„Dies Land bleibt Deutsch!“ – Tübinger Einblicke in die Vorbereitung angehender NSV-Kindergärtnerinnen auf „Germanisierungseinsätze“ im besetzten Polen

Einleitung und Überblick

Das nationalsozialistische Regime maß Kindergärten und Kindergärtnerinnenausbildung einen hohen gesellschaftspolitischen Stellenwert bei und priorisierte deren Gründung und Betrieb auch in den entlegensten Gebieten (Harvey 2009: 319). Von der staatlich vorgegebenen und ideologisch durchdrungenen Erziehungsarbeit erhoffte man sich eine intensive Indoktrinierung von Kindesbeinen an (Berger 2019: 81), wofür sich insbesondere die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt (NSV) einsetzte. Auch versprach man sich von einer flächendeckenden Kindergartenbetreuung staatlichen Zugriff auf die private Sphäre von Familien – besonders in den besetzten Gebieten ab 1938 (Harvey 2009: 319).

Während der Germanisierungsverbrechen im besetzten Polen bildeten Kindergärten in vielen neu angesiedelten „Volksdeutschen“-Gemeinden den ideologischen wie räumlichen Ortskern. Kindergärtnerinnen aus dem „Altreich“ sollten die neu angesiedelten Familien auf eine „deutsche Lebensweise“ einschwören und deren politische Zuverlässigkeit überwachen (ebd.: 348f.). Auch aus Tübingen wurde im Sommer 1943 eine Gruppe angehender Kindergärtnerinnen in das sog. Wartheland entsandt, um daran mitzuwirken. Ihre überlieferten Berichte zeugen davon, wie die rassistischen, kriegsverherrlichenden und expansionspolitischen NS-Ideologien in die Ausbildung von Kindergärtnerinnen implementiert und diese auf sog. Osteinsätze im besetzten Polen vorbereitet wurden (SAT: E 10/N 220).

Das vorliegende Fallbeispiel des Tübinger NSV-Seminars für soziale und sozialpädagogische Berufe (1942–1945) ist im Forschungskontext zur Rolle von NS-Frauenorganisationen in den besetzten Gebieten verortet. Im Fokus steht deren Mitverantwortung an den NS-Verbrechen des „Generalplan Ost“, dessen Akteur:innen massenhaft Vertreibung, Zwangsumsiedlung, Kinderraub, Versklavung und Ermordung zu verantworten hatten. Die Recherchen stützen sich auf die Originalquellen zum Tübinger NSV-Seminar im Stadtarchiv Tübingen und sind im Zuge der Aufarbeitung der Biografie von Friedel Buchner – der Schulleiterin des Seminars – entstanden (Lang 2026). Der vorliegende Artikel skizziert zunächst Entstehung und Betrieb des Tübinger NSV-Seminars und verknüpft anschließend die transkribierten und ausgewerteten Berichte zur Entsendung der Schülerinnen mit dem zeitgeschichtlichen Kenntnisstand zur „Germanisierung“ Polens.

Das Tübinger NSV-Seminar für Soziale und Sozialpädagogische Berufe

Das Tübinger NSV-Seminar für soziale und sozialpädagogische Berufe bildete zwischen 1942 und 1945 unter der Leitung der Kinderpflegerin und Jugendleiterin Friedel Buchner insgesamt 42 nationalsozialistisch gesinnte Kindergärtnerinnen und Jugendleiterinnen aus (ebd.). Auf Bestrebungen zentraler partei- und bildungspolitischer Akteure in Tübingen und Württemberg-Hohenzollern bildete die Ausbildungsstätte einen Vorposten des geplanten Sozialpädagogischen Instituts (Hantke 2020). Dieses sollte als Prestigeobjekt der Tübinger Universität angegliedert werden, um Tübingen als Hochschulstandort in der NS-Wissenschaftslandschaft eine bessere Stellung zu verschaffen – die Gründung kam allerdings nie zustande (ebd.).

Die Dringlichkeit der Einrichtung des Seminars begründete sich 1941 in der stetig wachsenden Nachfrage nach parteitreuen Erziehungsfachpersonen und entsprechenden Ausbildungsstätten (Konrad 2004: 163). Nachdem sich die NSV gegen andere NS-Organisationen in der Steuerung des Kindergartenwesens durchgesetzt und zunehmend konfessionelle Institutionen zurückgedrängt hatte, bestand ein erheblicher Bedarf nach NSV-Erzieherinnen (Berger 2019: 26). In der näheren Umgebung betrieb die NSV deshalb weitere Seminare in Buchau und Stuttgart (HSTAS: E 200 b Bü 160). Insbesondere für den ebenfalls am Tübinger Seminar angebotenen Lehrgang der Jugendleiterin, dem Berufsbild nach Vorläuferin der Sozialpädagogin (Amthor 2015), fand sich 1941 im gesamten süddeutschen Raum keine andere Ausbildungsstätte im Sinne der NS-Ideologie (SAT: A 150/1221).

Eine Ausbildung an einem NSV-Seminar galt als besonders prestigereich, und nur besonders linientreuen und „rein arischen“ jungen Frauen ab 16 Jahren, die sich etwa als Führerinnen beim Bund Deutscher Mädel (BDM) oder einer anderen NS-Organisation profiliert hatten, wurde der Zugang gewährt (Konrad 2004: 166). Gemäß NS-Bildungspolitik, die der Vorschulbildung eine besondere Rolle zudachte, sollten Kindergärtnerinnen die ihnen anvertrauten Menschen auf das NS-Konstrukt der Volksgemeinschaft einschwören (Schreiber 2009: 42). Demnach waren sie durch Schulfächer wie „nationalpolitische Erziehung“ sowie Inhalte der Rassenpädagogik darin geschult worden, in ihrer alltäglichen Betreuungs- und Erziehungsarbeit ein Bewusstsein dafür zu schaffen, zu einem „wehrhaften Herrenvolk“ zu gehören, das sich seinen „Lebensraum“ zu erobern wisse – ganz besonders in den eroberten polnischen Gebieten (ebd.: 101f.).

Die Tübinger NSV-Schülerinnen besuchten zu diesem Zweck rassenpädagogische und rassenpsychologische Lehrveranstaltungen an der Tübinger Universität und implementierten die pseudowissenschaftlichen Inhalte der „arischen Weltanschauung“ des völkischen Religionswissenschaftlers Jakob Wilhelm Hauer in die Vorschulpädagogik (Lang 2026). Alltag und Jahresprogramm am Seminar waren mit Soldatensonntagen, Besuchen von Parteifunktionär:innen und einem neopagan umgedeuteten Weihnachtsfest fest an die NS-Weltanschauungslehre rückgebunden (ebd.).

„Gegen jeden polnischen Kindergarten müssen wir einen deutschen setzen“: Jugendleiterinnen und Kindergärtnerinnen als Akteurinnen des „Generalplan Ost“

Um ihre praktischen Fähigkeiten als Erzieherinnen zu erproben, wurden im Sommer 1943 einige der Tübinger NSV-Schülerinnen ins „Wartheland“ entsandt. Bei diesem Aufenthalt betreuten die jungen Frauen vor allem Familien und Kindergartenkinder, erkundeten das Land und organisierten propagandistische Dorffeste. Den zeithistorischen Rahmen dieser Aktivitäten bildet das NS-Germanisierungsprojekt „Generalplan Ost“ (Madajczyk 1994). Bei der „Germanisierung“ Polens sollte in dem ab September 1939 völkerrechtswidrig angeeigneten Gebiet „Lebensraum“ für die „Deutsche Volksgemeinschaft“ gewonnen werden. Ziel war es, eine „rassisch“, sprachlich und kulturell homogene Bevölkerung in den besetzten Gebieten zu schaffen (ebd.).

Ihren Anfang nahm die brutale NS-Bevölkerungspolitik im neu eingeteilten „Reichsgau Wartheland“ um die Gebiete Kalisz, Inowrocław und Poznań (Wichert 2018). Zu diesem Zweck vertrieben die NS-Organisationen Pol:innen und Jüd:innen nach und nach aus ihren Häusern und ersetzten sie später durch „Volksdeutsche“, denen u. a. zwangsenteigneter Wohnraum und landwirtschaftliche Nutzflächen zugeteilt wurden (ebd.: 89). Die bestehende Bevölkerung Polens, die als „germanisierungsfähig“ eingestuft wurde, wurde von den bisherigen polnischen Einflüssen abgesondert und in vielen Fällen zur Assimilation gezwungen (ebd.: 90f.).

Über den „Wartheland“-Aufenthalt der Tübinger NSV-Schülerinnen liegen ausführliche handschriftliche Berichte vor, die in einem gemeinsamen Album archiviert sind, das zudem weitere Berichte aus dem Alltag und Festprogramm des Tübinger NSV-Seminars enthält (SAT: E 10/N 220). Die Berichte sind mit dem markanten Titel „Dies Land bleibt Deutsch!“ überschrieben (ebd.: 91), was auch als Titel dieses Beitrags dient. Derartige Berichte waren wichtiger Bestandteil der NS-Propaganda und Vertreter:innen von NS-Organen wurden dazu angehalten, diese zu verfassen und zu veröffentlichen, um ein „Heimatgefühl“ für die widerrechtlich angeeigneten Gebiete zu wecken (Harvey 2009: 158f.).

Die umgesiedelten „Volksdeutschen“ wurden bevorzugt aus bäuerlichen Milieus aus weit entfernten Provinzen wie Bessarabien, Wolhynien oder dem Baltikum rekrutiert (ebd.: 89). Organisiert wurde dieses Vorhaben vom Hauptamt Volksdeutsche Mittelstelle, das direkt dem Reichsführer SS unterstellt war (Wichert 2018: 94). Die angesiedelten „Volksdeutschen“ profitierten zwar von dieser Privilegierung auf Kosten verfolgter Bevölkerungsgruppen, waren dadurch aber auch in hohem Maße abhängig vom Wohlwollen der SS und anderer NS-Organe, verbrachten häufig lange Monate in provisorischen Lagern, ehe ihnen ein neuer Wohnort zugewiesen wurde und sie waren bei der Vertreibung nach Kriegsende besonders vulnerabel (Heinemann 2013: 301 ff.).

Die Ansiedlung vor Ort übernahmen nach der Vertreibung von etwa 630.000 rassistisch verfolgten Jüd:innen und Pol:innen die Vertreterinnen eines neuen Berufszweigs – der (An)siedlungsbetreuerin (Stephenson 1981: 197f.). Diese gefragten weiblichen Fachkräfte rekrutierten sich neben Führerinnen des BDM, und der NS-Frauenschaft, Lehramtsanwärterinnen und Angehörigen des Reichsarbeitsdienstes (RAD) vor allem aus frisch ausgebildeten NSV-Kindergärtnerinnen und Jugendleiterinnen (Harvey 2009: 203 ff.).

Neben den angesiedelten Volksdeutschen zählten auch hunderttausende Menschen in den Zuständigkeitsbereich der Siedlungsbetreuerinnen, die bereits auf dem annektierten polnischen Boden gelebt hatten und gemäß NS-Rassenideologie als Deutsch galten (Wichert 2018: 90f.). Diese wurden ebenfalls „germanisiert“, sprich: man zwang sie im Zweifelsfall, deutsche Namen anzunehmen, nur noch Deutsch zu sprechen und sich zum Deutschtum – sprich: zum NS – zu bekennen. Menschen, die sich diesen Maßnahmen widersetzten, drohten Verfolgung und Beraubung ihrer Kinder (Hopfer 2010: 11; Harvey 2009: 241).

Bei der „Umvolkung“ des Warthelandes und anderer besetzter Gebiete wurden Gründung und Betrieb von Kindergärten besonders priorisiert, gemäß der NS-Losung „Gegen jeden polnischen Kindergarten müssen wir einen deutschen setzen“ (NWStA 127, zit. n. Harvey 2009: 69). Die „Volkstumsarbeit“ der NSV-Kindergärtnerinnen und Ansiedlungsbetreuerinnen setzte konsequent auf die Trennung von deutschen und polnischen Kindern, die Vermittlung der deutschen Sprache und der NS-Ideologie sowie auf Vorstellungen von Ernährung und Hygiene. Außerdem überwachten sie die politische Zuverlässigkeit der „germanisierten“ und angesiedelten Familien. Der Kindergarten bildete häufig das soziale und kulturelle Zentrum eines Dorfes (ebd.: 348):

„In Senkfeld [Skrzynno, Anm. SL] wurde der Kindergarten zum Mittelpunkt des Dorfes. Hier kommen die Frauen u. Mädchen zu Sing- u. Erzählabenden zusammen. Es werden Volks- u. Feierlieder gesungen u. die Frauen erzählen dann wieder von ihrer alten Heimat. In einem anderen Dorf erlebte ich ein Sommerfest. Es war sehr schön, wie die Eltern bei allen Wettspielen mitliefen. Als eine kleine Pause entstand stimmten die Umsiedler Volkslieder an. Hier spürte man richtig die Dorfgemeinschaft.“ (SAT: E 10/N 220: 112).

Vom Kindergarten aus wurden propagandistische Volksfeste organisiert und man bemühte sich sehr darum, unter den „Volksdeutschen“ positive Erfahrungen zu schaffen. Die erlebte Dorfgemeinschaft wurde in essentialistischer Manier so inszeniert und verklärt, dass das vermeintlich angeborene „Deutschsein“ die Menschen im Sinne einer „pangermanischen Solidarität“ zur „Volksgemeinschaft“ zusammenschweiße, ungeachtet ihrer tatsächlichen Herkunft und ihres kulturellen Hintergrunds (Harvey 2009: 20). Zudem wurden fortbestehende Bindungen und Heimweh gegenüber der verlassenen Heimat durch die Ansiedlungsbetreuerinnen rigoros unterdrückt (ebd.: 234f).

Aufgabe der Kindergärtnerinnen war es, die Deutschen vor Ort konsequent dazu anzuhalten, sich von den verbliebenen Pol:innen abzuschotten und insbesondere polnische Kindergärten zu boykottieren. So wurde neben dem Schul- vor allem über den Kindergartenbesuch die Segregation zwischen den Bevölkerungsgruppen vorangetrieben (ebd.: 132; 223 ff.). Obwohl eine Vielzahl ethnischer Gruppen eine eigenständig gewachsene Alltagsrealität und Kultur geschaffen hatten, versuchten die deutschen Besatzer:innen eine künstliche Trennung zwischen nicht eindeutig trennbaren Gruppen zu ziehen und diese mit Gewalt durchzusetzen. Insbesondere die Vermittlung der deutschen Sprache ging mit der Bekämpfung des polnischen Einflusses einher:

„Viele Menschen des Warthelandes können, obgleich sie deutscher Abstammung sind u. sich zum Deutschtum bekennen möchten, die deutsche Sprache nicht. In ihrer Kindheit war das Land unter polnischer Herrschaft u. sie mußten deshalb in der Schule polnisch lernen u. polnisch wurde ihre Gebrauchssprache, in welcher sie sich auch mit ihren Kindern verständigen. Die Kinder dieser Volksdeutschen lernen erst im Kindergarten deutsch u. tragen die deutschen Worte ins Elternhaus zurück. Oft erzählte ich den Kindern vom Reich, daß dort alle Menschen immer deutsch sprechen würden u. das hinterließ bei ihnen einen großen Eindruck.“ (SAT: E 10/N 220: 116).

Die „reichsdeutschen“ Ansiedlungsbetreuerinnen sollten ein „Herrenbewusstsein“ unter den „Volksdeutschen“ schaffen und ihnen die NS-Vorstellungen von einer „Deutschen Lebensweise“ näherbringen. Darunter verstanden sie gemäß NS-Ideologie vor allem ein Überlegenheitsgefühl gegenüber den verbliebenen Pol:innen (Harvey 2009: 115 ff.). Eine zentrale Aufgabe der zur Betreuung der angesiedelten Familien verpflichteten Frauen bestand darin, diese mit Hass und Abscheu gegenüber den Pol:innen zu indoktrinieren. Ein typisches Manipulationsmittel bestand darin, die „Volksdeutschen“ zu einer ausgeprägten Reinlichkeit zu erziehen und in ihnen mithilfe allerhand Mythen über die vermeintlich schmutzigen und verelendeten Pol:innen Gefühle des Ekels und des Abscheus zu wecken. Pol:innen wurden mit Schmutz und Unreinheit gleichgesetzt und so entmenschlicht (ebd.: 117):

„Im Gegensatz zu den deutschen Siedlungen, stehen die polnischen Dörfer. Wenn man die Dorfstraße entlang geht, so sieht man rechts und links die kleinen windschiefen Katen, deren Strohdächer mit Moos bedeckt sind. Die Vorgärtchen sind von Unkraut überwuchert, die kleinen Fenster trübe und der Hof unsauber. Ein alter, dreckiger zerrissener Lumpen hängt vor dem niedrigen Loch. Dies soll die Türe sein! Wenn man den Lumpen zurückschlägt, so sieht man in einen dunklen dreckigen Raum. Das ist die Küche, Wohn- und Schlafraum. Hier hausen oft Familien mit acht und noch mehr Kindern. Den ganzen Tag lungern die vielen verwahrlosten Kinder um das Haus herum. Sie sind vielfach blauäugig und haben struppige blonde Haare. Und abends hocken ebenso die Erwachsenen untätig vor dem Haus. Wenn ein Fremder vorbei geht, so wird er angestiert, so lange bis er nicht mehr gesehen wird.“ (SAT: E 10/N 220: 107f.).

Der „Warthegau“ wurde von den NS-Funktionär:innen als Entwicklungsland angesehen, das „reichsdeutsche“ Frauen zu „zivilisieren“ hatten. Zwar galten die angesiedelten Familien als „rassisch wertvoll“, die vielfältigen und fremdartig anmutenden Lebensweisen der „Volksdeutschen“ wurden aber in der neuen „deutschen Heimat“ durch die „Reichsdeutschen“ systematisch abgewertet (Harvey 2009: 115f.). Es war kein Zufall, dass vor allem eloquente, gebildete, bürgerliche Frauen mit Führungsqualitäten aus dem „Altreich“ die Siedler:innen mit ihren als rückständig wahrgenommenen Lebensgewohnheiten und mangelnden bzw. exotisch anmutenden Deutschkenntnissen als entmündigte Zöglinge an die Hand nehmen sollten (ebd.).

„Dies Land bleibt Deutsch!“ – Legitimierungsstrategien der völkerrechtswidrigen Annexion und Germanisierungsverbrechen im „Warthegau“

Der völkerrechtswidrige Angriff Deutschlands auf Polen und die Besetzung polnischen Staatsgebiets wurde durch die NS-Propaganda mit dem Geschichtsmythos begründet, dass das Land angeblich schon immer Deutsch gewesen, zum Teil von Deutschen bewohnt und durch das NS-Regime legitimerweise von den Pol:innen „befreit“ worden sei (Harvey 2009: 56f.; 113). Die brutalen Verbrechen, die mit der im „Generalplan Ost“ festgelegten bevölkerungspolitischen Strategie einhergingen, wurden durch das NS-Narrativ legitimiert, dass Pol:innen das Land in den letzten Jahrhunderten ihrer Herrschaft vernachlässigt hätten und deshalb die Vertreibung aus einem Gebiet gerechtfertigt sei. Zudem seien Pol:innen in Polen ohnehin nie heimisch, sondern Eindringlinge gewesen (ebd.: 166 ff.). Auch die Tübingerinnen bedienten diese Tropen, indem sie betonten, dass Deutsche, die unter polnischer Herrschaft unterdrückt worden seien, nach der „Befreiung“ durch die Nazis nun endlich „gedeihen“ könnten:

„In [unv.] sagt ein Galiziendeutscher Bauer: „Unsere Heimat in Galizien, die Erde ist schön und fruchtbar. Zwei Mal im Jahr ernten, und keine Steine kein Sand! Da sind Hügel und Wälder, Flüsse und Seen. Da ist genug Wasser für das Vieh, und die Teiche tranken nie aus. Da gedeihen Obst und Trauben. Ja, bei uns daheim, da war es schön; hier fehlt uns das alles. Aber da hatten die Polen die Herrschaft und wir hatten trotz unserer drei Kinder keine Zukunft.“ Da sagte seine Frau, die mit dem Jüngsten auf dem Arm zu uns getreten war: „Ja, damals wollten wir keine Kinder haben, aber nun sind wir im deutschen Reich. Unser Martin ist schon das zweite, das hier geboren ist: nun haben wir wieder eine Zukunft!“ (SAT: E 10/N 220: 109).

In der Behauptung, polnisches Staatsgebiet sei schon immer Deutsch gewesen, berufen sich die Schülerinnen gemäß NS-Propaganda etwa auf die Stadtgeschichte einzelner Orte wie Toruń, die durch mittelalterliche Kreuzritter geprägt worden war, die sich nach ihrer Niederlage im „Heiligen Land“ der gewaltsamen Missionierung der polnischen Bevölkerung zugewandt und das Land zwischen dem 13. und 15. Jh. beherrscht hatten (Harvey 2009: 53). Bis in die Gegenwart bestehende Festungsanlagen des Deutschen Ordens dienten dem NS-Faschismus als Beleg für die Wehrhaftigkeit, Beständigkeit und vor allem vermeintliche Überlegenheit, wie es ihre NS-Deutschtumsideologie propagierte:

„Trotzdem die Polen wieder in das Land kamen, stehen noch die alten Burgen u. Kirchen. Dagegen sehen wir kein einziges polnisches Kulturdankmal. Mit den Ordensrittern zogen auch Deutsche Siedler in das Land. […] Sie machten aus Sand, Sumpf und Heide fruchtbares Acker- und Weideland. Der Anfang war hart und um jeden Fußbreit Boden mußten sie kämpfen. Und doch bildeten die deutschen Bauern den festen Wall, der immer wieder den Einbrüchen aus dem Osten trotzte.“ (SAT: E 10/N 220: 105).

Gemäß „Blut und Boden“-Mythos der NS-Propaganda seien „die Deutschen“ daher auf magische Art mit dem polnischen Boden verwachsen und dank ihrer als angeboren angenommenen bäuerlichen Lebensweise intuitiv in der Lage, das Land effizient zu bewirtschaften – eine Gabe, die sie den Pol:innen konsequent absprachen (Harvey 2009: 166f.). Verwahrloste und unpassend gehegte Forste und Landschaften galten als Beleg dafür, dass Deutsche vermeintlich viel besser dafür geeignet seien, das Land zu besiedeln als Pol:innen:

„Bei der Stadt Jarotschin [Jarocin, Anm. SL] ziehen sich überall dünne Kiefernwälder hin. Wir, die an deutsche, dichte Tannenwälder gewöhnt sind, mögen sie kaum als solche anerkennen. Auf sandigem Boden wachsen die Kiefernbäume; zwischen ihnen Heidekraut und dürres Steppengras. Oft liegen Hügel in diesen Wäldern und dort haben die Kiefern freiliegendes Wurzelwerk, denn der dauernde Wind wühlt den Sand auf und trägt ihn an anderer Stelle zu neuen Dünen zusammen.“

Im Gegensatz dazu werden deutsche Bäuer:innen, die als Minderheit im sog. Wartheland gelebt hatten, als Beleg dafür herangezogen, dass diese in kleinen Enklaven die Landschaft effektiv genutzt und intuitiv nachhaltig gepflegt hatten. Die angebliche Überlegenheit der Deutschen wird zudem darüber konstruiert, dass sie sich über die Jahrhunderte von der polnischen Realität abgeschottet und konsequent nach ihrer eigenen Lebensweise gewirtschaftet hätten. Dabei wird der propagierte wehrhafte Kollektivcharakter beschworen:

„In Stavensheim [Stawiszyn, Anm. SL] sind die deutschen Gehöfte mit dichten Hecken umfriedigt. Diese werden jedes Jahr oben zurückgeschnitten, damit sie noch buschiger werden. Am Hoftor wacht der Hund, damit der Fremde keinen Zutritt hat. In der Abgeschlossenheit dieser Höfe hat sich in der Polenzeit das Deutschtum am besten erhalten.“ (SAT: E 10/N 220: 95).

Ausführliche Landschaftsbeschreibungen, die die „endlose Weite“ der polnischen Landschaft hervorheben, sollten ein Bild von Polen als besiedelbares und fruchtbares Land zeichnen, das von den Pol:innen vernachlässigt worden sei und nun durch die Deutschen wiederhergestellt werden müsse (Harvey 2009: 167). Ziel dieser Berichte war es, die Bevölkerung im „Altreich“ mit dem unbekannten und verbrecherisch angeeigneten „Osten“ vertraut zu machen und ein „Heimatgefühl“ zu schaffen, um so die brutale Realität des „Generalplan Ost“ zu verschleiern und zu legitimieren (ebd.: 158).

Neben Landschaften und landwirtschaftlichen Nutzflächen bezieht sich die NS-Propaganda gezielt auf die soziale Lage der Kinder in den okkupierten Dörfern. Diese wird wiederkehrend so geschildert, als seien Kinder unter polnischer Verwaltung völlig verwahrlost und müssten nun durch die NS-Frauenorganisationen „aufgepäppelt“ werden (Harvey 2009: 193). In diesem Zusammenhang wird häufig die Trope bemüht, dass ein entwicklungsverzögertes, unglückliches Kind zu Beginn des Kontakts mit den Tübinger Erzieherinnen nur Polnisch gesprochen habe, was mit dessen Förderbedarf gleichgesetzt wird. Mit der zaghaften Aneignung der deutschen Sprache blühe das Kind schließlich auf:

„Im Hort in Krotoschin [Krotoszyn, Anm. SL] war ein Junge, der schon herumstand und den Anderen fast unheimlich war. Er spielte nicht mit ihnen, sprach nie und schüttelte nur mit dem Kopf, wenn man ihn etwas fragte. Bald wurden ihm alle Arbeiten zugeschoben. „Das soll nur der Mislaus tun“, und der Mislaus tat es. […] Aber eines Tages kamen sie ganz entsetzt zu mir und riefen: „Der Mislaus spricht polnisch!“ – Von da an stand er wieder ganz allein und war scheu wie am Anfang. „Er kann vielleicht nur polnisch sprechen“ sagte ein Kind und alle beschlossen, dem Mislaus deutsch zu lehren. Das gab manchen Spass. Als Mislaus das erste Mal – ja – sagte, war es eine Freude für alle. „Der Mislaus kann deutsch“ riefen sie, sprangen um ihn herum, zogen ihn an Händen und Füssen und gebärdeten sich wie toll. […] Froh über diese Fortschritte lebte Mislaus auf. Nun spielte er mit den anderen Kindern und diese waren stolz auf ihn […].“ (SAT: E 10/N 220: 114f.).

Zentrale Stützpfeiler der Umsetzung der im „Generalplan Ost“ vorgesehenen „rassischen Neuordnung Europas“ waren der systematische Raub und die Zwangsassimilierung von etwa 200.000 polnischen Kindern (Helbling 2015: 18). Auch hier war der „Warthegau“ ein zentraler Schauplatz dieser grausamen Germanisierungsverbrechen. Dabei wurden die als „gutrassig“ selektierten Kinder ihren verfolgten Eltern entrissen, in Umerziehungslagern und -heimen interniert und ausgewählten Pflegefamilien oder in (Zwangs-)Arbeitsverhältnisse übergeben (Hopfer 2010: 13ff.). Dabei wurden den Kindern die polnische Sprache mit Gewalt abgewöhnt und man wies ihnen deutsche Namen zu, die wie in Mislaus‘ Beispiel zuweilen bizarr anmuten und darauf hindeuten, dass er zu den Betroffenen der „Germanisierung“ zählen könnte (ebd.: 70). Die psychosozialen Auswirkungen für diese Kinder waren vielfach verheerend (Hrabar et al. 1981).

Fazit

Es ist nicht eindeutig nachweisbar, inwiefern die NSV-Schülerinnen aus Tübingen in Menschenrechtsverbrechen wie Kinderraub und Vertreibung von Pol:innen und Jüd:innen involviert waren. Es steht allerdings fest, dass sie während ihres „Wartheland“-Aufenthalts 1944 in Horten, Kindergärten und auch Hausbesuchen mitarbeiteten. Diese Mitarbeit bestand in erster Linie aus der Kontrolle und Indoktrinierung der „Volksdeutschen“ mit der menschenverachtenden, kriegsverherrlichenden und antidemokratischen Propaganda des NS-Faschismus. Sie haben damit ein verbrecherisches Regime gestützt und die Privilegierung „Volksdeutscher“ auf Kosten rassistisch verfolgter Menschen begünstigt. Ihre Täterinnenschaft kommt im Gewand der Fürsorge daher: Die überlieferten Berichte zeigen, wie junge Frauen koloniale und rassistische Narrative internalisierten. Unter dem Deckmantel vermeintlich harmloser „Volkstumsarbeit“ – wie Dorffesten oder Sprachunterricht – beteiligten sich die Kindergärtnerinnen zumindest indirekt an der völkerrechtswidrigen Annexion, der Zwangsassimilierung und dem Kinderraub.

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