfung bietet viele Zugangsmöglichkeiten und ist modellhaft für eine ganzheitliche Erarbeitung.

Die praktischen Beispiele geben einige Anregungen dazu:

Erlebnisschnur

Dieser Vorschlag lässt sich in den Sommermonaten im Kindergarten realisieren. Voraussetzung dafür ist: Im Kindergarten muss ein Garten vorhanden sein, der einige Bäume enthält. Zwei Bäume im Abstand von zehn bis zwanzig Metern werden durch einen Wollfaden verbunden. Der Wollfaden wird in einer Höhe von ca. 1 Meter gespannt. Ein Wollfaden ist ganz wichtig! Denn er soll sich weich und einladend anfühlen. Eine kleine Gruppe von Kindern wird zum Wollfaden geführt. Dort darf jedes Kind mit geschlossenen Augen mit dem Faden in den Händen die Strecke entlang gehen. Die Kinder sollen darauf achten: Was hören sie alles? Was spüren sie? Was riechen sie? Was ertasten sie?

Bei dieser Übung ist besonders darauf zu achten: Es geht immer nur ein Kind am Faden entlang. Die anderen Kinder verhalten sich ruhig, damit das Kind an der Erlebnisschnur auch möglichst viel erleben kann.

Nach dieser Übung dürfen Kinder davon erzählen, was sie alles wahrgenommen und erlebt haben.

Eine sehr einfache Übung. Aber dennoch bringt sie für Kinder - auch für Erwachsene - eine Dichte und Intensität des Erlebnisses, wie sie keiner erwartet hat. Die Erlebnistiefe kann nur zur vollen Entfaltung kommen, wenn der Ablauf meditativ - ja spirituell abläuft.

Kim-Spiele

Als Vorbereitung auf die Erntedankfeier werden in Kindergärten Kimspiele mit Obst eingesetzt. In Schälchen sind aufgeschnittene Äpfel, Birnen, Trauben, Pflaumen u.a. Die Schälchen stehen auf einem Tisch und sind mit Tüchern abgedeckt. Die Kinder dürfen an den Schälchen vorbeigehen und riechen. Sie sollten am Geruch erkennen, welche Frucht sich im Schälchen befindet. Natürlich dürfen die Früchte nicht verraten werden! Und jedes Kind kann so oft vorbeigehen, bis es alle Früchte erraten hat. Nach dem Spiel mischen die Erzieherinnen das Obst in einer großen Schüssel, geben Zucker dazu - und die Kinder können den Obstsalat genießen.

Spiellied

Staunen über die Natur, ihre Früchte, Gräser und Blumen lässt sich durch eine kurze meditative Übung erreichen. Dazu werden mit den Kindern verschiedene Naturmaterialien gesammelt: Blumen, Gräser, Steine, Früchte, Zweige. Diese Materialien werden den Kindern in einem Stuhlkreis gezeigt und besprochen.

Anschließend stellen sich Kinder und Erzieherinnen in einem Kreis auf. In der Mitte des Kreises liegt ein Holzreifen. Die ganze Gruppe singt das Lied: "Den Kranz woll'n wir binden, wir binden jetzt den Kranz". Das Kind, das im Lied genannt wird, geht zum Lager der Naturmaterialien, nimmt einen Zweig, Blume ... und legt sie auf den Reifen.

Wenn alle Kinder aufgerufen wurden, ist ein Kranz mit Naturmaterialien in der Mitte entstanden.

Zum Ausklang kann das Lied: "Du hast uns deine Welt geschenkt, den Himmel, die Erde..." gesungen werden.

Beim Singen dieses Liedes werden die angesprochenen Dinge mit Bewegungen gezeigt.