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Zitiervorschlag

Spezifische sozialpädagogische Gruppen – Definitionen und Formen

Kerstin Paulussen

 

Sozialpädagogische Gruppen

Auf sozialpädagogische Gruppen können, je nach Gruppenart, mehrere Definitionsmerkmale zutreffend angewendet werden. Die spezifischen Merkmale der verschiedenen sozialpädagogischen Gruppen sind bei der Analyse zu beachten, da sie für die pädagogische Planung, die Zielformulierung, die Ermittlung der Handlungsbedarfe und Methodenentscheidung bedeutend sind.

a. Schulklasse

Eine Schulklasse setzt sich aus 20-30 Kindern eines schulpflichtig gewordenen Jahrganges, meist aus einem der Schule nahe gelegenen Wohnbezirkes, zusammen. Bei einer Schulklasse ist der Anfangs- und Schlusspunkt festgelegt, lediglich Umzüge oder das Sitzenbleiben Einzelner oder das Überspringen einer Klasse verändert die Gruppenzusammensetzung geringfügig. Insgesamt ist eine Klasse nach formellen Merkmalen zusammengesetzt.

Wenn mehrere Parallelklassen eines Jahrganges gebildet werden, wird entweder beliebig zusammengefasst oder es werden formelle Merkmale wie Wohnort, Buskinder etc. vorrangig berücksichtigt. Möglicherweise werden Merkmale informeller Gruppen wie Freundschaften nachrangig berücksichtigt.

Die Struktur in Schulklassen ist von Regelungen, Normen und Gesetzen geprägt. Also eine sekundäre und formelle Gruppe, die bzgl. des Startpunktes als homogene bzw. als geschlossene Gruppe bezeichnet wird. In Bezug auf die Geschlechterzusammensetzung ist sie heterogen, sicherlich auch in Bezug auf die Motivation und die sozialen Voraussetzungen. Bezogen auf die Altersstruktur wird sie homogen sein.

Innerhalb einer Klasse bilden sich im Laufe der Zeit Freundschaftsgruppen von ca. drei bis sechs Personen, die meist als weniger gewünschte Cliquenbildung bezeichnet wird. Jedoch können und sollten sie auch als funktionierende Sub-Gruppe im Sinne einer idealen Gruppe, mit informellen und primären Merkmalen (freiwillig, überschaubar und von persönlichen Beziehungen geprägt) betrachtet werden.

b. Offene Ganztagsschule

Die Teilnahme an der Offenen Ganztagsschule ist freiwillig, bzw. die Eltern entscheiden darüber, ob das eigene Kind dort betreut wird. In den Offenen Ganztagsschulen wird mit unterschiedlichen Konzepten gearbeitet, daher treffen die Kinder am Nachmittag nicht unbedingt in der Konstellation aufeinander wie am Vormittag in der Unterrichtssituation. Häufig werden mehrere Jahrgänge zusammengefasst, meist nach organisatorischer Notwendigkeit, die zum Beispiel die Organisation des Mittagessens betreffen können. Also handelt es sich um formelle und sekundäre Gruppen, häufig Großgruppen. Die Organisation der Lernzeit richtet sich ebenfalls meist nach formalen Kriterien; die Kinder einer Klasse beispielsweise werden wegen der gleichen Hausaufgaben zusammengefasst.

Die Gruppenbildung am Nachmittag ist abhängig vom Konzept und damit von der Art der Freizeitgestaltung in der OGS. Häufig finden AGs statt, die jeweils nach dem Prinzip der Freiwilligkeit und Interessenorientierung gebildet werden (sollen).

Da in diesen Altersgruppen jedoch mehr bestehende Freundschaftscliquen handlungsleitend sind, werden sich diese Cliquen auch bei der Zusammensetzung der AGs nach Möglichkeit zusammenfinden. Eine Interessenorientierung wird daher eher in Ausnahmen stattfinden bzw. kann sie bei älteren Kindern ein wichtiges Element im Prozess der Individualisierung darstellen.

Umso mehr die Kinder zugunsten der bekannten Beziehungen eine Gruppenbildung vornehmen können desto konstanter wird die Gruppen sein. Ein AG-Konzept zur Freizeitgestaltung wäre dann weniger geboten. Mehr Freispiel im Gebäude und auf dem Gelände würde stattfinden.

c. Freizeiteinrichtungen

In Freizeiteinrichtungen, Jugendzentren o. Ä. treffen Kinder und Jugendliche einer sehr breiten Alterspanne, in einem lockeren Verbund, eher unverbindlich, aufeinander. Es gibt eine Vielzahl von koexistierenden und über den Tagesablauf verteilten Aktionspunkte für unterschiedliche (Ziel-)Gruppen. Es handelt sich um informelle Freizeitgruppen, die sowohl gemeinsame als auch unterschiedliche Interessen suchen und verfolgen können.

Es kann dort bzgl. des Geschlechts sowohl homogene als auch heterogene Gruppen geben. Bezogen auf den Beginn und die Auflösung werden diese Gruppen eher offene Gruppen sein.

Für ein Theaterprojekt beispielsweise finden sich Personen zusammen, die gemeinsame verbindliche Proben und die anschließende Präsentation anstreben.  Unverbindliche lockere Gruppen mit wechselnd teilnehmenden Personen, zum Billard spielen oder Ähnlichem bilden sich ebenfalls. Die Altersstruktur in einer informellen Gruppe wird überwiegend homogen sein, die in einem Theaterprojekt kann durchaus heterogen sein.

d. Jugendhilfe

In einer (Klein-) Gruppe der stationären oder teilstationären Jugendhilfe treffen Menschen, meist ca. drei bis zehn Kinder und/oder Jugendliche, aufeinander, die aus unterschiedlichen familiären Kontexten kommen. Die Gemeinsamkeit der Gruppenmitglieder ist eine mehr oder weniger freiwillige Unterbringung außerhalb ihrer Ursprungsfamilie, innerhalb eines stark strukturierten und normierten Kontextes.

Die Gruppen unterliegen einer mehr oder weniger starken Fluktuation. Parallel zur gegenwärtigen Lebenssituation existieren ggf. intensive Peergruppenbeziehungen außerhalb der Einrichtung. Der Kontakt der Mitglieder untereinander kann als Zwangsgemeinschaft empfunden werden und dann möglicherweise von Ablehnung geprägt sein. Trotzdem ist es möglich, dass zumindest einzelne Kontakte von Sympathie und Freiwilligkeit geprägt sind. Die dortigen Beziehungen können auch eine Ersatzfunktion für schwierige oder verlorene Kontakte haben.

Je nach Konzept und Auftrag der Einrichtung kann die Fluktuation der Mitglieder hoch sein. Die Altersstruktur wird meistens annähernd homogen sein. Wenn die Einrichtung familienähnlich konzipiert ist, ist sie auf Dauer angelegt und hat eine geringere Fluktuation und wahrscheinlich eine breite Altersspanne.

e. Kita-Gruppe

Eine Kita-Gruppe setzt sich, je nach Gruppenform, aus 15, 20 oder 25 Kindern zusammen, die bzgl. der Geschlechts- als auch der Sozial- und der Altersstruktur heterogen ist. Aufgrund der Altersstruktur kann eine Kita-Gruppe in drei unterschiedliche formelle Gruppen eingeteilt werden. Da sind die Kinder, die im Sommer in die Schule gehen werden, die, die gerade erst in die Kita eingewöhnt wurden und die Kinder, die dazwischenliegen. Deutlich wird, dass es die Kita-Gruppe nicht gibt.

Neben diesen formellen (Alters-)Gruppen gibt es verschiedene Spielgemeinschaften, die als freiwillige, daher informell und primäre Sub-Gruppe bezeichnet werden können. Vermutlich haben diese eine relative Homogenität bzgl. der Altersstruktur und teilweise auch bzgl. der Geschlechterstruktur.

Die Merkmale der formellen und informellen Gruppen vermischen sich in den Kita-Gruppen. Die formelle Gruppe der Vorschulkinder, je nach Anzahl eine oder mehrere Sub-Gruppen, können auch informelle Spielgemeinschaft darstellen, die sich häufig von den anderen Kindern der Gesamtgruppe abgrenzen.
In Morgenrunden, beim Mittagessen oder anderen Ereignissen, die sich auf die Gesamtgruppe beziehen, treffen die Kita-Kinder als formelle, sekundäre Gesamtgruppe aufeinander.

Literaturverzeichnis

Doer, H. und Schneider, G.W.: Soziologische Bausteine. Bochum: Studienverlag Dr. N. Brockmeyer, 1997

Fuchs, W., u. a.: Lexikon der Soziologie. Opladen: Verlag der Soziologie; 5. Auflage 2011

Geramanis, O.: mini-handbuch Gruppendynamik. Weinheim Basel: Beltz Verlag, 2017

Herrmann, A.: Wie funktioniert Gruppendynamik? Das rangdynamische Positionsmodell nach Raoul Schindler. München: Grin Verlag, 2019

König, O. und Schattenhofer, K.: Einführung in die Gruppendynamik. Donauwörth: Carl Auer Verlag, 2018

Lück, Helmut E.: Kurt Lewin. Eine Einführung in sein Werk. Weinheim: Beltz Verlag 2001

Reimann, H.  (Hg.): Basale Soziologie. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 1977/2013

Schäfers, Bernhard (Hg.): Einführung in die Gruppensoziologie. Wiebelsheim: Quelle und Meyer Verlag 1999

Strätz, R.: Die Kindergartengruppe. Soziales Verhalten drei-bis fünfjähriger Kinder. Köln: Kohlhammer Verlag, 1992

Autorin

Kerstin Paulussen; studierte Diplom Sozialwissenschaften in Wuppertal und Sozialpädagogik als berufliche Fachrichtung - Lehramt für die Sekundarstufe II - in Dortmund. Sie ist als Fachlehrerin an einer Fachschule für Sozialpädagogik, in der Erzieher:innen-Ausbildung, tätig.
Seit 2016 ist sie systemische Beraterin und systemische Therapeutin / Familientherapeutin (DGSF zertifiziert) und nebenberuflich in der Beratung/ Therapie und Fortbildung tätig.

Homepage: https://www.beratung-paulussen.de/           

Mail: info@beratung-paulussen.de