Zitiervorschlag

Bildungs- und Sozialmanagement für Kindertageseinrichtungen: Die Leitungsaufgaben der Zukunft. Leitgedanken und Schwerpunkte des berufsbegleitenden Studiengangs "Bildungs- und Sozialmanagement mit Schwerpunkt frühe Kindheit" (B.A.) an der FH Koblenz sowie erste Erfahrungen

Stefan Sell und Dörte Weltzien

 

Vorbemerkung

Die deutsche Kita-Landschaft steht vor dem wohl tiefgreifendsten Wandel ihrer Geschichte. Noch nie wurde dem frühpädagogischen Bereich von politischen Entscheidungsträgern aller Parteien, Medien und der breiten Öffentlichkeit so viel Aufmerksamkeit geschenkt. Nie zuvor wurden den Kindertageseinrichtungen so viele Funktionen und Aufgaben zugeschrieben wie in der gegenwärtigen Fachdebatte. Die bildungspolitische Aufladung seit PISA, Änderungen in den Finanzierungs- und Trägerstrukturen, die Auffächerung der Bildungs- und Betreuungsangebote innerhalb der Einrichtungen, die Erfordernisse, die sich aus dem Ausbau der Ganztagsschulen ergeben, und der zunehmende Wettbewerb zwischen Einrichtungen und Trägern haben zurecht zu einer Neuausrichtung und Erweiterung der Aus-, Fort- und Weiterbildungsangebote für Erzieher/innen auf allen Ebenen geführt (vgl. Sell 2004).

Vielfältige Ansätze bei Aus-, Fort- und Weiterbildungsangeboten

Gegenwärtig lassen sich neue Angebote und strukturelle Veränderungen in der Qualifizierung von pädagogischen Fachkräften erkennen. Zu nennen sind beispielsweise:

Neue Ausbildungsstrukturen für Erzieher/innen

Erweiterte Fortbildungsangebote für pädagogische Fachkräfte

Weiterbildungsmaßnahmen in Fachschulen und Hochschulen

Qualifizierung für zukünftige Leitungsaufgaben: Der Studiengang "Bildungs- und Sozialmanagement mit Schwerpunkt frühe Kindheit" (B.A.)

Leitgedanke des Studiengangs, der seit Frühjahr 2005 an der Fachhochschule Koblenz angeboten wird, ist es, erfahrene Fachkräfte aus dem Bereich der Kindertageseinrichtungen auf zukünftige Leitungsaufgaben vorzubereiten oder sie in ihren bereits bestehenden Leitungsfunktionen weiter zu qualifizieren (vgl. Sell/ Weltzien 2004).

Beste Praxis kann nur erreicht werden, wenn die skizzierten Veränderungen auf Leitungsebene frühzeitig erkannt und aktiv mitgestaltet werden. Es geht nicht nur darum, neue strukturelle Vorgaben umzusetzen, Bedarfs- und Personalplanung zu machen und Bildungspläne oder -empfehlungen umzusetzen. Zweifelsohne bergen Umbrüche in der Kita-Landschaft Risiken und können zu vorübergehenden Friktionen führen. Sie beinhalten aber auch viele neue Chancen der Weiterentwicklung, sofern die Gestaltungsspielräume erkannt und genutzt werden. Es geht für Leitungskräfte daher zukünftig viel stärker als heute um die Entwicklung von Leitbildern und Qualitätszielen, um neue Formen einer bedarfsorientierten Planung, um vorausschauende Personalentwicklung und nicht zuletzt um das Nutzen von Wettbewerbsvorteilen. Und es geht um die Einführung von Bildungsinnovationen auch gegen Widerstände, um die Vermittlung von Fachwissen und um Netzwerkarbeit mit Eltern und Schulen. Unabdingbare Voraussetzung hierfür ist ein eigener lebenslanger Bildungs- und Lernprozess auf hohem - auch akademischem - Niveau.

Die Akademisierung der Leitungskräfte wird mittlerweile von einer breiten Fachöffentlichkeit gefordert und unterstützt (vgl. BMFSFJ 2003). Beispielhaft sei hier die im April 2004 vorgelegte Erklärung des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland "Wo Glaube wächst und Leben sich entfaltet. Der Auftrag evangelischer Kindertageseinrichtungen" erwähnt. Dort wird u.a. gefordert, das Leitungspersonal auf Fachhochschulniveau auszubilden. Auch in der Koalitionsvereinbarung der neuen nordrhein-westfälischen Landesregierung aus CDU und FDP wurde explizit aufgenommen, dass man anstrebe, den Kita-Leitungen einen Hochschulabschluss zu ermöglichen und einen solchen langfristig für Leitungsaufgaben vorauszusetzen.

Bachelor für Leitungskräfte: Qualifizierungssprung und Kompetenzerwerb

Ein Bachelor-Studiengang ist ein erster berufsqualifizierender Abschluss. Üblicherweise folgt nach Abschluss des Studiums der Einstieg ins Berufsleben, oder es folgen weitere Qualifizierungsmaßnahmen wie Master- oder MBA-Studiengänge.

Bei dem Studiengang "Bildungs- und Sozialmanagement mit Schwerpunkt frühe Kindheit" handelt es sich um eine besondere Kategorie von Bachelor-Studiengängen, da die Studierenden bereits über eine abgeschlossene Berufsausbildung und mehrjährige Berufserfahrung verfügen und zudem oft zahlreiche Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen absolviert haben. Sie verfügen aber über keinen akademischen Grad; daher durchlaufen sie dieses grundständige Studienprogramm (das in Rheinland-Pfalz gebührenfrei ist).

Bezogen auf die inhaltliche Gestaltung des Studiengangs, der auch formal die Erzieher/innenausbildung voraussetzt, handelt es sich dagegen eher um ein Weiterbildungsstudium. Das fundierte Vorwissen der Studierenden wurde konzeptionell abgebildet und spiegelt sich u.a. in einer vergleichsweise kurzen Studiendauer von 6 Semestern.

Für berufserfahrene und vorqualifizierte Studierende ist es damit möglich, neben dem Beruf innerhalb einer kurzen Zeitspanne ein Studium zu absolvieren. Die Erfahrungen bislang bestätigen, dass dies bei einer Mehrzahl der Studierenden realistisch ist. Die Struktur des Studiengangs mit seiner konsequenten Modularisierung und angesichts der Tatsache, dass jedes Semester alle Module stattfinden, ermöglicht allerdings auch eine zeitliche Streckung oder Unterbrechung, falls berufliche oder private Gründe dies erfordern.

Der Studiengang vermittelt wissenschaftliche Grundlagen, Instrumente und Methoden, die die Kompetenzen zur lebenslangen Weiterbildung fördern. Dies wird es den Studierenden leichter machen oder erst ermöglichen, sich ständig selbständig über neue Entwicklungen zu informieren, diese wissenschaftlich fundiert einzuschätzen und eigene Handlungsstrategien für die Einrichtung zu entwerfen und zu implementieren.

Man muss kein Prophet sein, um vorauszusagen, dass sich der jetzige "State of the Art" der Frühpädagogik in den nächsten 35 Jahren (und so lange ist eine heute 30jährige Leitung noch tätig!) kontinuierlich verändern wird. Ebenso werden sich die Strukturen der Kindertageseinrichtungen, die Übergänge zur Grundschule, die Finanzierungssysteme und Betreuungsangebote über diesen Zeitraum weiter entwickeln. Für diese Veränderungen müssen sich Leitungskräfte präparieren, indem sie in lebenslange Selbstlernprozesse einsteigen.

Bildungs- und Sozialmanagement - die besondere Kombination

Ursprünglich war in Rheinland-Pfalz ein "betriebswirtschaftliches" Studienangebot für die Leitungskräfte von Kindertageseinrichtungen vorgesehen. Allerdings zeigt ein Blick auf die (wenigen) vorliegenden Untersuchungen, die sich mit Leitungspersonal von Kitas beschäftigt haben (vgl. im Überblick Sell/ Jakubeit 2005), dass die Bedarfslage anders gelagert ist. Natürlich werden Defizite im betriebswirtschaftlichen Bereich benannt, z.B. hinsichtlich des Rechnungswesens, des Personalmanagements oder auch der Organisationsentwicklung.

Aber besonders deutlich werden Defizite im Bereich des "Bildungsmanagements" herausgestellt - hierbei geht es um die Frage, wie die pädagogischen Konzepte und Modelle "an das Kind" gebracht werden können. Nicht zuletzt im Abschlussbericht der OECD-Expertenkommission im Rahmen von "Starting Strong II" wurde darauf hingewiesen, dass es mittlerweile eine Vielzahl elaborierter frühpädagogischer Konzepte in Deutschland gibt, aber "unten", also beim Kind, nur wenig davon ankommt.

Damit bewegen wir uns in einem Feld, in dem eine originäre Führungsfunktion anzusiedeln ist: Die Leitungskräfte in den Kitas haben für eine möglichst gelingende Umsetzung neuer Ansätze und Modelle die Verantwortung - gerade weil sie primär "pädagogische Führungskräfte" sind.

Diesen Anspruch versucht der neue Studiengang an vielen Stellen abzubilden, beispielhaft sei hier nur das Modul "Bildungsmanagement: Methoden und Instrumente der Umsetzung pädagogischer Konzepte" im 3. Semester genannt. In diesem Modul werden die Studierenden mit den wichtigsten Methoden und Instrumenten der Planung und Organisation des Transfers von frühpädagogischen Konzepten und Modellen innerhalb der eigenen Einrichtung vertraut gemacht. Aber sie lernen auch die Grenzen möglichen Leitungshandelns kennen - denn ein wichtiger Baustein der Philosophie des neuen Studiengangs ist auch die Reflektion darüber, wann man welche Instrumente und Methoden aufgrund fehlender Rahmenbedingungen nicht anwenden kann, auch wenn es andere gerne möchten. Insofern geht es eben nicht um eine kritiklose Rezeption und womöglich Übertragung "moderner Managementansätze" auf die Bildungs- und Betreuungseinrichtungen für Kinder, sondern die Besonderheiten dieser Einrichtungen werden an jeder Stelle des Studiums hervorgehoben und berücksichtigt.

Theorie für die Praxis: Das Grundkonzept des Studiengangs

Bei dem Studiengang "Bildungs- und Sozialmanagement mit Schwerpunkt frühe Kindheit" (B.A.) handelt es sich um einen berufsbegleitenden - besser berufsintegrierenden - Studiengang. Neben der Überlegung, dass für die meisten berufstätigen Fachkräfte aus finanziellen, beruflichen und familiären Gründen kein Präsenzstudium in Frage kommt, gibt es eine inhaltliche Begründung für dieses Konzept. Die Studierenden haben während des gesamten Studiums einen unmittelbaren Zugang zum Praxisfeld und sind, anders als Praktikanten, mit mehr oder weniger weitreichenden Befugnissen und Gestaltungsspielräumen ausgestattet. Diese wertvolle Ressource wird in dem Studiengang gezielt genutzt und findet sich in einer konsequent auf Theorie-Praxis-Transfer ausgerichteten Struktur wieder.

In den fünf Wissensbereichen (Grundlagen des Bildungs- und Sozialmanagements, Leitungsfunktionen und Leitungskompetenzen, Management in Bildungs- und Betreuungseinrichtungen, Qualitätsmanagement und Evaluation sowie übergreifende Qualifikationen von Leitungskräften) bzw. den einzelnen Modulen werden zunächst wissenschaftliche Grundlagen in Form von speziell erstellten Studienbüchern vermittelt (vgl. z.B. nur für das 1. Semester Weltzien 2005a, Sell/ Jakubeit 2005, Hees 2005, Hees/ Weltzien/ Roth/ Richartz 2005 sowie Sell 2005). Außerdem gibt es aktuelle Online-Angebote auf dem Studierendenserver der Homepage (vgl. www.kita-studiengang.de) sowie theoriegeleitete Einführungen in Präsenzveranstaltungen.

Die theoretischen Inputs dienen als Arbeitsgrundlage für praxisbezogene Projekte, die die Studierenden in jedem Modul durchführen müssen, und deren Ergebnisse sie präsentieren und in Form von Prüfungsleistungen (Klausuren, Hausarbeiten) dokumentieren müssen. Die für alle Module einheitliche Vorgehensweise kann an dem Beispiel "Leitungsfunktionen im strukturellen Wandel", das im ersten Semester stattfindet, verdeutlicht werden:

Bsp.: Struktur des Moduls "Leitungsfunktionen im strukturellen Wandel"

Die enge Praxisanbindung erfolgt auch in Modulen, die mit einer Klausur als Prüfungsleistung abschließen:

Bsp.: Struktur des Moduls "Sozialwissenschaftliche Grundlagen"

Der Leitgedanke eines engen Praxisbezugs hat zu einem weiteren Angebot des Studiengangs geführt: Die Studierenden können in bis zu zwei Modulen ein individuelles Coaching durch einen Dozenten ihrer Wahl erhalten.

Erste Erfahrungen

Die Erfahrung zum Ende des ersten Semesters, nach Reflexionsgesprächen mit den Studierenden und nach Abschluss der ersten Prüfungsleistungen zeigen, dass die Struktur des Studiengangs den Studierenden sehr entgegen kommt. Die z.T. sehr gute Qualität der Leistungen belegt, dass die Lernziele zu einem hohen Grad erreicht wurden.

Unterstützendes Zeitmanagement

Hinsichtlich des Zeitmanagement der Studierenden, die ohne Frage mit der Aufnahme eines solchen Studiums eine enorme zusätzliche Belastung auf sich genommen haben, wird die Struktur der Module positiv bewertet. Die einzelnen Phasen sind transparent und werden zeitlich gut strukturiert. Die Präsenzveranstaltungen beschränken sich auf fünf Blockseminare pro Semester (Freitag/ Samstag). An den Freitagen werden die Studierenden i.d.R. von den Trägern freigestellt.

Bei der Semesterplanung wurde berücksichtigt, dass die Studierenden studienfreie Zeiträume brauchen, um sich regenerieren und vollständig ihren beruflichen und familiären Aufgaben widmen zu können. Nach dem Sommer- und Wintersemester gibt es daher jeweils zwei Monate ohne jegliche Studienverpflichtungen (aus diesem Grund werden die Studienbücher erst zu Beginn des neuen Semesters ausgeteilt).

Rückkopplung an die Praxis als Motivationsverstärker

Die Studienfortschritte können in engem zeitlichen Bezug von außen wahrgenommen werden. Die ersten Erfahrungsberichte der Studierenden zeigen, dass das Interesse an ihren Praxisprojekten von Seiten der Träger, des Teams und anderer Fachgruppen sehr groß ist. Damit steigt die Bereitschaft, die Studierenden zu unterstützen. Gleichzeitig steigen aber auch die Erwartungen an deren fachliches Können. Beides zusammen, Unterstützung und Erwartungsdruck, sind bekanntlich zentrale Verstärker der Eigenmotivation und entscheidend für einen erfolgreichen Studienverlauf.

Die strategische Dimension: Qualifizierungsoffensive von der Spitze her

Mit der Qualifizierung von Leitungskräften ist das strategische und politische Ziel verbunden, die Qualifizierungsoffensive in Kindertageseinrichtungen zu beschleunigen (vgl. Weltzien 2005b). Eine Top-Down-Strategie, also die Qualifizierung der Spitzenkräfte mit dem Ziel, Sickereffekte in der Einrichtung zu haben und damit die Qualität des gesamten Teams zu erhöhen, wird in vielen anderen Bereichen erfolgreich eingesetzt. In internationalen Studien wurde z.B. in der Qualität der Leitungskräfte ein wesentlicher Bestimmungsfaktor für gute pädagogische Qualität des gesamten Teams gesehen (vgl. Muijs 2004). Verglichen mit dem Einfluss von Berufseinsteigern dürften die Effekte tatsächlich ungleich größer sein - vorausgesetzt, die Träger gewähren den notwendigen Gestaltungsspielraum.

Die ersten Erfahrungen lassen dies vermuten: Der Kompetenzzuwachs ihrer Leitungskräfte wird für die Träger unmittelbar sichtbar, so dass ihre Bereitschaft steigt, diese Kompetenzen auch zu nutzen. Anders ist die große, teilweise sogar finanzielle Unterstützung der Studierenden von Seiten der Träger nicht zu erklären. Aufgrund der Durchführung von betreuten Praxisprojekten in den einzelnen Modulen, die häufig in den eigenen Einrichtungen durchgeführt werden, entsteht vom 1. Semester des Studiums ein ganz praktischer Transfer des theoretischen Wissens in die Praxis und damit für die Träger bereits während des Studiums ein unmittelbarer "Mehrwert" - über diese Schiene stellen wir eine "win-win"-Situation zwischen Studierenden und Träger her.

Vielfalt erzeugt Qualität: Die Zusammensetzung des ersten Semesters

Aus fast 200 Bewerbern wurden in einem mehrstufigen Auswahlverfahren 35 Studierende ausgewählt. Alle Studierenden sind berufserfahrende Erzieherinnen und Erzieher, teilweise mit bis zu 20 Berufsjahren Praxiserfahrung. Von der in Rheinland-Pfalz bestehenden Möglichkeit, sich mit einer abgeschlossenen Fachschulausbildung die Fachhochschulreife anerkennen zu lassen, haben viele der Studierenden Gebrauch gemacht. Die Studierenden haben eine gemischte Altersstruktur, kommen aus 9 Bundesländern und sogar dem benachbarten Ausland (Belgien) und arbeiten in Tageseinrichtungen unterschiedlichster Größe und Konzeption. Sie arbeiten in Teilzeit, Vollzeit oder befinden sich in Elternzeit (diese Möglichkeit besteht, sofern verbindliche Kooperationen mit Einrichtungen nachgewiesen werden können). Die berufliche Tätigkeit erstreckt sich von Gruppenleitung, stellvertretende oder Leitung bis hin zu einrichtungsübergreifenden Funktionen (Qualitätsbeauftragte oder Gesamtleitung).

Die Vielfalt der Tätigkeiten und Persönlichkeiten stellt sich als zusätzliche Qualität des Seminars dar. Es besteht ein intensiver Erfahrungsaustausch und ein großes gegenseitiges Interesse, was Reflexionsgespräche und Diskussionen bereichert. Sehr schnell haben sich die Studierenden zu kleineren selbstorganisierten Lerngruppen zusammengeschlossen.

Wissen vermehren und Weiterkommen: Zentrale Motive für das Studium

Wichtigstes Motiv ist die fachliche Weiterqualifizierung mit dem Wunsch, das fachliche Wissen auszubauen. Darüber hinaus ist die Erschließung weiterer beruflicher Perspektiven ein angesichts der bisherigen Zementierung des Erzieher/innenberufs nach oben durchaus berechtigtes Motiv. Ein weiteres Motiv ist das Erlangen eines formalen Qualifikationsniveaus (Bachelor of Arts), wobei zum einen die zukünftige Konkurrenz der "nachwachsenden" Erzieher/innen mit akademischem Abschluss gefürchtet wird. Zum anderen wird der höhere Status als wichtige Voraussetzung für eine intensivere, auf gleicher Ebene stattfindende Zusammenarbeit mit Grundschulen gesehen.

Die beruflichen Perspektiven der Absolventinnen und Absolventen

Der Studiengang qualifiziert berufsbegleitend - und damit für alle, die bereits als Erzieher/innen im Berufsfeld sind und dort auch noch viele Jahre arbeiten müssen bzw. wollen - für Leitungspositionen im Kita-Bereich. Neben der Leitung einer Einrichtung zielt das Studium aber auch auf berufliche Alternativen: so für die Übernahme von Leitungsfunktionen auf der Ebene der Träger von Bildungs- und Betreuungseinrichtungen für Kinder oder beim Träger der öffentlichen Jugendhilfe, z.B. im Bereich der Kita-Bedarfsplanung oder des in Zukunft an Bedeutung gewinnenden Netzwerkmanagements lokaler Familien- und Kinderpolitik.

Ein besonders relevanter "Markt" der Zukunft ist der Einsatz im Bereich der expandierenden Ganztagsschulen, hier z.B. in Form einer direkt dem Schulleiter unterstellten Stabsstelle, die für Planung, Organisation und Durchführung der Förder- und Betreuungsaufgaben zuständig ist, mit denen viele Schulleiter hoffnungslose überfordert sind. Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum z.B. im Modul "Spezielle Rechtsgrundlagen" neben dem Kinder- und Jugendhilferecht eben auch Schulrecht thematisiert wird und warum im letzten Semester des Studiums ein eigenes Modul "Spezielles Management: Förder- und Betreuungsangebote an und in Schulen" angeboten wird.

Auch wenn natürlich die Tätigkeit als Leitungspersonal in den Kitas, bei den Trägern oder auch in Schulen die Hauptzielfelder für diesen Studiengang sind - grundsätzlich eröffnen die Qualifikationen dieses Studiengangs auch die Möglichkeit, beispielsweise bei einem "normalen" Unternehmen im Personalbereich zu arbeiten, z.B. dort im Bereich Weiterbildung. Diese grundsätzliche Offenheit für weitere Beschäftigungsmöglichkeiten erscheint uns gerade in den heutigen Zeiten, wo keiner mehr voraussagen kann, wie die Arbeitsmärkte in ein paar Jahren genau aussehen werden, von besonderer Bedeutung - denn die Anbieter von Studiengängen haben immer auch eine "Fürsorgepflicht" ihren Studierenden gegenüber, gerade auch hinsichtlich der arbeitsmarktlichen Verwertbarkeit der Abschlüsse.

Die weiteren Perspektiven

Wie bei den anderen neu entwickelten Studiengängen für Erzieher/innen ist es viel zu früh, ein Fazit zu ziehen. Erst in einigen Jahren werden die ersten Absolventinnen und Absolventen entlassen, erst danach wird man die Studiengänge nach Erfolg und Wirkung beurteilen können. Zum jetzigen Zeitpunkt, da gerade die ersten Semester laufen und andere Studiengänge erst als Blaupause existieren, können sich Vergleiche nur auf die Konzepte, nicht aber auf ihre Ergebnisse beziehen.

Die Studiengänge sollte daher kontinuierlich dahingehend evaluiert werden, ob sie den Erfordernissen des Berufsfelds genügen und sich die theoretischen Entwürfe als praxistauglich erweisen. Hier haben Studiengänge, die eine enge, kontinuierliche Praxisanbindung aufweisen, konzeptionelle Vorteile. Denn die Hochschulen müssen sich selbst als Teil des im Wandel befindlichen Bildungssystems verstehen und stärker als bisher Selbstlernprozessen unterwerfen.

Der Studiengang "Bildungs- und Sozialmanagement mit Schwerpunkt frühe Kindheit" (B.A.) in Stichworten:

Literatur

BMFSFJ (2003): Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): Auf den Anfang kommt es an! Perspektiven zur Weiterentwicklung des Systems der Tageseinrichtungen für Kinder in Deutschland. Weinheim, S. 159.

Hees, S. (2005): Grundlagen des Qualitätsmanagement. Studienbuch 5 zum Bildungs- und Sozialmanagement. Remagen.

Hees, S., Weltzien, D., Roth, X., Richartz, K.-M. (2005): Qualitätsziele und Leitbilder. Studienbuch 4 zum Bildungs- und Sozialmanagement. Remagen.

MBFJ (2005): Ministerium für Bildung, Frauen und Jugend Rheinland-Pfalz (Hrsg.): Zukunftschance Kinder - Bildung von Anfang an. Regierungserklärung der Ministerin für Bildung, Frauen und Jugend Doris Ahnen am 25. Februar 2005.

Muijs, D.; Aubrey, C.; Harris, A., Briggs, M. (2004): How do they manage? A Review of the Research on Leadership in Early Childhood. In: Journal of Early Childhood Research.

Sell, S. (2004): Hochschulausbildung für Erzieherinnen zwischen Wunsch, Wirklichkeit und Hartz IV. Ein Blick auf die Landschaft neuer Studienmodelle. In: Theorie und Praxis der Sozialpädagogik, H. 9/10, 2004, S. 88-93.

Sell, S. (2005): Wirtschaftswissenschaftliche Grundlagen. Studienbuch 2 zum Bildungs- und Sozialmanagement. Remagen.

Sell, S., Jakubeit, G. (2005): Leitungsfunktionen im strukturellen Wandel. Studienbuch 3 zum Bildungs- und Sozialmanagement. Remagen.

Sell, S.; Weltzien, D. (2004): Bildungs- und Sozialmanagement mit Schwerpunkt frühe Kindheit - ein berufsbegleitender Fernstudiengang für das Leitungspersonal von Kinderta-geseinrichtungen. In: KiTa aktuell HRS, Nr. 7/8/2004.

Weltzien, D. (2005a): Sozialwissenschaftliche Grundlagen. Studienbuch 1 zum Bildungs- und Sozialmanagement. Remagen.

Weltzien, D. (2005b): Qualifizierung der Spitze. Der berufsbegleitende Fernstudiengang "Bildungs- und Sozialmanagement mit Schwerpunkt frühe Kindheit" (B.A.). In: Hammes-Di Bernardo/ Hebenstreit-Müller: Innovationsprojekt Frühpädagogik. Professionalität im Verbund von Praxis, Forschung, Aus- und Weiterbildung. pfv Jahrbuch 10. Baltmannsweiler.

Autor/in

Prof. Dr. Stefan Sell und Dr. Dörte Weltzien sind an der Fachhochschule Koblenz tätig.



In: Martin R. Textor/Antje Bostelmann (Hrsg.): Das Kita-Handbuch.

https://www.kindergartenpaedagogik.de/fachartikel/ausbildung-studium-beruf/fortbildung-aufbaustudium-supervision/1297