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Zitiervorschlag

Menschen mit Behinderung und COVID-19 - Eine heilpädagogische Aufgabe für die Pädagogik der frühen Kindheit

Frank Francesco Birk & Sandra Mirbek

 

Zusammenfassung

COVID-19 beeinträchtigt die Menschen weltweit. Auch Menschen mit Behinderung sind durch die Schutzmaßnahmen betroffen. Einige dieser Reglungen wirken so intensiv, dass die Teilhabe und Partizipation insbesondere von Menschen mit Behinderung eingeschränkt sind. Dieser Beitrag möchte die Barrieren, die durch Coronavirus Disease 2019 (COVID-19) aufgekommen sind aufzeigen sowie Möglichkeiten der Heilpädagogik vorstellen, um mit der Herausforderung COVID-19 umzugehen. Hierbei eignen sich insbesondere heilpädagogische Methoden wie die Psychomotorik oder Biografie-Arbeit, die durch methodenübergreifende Maßnahmen sowie digitale Interventionsformen ergänzt werden.

1. COVID-19

Coronavirus Disease 2019 (COVID-19) ist eine Viruserkrankung, die sich weltweit als Pandemie (altgriechische: pandēmía, deutsch: das ganze Volk) ausgebreitet hat. Aktueller Stand der Erkrankungen beträgt in Deutschland 238.879 und 9.285 Menschen sind verstorben. Weltweit erkrankten 23.966.735 und 821.572 Menschen verstarben (Stand 26.08.2020). Symptome des COVID-19 sind Husten (55 %), Fieber (39 %), Schnupfen (28 %), Halsschmerzen (23 %) sowie Atemnot (3 %) (Robert Koch-Institut, 2020). Hauptsächlich verläuft die Infektion über Tröpfchen (ebd.). Die Corona-Situation veränderte das Leben weltweit massiv. Menschen mit Behinderung erfahren vermehrt herausfordernde Situationen, die zu erheblichen zusätzlichen Barrieren in Hinblick auf Teilhabe und Partizipation führen. Im nachfolgenden Kapitel werden diese Situationen dargelegt.

2. COVID-19-Situation – Einschränkungen für Menschen mit Behinderung

Zahlreiche Medienberichte und Informationen haben alle Menschen erreicht. Durch Bilder von Menschen in Schutzanzügen und mit Atemmasken, immer neue Todesmeldungen und die erhöhten Sicherheitsmaßnahmen, wirkte die Situation eine gewisse Zeit als nicht überschaubar sowie bedrohlich und erzeugte Unsicherheit. Viele Menschen haben zuvor keine Isolationen bzw. Einschränkungen von sozialen Kontakten mit Familien, Freunden, Sportkamerad*innen oder Kolleg*innen durch Kontaktbeschränkungen bzw. -verbote oder Quarantänen erlebt. Hinzu kommen teils erhebliche finanzielle Notlagen durch Kurzarbeit, Kündigung oder die Nicht-Verlängerung des befristeten Arbeitsplatzes sowie die Schließung von Bildungseinrichtungen wie Kindertagesstätten und Schulen, welche die Familien mit Kindern bzw. Jugendlichen mit Behinderung besonders belasten. Außergewöhnliche Alltagssituationen, wie z.B. das Tragen von Masken in Bus und Bahn oder beim Einkaufen, Engpässe bei Nahrungs- und Hygienemitteln (Hamsterkäufe), und diese Allgegenwart einer Viruserkrankung durch massive Hygiene- und Schutzmaßnahmen erlebt. Diese Formen von Einschränkungen bzw. Bedrohungen sind für den Großteil der Menschen unbekannt. Auch viele Erwachsene (wie Eltern, Lehrkräfte oder pädagogische Fachkräfte) waren bzw. sind mit der Corona-Situation überfordert und verunsichert bzw. können die aktuelle Lage schlecht einschätzen. Hierdurch können Ängste und Disstress entstehen, welche besonders bei Menschen mit Behinderung und Kindern verstärkt auftreten können.

Menschen mit Behinderung sind von den dargestellten Auswirkungen teilweise besonders betroffen. Menschen mit einer geistigen Entwicklungsverzögerung bzw. Behinderung können die Komplexität der aktuellen Lage deutlich schlechter bzw. nicht nachvollziehen und haben weniger kognitive Möglichkeiten die Gründe für die aktuelle Situation bzw. deren Einschränkungen zu verstehen. Menschen mit Körperbehinderung, welche auf Unterstützung im Alltag oder Pflege angewiesen sind, stehen vor der Herausforderung, die Abstandsregelungen nicht ausreichend einhalten zu können und sind somit trotz bestmöglicher Schutzmaßnahmen einer besonderen Gefährdung ausgesetzt. Manche Personen mit Behinderung zählen wegen Vorerkrankungen, wie beispielsweise Atemwegserkrankungen zu Risikogruppen, die besonders beschützt werden müssen. Zudem kann diese Zugehörigkeit zu einer Risikogruppe im Falle knapper Ressourcen (Betten auf den Intensivstationen, Beatmungsgeräten) eine Benachteiligung im Rahmen eines Triage-Verfahrens (Verfahren zur Priorisierung medizinischer Hilfeleistungen) nach sich ziehen.

Neben der unmittelbar erhöhten Gefährdung entstehen für Menschen mit Behinderung z.T. auch besondere Herausforderungen im Umgang mit den Regelungen und Auflagen. Eine große Herausforderung stellen hierbei soziale Interaktionen sowie die Teilhabe im Alltag dar. Neben fehlenden Sozialkontakten oder Umarmungen, muss zu den noch möglichen Kontaktpersonen Abstand gehalten werden. Hinzu kommen Maßnahmen wie das Kommunizieren/Sprechen mit Maske, welche das Erkennen der Mimik erschweren bis unmöglich machen. Ebenso verhält es sich mit dem Lippenlesen, sofern das Gegenüber nicht eine durchsichtige Maske bzw. einen Schutzhelm mit durchsichtiger Scheibe trägt. Da das Sprechen hinter Masken die Kommunikation deutlich erschwert und das gesprochene Wort somit leiser und undeutlicher wird, sind Menschen mit Einschränkungen des Hörsinns besonders betroffen. Auch für Menschen mit Schwierigkeiten die Gefühle ihrer Mitmenschen wahrnehmen und deuten zu können, stellen die Masken eine Einschränkung dar, da die über den Mundbereich übertragenen Gefühlregungen nicht mehr zur Einschätzung herangezogen werden können. Aus diesem Grund werden Menschen mit Behinderung bei den Schutzmaßnahmen besonders bedacht, sodass sie bei entsprechender Erkrankung oder beim Aufkommen von Barrieren staatlich verordnete Maßnahmen unterlassen können.

„Die Verpflichtung zur Verwendung einer Mund-Nasen-Bedeckung gilt nicht für Gehörlose und schwerhörige Menschen, ihre Begleitperson und im Bedarfsfall für Personen, die mit diesen kommunizieren. Auch Personen, denen die Verwendung einer Mund-Nasen-Bedeckung wegen einer Behinderung, eine Schwangerschaft oder aus gesundheitlichen Gründen nicht möglich oder unzumutbar ist, sind von der Verpflichtung befreit“ (Die Landesregierung Sachsen-Anhalt 2020, S. 4)

Trotz dieser Sonderregelungen erfahren Menschen mit Behinderungen in der Praxis Diskriminierung. Menschen mit Beeinträchtigungen im Hören oder Menschen mit chronischen Erkrankungen (z.B. Asthma) werden insbesondere in Supermärkten oder bei der Fahrt in öffentlichen Verkehrsmitteln aufgefordert der Maskenpflicht nachzukommen und erfahren Ablehnung bzw. dürfen das Geschäft nicht betreten, obwohl dies jeder Rechtsgrundlage entbehrt. Auch Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen sowie deren Eltern können hier besondere Diskriminierungen erfahren. Menschen mit Körperbehinderungen, die Gehilfen bzw. Fortbewegungshilfen wie Rollatoren und Rollstühle beanspruchen werden z.T. ebenfalls aufgefordert einen Einkaufswagen zu nutzen, um dadurch den Mindestabstand einzuhalten. Gerade in der Anfangszeit wirkten sich diese Regelungen bzw. die Reaktionen der Mitmenschen auf die Teilhabe der Menschen gravierend aus und griffen in ihre Persönlichkeitsrechte ein.            

Auch in heilpädagogischen Wohngruppen der Erziehungs- oder Behindertenhilfe erfahren Kinder und Jugendliche Einschränkungen. Durch die Kontaktbeschränkung können Familienmitglieder (z.B. Eltern und Großeltern), Freund*innen außerhalb der Wohngruppe, Mitschüler*innen sowie Arbeitskolleg*innen über Monate nicht persönlich getroffen werden. Dies begünstigt Exklusionsprozesse von denen Kinder und Jugendliche mit Behinderungen besonders betroffen sind. Auch Besuche außerhalb der Einrichtung waren kaum möglich. Nach der Lockerung der Beschränkungen waren zwar Begegnungen wieder möglich, diese waren jedoch durch Maßnahmen, wie beispielsweise Abstandsregelung oder Maskenpflicht weiterhin erschwert. Dies führt u.a. dazu, dass Kinder in heilpädagogischen Gruppen der Erziehungshilfe ihre Eltern nach Monaten endlich wiedersehen und diese dann trotzdem nicht in den Arm oder auf den Schoß genommen werden dürfen.

Förderschulen und inklusive bzw. integrative Schulen waren eine Zeit lang geschlossen. Somit standen die Eltern bzw. die pädagogischen Fachkräfte vor der Herausforderung die Kinder zu Hause zu beschulen. Viele Eltern und pädagogische Fachkräfte der Wohngruppen waren damit überfordert. Dies trifft Kinder und Jugendliche mit Behinderung besonders, da diese neben der Beschulung auch auf Therapien/Frühförderung wie Heilpädagogik, Psychotherapie, Ergotherapie und Motopädie angewiesen sind, welche lediglich via Video-Telefonat durchgeführt worden oder ausgefallen sind. Oftmals mussten die Familien auf die Förderung bzw. Therapie der Kinder sowie wichtige Kontakte mit Personen wie Schulbegleiter*innen verzichten, was zu einer Mehrbelastung im häuslichen Umfeld und teilweise auch zu Spannungen führte. Hinzu kommt, dass wichtige Förderungen bzw. Therapien nicht oder nur unzureichend fortgeführt worden sind, wodurch den Kindern massive Entwicklungsnachteile entstehen bzw. bereits erreichte Erfolge oder Maßnahmen wiederabgebrochen/verlernt werden können. Gerade bei kürzlich begonnenen Maßnahmen stellt auch der neu aufzunehmende Beziehungsaufbau nach dem Aussetzen der Maßnahmen eine zusätzliche Erschwernis und Zeitverzögerung dar. Sollten die Eltern bzw. pädagogischen Fachkräfte in den Wohngruppen die Förderungen bzw. Therapien anstelle der zuständigen Fachkräfte (z.B. Heilpädagog*innen, Logopäd*innen, Lehrkräfte) übernehmen, waren die Beziehungen zwischen diesen und den Kindern teilweise zusätzlich angespannt, wenn die Eltern/Sorgeberechtigten bzw. pädagogischen Fachkräfte mit der Vermittlung von schulischen Inhalten und therapeutischen Methoden überfordert waren. Andere Familien nutzen die Zeit, um zu entschleunigen und die gewonnene gemeinsame Zeit zu genießen. In Wohngruppen zeigt sich ein ähnliches Bild, dass sich zwischen Anspannung und Entschleunigung bewegt. Auch im Bereich der Werkstätten für Menschen mit Behinderung bzw. der beruflichen Rehabilitation oder Eingliederungshilfe waren viele Menschen von Schließungen und Kontaktverboten betroffen, welche sie von einem auf den anderen Tag aus ihrer – teils mühsam aufgebauten – Routine rissen.

3.2 Heilpädagogische Konzepte und Methoden in Bezug auf COVID-19

Bedeutsam für die heilpädagogische Entwicklungsbegleitung ist, dass die Thematik COVID-19 thematisiert wird. Hierbei sind selbstverständlich die Präventionsmaßnahmen (z.B. hygienisches Verhalten, Lüftung, Einsatz von Mund-Nasen-Bedeckung) einzuhalten und den Menschen mit Behinderung je nach dem „Entwicklungsstand entsprechend zu erläutern was ein Virus ist, welche Gefahren bestehen, wie man sich schützen kann und wie der Vorgang ist, wenn jemand aus der pädagogischen Einrichtung bzw. der Familie/dem Freundeskreis erkrankt ist. Eine offene pädagogische Grundhaltung ist hierbei wichtig, um Kommunikationsanlässe zu schaffen und die Fragen, Vorstellungen, Sorgen und Ängste“ (Birk & Mirbek 2020, S. 118) aller Adressat*innen aufzugreifen. Intendiert ist auch, dass Menschen mit Behinderung durch die unterschiedlichen heilpädagogischen Konzepte und Methoden wieder Momente der Selbstwirksamkeit erfahren und sich als handlungsfähig erleben. Durch die COVID-19-Situation haben insbesondere Menschen mit Behinderung Isolation, Einsamkeit und Sehnsucht nach Familie und Freunden erfahren. Der plötzliche Lockdown und die Schutzmaßnahmen können zu Unsicherheit und Berührungsängsten geführt haben. Der Wegfall alltäglicher Aktivitäten (z.B. Schule, Beruf und Freizeit) kann weiterhin Langeweile erzeugt haben. Diese Themen sind in der Heilpädagogik aufzuarbeiten. Hierfür bietet die Heilpädagogik diverse Möglichkeit, um Bewältigungsstrategien für die Corona-Situation zu entwickeln. Hierzu können diverse Medien hilfreich sein, die sich mit COVID-19 beschäftigen. Eine einfache, verständliche Darstellung sowie der Einsatz von Filmen, Bilderbüchern, Geschichten, Malbücher oder anderes Bastelmaterial ergänzt dabei die Broschüren, Online-Texte sowie mündlich vermittelte Informationen. Transferiert auf die heilpädagogische Entwicklungsbegleitung sollen diese Medien mit Unterstützung von einfacher/leichter Sprache, Gebärdensprache sowie Unterstützende Kommunikation (UK) genutzt werden, sodass alle Menschen einen Zugang zu diesen Medien haben. Bei allen Informationsmaterialien ist darauf zu achten, diese barrierearm, in mehreren Sprachen und in einfacher/leichter Sprache bereitzustellen (vgl. Birk & Mirbek 2020, 118). Hierbei können diese Medien zur Vermittlung von folgenden Themen dienen:

  • Was ist eine Virus-Erkrankung?
  • Was ist der Corona-Virus?
  • Wie kann ich mich und andere Schützen (z.B. Waschregeln)?
  • Warum existieren von der Bundesregierung verpflichtende Maßnahmen wie Maskenpflicht oder Kontakteinschränkungen?
  • Warum kann ich nicht arbeiten gehen?
  • Warum finden Freizeitaktivitäten (z.B. Sportverein, Konzertbesuche) nicht statt?

Dafür ist es wichtig, dass den (heil-)pädagogischen Fachkräften ausreichende Informationen vorliegen, welche diese an Betroffene weiterleiten können. Dabei müssen auch die besonderen Situationen von Menschen mit verschiedensten Behinderungen – auch in Hinblick auf den Arbeitsmarkt – mitgedacht werden. Als Hilfsmittel können auch Piktogramme genutzt werden, um die dargestellten Fragestellungen zu bearbeiten. Weiter sollten heilpädagogische Angebote in Zeiten, in denen ein persönlicher Kontakt nicht möglich ist, auch digital durchgeführt werden, um dadurch eine Unterbrechung der Entwicklungsbegleitung zu vermeiden. Hierbei können weiterhin Online-Spielgruppen bzw. Einzelförderung geschaffen oder Spiel- und Beschäftigungsideen per Newsletter/Mail versandt werden. Zudem können virtuelle oder reale Pakete (z.B. mit Anleitungen für Intervention und Spiele zur Förderung der Entwicklungsbereiche Motorik, Sprache oder Kreativität) gepackt werden. Aufgrund dieser vielen Veränderungen und teilweise undurchsichtigen Situationen brauchen die Betroffenen vielfältige Informationen durch persönliche Gespräche und Materialien. Weiterhin ist zu beachten, dass auch nach der Öffnung von Einrichtungen besondere Maßnahmen erforderlich sind, wie z.B., dass Gruppenangebote wie Kinderpsychodrama ggfs. erstmal im Einzelsetting stattfinden, andere Räumlichkeiten genutzt werden müssen, die Abstandsregelungen (zwischen Fachkraft-Kind bzw. zwischen Kind-Kind) die Arbeit erschweren oder bestimmte Interventionen ganz ausfallen müssen. Eine spielerische Verarbeitung der COVID-19-Situation ist besonders für Kinder im Kindergarten- bzw. Schulalter von Bedeutung. Hierbei können freie Rollenspiele oder angeleitete Gruppenangebote, wie z.B. im Kinderpsychodrama genutzt werden. Im Bereich der therapeutischen Angebote ist z.B. auch die Spieltherapie mit ihren Varianten (z.B. Sandspieltherapie) ein sinnvolles Angebot. Auch die Thematisierung durch alters- und entwicklungsgerechte Medien wie beispielsweise (Bilder-)Bücher und Filme ist nicht nur für die Zeit der sozialen Isolation wichtig, sondern sollte auch bei Wiederöffnung der Bildungs- und Therapieeinrichtungen weiter genutzt werden, um die Auseinandersetzung der Kinder bzw. Jugendlichen mit COVID-19 zu unterstützen und aufkommende Fragen zu beantworten.

Eine Möglichkeit zur Unterstützung bei der Verarbeitung der COVID-19-Situation (z.B. soziale Isolation, Quarantäne, Abstandregelung oder Diskriminierung) liegt in der Biografie-Arbeit. Hierbei steht eine Auseinandersetzung mit dem Leben vor, während und nach der COVID-19-Situation im Fokus. Die Adressat*innen können hierbei künstlerische Mittel (z.B. Malen, Gestaltung, Bewegung, Fotografie, Film, Musik) nutzen, um ihrem Erlebten Ausdruck zu verleihen und somit negative Erfahrungen zu verarbeiten. Bestenfalls können negative Erfahrungen in der Biografie-Arbeit betrachtet und gemeinsam mit Adressat*innen Ressourcen herausarbeiten werden, sodass nicht nur eine Schwarz-Weiß Perspektive besteht, sondern auch Vorteile der Situation (z.B. mehr Freizeit, Momente der produktiven Langeweile, aufgeschobene Erledigungen bearbeiten, Bewältigung der damit verbundenen Herausforderungen) gesehen werden können. Hierbei ist ein vernetztes Arbeiten zu fokussieren, bei dem nicht nur die heilpädagogische Fachkraft und die Adressat*innen im Fokus stehen, sondern auch Eltern/ Personensorgeberechtigte, pädagogische Fachkräfte u.a. eingebunden werden, um diese Ressourcengenerierung zu erreichen.

Birk & Mirbek (2020) konzipierten in Hinblick auf die psychomotorische Entwicklungsbegleitung bewegungsorientierte Interventionen im Kontext der COVID-19-Situation. Dieses Konzept beinhaltet u.a. folgende Inhalte: Bewegungsangebote für häusliche Quarantäne/soziale Isolation (z.B. 14 Bewegungsaufgaben, Bewegungsspiele mittels Video-Telefonat, kostengünstige Bewegungsangebote mit Alltagsmaterial, Entspannungsangebote), Bewegungsangebote für die Rückkehr der Kinder in die jeweilige Bildungseinrichtung, bewegungsorientierte Auseinandersetzung mit COVID-19 sowie eine bewegungsorientierte Auseinandersetzung mit Nähe und Distanz. Wie dargestellt haben alle Menschen durch die Regelungen der Bundesregierung Abstandsregelungen und Kontaktverbote bzw. Einschränkungen erfahren müssen, um eine Ansteckung an COVID-19 zu vermeiden. Über Bewegung kann Menschen mit Behinderung Nähe und Distanz gut vermittelt werden. Die Teilnehmenden bewegen sich durch den Raum, ohne sich zu berühren und müssen Abstand halten. Es folgen Aufgaben wie beispielsweise kontaktlose Begrüßungen mit allen Teilnehmenden nach einen Musik-Stopp und Platzwechselaufgaben, die nacheinander erfolgen. Nach weiteren Lockerungen in Hinblick auf die Abstandsregelungen können die Angebote wieder peu à peu angepasst werden.

Tabelle 1: Heilpädagogische Konzepte und Methoden bezogen auf COVID-19

Heilpädagogische Konzepte und Methoden

Inhalte in Bezug auf COVID-19

Methodenübergreifende,
heilpädagogische,
entwicklungsbegleitende
Maßnahmen

  • Spielerische Verarbeitung der COVID-19-Situation  z.B. im Rollenspiel oder der Spieltherapie
  • Psychoedukation (z.B. Aufklärung zu COVID-19, Vermittlung von Schutzmaßnahmen)
  • Medien (z.B. Bücher, Filme) zur Vermittlung von COVID-19 in leichter/einfacher Sprache und UK
  • Digitale Intervention (z.B. Online-Spielgruppen, Online-Einzelförderung, Spiel- und Beschäftigungsideen
  • per Newsletter/Mail oder Angebotsanleitungen für niederschwellige Förderangebote in der Familie)
  • Multiplikatoren-Tätigkeit (z.B. Informationen an Angehörige weitergeben, Fachkräfte weiterbilden)

Biografie Arbeit

  • Auseinandersetzung mit dem Leben vor, während und nach der COVID-19-Situation
  • Bearbeitung der aktuellen Unsicherheit, des Bedrohungserlebens bzw. der Enttäuschung über die eingeschränkten (z.B. soziale Isolation, Quarantäne, Abstandregelung) durch künstlerische Mittel (z.B. Malen, Gestaltung, Bewegung, Fotografie, Film)
  • Positive Aspekte der Situation finden (z.B. Entschleunigung) sowie an der Bewältigung der Herausforderung wachsen (Ressourcenorientierung)

Psychomotorik

  • Bewegungsorientierte Auseinandersetzung mit COVID-19
  • Bewegungsangebote für häusliche Quarantäne/soziale Isolation
  • Bewegungsangebote für die Rückkehr der Kinder in die jeweilige Bildungseinrichtung
  • Facettenreiche Bewegungsangebote als Kompensation
  • Nähe & Distanz als Inhalt
  • Entspannung erleben

4. Fazit

Die COVID-19-Situation ist für die ganze Welt eine große Herausforderung. Viele Menschen mit Behinderung haben Situationen erfahren, die sie in dieser Form noch nicht erlebt haben. Die Auswirkungen von COVID-19 auf nachfolgende Bereiche sind für Menschen mit Behinderung eine große Herausforderung:

  • Besuchskontakte mit Eltern/Familie, Freund*innen, Kolleg*innen usw. (Soziale Isolation)
  • Wegen dem Nicht-Tragen einer Schutzmaske Anfeindungen erfahren (Diskriminierung/Ableismus)
  • Einschränken und Veränderungen im Alltag (z.B. Kita, Schule, Förderzentren, Beruf und Freizeit)

Insbesondere durch heilpädagogische Konzepte und Methoden kann eine Aufarbeitung für Menschen mit Behinderung positiv verlaufen. Methodenübergreifende heilpädagogische Maßnahmen sind hierbei die spielerische Verarbeitung der negativen Erfahrungen, Psychoedukation durch Medien (z.B. Bücher, Filme) zur Vermittlung von COVID-19, Einführung/Ergänzung von digitalen Intervention wie beispielsweise Online-Einzelförderung oder Spiel- und Beschäftigungsideen per Newsletter sowie Multiplikatoren-Tätigkeit in der eigenen pädagogischen Arbeit oder in der Erwachsenenbildung. Als Methoden der Heilpädagogik eignen sich besonders die Biografie-Arbeit sowie die Psychomotorik für die Auseinandersetzung mit COVID-19. Dabei bietet die Biografie-Arbeit die Möglichkeit sich mit unterschiedlichen kreativen Medien einer bewussten Auseinandersetzung mit dem Leben vor, während und nach der COVID-19-Situation zu stellen, wobei neben der Verarbeitung von negativen Erlebnissen auch die Bewusstmachung von Ressourcen im Vordergrund steht. Die Psychomotorik bietet den Adressat*innen einen bewegungsorientierten Zugang zu COVID-19 an. Die Autor*innen stellen die Möglichkeit von Bewegungsangeboten für häusliche Quarantäne/soziale Isolation, Bewegungsangebote für die Rückkehr in die jeweilige Bildungseinrichtung sowie eine Auseinandersetzung mit Nähe und Distanz dar. Diese dienen der aktiven Auseinandersetzung und können je nach aktueller Lage (Regelungen der Bundes- und Landesregierung) auf die aktuelle Situation angepasst werden. Unklar bleibt wie lange COVID-19 im Alltag der Menschen bestehen bleibt und welche Schutzmaßnahmen in Zukunft getroffen werden, um eine Ausbreitung zu verhindern bzw. welche Unsicherheiten und Einschränkungen andauern. Dieser Beitrag möchte erste Impulse für eine Auseinandersetzung mit den Besonderheiten von COVID-19 für Menschen mit Behinderung bieten.

5. Literaturverzeichnis        

Die Landesregierung Sachsen-Anhalt (2020). Fünfte Verordnung über Maßnahmen zur Eindämmung der Ausbreitung des neuartigen Coronavirus SARS-CoV-2 in Sachen-Anhalt. https://coronavirus.sachsen-anhalt.de/fileadmin/Bibliothek/ Politik_und_Verwaltung/Geteilte_Ordner/Corona_Verordnungen/Dokumente/5.VO_2.5.2020.pdf [30.06.2020].

Robert Koch-Institut (2020). SARS-CoV-2 Steckbrief zur Coronavirus-Krankheit-2019. https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Steckbrief.html [Zugriff am 21.03.2020].

Birk, F. F. & Mirbek, S. (2020): Pandemien als Thema von Entwicklung und Gesundheit in der Motologie. In: Praxis der Psychomotorik, Jg. 45 (2), Seite 84-89.

Die Autoren

Frank Francesco Birk:

Motologe M.A., Kindheitspädagoge B.A., Motopäde, Erzieher und Kulturpädagoge. Doktorand der Philosophie an der Universität zu Köln im Promotionsfach Heilpädagogik und Rehabilitationswissenschaften. Dozent an verschiedenen Hochschulen sowie Mitarbeiter im heilpädagogischen Fachdienst.
frankbirk2003@yahoo.de

Sandra Mirbek M.A.:

Motologin M.A. und Heilpädagogin (B.A. und mit staatlicher Anerkennung).

Doktorandin am Fachbereich Erziehungswissenschaften der Goethe-Universität Frankfurt am Main, Dozentin an verschiedenen Hochschulen sowie pädagogische Fachkraft mit den Schwerpunkten Bewegung, Sprache, Inklusion und Heilpädagogik.

mirbek@em.uni-frankfurt.de