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Zitiervorschlag

Ausbildung am Lernort Praxis: Eine Win-Win-Situation für alle

Christoph Kiefer

 

Abstract

Im folgenden Beitrag wendet sich der Autor dem Thema Praxisanleitung und dem Kosten-Nutzen-Verhältnis der praktischen Ausbildungsanteile in den sozialpädagogischen Ausbildungsberufen zu. Er zeigt an konkreten Beispielen, dass sich Praxisanleitung qualitativ etablieren muss und sich für alle auszahlt.

Vorteile der Ausbildung am Lernort Praxis

Die Entwicklungen im Arbeitsfeld Kita in den letzten gut zwanzig Jahren sind geradezu virulent. Die Erwartungen und Ansprüche an die pädagogischen Fachkräfte sind aus den unterschiedlichsten und allseits bekannten Gründen gestiegen. Daraus folgend wurden auch neue Qualifizierungsformen auf akademischer Stufe, bspw. der Bachelor Frühpädagogik/Kindheitspädagogik einschl. der staatlichen Anerkennung als Kindheitspädagoge oder -pädagogin, eingeführt. Zudem wurde durch den Rechtsanspruch aus dem Jahre 2013 zugleich ein enormer Fachkräftebedarf aufgeworfen, dem wiederum eine breit ausdifferenzierte Form der Regel- und Quereinstiegsmöglichkeiten in Vollzeit- und Teilzeitausbildungsmodellen folgte. Mit den vielen verschiedenen Qualifizierungsformen und Programmen, bspw. der PIA-Ausbildung u. a. in Baden-Württemberg, soll diesem Fachkräftebedarf, der sich durch den demografischen Wandel noch verstärken wird, begegnet werden. Allerdings werden zeitgleich auch Forderungen laut, bei dem verstärkten quantitativen Ausbau der Ausbildungswege auch die Qualität der Ausbildung im Blick zu behalten. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Bildung und Erziehung in der Kindheit hat auf ihrer Frühjahrstagung Anfang März in Koblenz ein Positionspapier beschlossen, das intensiv auf die zentralen Knackpunkte hinweist. Darin wird unter anderem gefordert, die Rahmenbedingungen am Ausbildungsort Kita durch eine durchgängige Qualifizierung der Praxisanleiter/innen und eine entsprechende Zertifizierung dessen zu verbessern (Dreyer / Boekhoff 2018). Diese Forderung ist nicht neu (Kiefer 2014) und bewährte Konzepte aus anderen Teilen beruflicher Ausbildungen, die ohne größeren Aufwand adaptiert und etabliert werden könnten, wurden bereits vorgelegt (Kiefer 2015, 2016a, 2016b, 2017). Trotzdem ist Praxisanleitung in weiten Teilen ein unentgeltliches Zusatzgeschäft (Hofer / Schroll-Decker 2005), für welches die Praxisanleiter/innen keine zusätzlichen Anrechnungsstunden oder Verfügungszeiten bekommen. Und auch die Auszubildenden in den sozialpädagogischen Ausbildungsgängen werden nur in Ausnahmefällen vergütet.

Die zentrale Frage, die hier also aufgeworfen wird, ist: Was kostet und was bringt es, eine/n Auszubildende/n in meiner Kita aufzunehmen und auszubilden? Diese Frage wird leider fast gar nicht gestellt und Praxisanleitung gilt als Aufgabe "on top" ohne gesonderte Vergütung. Betrachtet man das Thema allerdings einmal aus der personalwirtschaftlichen Perspektive, so lässt sich eindeutig feststellen, dass die Ausbildung am Lernort Praxis einschließlich einer qualifizierten Praxisanleitung für den Träger und die Einrichtung einen messbaren Gewinn darstellt, wenn sie denn gut organisiert und mit ein paar kleinen Investitionen ausgestattet ist.

Ein Hauptargument für die Nachwuchsprobleme und damit die Probleme bei der Sicherstellung guter Fachkräfte ist immer die nicht erfolgende Bezahlung in der vollzeitschulischen Ausbildung bzw. sogar die Erhebung von Schulgeld beim Besuch privatwirtschaftlich finanzierter Fachschulen. Auch dieses Argument kann mit Hilfe der langjährigen Diskussionen aus der dualen beruflichen Bildung widerlegt werden. Viele Betriebe argumentierten, dass die Ausbildung von Fachkräften zu viel Zeit und Ressourcen kosten würde und damit unrentabel sei. Was aber nicht einberechnet wurde, ist, dass die Auszubildenden ja ebenfalls eine gewisse Arbeitsleistung in den Betrieben erbringen. Diese wird im Schnitt und je nach den Voraussetzungen bei 40% der Arbeitsleistung einer ausgebildeten Fachkraft angesehen (vgl. Groß / Hüppe 2010, S. 10ff.).

Dieses einfache Berechnungsbeispiel auf das Arbeitsfeld Kita angepasst zeigt, dass ein Ausbildungsplatz mehr nutzt, als er kostet und damit sogar eine Ausbildungsvergütung gezahlt werden könnte:

Posten Berechnung Ergebnis
Theoretischer Monatslohn e. Erzieher/in 2500,- € / Monat
39 Std. / Woche
156 Std. / Monat
16,03 € Stundenlohn
40% Arbeitsleistung bezogen auf eine vollwertige pädagogische Fachkraft 40% von 16,03 € 6,41 € Arbeitsleistung pro Stunde
Vorgegebene Praktikumszeiten bzw. Ausbildungszeiten am Lernort Praxis
Arbeitsleistung im 6 Wochen-Blockpraktikum zu 5 Std./Tag
5 Std. * 5 Tage * 6 Wochen
=150 Std. * 6,41 €/Std
961,50 €
 
40 Wochen im Anerkennungsjahr
5 Std. * 5 Tage * 40 Wochen
= 1000 Stunden * 6,41 €/Std
6410,00 €

Tabelle 1: Kosten-Nutzen-Berechnung der praktischen Ausbildung (eig. Darstellung)

Dieses einfache Beispiel zeigt, dass bei einer theoretischen Arbeitsleistung von 40% bezogen auf die Arbeitsleistung einer vollausgebildeten pädagogischen Fachkraft ein/e Praktikant/in innerhalb eines sechswöchigen Praktikums bereits knapp 1000 € Euro für die Einrichtung leistet. Da der Ausbildung zur / zum staatlich anerkannten Erzieher/in i. d. R. eine einschlägige berufliche Erstausbildung (Sozialassistenz/Sozialpädagogische Assistenz, Kinderpflege o. ä.) vorgeschaltet ist, könnte man von einem theoretischen Wert bezogen auf die pädagogische Fachkraft von deutlich mehr als 40% ausgehen, was den Nutzen für die Einrichtung und den Träger weiter steigert.

Weitere Vorteile der Ausbildung neuer Fachkräfte am Lernort Praxis sind (ohne Anspruch auf Vollständigkeit):

a) Während der Ausbildung

  • Neue Ideen kommen in die Einrichtung
  • Unterschiedliche Perspektiven auf die päd. Arbeit werden ermöglicht
  • Aktuelle Entwicklungen aus der Lehre werden eingebracht (Aktualisierung von Wissensbeständen seitens der Praxismentor/innen)
  • Mehr Projekte / Aufgaben können durchgeführt werden (Unterstützung)
  • Entlastung durch Einbindung von Auszubildenden
  • Kurzfristige Überbrückung von Engpässen bei unvorhersehbaren Personalausfällen

b) Nach der Ausbildung

  • Sofort einsetzbare, qualifizierte Mitarbeiter/innen mit betriebsspezifischer Kompetenz
  • Keine Einarbeitungskosten
  • Risiko der Fehlbesetzung wird gesenkt, da die Auszubildenden schon bekannt sind
  • Möglichkeit der Bestenauslese à Gute Praktikant/innen früh an Einrichtung binden!
  • Langfristige Sicherung des Fachkräftebedarfs

Auch die Vergütung bzw. die Zurverfügungstellung von Zeitressourcen für die Praxisanleiter/innen kann mithilfe der oben aufgeführten Berechnung argumentativ gefordert werden. Hier gilt als Berechnungsbeispiel, dass eine "Anleitungsstunde" den Stundenlohn der pädagogischen Fachkraft, also in diesem Beispiel 16,03 € kostet. Selbst wenn man also der zuständigen Fachkraft drei Stunden wöchentlich zur Verfügung stellen würde, so kostet dies lediglich 48,09 € pro Woche. Bezogen auf die theoretische Arbeitsleistung von 40% eines / einer gut angeleiteten und begleiteten Praktikanten/in verbleibt immer noch ein deutlicher Gewinn auf Träger-/bzw. Kita-Seite.

Aus den oben dargelegten Gründen lassen sich zwei zentrale Forderungen ableiten:

  1. Es kann und muss eine Ausbildungsvergütung eingeführt werden.
  2. Praxisanleitung muss qualifiziert und vergütet werden, um eine hochwertige Ausbildung am Lernort Praxis zu ermöglichen.

 

Literaturverzeichnis

Dreyer, R. / Boekhoff, J.: Positionspapier "Fachkräftegewinnung und Qualitätsentwicklung in Kitas" - Empfehlungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Bildung und Erziehung in der Kindheit (BAG BEK) e. V. (BAG BEK, Hrsg.). Koblenz. 2018.
Groß, H. / Hüppe, S.: Ausbilden lernen. Trainings- und Lehrbuch nach AEVO 2009 für alle Berufe. Berlin: Cornelsen 2010.
Hofer, B. / Schroll-Decker, I.: Anmerkungen zum "Privatvergnügen" Praxisanleitung. KiTa KinderTageseinrichtungen aktuell. Fachzeitschrift für Leiter/innen der Tageseinrichtungen für Kinder 2005, Bd. 17 (7/8), S. 155–159. Zugriff am 11.12.2016. Verfügbar unter http://www.kindergartenpaedagogik.de/1317.html.
Kiefer, C.: Qualität in der Ausbildung. Ein Beitrag aus der Perspektive der Arbeitspädagogik. TPS - Theorie und Praxis der Sozialpädagogik 2014, Bd. (3), S. 44–46.
Kiefer, C.: Das LÜNEN-Modell (I). Die fachpraktische Ausbildung optimieren. TPS - Theorie und Praxis der Sozialpädagogik 2015, Bd. (9), S. 47–49.
Kiefer, C.: Das LÜNEN-Modell (II). Ausbildung in der Kita durchführen. TPS - Theorie und Praxis der Sozialpädagogik 2016a, Bd.(1), S. 45–47.
Kiefer, C.: Praxisanleitung - ein vernachlässigtes Schlüsselelement der Personalentwicklung. kita-aktuell 2016b, Kita MO 9-16 (9), S. 185–187.
Kiefer, C. (2017). Praxisanleitung - ein Schlüsselelement der Personalentwicklung im sozialpädagogischen Arbeitsfeld. In: S. Skalla (Hrsg.). Handbuch für die Kita-Leitung (Kita-Management. Köln: Carl Link 2017, 2. Aufl., S. 289–304.

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