Zitiervorschlag

Kinder stärken – was ist Resilienzförderung und wie kann diese gelingen?

 

„Im Zusammenhang mit dem Wechsel der Blickrichtung in den Human- und Gesundheitswissenschaften zu den Ressourcen und gesunderhaltenden Faktoren findet das Konzept der Resilienz – also der seelischen Widerstandskraft – und seiner Förderung zunehmend Beachtung in Forschung und Praxis […].“  (Fröhlich-Gildhoff & Rönnau-Böse 2018, S. 4)[1]

In diesem Interview befragen wir Frau Maike Rönnau-Böse, die als Professorin für Pädagogik der Kindheit an der Evangelischen Hochschule Freiburg tätig ist.

Was verbirgt sich hinter dem Begriff der Resilienz in den verschiedenen Entwicklungsphasen der frühen Kindheit?

Stärken, Fähigkeiten und Ressourcen von Kindern stehen bei dem Konzept der Resilienz im Vordergrund. Es wird danach gefragt, was Kinder stärkt und wie sie darin unterstützt werden können, ihre Kompetenzen zu entwickeln und zu entfalten. Dabei geht es nicht darum, die Schwierigkeiten und Probleme aus dem Blick zu verlieren, sondern anders mit ihnen umzugehen. Die Resilienzforschung sieht das Kind als „aktiven Bewältiger und Mitgestalter“ seines Lebens (Wustmann 2004, S. 69). Es ist schwierigen und belasteten Lebensumständen nicht hilflos ausgeliefert, sondern hat Ressourcen zur Verfügung, ihnen zu begegnen und sich dabei weiterzuentwickeln. Das bedeutet allerdings nicht, dass Kinder alleine für ihre Entwicklung und positive Bewältigung von Belastungen zuständig sind. Resilienz ist ein „dynamischer Anpassungs- und Entwicklungsprozess“ (Wustmann 2004, S. 28) und wird in der Interaktion des Kindes mit seiner Umwelt erworben. Das bedeutet, dass das Kind selber aktiv auf diesen Prozess einwirken kann, gleichzeitig aber auch auf Unterstützung von außen angewiesen ist.

Übersetzt man den Begriff Resilienz aus dem Englischen („resilience“), dann wird darunter Widerstandsfähigkeit, Elastizität, Spannkraft und Ausdauer verstanden. Übertragen auf den pädagogischen Kontext umschreibt Resilienz damit eine besondere seelische Stabilität, die den erfolgreichen Umgang mit belasteten Lebensumständen und negativen Stressfolgen beinhaltet (vgl. Wustmann 2004). Wächst z.B. ein Kind in einer Familie auf, die mit den Folgen von Armut konfrontiert ist und entwickelt sich trotz dieser schwierigen Bedingungen altersentsprechend, wird von resilientem Verhalten gesprochen.

Resilienz ist aber kein stabiles Merkmal, sondern verändert sich. Dieser Prozess ist von den Erfahrungen und Erlebnissen eines Menschen abhängig. Es geht vor allem darum, dass Kinder die Erfahrung machen, dass sie Aufgaben und Anforderungen erfolgreich bewältigen und sie selber darauf Einfluss nehmen können. Je mehr Möglichkeiten und Unterstützung ein Kind dazu hat, desto leichter wird es ihm fallen, mit schwierigen Situationen umzugehen. Gerade im Säuglings- und Kleinkindalter ist die Unterstützung durch Bezugspersonen dabei entscheidend. Resilienz ist also nicht zu jeder Lebenszeit und bei jedem Menschen gleich, sondern ist eine „variable Größe“. So kann es sein, dass Kinder zu einem Zeitpunkt ihres Lebens resilient sind, zu anderen Zeitpunkten mit anderen Risikolagen jedoch mehr Schwierigkeiten haben die Belastungen zu bewältigen (Opp, Fingerle & Suess, 2020).

Welche Resilienzfaktoren halten Sie für besonders wichtig?

Die seit Beginn der Resilienzforschung durchgeführten Langzeitstudien konnten einen Kern von Schutzfaktoren identifizieren, die eine unangepasste Entwicklung verhindern oder abmildern sowie die Wahrscheinlichkeit einer positiven Entwicklung erhöhen. Dabei kann zwischen personalen und sozialen Ressourcen unterschieden werden. Als stabilster Prädiktor für eine resiliente Entwicklung wurde eine unterstützende und zugewandte Beziehung identifiziert. Insbesondere die Bedeutung von sogenannten kompensatorischen Beziehungen, also z.B. Fürsorgepersonen aus dem erweiterten Familienkreis, Freunde oder pädagogische/pflegerische Fachkräfte wird immer wieder betont. Es zeigt sich, dass es nicht entscheidend ist, zu wem diese Beziehung besteht, sondern wie diese Beziehung gestaltet ist, damit sie sich positiv auswirkt.

Wustmann (2011, S. 352) bezeichnet diese Personen als „Schlüsselpersonen …[die] als ‚Türöffner‘ für neue Perspektiven und Möglichkeiten fungieren, Kraft und Zuversicht ausstrahlen oder Wärme und Geborgenheit geben“. Positive Beziehungen haben nicht nur unmittelbare Auswirkungen, sondern tragen maßgeblich zur resilienten Entwicklung über die Lebensspanne bei bzw. eröffnen spätere Entwicklungsmöglichkeiten (s.o.). Der Erfahrung einer stabilen Beziehung kommt deshalb eine besondere Position im Lebensverlauf zu.

Die Schutzfaktoren auf der personalen Ebene werden häufig als „Resilienzfaktoren“ bezeichnet, da sie maßgeblich dazu beitragen können, Krisen und Belastungen erfolgreicher zu bewältigen. Eine differenzierte Analyse der vorliegenden Studien unter der Resilienzperspektive sowie die Auswertung von bedeutenden nationalen und internationalen Reviews und Überblicksarbeiten zur Thematik zeigt, dass auf personaler Ebene sechs Kompetenzen besonders relevant sind, um Krisensituationen, aber auch Entwicklungsaufgaben und kritische Alltagssituationen zu bewältigen (vgl. Rönnau-Böse, 2013; Fröhlich-Gildhoff & Rönnau-Böse, 2020):

Selbstwahrnehmung umfasst vor allem die ganzheitliche und adäquate Wahrnehmung der eigenen Emotionen und Gedanken. Gleichzeitig spielt die Selbstreflexion eine Rolle, d. h. die Fähigkeit, sich zu sich selbst in Beziehung setzen zu können.  Fremdwahrnehmung meint die Fähigkeit, andere Personen und ihre Gefühlszustände angemessen und möglichst ‚richtig’ wahrzunehmen bzw. einzuschätzen und sich in deren Sicht- und Denkweise versetzen zu können.

Selbstwirksamkeit ist vor allem das grundlegende Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten sowie die Überzeugung, ein bestimmtes Ziel auch durch Überwindung von Hindernissen erreichen zu können. Eine große Bedeutung haben dabei die Erwartungen, ob das eigene Handeln zu Wirkungen (und Erfolgen) führt oder nicht. Diese Erwartungen steuern schon im Vorhinein das Herangehen an Situationen und Aufgaben, damit auch die Art und Weise der Bewältigung, und führen so oftmals zu einer Bestätigung des eigenen Selbstwirksamkeitserlebens. Selbstwirksame Kinder haben auch eher das Gefühl, Situationen beeinflussen zu können (sog. internale Kontrollüberzeugungen) und können die Ereignisse auf ihre wirkliche Ursache hin realistisch beziehen (realistischer Attributionsstil).

Soziale Kompetenz umfasst die Fähigkeit, im Umgang mit anderen soziale Situationen einschätzen und adäquate Verhaltensweisen zeigen zu können, sich emphatisch in andere Menschen einfühlen zu können sowie sich selbst behaupten und Konflikte angemessen lösen zu können. Es geht aber auch darum, auf andere Menschen aktiv und angemessen zugehen zu können, Kontakt aufzunehmen sowie zwischenmenschliche Kommunikation aufrecht zu erhalten und adäquat zu beenden. Des Weiteren zählt zur sozialen Kompetenz die Fähigkeit, sich soziale Unterstützung zu holen, wenn dies nötig ist.

Sich selbst regulieren zu können, umfasst die Fähigkeit, eigene innere Zustände, also hauptsächlich Gefühle und Spannungszustände herzustellen und aufrechtzuerhalten und deren Intensität und Dauer selbständig zu beeinflussen bzw. kontrollieren zu können – und damit auch die begleitenden physiologischen Prozesse und Verhaltensweisen zu regulieren. Dazu gehört bspw. das Wissen, welche Strategien zur Selbstberuhigung und Handlungsalternativen es gibt und welche individuell wirkungsvoll sind.

Unter Problemlösen wird die Fähigkeit verstanden, „komplexe, … nicht eindeutig zuzuordnende Sachverhalte gedanklich zu durchdringen und zu verstehen, um dann unter Rückgriff auf vorhandenes Wissen Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln, zu bewerten und erfolgreich umzusetzen“ (Leutner et al., 2005, S. 125). Dabei ist es wichtig, systematisch vorzugehen und dabei das jeweilige Problem zu analysieren, Lösungsmöglichkeiten, -mittel und -wege abzuwägen und dann gleichfalls systematisch auszuprobieren. Dabei können unterschiedliche Problemlösestrategien – z.B. eine sorgfältige Ziel-/Mittelanalyse – angewandt werden. Die einfachste, oft nicht zielführende Strategie ist das „Versuchs-/Irrtumsverhalten“. Kinder müssen – und können – solche übergeordneten Problemlösestrategien erlernen.

Menschen empfinden den Charakter von belastenden und/oder herausfordernden, als „stressig“ erlebten Situationen unterschiedlich. Es geht darum zu lernen, solche Situationen angemessen einschätzen, bewerten und reflektieren zu können – um dann die eigenen Fähigkeiten in wirkungsvoller Weise zu aktivieren und umzusetzen, um die Stress-Situation zu bewältigen.  Bedeutsam für den Umgang mit Stress ist dabei, das aktive Zugehen auf solche Situationen und das aktive wie angemessene Einsetzen von Bewältigungsstrategien. Zum adäquaten Umgang mit Stress gehört allerdings ebenfalls das Kennen der eigenen Grenzen und Kompetenzen und die Fähigkeit, sich (dann) soziale Unterstützung zu holen.

Diese sechs Faktoren sind nicht unabhängig voneinander – so ist eine adäquate Fremdwahrnehmung eine wichtige Grundlage für die Entwicklung sozialer Kompetenz – die hier erfolgte getrennte Darstellung der Faktoren hat eine analytische Funktion.

Könnten Sie uns einige Beispiele nennen, wie Risiko- und Schutzfaktorenkonzepte in Kindertageseinrichtungen hinsichtlich der Resilienzförderung umgesetzt werden können?

Resilienzförderung sollte immer als ganzheitliches Konzept verstanden werden und nicht als ein kurzfristiges Projekt oder Einzelaktion. Dies bedeutet für eine Kindertageseinrichtung eine konzeptionelle Verankerung, in dessen Prozess die gesamte Organisation mit eingebunden wird. In diesem Sinne ist ein Mehrebenenansatz angezeigt, der durch (1) eine Qualifizierung der pädagogischen Fachkräfte, (2) eine konkrete Förderung der Resilienzfaktoren auf Ebene der Kinder, (3) die Resilienzförderung auf der Ebene der Bezugspersonen und (4) einen Aufbau institutioneller Netzwerke gekennzeichnet ist (vgl. Rönnau-Böse & Fröhlich-Gildhoff, 2020).

Grundlage für eine gelingende Resilienzförderung auf Ebene der Kinder ist der Aufbau einer warmen Beziehung. Auf dieser Basis kann das Kind neue Erfahrungen zulassen und die Welt für sich entdecken. Eine weitere Bedingung ist eine Orientierung an den Stärken und Kompetenzen des Kindes. Diese sollten dem Kind bewusstgemacht werden, damit es ein positives Selbstkonzept entwickeln kann. Gleichzeitig unterstützt eine stärkenorientierte Sichtweise auch bei der Bewältigung von Schwierigkeiten. Auf dieser Grundlage können die Resilienzfaktoren täglich im Alltag gefördert werden.

Könnten Sie uns abschließend einige Beispiele nennen, wie pädagogische Fachkräfte Kleinkinder in der Entwicklung von resilienten Fähigkeiten unterstützen können?

Exemplarisch soll hier auf einen Faktor eingegangen werden, der für Kleinkinder eine besondere Rolle spielt: die Selbstwirksamkeit. Selbstwirksamkeit gehört im Kleinkindalter zu den wichtigsten Resilienzfaktoren. Kinder, die schon früh Selbstwirksamkeitserfahrungen machen können, trauen sich später mehr zu. Sie kennen ihre eigenen Stärken und wissen, dass sie ihre Ziele durch eigene Fähigkeiten und Anstrengungen erreichen können. Gleichzeitig lernen sie dadurch aber auch ihre Grenzen kennen und wissen, wo und wann sie Unterstützung benötigen.

Für diese Erfahrungen sollte das Kind möglichst viel (alleine) ausprobieren dürfen und ihm Aufgaben zugemutet werden. Diese Aufgaben müssen allerdings auf jedes Kind individuell zugeschnitten sein. Es muss für das Kind eine machbare Herausforderung sein und in seiner „Zone der nächsten Entwicklung“ liegen (Wygotski, 1987). Am besten sind es Aufgaben aus dem Alltag, wie z.B. sich alleine die Jacke anziehen, alleine essen, beim Aufräumen helfen usw. Wichtig ist es, dem Kind etwas zuzutrauen. Nur ein Kind, dem etwas zugetraut wird, vertraut später auch auf sich selbst. Unterstützend dabei ist das Bewusstmachen der Handlungsschritte. Das Kind muss sich bewusstwerden, welche seiner Fähigkeiten es für den Erfolg eingesetzt hat, dass es selber Verursacher der Handlung ist (Urheberschaftserfahrungen) (vgl. Rönnau-Böse & Fröhlich-Gildhoff, 2020). Pädagogische Fachkräfte sollten alle sogenannten Schlüsselsituationen (Füttern, Wickeln, An-/Ausziehen, Freispiel) nutzen, um die oben genannten Resilienzfaktoren zu unterstützen (weitere konkrete Beispiele dazu finden sich bei Kaiser, 2019).

Literatur

Fröhlich-Gildhoff, K. & Rönnau-Böse, M. (2019). Resilienz. 5. Aufl. München: Reinhardt

Kaiser, S. (2019). Resilienzförderung bei Kindern unter drei Jahren. Wiesbaden: Springer

Opp, G., Suess, G. & Fingerle, M. (2020). Kinder stärken. 4. Aufl. München: Reinhardt

Rönnau-Böse, M. (2013). Resilienzförderung in der Kindertagesstätte – Evaluation eines Präventionsprojekts im Vorschulalter. Freiburg: FEL

Rönnau-Böse, M. & Fröhlich-Gildhoff, K. (2020). Resilienzförderung im Kita-Alltag. 3. Auflage. Freiburg: Herder

Wustmann, C. (2011). Resilienz in der Frühpädagogik – Verlässliche Beziehungen, Selbstwirksamkeit erfahren. In M. Zander (Hrsg.), Handbuch Resilienzförderung (S.350-359). Wiesbaden: VS

Wustmann, C. (2004). Resilienz. 2.Aufl. Düsseldorf: Cornelsen

Wygotski, L. (1987). Ausgewählte Schriften. Band 2: Arbeiten zur psychischen Entwicklung der Persönlichkeit. Köln: Pahl-Rugenstein

[1] https://www.br-online.de/jugend/izi/deutsch/publikation/televizion/31_2018_1/Froehlich-Gildhoff_Roennau-Boese-Resilienz.pdf



In: Martin R. Textor/Antje Bostelmann (Hrsg.): Das Kita-Handbuch.

https://www.kindergartenpaedagogik.de/fachartikel/bildungsbereiche-erziehungsfelder/soziale-und-emotionale-erziehung-persoenlichkeitsbildung/kinder-staerken