Zitiervorschlag

Die Bedeutung der Narrative in der sozialen Interaktion

Antje Bostelmann

 

Einleitung

Das Wort „narrativ“ bedeutet einfach übersetzt „erzählend“. Es geht bei diesem Begriff nicht um die Erzählung selbst, sondern darum, wie etwas erzählt wird. Die Form der Darstellung ist entscheidend dafür, wie der erzählte Inhalt verstanden wird und was er beim Zuhörer bewirkt.

„Ein Narrativ ist eine sinnstiftende Erzählung, die Einfluss hat auf die Art, wie die Umwelt wahrgenommen wird. Es transportiert Werte und Emotionen, ist in der Regel auf einen bestimmten Kulturkreis bezogen und unterliegt dem zeitlichen Wandel. In diesem Sinne sind Narrative keine beliebigen Geschichten, sondern etablierte Erzählungen, die mit einer Legitimität versehen sind“ (Wikipedia).

Es gibt viele Beispiele dafür, wie stark Narrative wirken und wie sehr sie die Gemeinschaft bündeln oder spalten können. Wir erleben dies aktuell an der Diskussion um die Impfungen. Es werden die grausigsten Geschichten erzählt, um Menschen davon abzuhalten, ihre Kinder impfen zu lassen. Es ist kaum möglich mit sachlichen Argumenten dagegen anzukommen. Das Narrativ der Impfgegner/innen enthält wenig Wahrheit, ist aber in seiner Emotionalität sehr stark. Narrative sind nicht von der Wahrheit getrieben, sondern von Vereinfachungen und Emotionen, die ein gemeinsames Bild bei den Zuhörer/innen erzeugen. Man kann auch sagen: Menschen orientieren sich an mehrheitlich getragenen Meinungen und richten ihre Entscheidungen daran aus.

Dies machen sich Werbung und Politik zu Nutze. Die in Werbespots immer wieder vermittelte Geschichte von der Mutter, die sich glücklich mit einem Schokoriegel in der Hand auf der Gartenbank ausruht, während ihre Kinder mit einem Schokoriegel der gleichen Sorte versorgt, zufrieden spielen, verleitet Menschen dazu, in Stresssituationen zum Schokoriegel zu greifen, oder ihre Kinder mit Schokolade zu beruhigen. Werbung funktioniert auf diese Weise, das ist vielen Menschen klar. Trotzdem ist es sehr schwer, sich davor zu schützen.

In der Politik wird über Narrative Macht gebündelt. Mit geschickt erzählten Sachverhalten lassen sich politische Gegner/innen ausschalten. Etwas Schlechtes über jemand Anderen in Umlauf zu bringen und ihn damit möglichst dauerhaft aus dem Rennen zu werfen, ist ein Vorgehen, welches so alt ist wie die Menschheit. 

Intrigen wurden im alten Rom und an den Fürstenhöfen des Mittelalters gesponnen, sie haben den Verlauf der Menschheitsgeschichte mehr bestimmt, als wir uns heute vorstellen können.
Narrative können Menschen bewegen, sie bestimmen, wofür Menschen sich entscheiden. Dies kann positive wie negative Auswirkungen haben.

Das pädagogische Narrativ

In der Pädagogik spielen Narrative eine andere Rolle. Wir Pädagog/innen, Eltern und Großeltern machen uns die Macht der Erzählung zu Nutze, wenn wir Kinder erziehen und ihnen Wissen vermitteln wollen. Kinder lieben Geschichten. Es ist wunderbar den Eltern oder Großeltern zuzuhören, wenn sie Geschichten aus dem Leben der Familie erzählen, berichten, wie sie früher gelebt haben oder wie es dazu gekommen ist, dass Oma und Opa geheiratet haben.

Geschichten vermitteln Bilder und Wissen, in ihnen werden Zusammenhänge verdeutlicht und emotional nachvollziehbar gemacht. Beim Erzählen und Anhören von Geschichten gelangen Kinder zu Einsichten und dadurch zum Verstehen von komplexen Zusammenhängen über die erzählte Thematik. Geschichten spielen in der Erziehung und Bildung von Kindern eine wichtige Rolle. In allen Zeiten wurde Wissen über erzählte Geschichten transportiert und dadurch kulturelle und soziale Zugehörigkeit geschaffen.

Maria Montessori hat uns die Methode der kosmischen Erzählung hinterlassen. Dies ist eine Art und Weise, wie das Kind zu Verständnis für die Zusammenhänge der Natur, der Entwicklung der Menschheitsgeschichte und der Funktionsweise gesellschaftlicher Strukturen kommen kann. Wie wirksam eine Geschichte ist, hängt davon ab, wie sie erzählt wird. Es geht beim Erzählen darum, Spannung zu erzeugen, Neugier zu wecken und die innere Beteiligung der zuhörenden Kinder am Geschehen zu erreichen. Eine vorhandene emotionale Beziehung ist dabei sehr hilfreich. Die Atmosphäre im Raum und die Art wie Erzählende und Zuhörerende zusammenkommen, spielen ebenfalls eine wichtige Rolle. Das Erzählen wird durch Bilder unterstützt.
Aufgeschriebene Geschichten in Kinderbüchern unterstützen das Erzählen ebenfalls. Wir können vorlesen, vorsingen, Reime vortragen oder frei erzählen. In pädagogischen Settings nutzen wir auch die Situation des gemeinsamen Aufsagens von Reimen oder des gemeinsamen Singens von Liedern.

                                     Es kommt sehr darauf an wie erzählt wird.

Erzählungen, die von real vorhandenen Menschen vorgetragen werden, sind für Kinder wichtig und deshalb auch den auf Bildschirmmedien abgespielten Erzählungen vorzuziehen. In der direkten Interaktion können die Kinder durch Fragen oder Bemerkungen eine Reaktion des Erzählers oder der Erzählerin hervorlocken und so Einfluss auf die Erzählweise der Geschichte nehmen. Die Kinder können mitmachen und mitdenken. Es ist schön, wenn in der Kindergartengruppe gemeinsam über die eben gehörte Geschichte gesprochen wird. Das aus der Geschichte verstandene Wissen kann mit anderen geteilt, verändert und vertieft werden. Geschichten lassen sich auf diese Weise im Spiel weiterdenken und emotional verarbeiten, z.B. lässt sich ein gutes in ein gefährliches Ende umwandeln, oder umgekehrt.
In der Pädagogik wird traditionell mit narrativen Materialien gearbeitet. Bilderbücher, Tischtheater, Tafeln, auf denen die Geschichte in einzelnen Bildern dargestellt ist, Handpuppenspiel, Erzählkarten usw. sind narrative Materialien, die in vielen Kulturen traditionell verankert sind. In der Klax Pädagogik integrieren wir die Arbeit mit narrativen Materialien in den pädagogischen Alltag. Wir arbeiten mit Geschichtensäckchen, Geschichtenboxen, Bilderbüchern, Bücherkisten und -leisten, Erzählblöcken, -leisten oder -karten und Geschichtenwänden bzw. narrativen Wänden, die zur Ausstattung in den Einrichtungen gehören. Es sollte keinen Kindergarten und keine Krippe geben, in der diese Materialien nicht vorhanden sind, nicht weiter entwickelt und im pädagogischen Alltag genutzt werden, denn mit Hilfe von narrativen Materialien bekommen erzählte Geschichten die Präsenz im Kindergartenalltag, die ihnen zusteht.

Geschichten vermitteln Wissen, sorgen für tiefes Verstehen und ermöglichen es dem Kind Ableitungen zu treffen, Sachverhalten allein auf den Grund zu gehen und so selbst Wissen zu entwickeln. Gut erzählte Geschichten tragen zur Entwicklung der Selbstständigkeit bei. Die Arbeit mit Narrativen ist ein wesentlicher Bestandteil des didaktischen Vorgehens in Bildungssituationen und dient:

  1. der Motivation der Kinder, indem zum Beispiel vor der Gruppe ein bestimmtest Verhalten oder eine Leistung eines Kindes positiv hervorgehoben wird. Dieses Kind wird stolz sein und sich ermutigt fühlen seine Fähigkeiten weiter auszubauen. Jedes Kind sollte in einem überschaubaren Zeitraum solch eine Art der Wertschätzung erfahren.
  2. der positiven Einflussnahme auf Gruppenprozesse, indem Geschichten über richtiges oder falsches Verhalten erzählt werden. Diese Geschichten werden in einem sehr wichtigen und Aufmerksamkeit bindenden Ton erzählt, die Konsequenzen von falschem Verhalten werden mit vermittelt.
  3. der sozialen Gemeinschaft, indem die eigene Gruppe zum Thema gemacht wird. Erlebnisse aus dem Gruppenalltag können nacherzählt werden. Solche Geschichten erzählen von Verantwortung und Zusammenhalt und stärken diese gleichzeitig. Damit solche Geschichten erzählt werden können, braucht es die Morgen- und Abschlusskreise. Es braucht die Möglichkeit Verantwortung für einen bestimmten Bereich zu tragen und die Fähigkeit des gemeinsamen Handelns für die große Gemeinschaft.
  4. Dem Wissenserwerb, in dem sich pädagogische Fachkräfte überlegen, wie sie wichtige Dinge kindgerecht erklären können. Didaktische Überlegungen drehen sich um die Aufbereitung von Wissen in einer Art und Weise, die Lernen erleichtert. Der Kern der Didaktik in Krippe und Kindergarten ist das forschende und entdeckende Lernen, welches Kinder in der Gemeinschaft der Gruppe und in aktiver Beteiligung des Erwachsenen, unter großzügiger Einräumung von Zeit und bewusst gestalteten Raumarrangements zu Lernabenteuern einlädt. Diese Lernabenteuer sind in Geschichten eingebunden, die von den Kindern selbst erfunden, oder durch die Pädagogen angeregt wurden.

Erzählt wird eben nicht nur fantasievolles Literaturgeschehen aus Bilderbüchern. Jede Erklärung, die wir den Kindern geben, jedes Erlebnis, welches die Gruppe gemeinsam macht, welches ein Kind im Morgenkreis erzählt, ist eine Geschichte, die Wissen vermittelt, Verhalten beeinflusst und den Zusammenhalt stärkt.

Narration durch Raumgestaltung

Whiteboard-Wände können in Kindergärten als didaktische Elemente genutzt werden. Sie machen es möglich, dass im Rollenspielraum ein Film über die Müllabfuhr läuft, die Mondlandung immer wieder nachvollzogen werden kann, Tiere in der Savanne beobachtet werden können usw. Diese Anregungen finden  dann ihren Weg in das Spiel der Kinder, werden zu gespielten Geschichten, in denen Hindernisse überwunden und Zusammenhänge verstanden werden. Bildliche und filmische Darstellungen sind wichtige didaktische Hilfsmittel, da sie Geschichten transportieren.

Räume in Kindereinrichtungen sollen anregend gestaltet sein. Das weiß jeder, doch wie lassen sich Räume in die didaktischen Überlegungen der Pädagog/innen einbeziehen? Wie können wir in den Räumen Gesprächsanlässe schaffen, Neugier erzeugen und gleichzeitig für Anbindung, Sicherheit und Zugehörigkeit sorgen?

Die Geschichte davon, wie der Tag abläuft, was sich wo befindet und wer zu wem gehört, muss in jedem Kindergarten täglich auf die gleiche Weise erzählt werden und darf nicht durch strukturelle Ausrutscher gefährdet werden. Wenn eine Erzieherin krank ist und der Morgenkreis ausfällt, ist das eine Störung, dieser Sicherheit gebenden und Zugehörigkeit vermittelnden Geschichte vom Tagesablauf, die leicht zu vermeiden gewesen wäre. Die Anordnung der Dinge im Raum, ist eine Narration, die sinnvoll den Tagesablauf und die Gruppenzusammengehörigkeit unterstützt.

Neben der Ausstellung von Büchern in Regalen, die den Buchtitel sichtbar machen, dem Anbringen von Geschichtenwänden und dem Bereitstellen von Geschichtenboxen und -säckchen, gibt es noch viele weitere Dinge, die das Erzählen anregen und das Lernen fördern. Das können unter anderem sein:

Die Narration ist ein wichtiges Werkzeug für Pädagog/innen. Die erzeugten Narrative sind, wie anfangs schon erwähnt, sehr wirkungsvoll und können positive wie negative Auswirkungen haben. Deshalb ist es für pädagogische Fachkräfte besonders wichtig sich des eigenen Umgangs mit der Art, wie Geschichten erzählt werden, bewusst zu sein.

Es gehört dazu, sich gegenseitig zu reflektieren und sich dabei mitzuteilen, wie deutlich, wie anregend und emotional bindend die Kommunikation mit den Kindern stattfindet. Es gibt sicher immer Verbesserungsmöglichkeiten. Eine gelingende pädagogische Interaktion braucht die aktive Haltung der Erzieherin. Es muss darauf geachtet werden, dass die Art von Narrativen, die jemanden schlecht aussehen lassen, oder sogar zu Mobbing im Team führen, nicht zugelassen werden.

Fazit

Narrative, also Erzählungen sind ein wesentliches didaktisches Mittel in der Pädagogik. Sie vermitteln Zusammenhalt, Sinn, Motivation und Wissen. In sozialen Strukturen wie Kindergruppen, Teams, Familien und anderen Gruppen sorgen Narrative für Zugehörigkeit, Motivation und Entscheidungsfähigkeit, können aber auch ausgrenzen und zerstörend wirken. Es hängt davon ab, welche Geschichte transportiert und wie die Erzählung vorgetragen wird. Sich dieses Zusammenhangs bewusst zu sein, ist ein wichtiger Teil pädagogischer Professionalität.



In: Martin R. Textor/Antje Bostelmann (Hrsg.): Das Kita-Handbuch.

https://www.kindergartenpaedagogik.de/fachartikel/bildungsbereiche-erziehungsfelder/sprache-fremdsprachen-literacy-kommunikation/die-bedeutung-der-narrative-in-der-sozialen-interaktion