Erziehungspartnerschaft - notwendig zum Wohle des Kindes

Martin R. Textor

 

In den letzten Wochen habe ich zwei interessante Bücher, eine Pressemitteilung und einen Forschungsbericht gelesen. Diese Publikationen sprechen ganz unterschiedliche Themen an, die aber letztlich nur Fassetten der Situation benennen, in der wir leben, und die alle einen Bezug zur Elternarbeit haben. Und so möchte ich Ihnen zunächst diese vier Texte vorstellen.

Familie und Kindheit heute

Das eine Buch wurde von Adalbert Metzinger (2002) verfasst und trägt den Titel "Kindsein heute: Zwischen zuviel und zuwenig". Der Autor ist promovierter Erziehungswissenschaftler, Lehrer an einer Fachschule für Sozialpädagogik und nebenberuflicher Berater an einer Jugendberatungsstelle. Metzinger behandelt in seinem Buch den Familienwandel, wobei er die Trends zur Kleinfamilie und zur Müttererwerbstätigkeit beschreibt, auf die Einzelkind-Situation eingeht sowie die steigende Scheidungshäufigkeit und die zunehmende Zahl von Alleinerziehenden herausstellt. Er thematisiert die Krise der Familienerziehung, die sich seines Erachtens auf eine Verunsicherung der Eltern, eine durch Berufstätigkeit überlastete und unter Identitätskrisen leidende Mutter, einen am Rande stehenden Vater mit unklarer Rolle, häufig auftretende Ehekonflikte, Scheidung der Eltern sowie Erziehungsunfähigkeit zurückführen lasse. Viele Kinder würden heute von ihren Eltern unter Leistungsdruck gesetzt und überfordert: Sie sollen "perfekte" und "autonome" Kinder sein. So würden sie zu schnell wie Erwachsene behandelt. Ferner beklagt Metzinger die zu früh beginnende und zu lange dauernde Fremdbetreuung - mit Folgen wie Trennungsängsten, mangelnder Geborgenheit, Bindungsunsicherheit usw. Immer mehr Kinder würden von ihren Eltern emotional und sozial vernachlässigt, aber auch immer mehr Kinder würden ihre Eltern "terrorisieren", nur noch sich selbst sehen (Narzissmus) und sich Rechte nehmen, die nicht altersgemäß seien.

Metzinger folgert: "Dieser gesellschaftlicher Wandel hat die Lebens- und Arbeitszusammenhänge unserer Kinder ... verändert und zu neuen Verhaltensmustern und anderem Lernverhalten ... geführt" (S. 5). Beispielsweise habe sich das Spielverhalten geändert - es wird heute z.B. durch das Fernsehen, eine Unmenge kommerzieller Spielsachen, "Horror-" und Kriegsspielzeug sowie Computerspiele geprägt. Improvisation mit Alltagsgegenständen, Spiele in spontan entstehenden Kindergruppen im Wohnumfeld und selbstständige Naturerkundung werden hingegen immer seltener. Dafür halten sich Kinder mehr im Haus und an "kindgerecht" gestalteten Orten wie Spielplätzen, Kindertageseinrichtungen oder Musikschulen auf - Verhäuslichung, Verinselung, Organisiertheit und Verplantheit von Kindheit sind hier die einschlägigen Schlagworte, aber auch Reizüberflutung, Konsumorientierung und Langeweile. An die Stelle des "straßensozialisierten" Kindes trete das "Hochhauskind", das von seiner Mutter zu seinen Freunden bzw. zu Kindereinrichtungen gebracht wird und nach einem Terminkalender lebt.

Ein weiteres zentrales Thema ist die Kommerzialisierung von Kindheit, die zu "Haben-Mentalität" und einer "konsumfixierten" Lebenshaltung führe. Auf der anderen Seite nehme die Armut mit ihren vielen negativen psychosozialen Folgen für die betroffenen Kinder zu. Ferner befasst sich Metzinger mit der Medienkindheit, also dem Einfluss von Fernsehen, Computer, Internet und Werbung auf die kindliche Entwicklung. Er beklagt, dass vor allem kleinere Kinder oft durch Fernsehsendungen verängstigt würden, dass sich der hohe Medienkonsum auf Sprach- und Sozialentwicklung negativ auswirke, dass Kinder ein falsches Weltbild erhielten und von der selbsttätigen Welterkundung abgehalten würden, dass sie zu früh mit Erwachsenenthemen wie Sex konfrontiert würden und dass die vielen Gewaltszenen zu mehr Aggressivität führten. So dürfe man sich nicht wundern, wenn es schon im Kindergarten zu immer mehr Gewalttätigkeit zwischen Kindern käme.

Manche von Ihnen haben jetzt sicherlich den Eindruck, dass Metzinger ein wahres Horrorszenario entworfen habe. Auch ich halte seine Sichtweise für zu negativ. Aber Sie werden mir wahrscheinlich zustimmen, wenn ich auf der Grundlage seiner Ausführungen folgendes Fazit ziehe: Im Verlauf der letzten Jahre ist die Qualität von Familienleben und Kindheit schlechter geworden. Eltern und Kinder haben es schwerer als früher.

Familie und Beruf

Das zweite Buch wurde von der bekannten amerikanischen Soziologie-Professorin Arlie Russell Hochschild (2002) verfasst und trägt den Titel "Keine Zeit. Wenn die Firma zum Zuhause wird und zu Hause nur Arbeit wartet". Hochschild verbrachte drei Sommer in einer kleinen Pension in Spotted Deer, um während dieser Zeit die Mitarbeiter/innen von Amerco, einem Fortune-500-Unternehmen, zu interviewen. Dieser Betrieb gilt in den USA als besonders familienfreundlich; er bietet Teilzeitarbeit ohne Abstriche bei den Karriereaussichten, Job Sharing, komprimierte Wochenarbeitszeiten, flexible Arbeitszeitgestaltung usw. Noch vor dem ersten Interview ermittelte Hochschild jedoch, dass nur 3% aller Beschäftigten mit Kindern von 13 Jahren und jünger Teilzeit arbeiteten; nur 1% machte Job Sharing; und gerade ein Drittel der Eltern hatte flexible Arbeitszeiten - die Übrigen arbeiteten neun oder zehn Stunden am Tag mit festen Anwesenheitszeiten.

Weshalb nutzten so viele Eltern nicht die großzügigen Angebote von Amerco? In den Interviews kristallisierte sich heraus, dass sie weitgehend dem Bild vom "idealen" Angestellten entsprechen wollten - ein in den USA weit verbreitetes Leitbild, in dessen Zentrum Flexibilität steht: die Bereitschaft, ohne Widerspruch andere Aufgaben in der Firma zu übernehmen, Überstunden zu machen, in Notfällen die Arbeit anderer mit zu erledigen oder jederzeit umzuziehen. Und macht Berufsarbeit nicht mehr Spaß, ist sie nicht sinnvoller und "lohnender", umfasst sie nicht interessantere soziale Kontakte als das, was Erwerbstätige zu Hause erwartet: quengelige Kinder, Kochen und Putzen?

So stellte Hochschild bei Amerco fest, dass die Anziehungskraft der Arbeitswelt stärker wurde, die der Familie und des sozialen Umfeldes schwächer. Damit kommen wir zur zentralen These ihres Buches: Das Unternehmen werde immer mehr zum Zuhause, während die Familie immer mehr an emotionaler Bedeutung verliere: Letztere sei nur noch Treffpunkt von Personen mit unterschiedlichen Interessen und eigenen Zeitplänen, ein Ort zum Essen - immer seltener gemeinsam -, zum Fernsehen - zumeist in getrennten Räumen - und zum Schlafen. Hochschild schreibt: "In diesem neuen Modell von Familie und Arbeitsleben flieht der müde Vater oder die müde Mutter aus der Welt der ungelösten Konflikte und ungewaschenen Wäsche in die verlässliche Ordnung, Harmonie und gute Laune der Arbeitswelt" (a.a.O., S. 56). Die ganze Diskussion um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie alle Angebote familienfreundlicher Unternehmen würden diesen Wandel in der emotionalen Signifikanz beider Lebenswelten noch nicht berücksichtigen.

Die zunehmende Bedeutung der Arbeitswelt wird in den USA besonders deutlich: So sind die Arbeitszeiten der Amerikaner viel länger als die der Beschäftigten in anderen Industrienationen, sogar um zwei Wochen länger in Japan. Bedingt durch die (Voll-) Erwerbstätigkeit von Müttern hatten amerikanische Eltern 1996 durchschnittlich 22 Stunden pro Woche weniger Zeit für ihre Kinder als 1969. Aber auch zwei "Zeitfallen" machte Hochschild aus: Hoch qualifizierte Fachkräfte arbeiten länger, weil sie ihre Arbeit lieben; Fließbandarbeiter machen Doppelschichten, weil sie das Geld brauchen. Hinzu kommt, dass Ende der 90er Jahre 8% der amerikanischen Beschäftigten zwei Jobs hatten.

Amerikanische Unternehmen machen heute für ihre hoch qualifizierten Angestellten zunehmend soziale und Freizeitangebote, die man früher eher mit Familienmitgliedern oder in der Gemeinde besucht hätte. Diese reichen von Sport, Ausflügen und Feiern über Schach-, Ahnenforschungs- und Wohltätigkeitsclubs bis hin zu Gruppen für Alleinerziehende oder Krebskranke. Immer mehr Unternehmen haben eigene Geschäfte, Friseure, Banken usw., bieten Fertigmahlzeiten zum Nachhausenehmen an oder gründen Kinderbetreuungseinrichtungen - lauter Angebote, die es den Beschäftigten erleichtern, noch etwas länger am Arbeitsplatz zu verbleiben. Wie heute das Gras von den Bauern zu den nur noch im Stall lebenden Kühen gebracht werde, würden immer mehr Dienstleistungen für Beschäftigte in die Unternehmen geholt - aber in erster Linie nur für die qualifizierten Mitarbeiter/innen, weniger für Arbeiter/innen und andere Beschäftigte in Niedriglohngruppen.

Hochschild berichtet auch vom Privatleben der Beschäftigten von Amerco: das abnehmende Gefühl von Sicherheit in der Familie bedingt durch die hohen Scheidungsraten, die mangelnde Zeit für Partner, Kinder und die eigenen (alten) Eltern, die durch Überstunden und Schichtarbeit verursachten Probleme und die Unzufriedenheit mit dieser Situation. So sind Kinder, Kranke und Alte - oft aber auch die Partner - die Verlierer in diesem System. Hochschild fragt: "Aber warum gingen Amercos berufstätige Eltern, von denen die meisten doch sagten, sie brauchten mehr Zeit für die Familie, nicht auf die Barrikaden, um sie sich zu erkämpfen? Bei vielen von ihnen mag dies eine Reaktion auf einen machtvollen Trend sein, der zu einer Entwertung all dessen führt, was einmal das Wesen des Familienlebens ausmachte. Je mehr Frauen und Männer das, was sie tun, im Austausch gegen Geld tun und je höher ihre Arbeit im öffentlichen Bereich geschätzt und anerkannt wird, desto mehr wird, fast schon zwangsläufig, das Privatleben entwertet und desto mehr schrumpft sein Einflussbereich. Für Frauen wie für Männer ist die marktvermittelte Erwerbsarbeit weniger eine schlichte ökonomische Tatsache als ein komplexer kultureller Wert. Galt es zu Anfang des 20. Jahrhunderts noch als Unglück, wenn eine Frau arbeiten gehen musste, ist man heute überrascht, wenn sie es nicht tut" (a.a.O., S. 212). Heute werden "klassische" Hausfrauentätigkeiten auch weniger nachgefragt: Da gemeinsamer Mahlzeiten immer seltener werden, entfällt das Kochen, werden nur noch Fertiggerichte bei Bedarf aufgewärmt. Das Geschirr- und Wäschewaschen erledigen Maschinen; in Reinigungen wird die Wäsche auch gebügelt. Zunehmend kommt es zu Outsourcing von Hausfrauenaufgaben - also z.B. zur Nutzung von Mahlzeitendiensten, von Agenturen für die Organisation von Kindergeburtstagen, von einem Partyservice usw.

Hochschild überprüfte, ob ihre Erkenntnisse Amerco-spezifisch sind oder verallgemeinert werden können. Dazu konnte sie auf eine Befragung von 1.446 Eltern mit Kleinkindern zurückgreifen, die der (oberen) Mittelschicht angehörten und bei verschiedenen großen amerikanischen Unternehmen arbeiteten. Ein Drittel ließ ihre Kinder jede Woche 40 Stunden und länger in Kindertagesstätten betreuen - je höher das Einkommen, umso länger. Ein Drittel der Eltern bezeichnete sich bzw. den Partner als Workaholic; 89% erlebten Zeitnot; die Hälfte nahm in der Regel Arbeit mit nach Hause. Nur 9% konnten Familie und Beruf miteinander vereinbaren. Viele Eltern erlebten den Beruf befriedigender als die Arbeit zu Hause und bewerteten die dort erbrachten Leistungen eher als "gut oder ungewöhnlich gut" (86%) denn die Leistungen in der Familie (59%). Ganze 47% hatten die meisten Freund/innen bei der Arbeit - nur 16% in der Nachbarschaft. Somit belegen diese Umfrageergebnisse die Tendenz der kulturellen Umpolung von Arbeitsplatz und Zuhause.

Auch andere Studien zeigen laut Hochschild, wie die Beziehungen zu Partner und Kindern unter der Verlagerung des Erwachsenenlebens in die Arbeitswelt leiden: gegen das Zeitkorsett aufbegehrende Kleinkinder, vereinsamte "Schlüsselkinder", mit Ferienlager statt Familienurlaub abgefundene Kinder, unbefriedigende Ehebeziehungen und hohe Scheidungsquoten. Aber auch die Gesellschaft leidet, denn Erwachsene haben immer weniger Zeit, Einfluss auf Kindertageseinrichtungen und Schulen zu nehmen, sich kirchlich, politisch oder gewerkschaftlich zu engagieren, Vereinen und Organisationen beizutreten.

Die Aussagen von Hochschild mögen Ihnen übertrieben vorkommen - aber wir wissen, dass viele Entwicklungen in den USA einige Jahre später in Deutschland nachvollzogen werden. Und schon 1998 lag in der Bundesrepublik die tatsächliche Wochenarbeitszeit von Vollzeitkräften bei 44,4 Stunden - trotz 38,5-Stunden-Woche. Bedenken wir, dass es sich hier um einen statistischen Durchschnittswert handelt, müssen wir davon ausgehen, dass Millionen Erwerbstätige 45, 50 und noch mehr Stunden pro Woche arbeiten. So sind auch in Deutschland Familien zunehmend von der Zeitfalle betroffen. Und wenn Sie die Forderungen von Wirtschafts- und Arbeitgeberverbänden, Wirtschaftswissenschaftler/innen und Politiker/innen in der letzten Zeit verfolgt haben, werden Sie immer wieder gehört haben, dass die Deutschen in Zukunft noch mehr und noch länger arbeiten müssen...

Erwerbstätigkeit von Müttern mit Kleinkindern

Zugleich erleben wir alle, dass unsere Arbeitsplätze unsicherer geworden sind und dass unsere Qualifikationen immer schneller veralten, wenn wir z.B. wegen Kindererziehung oder Arbeitslosigkeit eine Zeit lang nicht erwerbstätig sind. Ferner sinkt bei vielen Berufstätigen und ihren Familien das letztlich verfügbare Haushaltseinkommen - also das, was nach Steuern, Sozialabgaben, Versicherungsprämien, privater Altersvorsorge usw. übrig bleibt. So ist es nicht verwunderlich, dass beispielsweise immer mehr Mütter mit Kleinkindern erwerbstätig bleiben wollen oder müssen.

Und damit kommen wir zum dritten Text, der Pressemitteilung Nr. 18 des Bundesfamilienministeriums (BMFSFJ) vom 15.01.2003, in der es um die Ausweitung der Ganztagsbetreuung ging. Die Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Renate Schmidt, erklärte: "Der Ausbau von Kinderbetreuung bringt jedenfalls auf lange Sicht mehr als er kostet. Er ist eines der wichtigsten gesellschaftspolitischen Projekte in dieser Legislaturperiode. Vor allem Westdeutschland liegt im Vergleich zu anderen europäischen Ländern weit hinter den dort üblichen Standards der Kinderbetreuung zurück. Gleichzeitig gehört Deutschlands Geburtenrate zu den niedrigsten in Europa. Wir können es uns nicht leisten, in Sachen Kinderbetreuung weiterhin Entwicklungsland zu bleiben. Deshalb unterstützt die Bundesregierung die Länder mit 4 Milliarden Euro beim Ausbau von Ganztagsschulen; für die Ausweitung des Betreuungsangebots für Kinder unter drei Jahren stehen künftig 1,5 Milliarden Euro jährlich bereit". Bundesministerin Schmidt stellte in diesem Zusammenhang das Gutachten "Abschätzung der (Brutto-) Einnahmeneffekte öffentlicher Haushalte und der Sozialversicherungsträger bei einem Ausbau von Kindertageseinrichtungen" des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) vor. "Das Gutachten untersucht die drei wichtigsten Einnahmen- und Einspareffekte der öffentlichen Haushalte und Sozialversicherungsträger bei einem Ausbau von Kindertageseinrichtungen:

  1. Einkommensteuereinnahmen und Beitragseinnahmen für die Sozialversicherungsträger, wenn die Erwerbswünsche von arbeitslosen Müttern und Müttern in der so genannten Stillen Reserve realisiert werden können, deren jüngstes Kind zwischen zwei und zwölf Jahre alt ist. Der Untersuchung liegen verschiedene Szenarien zugrunde: Eine Maximalvariante berechnet die möglichen Mehreinnahmen für den Fall, dass alle erwerbswilligen Mütter mit Kindern ohne bisherige ganztägige Betreuung ihren Wunsch infolge des Ausbaus der Kinderbetreuung auch umsetzen können. Eine Minimalvariante stellt die möglichen Mehreinnahmen vor, wenn allein akademisch ausgebildete Mütter mit Kindern ohne ganztägige Betreuung einer Erwerbstätigkeit nachgehen können. Die sich insgesamt daraus ergebenden Einnahmeneffekte bewegen sich im Bereich der Einkommensteuer zwischen 1,1 und 6 Milliarden Euro, im Bereich der Sozialversicherungen zwischen 1,4 und 8,9 Milliarden Euro.
  2. Einsparungen der Kommunen über Erwerbstätigkeit allein erziehender Mütter, die Sozialhilfe beziehen. Ein bedarfsgerechter Ausbau der familienergänzenden Kinderbetreuung ermöglicht allein erziehenden Müttern die Erwerbstätigkeit, die bislang wegen mangelnder Betreuungsmöglichkeiten für ihre Kinder auf Sozialhilfe angewiesen sind. Das Gutachten ermittelt ein mögliches Einsparpotential für die Kommunen von insgesamt rund 1,5 Milliarden Euro für den Fall, dass alle allein Erziehenden mit Kindern unter 13 Jahren, die Sozialhilfe beziehen, eine Berufstätigkeit aufnehmen.
  3. Einkommensteuereinnahmen und Beitragseinnahmen für die Sozialversicherungsträger durch zusätzliches Personal in den Kindertageseinrichtungen. Bei der Abschätzung der entlastenden Faktoren beim Ausbau der Kindertageseinrichtungen spielen neben den potentiellen Mehreinnahmen durch die Erwerbstätigkeit der Mütter auch die Steuer- und Beitragsmehreinnahmen durch die Beschäftigung zusätzlichen Personals eine Rolle. Das Gutachten beziffert die Zahl der Arbeitsplätze, die auf diese Weise maximal geschaffen werden könnten, auf rund 430.000. Dies entspräche zusätzlichen Einkommensteuereinnahmen in Höhe von 1,3 Milliarden Euro und zusätzlichen Beitragseinnahmen der Sozialversicherungsträger in Höhe von 4,4 Milliarden Euro" (a.a.O.).

Durch Ganztagsbetreuung soll also bis zu 2,1 Mio. Müttern - der so genannten Stillen Reserve - eine Erwerbstätigkeit ermöglicht werden. Offen bleibt dabei die Frage, wo bei der hohen Arbeitslosigkeit die entsprechenden 2,1 Mio. Arbeitsplätze herkommen sollen. Aber viel wichtiger für uns ist zu erkennen, wie weit die "Ökonomisierung" der Kindertagesbetreuung schon fortgeschritten ist: Nicht das Wohl des Kindes spielt eine Rolle, sondern das "Wohl" von Wirtschaft, Finanzministerien, Sozialversicherungsträgern und Kommunen. Damit alle jungen Mütter (voll-) erwerbstätig sein und ihren Beitrag zum Bruttosozialprodukt leisten können, sollen Kinder weitgehend in Tageseinrichtungen aufwachsen. Und so ist es nicht verwunderlich, dass seitens der Bundesregierung generell eine Ganztagsbetreuung angestrebt wird - auch für mindestens 20% der Kinder unter drei Jahren.

Dementsprechend wird wie in Amerika die Zeit immer mehr schrumpfen, die Eltern mit ihren Kindern verbringen (können). Kein Wunder, dass bei der PISA-Studie nur 41% der 15-jährigen Schüler/innen sagten, dass ihre Eltern regelmäßig mit ihnen persönliche Gespräche führen; nur etwas mehr als 40% gaben an, dass ihre Eltern regelmäßig mit ihnen über ihre schulischen Leistungen reden, und gerade einmal 16%, dass sie mit ihnen mehrmals pro Woche über Bücher, Filme oder Fernsehen sprechen (Textor 2002a).

Erzieherin heute

Die Pressemitteilung des Bundesfamilienministeriums und viele andere Verlautbarungen der letzten Jahre zeigen, dass Kinderbetreuung zunehmend als Dienstleistung definiert wird. Die Kindertagesstätte als eine Art Dienstleistungsunternehmen soll den Bedürfnissen ihrer Kunden - der Eltern - hinsichtlich der Betreuungsdauer Genüge tun. Diese Schwerpunktsetzung führte in den letzten Jahren zu einer Verlängerung von Öffnungszeiten, die in der Regel nur durch eine Verkürzung von Verfügungszeiten und/oder durch Schichtbetrieb erreicht werden konnte. Die Erzieher/innen müssen nun länger am Kind arbeiten, haben unterschiedliche Zeiten des Arbeitsbeginns und -endes, sind häufiger alleine in der Gruppe und haben weniger Zeit zur Vorbereitung von Projekten und anderen Aktivitäten mit Kindern, für Verwaltungsaufgaben, Teamsitzungen und Elterngespräche.

Hinzu kommt, dass in den letzten Jahren neue Anforderungen an Erzieher/innen gestellt wurden: Dazu gehören z.B. die Integration behinderter Kinder, Sprachförderung bei ausländischen Kindern, das Erstellen von Konzeptionen, Öffentlichkeitsarbeit und Qualitätsmanagement. Als Folge des PISA-Debakels sollen nun Bildungspläne erfüllt, mathematisch-naturwissenschaftliche Bildung angeboten, "Literacy" gefördert und Computerlernprogrammen eingesetzt werden. Da die Verfügungszeit nicht ausreicht, müssen Erzieher/innen die Gruppen immer wieder ihren Mitarbeiter/innen überlassen und sich in ihr Büro zurückziehen, um Bildungsangebote vorzubereiten, Gespräche mit ausländischen Eltern zu führen oder Maßnahmen für behinderte oder sonst wie hilfsbedürftige Kinder zu koordinieren. Und hier wird deutlich, wie kontraproduktiv diese Situation ist: Den Kindern wird die Erzieherin entzogen.

Eine in den letzten Jahren häufig gestellte Forderung ist, dass in Kindertageseinrichtungen die Elternarbeit intensiviert werden solle: Es reichten nicht wie an der Schule ein oder zwei Elternabende im Halbjahr, sondern vielfältige Angebote werden verlangt: Schnuppertage, Vorbesuche in der Gruppe, Elternbefragung, Elternbriefe, Buch- und Spielausstellung, themenspezifische Gesprächskreise, Elterngruppen, Elternstammtisch, Elterncafé, Bazar, Hospitation, Bastel- und Spielnachmittage, gemeinsame Spielplatzgestaltung, Ausflüge, Feste und Feiern. Aber woher sollen Erzieher/innen und Eltern die Zeit für all diese Aktivitäten nehmen - zumal in Zukunft die Zeit wegen der zunehmenden (Voll-) Erwerbstätigkeit beider Eltern immer knapper werden wird? Und wenn sich die den Eltern hierfür zur Verfügung stehende Zeit immer mehr auf den Abend oder das Wochenende verlagert? Kann Erzieher/innen dann zugemutet werden, die Elterngespräche nach 19.00 oder 20.00 Uhr zu führen? Oder generell die meisten Angebote im Rahmen der Elternarbeit am Wochenende zu machen? Oder gar nur am Sonntag, da immer mehr Eltern - Verkäufer/innen und Verkäufer, aber auch Geschäftsinhaber - am Samstag bis 20.00 Uhr arbeiten müssen?

Damit kommen wir zu der Studie "Über die Qualität der Erziehung von Kindern und Jugendlichen in der Stadt Gütersloh" (2002). Hier wird u.a. die gerade angedeutete Überforderung von Erzieher/innen thematisiert. So heißt es beispielsweise: "Die Arbeitsbelastung durch den erweiterten Aufgabenbereich habe derart zugenommen, dass Syndrome wie 'Burn-Out' prognostizierbar seien" (a.a.O., S. 25). Als Ursachen für die Überlastung des Personals wird die zunehmende Zahl von erziehungsschwachen bzw. ihre Kinder vernachlässigenden Familien sowie von ihre Kinder überfordernden Eltern genannt. Immer mehr Kinder seien verhaltensauffällig oder in ihrer Entwicklung verzögert, da sie unter der Trennung bzw. Scheidung ihrer Eltern oder unter deren sozialen, finanziellen und persönlichen Notlagen leiden würden, zu denen z.B. Alleinerzieherschaft, Arbeitslosigkeit, Armut, psychische Probleme und Alkoholismus gehörten. Viele Kinder seien von häufigem Wohnortwechsel oder von Migration betroffen, sodass sie viele Beziehungsabbrüche erlebt hätten und zum Teil ohne Freunde seien. Erzieher/innen müssten somit immer mehr Zeit für die individuelle Betreuung einzelner "Problemkinder", für Fallbesprechungen mit Kolleg/innen, die Beratung von Eltern und die Zusammenarbeit mit psychosozialen Diensten bei der Planung bzw. Durchführung besonderer Fördermaßnahmen aufbringen.

Bedenkt man die gerade angesprochene und die aus verlängerten Öffnungszeiten resultierende Zeitnot, ist es nicht verwunderlich, dass die in Gütersloh befragten Kindertagesstätten zur Verbesserung ihrer Situation in erster Linie eine Erhöhung des Personalschlüssels forderten, da zwei Erzieher/innen pro Gruppe in der Regel nicht ausreichen würden. Gleichzeitig wurde eine Reduzierung der Zeit, die in den Kindergruppen verbracht wird, zugunsten einer Präsenzzeit für die zunehmenden Beratungsgespräche und Elternarbeit angestrebt. Aber auch die Gruppengröße müsse reduziert werden, damit die Erzieher/innen den einzelnen Kindern eher gerecht werden könnten.

Eltern und Erzieher/innen als "Notgemeinschaft"

Und damit schließt sich der Kreis: Auf der einen Seite haben wir überforderte, erziehungsschwache Eltern, die immer weniger Zeit für ihre Kinder aufbringen. Auf der anderen Seite haben wir überlastete, gestresste Erzieher/innen, denen immer weniger Zeit für die ihnen anvertrauten Kinder zur Verfügung steht. Und in der Mitte stehen die Kinder, die zunehmend "schwieriger" werden. Dies ist nicht verwunderlich: Schließlich wissen wir seit langem, dass Verhaltensauffälligkeiten und psychische Probleme von Kleinkindern weitgehend durch ihre familiale und soziale Umwelt bedingt werden...

Wenn überforderte Eltern und überlastete Erzieher/innen mit "gestörten", schwierig zu erziehenden Kindern konfrontiert werden, was liegt näher, als eine Notgemeinschaft zu bilden? Natürlich nicht gegen die Kinder, sondern zu ihrem Wohl? Zur Verbesserung der Sozialisationsbedingungen?

Eltern und Erzieher/innen werden aufgrund der skizzierten Situation somit nahezu zwangsweise zu Verbündeten. Letztlich kann sich nicht mehr die Kindertageseinrichtung gegenüber der Familie oder die Familie gegenüber der Kindertagesstätte abkapseln, wie dies vor zwei, drei Jahrzehnten noch möglich war. Heute werden sie mit manchen "schwierigen" Kindern nur noch gemeinsam fertig - alleine ist ein Scheitern vorprogrammiert, mit all den negativen Folgen für das jeweilige Kind sowie das eigene Wohlbefinden und Selbstwertgefühl. Beide Seiten sind also aufeinander angewiesen, müssen kooperieren und einander unterstützen.

Erziehungs- und Bildungspartnerschaft

Innerhalb von zwei, drei Jahren hat sich für die anzustrebende Beziehung zwischen Eltern und Erzieher/innen der Begriff "Erziehungspartnerschaft" durchgesetzt (vgl. Textor 2000). In der letzten Version des entsprechenden Kapitels des Bayerischen Bildungs- und Erziehungsplans (in Vorb.) - an dem ich mitarbeite - heißt es dazu: "Hier öffnen sich Familie und Kindertageseinrichtung füreinander, tauschen ihre Erziehungsvorstellungen aus und kooperieren zum Wohl der ihnen anvertrauten Kinder. Sie erkennen die Bedeutung der jeweils anderen Lebenswelt für das Kind an und teilen ihre gemeinsame Verantwortung für die Förderung des Kindes. Bei einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit von Erzieher/innen und Eltern findet das Kind ideale Entwicklungsbedingungen vor: Es erlebt, dass Familie und Tageseinrichtung eine positive Einstellung zueinander haben und (viel) voneinander wissen, dass beide Seiten gleichermaßen an seinem Wohl interessiert sind, sich ergänzen und einander wechselseitig bereichern" (Kapitel "Bildungs- und Erziehungspartnerschaft mit den Eltern", 10. Version).

Inzwischen wird die Zusammenarbeit zwischen Erzieher/innen und Eltern sogar noch umfassender gesehen. So habe ich vor einem Jahr den Begriff "Bildungspartnerschaft" in die Diskussion eingeführt (Textor 2002b). Zur Erläuterung greife ich wieder auf den Bayerischen Bildungs- und Erziehungsplans zurück: "Wie die Erziehung soll auch die Bildung zur gemeinsamen Aufgabe werden, die von beiden Seiten verantwortet wird. Wenn Eltern eingeladen werden, ihr Wissen, ihre Kompetenzen oder ihre Interessen in die Kindertageseinrichtung einzubringen, erweitert sich das Bildungsangebot. Wenn Eltern mit Kindern diskutieren, in Kleingruppen oder Einzelgesprächen, bringen sie andere Sichtweisen und Förderperspektiven ein. Wenn Eltern Lerninhalte zu Hause aufgreifen und vertiefen, wird sich dies auf die kognitive Entwicklung des Kindes positiv und nachhaltig auswirken, denn sie ziehen an einem Strang" (a.a.O.).

Nur ist das nicht "graue Theorie", bedenkt man die Zeitknappheit auf Seiten von Erzieher/innen und Eltern? Die Gütersloher Studie gibt zu weitergehenden Befürchtungen Anlass. Hier heißt es: "Mit der Überforderung der Eltern in Erziehungsfragen geht ein sinkendes Interesse an der Kooperation mit Kindertagesstätten ... einher. Dies äußert sich bei den Eltern in einer abnehmenden Beteiligung an Informationsveranstaltungen, Elternabenden und Sprechtagen sowie an der sinkenden Bereitschaft, bei Aktivitäten der Einrichtungen mitzuwirken. Selbst vereinbarte Gesprächstermine werden z.T. nicht wahrgenommen. Als Gründe hierfür werden Berufstätigkeit, Sprachbarrieren, Scham wegen Unterprivilegiertheit oder Armut, vorrangige Betonung der eigenen Interessen bzw. Freizeitgestaltung gegenüber den Bedürfnissen der Kinder, ... gesehen. Außerdem erhalten die Einrichtungen keine oder nur geringe Unterstützung in ihrem Erziehungsauftrag seitens der Eltern. Letztere bringen oft nicht die Disziplin auf, abgesprochene Maßnahmen durchzuhalten..." (Stadt Gütersloh 2002, S. 13).

Daraus lässt sich folgern, dass weder eine Notgemeinschaft bzw. ein Bündnis zwischen Eltern und Erzieher/innen noch eine Erziehungs- und Bildungspartnerschaft "automatisch" entstehen. Die Stadt Gütersloh setzt deshalb auf Verträge: "Unter 'Erziehungsverträgen' sind hier schriftliche Vereinbarungen zu verstehen, in denen Ziele, Regeln und Inhalte der erzieherischen Arbeit bezogen auf das einzelne Kind ... festgehalten werden. Dabei regelt ein Erziehungsvertrag nicht nur die Pflichten derjenigen Institution, dem das Kind ... anvertraut wird, sondern er bezieht sich auf die Rechte und Pflichten aller an der Erziehung Beteiligten. Auch wenn an verschiedenen Stellen derartige 'Verträge' nur eine begrenzte rechtliche Wirkung entfalten oder gar Sanktionen nach sich ziehen können, so erfüllen sie bereits durch ihre Aushandlung den Effekt, dass Eltern und Institutionen individuell über die Erziehung des jeweiligen Kindes ... ins Gespräch kommen" (a.a.O., S. 33).

Meines Erachtens ist hier positiv zu bewerten, dass Eltern praktisch gezwungen werden, mit Erzieher/innen über die Entwicklung und Erziehung ihres Kindes zu sprechen - fehlende Zeit, Desinteresse, Sprachbarrieren usw. sind keine Hinderungsgründe. Auch ließe sich in solchen Verträgen festlegen, welche Pflichten Eltern im Verlauf des Kindergartenjahres haben - z.B. Führen eines längeren Gesprächs pro Halbjahr mit der Gruppenleiterin über ihr Kind oder Besuch von mindestens einem Elternabend.

Elternbildung

Aufgrund der in vielen Familien auftretenden Erziehungskrise wird von vielen Fachleuten und Politiker/innen gefordert, die Familienbildung zu intensivieren: Eltern sollten möglichst früh lernen, wie man Kinder richtig erzieht. Und da Familienbildungsstätten und ähnliche Einrichtungen nur einen kleinen Teil der Eltern erreichen - zumeist nicht erwerbstätige Mütter aus der Mittelschicht -, wird nun das Augenmerk auf Kindertagesstätten gerichtet: Hier können erstmals prinzipiell alle Eltern angesprochen werden. So gibt es in Bundesländern wie Sachsen oder Brandenburg Modellversuche zur Elternbildung in Kindertageseinrichtungen. Auch die Stadt Gütersloh will diesen Weg beschreiten: "Ein erster Baustein in einer Strategie für Erziehung sollte ein flächendeckendes Angebot von 'Elternschulen' an allen Kindertagesstätten in der Stadt Gütersloh sein. Dabei wird hier unter dem Begriff der Elternschulen ein regelmäßiges und standardisiertes Kursprogramm für Eltern verstanden, das in praktischer und anschaulicher Weise Ratschläge und Informationen zur Entwicklung und Erziehung von Kindern im Alter von zwei bis sechs Jahren und darüber hinaus bereit hält. ... Folgende Schwerpunktthemen sind im Kursprogramm der Elternschulen ... denkbar:

  • Umgang mit Grenzen und Konsequenz in der Erziehung
  • Kinder, Fernsehen und neue Medien
  • Konflikt und Gewalt im Alltag von Kindern
  • Wertevermittlung in der Erziehung
  • Kinder lernen in der Gruppe
  • Ernährung und Gesundheit von Kindern und Jugendlichen
  • Freizeitangebote für Familien in Gütersloh..." (Stadt Gütersloh 2002, S. 31).

Angebote der Familienbildung in Kindertagesstätten wären auch im Sinne von Metzinger (2002), da auf diese Weise "die Wiederentdeckung und die Intensivierung der folgenden elterlichen Qualitäten" möglich wären:

  1. Bereit und fähig sein, das Kind um seiner selbst willen zu lieben
  2. Sich Zeit nehmen für das Kind und sich mit ihm so häufig wie möglich beschäftigen
  3. Dem Kind bei der Entwicklung eines positiven Selbstwertgefühls (Ich-Stärke) helfen
  4. Dem Kind Leistungsfreude vermitteln
  5. Das Kind bei der Erkundung seiner Umwelt unterstützen
  6. Gemeinsam und allein erziehende Eltern sollten aktiv daran arbeiten, die Familienzusammengehörigkeit zu stärken
  7. Das Kind bei seinen natürlichen Bewegungsbedürfnissen unterstützen
  8. Dem Kind Kontakte und Beziehungen außerhalb der Familie ermöglichen
  9. Dem Kind Regeln und Werte vermitteln
  10. Das Kind Verantwortung übernehmen lassen

Analoge Aufgaben für Erzieher/innen wären hinsichtlich der pädagogischen Arbeit mit Kleinkindern:

  1. Bereit und fähig sein, das Kind um seiner selbst willen zu lieben
  2. Sich Zeit nehmen für das Kind und sich mit ihm so häufig wie möglich beschäftigen
  3. Dem Kind bei der Entwicklung eines positiven Selbstwertgefühls (Ich-Stärke) helfen
  4. Dem Kind Leistungsfreude vermitteln
  5. Das Kind bei der Erkundung seiner Umwelt unterstützen
  6. Gemeinsam und allein erziehende Eltern sollten aktiv daran arbeiten, die Familienzusammengehörigkeit zu stärken
  7. Das Kind bei seinen natürlichen Bewegungsbedürfnissen unterstützen
  8. Dem Kind Kontakte und Beziehungen außerhalb der Familie ermöglichen
  9. Dem Kind Regeln und Werte vermitteln
  10. Das Kind Verantwortung übernehmen lassen

Sie haben richtig gelesen: Ich habe dieselben 10 Punkte genannt, denn wohl jede Erzieherin verfolgt diese Ziele in ihrer pädagogischen Arbeit. Und damit wird deutlich, dass Eltern und Erzieher/innen weitgehend dieselben Erziehungsziele verfolgen: Beide Seiten sind einander näher, als es oft den Eindruck hat. Das gilt auch für ihre Grundhaltung bezüglich der Kinder: Sowohl Erzieher/innen als auch Eltern wollen das Beste für alle ihnen anvertrauten Kinder bzw. für ihr Kind. Für beide Seiten ist das Wohl des Kindes von zentraler Bedeutung.

Das Kindeswohl

Und dies ist für mich der Ausgangspunkt für die Erziehungs- und Bildungspartnerschaft: das gemeinsame Interesse am einzelnen Kind, seiner Entwicklung, Erziehung und Bildung. Nicht die "Notgemeinschaft" oder der Erziehungsvertrag sind ausschlaggebend. Vielmehr müssen sich Eltern und Erzieher/innen dieses gemeinsamen Interesses bewusst werden - und leider müssen Erzieher/innen dies auch einigen Eltern bewusst machen.

Es handelt sich hier um einen Prozess, der so früh wie möglich beginnen sollte: Es macht schon einen gewaltigen Unterschied, ob ich das Anmeldegespräch alleine mit der Mutter führe oder ob ich beide Eltern zu diesem Termin "zwinge", selbst wenn ich ihn auf den Abend verlegen muss. Und dann muss ich natürlich auch den Vater fragen, wie er seine Beziehung zum Kind gestaltet, was für Erziehungsziele er hat und wie er die Entwicklung seines Kindes beurteilt.

Ähnliches gilt für weitere Termingespräche, die möglichst einmal pro Halbjahr erfolgen und ebenfalls mit beiden Eltern durchgeführt werden sollten. Dabei geht es vorrangig um die Entwicklung und das Verhalten des Kindes in Familie und Kindertageseinrichtung, um seine Bedürfnisse und einen eventuellen besonderen Förderbedarf. Es sollte aber auch zu einem Gesprächsaustausch über Erziehungsziele und -stile, die in Familie und Kindertageseinrichtung vertreten bzw. praktiziert werden, kommen sowie zu deren Abstimmung. Gespräche mit beiden Eltern sollten ferner bei Erziehungsschwierigkeiten, Verhaltensauffälligkeiten, Entwicklungsverzögerungen und (drohenden) Behinderungen des Kindes geführt werden.

Die Erziehungspartnerschaft wird ferner durch Tür- und Angel-Gespräche und Veranstaltungen zu Themen wie "Was eine Kindertageseinrichtung leistet" oder "Die Bedeutung von Übergängen im Leben eines Kindes" gefördert, in denen es zu einem Gesprächsaustausch von Eltern und Erzieher/innen kommt. Letztere können in diesem Kontext Eltern über die kindliche Entwicklung und Erziehung, ein entwicklungsförderndes Verhalten und altersgemäße Beschäftigungsmöglichkeiten, Spiele, Bücher, Bildungsangebote etc. informieren. Auf solche Weise wird Elternbildung geleistet. Zusätzlich können mancherorts Elternschulen, Kurse unter Leitung von Mitarbeiter/innen der Familienbildungsstätten oder Gesprächskreise mit Psycholog/innen von Erziehungsberatungsstellen realisiert werden. Die Aufgabe von Erzieher/innen kann hier aber nur das Organisieren dieser Angebote sein.

Bildungspartnerschaft verlangt hingegen die aktive Mitarbeit von Eltern. So können diese z.B. in die Wochen- oder Monatsplanung einbezogen und in die pädagogische Arbeit eingebunden werden - also z.B. kleine Gruppen von Kindern am Computer anleiten, mit ihnen werken oder mit ihnen in einer Fremdsprache sprechen. "Eltern und Erzieher/innen können Projektthemen vorschlagen und Projekte gemeinsam planen, wobei Aktivitäten sowohl von einzelnen Eltern als auch von Erzieher/innen übernommen werden können (z.B. Bücher, Materialien und Werkzeuge besorgen; Besuchstermine bei Handwerksbetrieben, Firmen oder kulturellen Einrichtungen vereinbaren). Interessierte Eltern werden auch im Verlauf eines Projekts in der Tageseinrichtung tätig, indem sie z.B. Kleingruppen bei bestimmten Aktivitäten anleiten, sich als Interviewpartner zur Verfügung stellen oder bestimmte Kompetenzen einbringen. Eltern können z.B. bei Projekten wie "Berufe" oder "Wohnen" die Kindergruppe zu sich an ihren Arbeitsplatz bzw. in ihre Wohnung einladen" (Bayerischer Bildungs- und Erziehungsplan, Kapitel "Bildungs- und Erziehungspartnerschaft mit den Eltern", 10. Version). Ferner können Eltern zu Hause die Wochen- und Projektthemen aufgreifen, ergänzen und vertiefen. "So können Eltern z.B. zum Thema passende Bilderbücher aus der Stadtbibliothek ausleihen und mit den Kindern anschauen, mit ihnen über neue Begriffe sprechen oder mit ihnen bestimmte Aktivitäten (z.B. Experiment, Bastelarbeit, Interview) durchführen; auf diese Weise werden die Lernerfahrungen des Kindes verstärkt und ausgeweitet, wird die Bildung in der Familie intensiviert" (a.a.O.).

Mit zunehmender (Voll-) Erwerbstätigkeit beider Elternteile wird es jedoch immer schwieriger werden, Eltern für die Mitarbeit in der Kindertageseinrichtung oder zur Nutzung eher "klassischer" Angebote der Elternarbeit wie Elternabende oder (Sommer-) Feste zu gewinnen. Sieht man einmal von den Möglichkeiten ab, dass berufstätige Eltern sich auch einmal einen (halben) Tag frei nehmen oder Erzieher/innen Veranstaltungen im Rahmen der Elternarbeit auf das Wochenende verlegen können, sollten wir aus dieser Situation folgende Schlussfolgerungen ziehen:

  1. Wir müssen die knappe zur Verfügung stehende Zeit so effektiv wie möglich nutzen. Und das heißt: zum Wohle des Kindes. Damit gewinnen individuelle Elterngespräche, Familienbildung und die Einbeziehung von Eltern in bildende Aktivitäten mit ihren Kindern (auch zu Hause) eine vorrangige Bedeutung.
  2. Wir müssen - durchaus im Sinne von § 1 Abs. 3 SGB VIII - Einfluss auf Wirtschaft und Politik nehmen, damit die Arbeitswelt familienfreundlicher wird und es für berufstätige Eltern möglich ist, mehr Zeit mit ihren Kindern zu verbringen. Gemeinsam müssen wir das Wohl der Kinder gegenüber Politik und Wirtschaft verteidigen, damit es nicht weiter ökonomischen Interessen untergeordnet wird (s.o.).
  3. Und wir müssen Einfluss auf die Länder- und Kommunalpolitiker/innen ausüben, damit sie die Rahmenbedingungen der Kindertagesbetreuung verbessern, sodass wir unseren vielfältigen und komplexen Aufgaben besser gerecht werden können.

Literatur

Bayerischer Bildungs- und Erziehungsplan. München: Staatsinstitut für Frühpädagogik, in Vorb.

Hochschild, A.R.: Keine Zeit. Wenn die Firma zum Zuhause wird und zu Hause nur Arbeit wartet. Opladen: Leske + Budrich 2002

Metzinger, A.: Kindsein heute: Zwischen zuviel und zuwenig. München, Mering: Rainer Hampp Verlag 2002

Stadt Gütersloh (Hrsg.): Über die Qualität der Erziehung von Kindern und Jugendlichen in der Stadt Gütersloh. Beobachtungen und Maßnahmen zur lokalen Erziehungskrise in Gütersloh. Bearbeitet von Heike Vieregge und Ansgar Wimmer. Gütersloh: Selbstverlag 2002

Textor, M: Kooperation mit den Eltern. Erziehungspartnerschaft von Familie und Kindertagesstätte. München: Don Bosco 2000

Textor, M.R.: Die "PISA"-Studie. http://www.kindergartenpaedagogik.de/570.html, 2002a

Textor, M.R.: Von der Erziehungspartnerschaft zur Bildungspartnerschaft. http://www.kindergartenpaedagogik.de/798.html, 2002b