Zitiervorschlag

Rettet das Freispiel! Plädoyer gegen die Verschulung des Kindergartens

Martin R. Textor

 

Insbesondere seit Verabschiedung von Bildungs- bzw. Orientierungsplänen seitens der zuständigen Länderministerien verändert sich die pädagogische Arbeit in vielen Kindertageseinrichtungen:

Solche und ähnliche Entwicklungen führen zu einer Verschulung des Kindergartens (Fölling-Albers 2008). Der Tag in der Einrichtung wird immer häufiger nach einem detaillierten Zeitplan gestaltet, bestimmte Bildungsbereiche ("Fächer") werden nacheinander "abgearbeitet", relativ altershomogene Gruppen werden für besondere Aktivitäten gebildet, "schulische" Methoden wie der "erzieherinorientierte" "Unterricht" (z.B. in der Form der Präsentation eines Experiments) und das Ausfüllen von Arbeitsblättern werden eingesetzt.

Zur gleichen Zeit erfahren Erkenntnisse der Hirnforschung und der Entwicklungspsychologie eine seit vielen Jahrzehnten nicht mehr erlebte Verbreitung durch die Medien, die ein in Kindertageseinrichtungen zunehmend ignoriertes Bild vom Kleinkind zeichnen: das Bild eines neugierigen, eigenaktiven, selbsttätigen "Forschers", der eine Unmenge an Informationen aufnimmt, diese verarbeitet und in "intuitive Theorien" eingliedert (Textor 2010). Nach diesen Forschungsergebnissen benötigen Kleinkinder viel Freiraum zur Erkundung der natürlichen und kulturell geprägten Umwelt, zum selbstständigen Beobachten und Erforschen - im Spiel.

Weshalb werden diese Erkenntnisse von vielen Erzieher/innen ignoriert? Glauben sie, mehr gesellschaftliche Anerkennung zu erfahren, wenn sie sich am Rollenmodell "Lehrerin" orientieren? Haben die Erzieher/innen Angst, weiterhin als "Spiel- und Basteltanten" verunglimpft zu werden? Ist die Ursache darin zu finden, dass immer mehr Eltern auf der "Schulfähigkeit" ihrer Kinder fokussieren und "schulvorbereitende Angebote" fordern? Liegt es daran, dass das "Spielen" kaum noch in den Bildungsplänen und in der frühpädagogischen Fachliteratur thematisiert wird? (Und wenn, nur in der Form eines reinen Lippenbekenntnisses: "Das Spiel ist die kindgemäße Form des Lernens"...).

Meines Erachtens ist diese Entwicklung weg vom Spiel und hin zu verschulten Beschäftigungen dadurch mitbedingt, dass viele Bildungspolitiker/innen, Erzieher/innen und Eltern nicht die bildende Wirkung des Freispiels und des Rollenspiels verstehen. Und dabei haben sich ganz bekannte Wissenschaftler mit der Bedeutung des Spiels befasst! Eine Auswahl:

Wie umfassend die kindliche Entwicklung im Spiel gefördert wird, zeigen auch Klassifikationen wie die von Karl Groos (1899), der zwischen Spielen der "sensorischen Apparate", der "motorischen Apparate", der "höheren seelischen Anlagen" (intellektuelle Fähigkeiten, Gefühle, Wille) und der "Triebe zweiter Ordnung" (Nachahmungs-, Kampf- und soziale Spiele) unterscheidet. Die verschiedenen Spielformen werden deutlich, wenn man z.B. wie Lotte Schenk-Danzinger (1988) zwischen Funktions-, Fiktions-, Rollen-, Konstruktions- und Regelspielen differenziert. Auffallend ist, dass sich Wissenschaftler kaum mit dem angeleiteten Spiel befasst haben. Sie scheinen ihm keine große bildende Wirkung beizumessen.

Gerade dadurch, dass Philosophen, Psychologen und Pädagogen immer nur einzelne Aspekte des Spiels beleuchtet haben (s.o.), wird deutlich, wie komplex es ist und wie viele Facetten der kindlichen Entwicklung es beeinflusst. Deshalb sollten das Freispiel und das Rollenspiel weiterhin im Mittelpunkt der pädagogischen Arbeit in Kindertageseinrichtungen stehen. So plädiert auch Gerd E. Schäfer (2006) dafür, das Spiel nicht durch vorgegebene Aktivitäten und Lernprogramme zu ersetzen: "... je mehr dieser offene Gestaltungsprozess gehindert wird - vielleicht zugunsten geregelter bis deterministischer Abläufe - desto mehr verwandelt sich Zeit von gestalteter Zeit in einfach verbrauchte Zeit. Spiel hingegen ist Bildungszeit. Eine Grundfrage der Pädagogik muss dann lauten, wie die Bedingungen beschaffen sein können, damit Komplexität sich in Bildungsprozessen organisieren kann und nicht den Zerfall von Zusammenhängen beschleunigt" (S. 40).

Freispiel und Rollenspiel dürfen aber keinesfalls den Kindern überlassen, sondern müssen von den Erzieher/innen gepflegt werden, beispielsweise indem

Erzieher/innen sollten spielende Kinder also genau beobachten und eingreifen, wenn diese die im Spiel liegenden Bildungschancen nicht nutzen. Sie können dann durch Mitspielen bzw. Anleitung die Qualität des Frei- oder Rollenspiels verbessern, neue Ideen einbringen oder durch Fragen (kognitive) Anregungen bieten. Besonders wichtig ist, dass sie sich immer wieder als Gesprächspartner zur Verfügung stellen, sodass gemeinsame längere Denkprozesse entstehen können, Wissen ko-konstruiert werden kann und Metakommunikation ermöglicht wird. Dann wird die kognitive Entwicklung von Kleinkindern am intensivsten gefördert.

Literatur

Bollnow, O.F. (1977): Die Pädagogik der deutschen Romantik. Von Arndt bis Fröbel. Stuttgart: Kohlhammer, 3. Aufl.

Fölling-Albers, M. (2008): Kinder und Kindheit im Blick der Erziehungswissenschaft. In: Thole, W./Roßbach, H.-G./Fölling-Albers, M./Tippelt, R. (Hrsg.): Bildung und Kindheit. Pädagogik der Frühen Kindheit in Wissenschaft und Lehre. Opladen, Farmington Hills: Verlag Barbara Budrich, S. 33-47

Freud, S. (1908): Der Dichter und das Phantasieren. http://gutenberg.spiegel.de/buch/kleine-schriften-i-7123/12

Groos, K. (1899): Die Spiele der Menschen. Jena: Gustav Fischer

Rousseau, J.J. (1762): Spiel als zwanglose Natürlichkeit. In: Scheuerl, H. (Hrsg.): Theorien des Spiels. Weinheim, Basel: Beltz, 10. Aufl. 1975, S. 21-23

Schäfer, G.E. (2006): "Spiel" (Version vom 31.01.2006). https://www.hf.uni-koeln.de/data/eso/File/Schaefer/Vorlesung_Spiel.pdf

Schenk-Danzinger, L. (1988): Entwicklungspsychologie. Wien: Österreichischer Bundesverlag, 20. Aufl.

Schiller, F. (1794): Über die ästhetische Erziehung des Menschen, in einer Reihe von Briefen. Fünfzehnter Brief. http://gutenberg.spiegel.de/buch/-3355/3

Textor, M.R. (2010): Gehirnentwicklung im Kleinkindalter - Konsequenzen für die frühkindliche Bildung. http://www.kindergartenpaedagogik.de/779.html

Autor

Dr. Martin R. Textor studierte Pädagogik, Beratung und Sozialarbeit an den Universitäten Würzburg, Albany, N.Y., und Kapstadt. Er arbeitete 20 Jahre lang als wissenschaftlicher Angestellter am Staatsinstitut für Frühpädagogik in München. Von 2006 bis 2018 leitete er zusammen mit seiner Frau das Institut für Pädagogik und Zukunftsforschung (IPZF) in Würzburg. Er ist Autor bzw. Herausgeber von 45 Büchern und hat 770 Fachartikel in Zeitschriften und im Internet veröffentlicht.
Homepage: https://www.ipzf.de
Autobiographie unter http://www.martin-textor.de



In: Martin R. Textor/Antje Bostelmann (Hrsg.): Das Kita-Handbuch.

https://www.kindergartenpaedagogik.de/fachartikel/freispiel-spiele/1681