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Zitiervorschlag

Ursachen und Folgen häuslicher Gewalt gegen Kinder. Im Interview mit Anke Elisabeth Ballmann - Gründerin und Leiterin von LERNMEER – Institut für Kindgerechte Pädagogik in München

Anke Elisabeth Ballmann

 

In den letzten Monaten kam es zu erheblichen Veränderungen des beruflichen, gesellschaftlichen und privaten Lebens. Viele Eltern standen vor der Herausforderung, die Doppelbelastung aus Homeoffice und Homeschooling zu bewältigen. Für Kinder kam es zum Verlust der Alltagsstrukturen in Krippe, Kindergarten oder Schule und zu Kontaktbeschränkungen zu Freunden. Das Familienleben fand für viele in konzentrierter und zum Teil beengender Form Zuhause statt.

Im Zuge dieser Einschränkungen des alltäglichen Lebens äußerten einige ExpertInnen die Befürchtung, dass es zu einer Zunahme häuslicher Gewalt kommen könnte. Aufgrund der Aktualität dieses Themas befragen wir Frau Dr. Anke Elisabeth Ballmann, Gründerin und Leitung von LERNMEER – Institut für Kindgerechte Pädagogik, zum Thema „Ursachen und Folgen häuslicher Gewalt gegen Kinder“.

Was sind die häufigsten Ursachen von häuslicher Gewalt gegen Kinder?

In Deutschland wurden 2019 laut Polizeistatistik 112 Kinder getötet, 15.701 Kinder waren sexueller Gewalt ausgesetzt und 49.500 Kinder wurden wegen körperlicher Gewalt in Obhut genommen. Erhebungen über psychische Gewalt existieren keine, doch ich bin davon überzeugt, sie würden alle anderen Zahlen weit übertreffen. Die häufigsten Ursachen für Gewalt gegenüber Kindern sind psychosoziale Risiken, elterliche Faktoren und auf das Kind bezogene Risiken – dazu zählen unter anderem:

  • psychisch instabile Bezugspersonen,
  • kranke Eltern, wobei Mütter häufiger depressiv und Väter häufiger aggressiv sind,
  • Sucht in der Familie,
  • Armut,
  • geringes Bildungsniveau der Eltern,
  • unerwünschte Schwangerschaften,
  • Partnerkonflikte und zerrüttete Familien,
  • inkonsistentes oder rigides Erziehungsverhalten,
  • Bindungsunterbrechungen, z. B. durch lange Trennungen,
  • Regulationsstörungen, Entwicklungsverzögerungen und Behinderungen der Kinder.

Im Gegensatz zur früheren individuumszentrierten Sichtweise stehen heute systemtheoretische Ansätze bezüglich Gewalt in der Familie im Vordergrund. Gewalt ist das Ergebnis vielfältiger Beziehungen der Umwelt, die sich gegenseitig durch Rückkoppelungsprozesse beeinflussen.

Welche Auslöser und Risikofaktoren für Übergriffe können neben diesen Ursachen genannt werden?

Bei all den oben genannten Faktoren sind monetäre Armut und ein niedriges Bildungsniveau als die größten psychosozialen Risikobelastungen zu sehen, weil sie zudem oft mit anderen Problemen bei der Lebensbewältigung kumulieren. Oft haben Eltern, die ihren Kindern Gewalt antun, selbst Gewalt erlebt und diese Erlebnisse nie reflektiert und verarbeitet, dadurch fehlen den meisten Eltern Handlungsalternativen im Umgang mit ihren Kindern.

Häusliche Gewalt war auch schon vor der Corona-Krise ein großes Problem, doch die Maßnahmen, die Covid-19 in Deutschland wirkungsvoll eingedämmt haben, haben leider die häusliche Gewalt verschlimmert, weil sich der Druck auf Menschen erhöht hat. Viele haben Angst durch Covid-19 zu erkranken und befürchten ihren Arbeitsplatz zu verlieren.

Geldsorgen, die Überforderung durch Homeschooling und viel erzwungenes Zusammensein auf engem Raum, weil die gesamte Kinderbetreuung nahezu stillgelegt war, ergaben eine hochexplosive Mischung. Diese Angst-Überforderung-Enge Triade hat viele Familien vor große Probleme gestellt und sie hatten durch die Kontaktbeschränkungen einige Monate lang keine Möglichkeit Hilfe zu bekommen.

Man weiß, je mehr Herausforderungen Menschen bewältigen müssen und je geringer deren persönliche, fachliche und wirtschaftliche Ressourcen sind, desto nachteiliger wirkt sich dieses Missverhältnis auf die Behandlung von Kindern aus. Je höher das Stresslevel, desto geringer die Selbstkontrolle und die Fähigkeit der Selbstregulierung. Anders ausgedrückt – die Zündschnur wird bei zunehmender Belastung immer kürzer, Eltern rasten schneller aus.

Auch wenn ein höheres Bildungsniveau der Eltern keine Garantie gegen Armut und für mehr Erziehungsgeschick und Geduld ist, wirkt es sich dennoch mildernd auf den Teufelskreis aus, der gerade durch fehlende Kinderbetreuung und andere Unterstützungssysteme während der Pandemie entstanden ist.

Die Mannheimer Risikokinder-Studie belegt eindrucksvoll, dass Entwicklungsrisiken, wenn sie aus den äußeren Lebensumständen der Kinder hervorgehen, hauptsächlich über das Erziehungsverhalten der Bezugspersonen vermittelt werden. Schwierige familiäre und außerfamiliäre Lebensereignisse, sowie chronische Belastungen beeinflussen die Erziehungshaltung der Eltern maßgeblich und wirken sich dadurch direkt auf die Entwicklungschancen der Kinder aus.

Wann ist Ihrer Meinung nach die Wahrscheinlichkeit besonders hoch, dass die Doppelbelastung aus Homeoffice und Homeschooling zu häuslicher Gewalt gegen Kinder führt?

Die größte Last haben derzeit Frauen und Kinder zu tragen und besonders die Frauen, die bereits vor der Corona-Krise schon viel Stress durch Überforderung und ein geringes Einkommen hatten, hat es am meisten getroffen. Alleinerziehende, arme und psychisch kranke Menschen gehören ohnehin zu vulnerableren Personengruppen und nun sind deren Kinder nun noch mehr der Gefahr ausgesetzt Opfer gewalttätiger Übergriffe zu sein oder vernachlässigt zu werden.

Ich denke, dass in besonders stressigen Zeiten die Kinder auch häufiger indirekter Gewalt ausgesetzt sind, damit meine ich, sie beobachten z. B. elterliche Partnergewalt. Es ist erwiesen, dass chronischer Streit innerhalb der Familie die Seele der Kinder nachhaltig schädigt. Es muss also nicht mit der Hand oder einem Gegenstand zugeschlagen werden, um ein Kind zu verletzen – Seelenprügel sind ebenso zerstörerisch.

Welche psychischen Folgen kann häusliche Gewalt bei Kindern auslösen?

Gewalt gegen Kinder ruft schwerste Schäden an Körper, Geist und Seele hervor. Kinder verlieren ihr Urvertrauen, ihr Selbstwert wird dauerhaft reduziert, es können körperliche Schäden – bis hin zum Tod eintreten. Alle Arten von Traumata verursachen Konzentrationsschwäche, Depressionen, Aggression und Bindungsunsicherheit. Kinder speichern Bilder der Misshandelnden ab, wo sie zu unbewussten Motiven, Werten und Normen werden, die oft lebenslang weiterwirken.

Als Erwachsene entwickeln sie vielfach selbstschädigendes Verhalten wie Drogensucht, sind häufig nicht voll erwerbsfähig und laufen Gefahr, ihre eigenen Kinder zu misshandeln. Es gibt zwar kein „Gewalt-Gen“, doch es ist wissenschaftlich erwiesen, dass unbearbeitete Traumatisierungen von einer Generation an die nächste weitergereicht werden.

Alle Arten von Gewalt haben lebenslange sichtbare und unsichtbare Folgen. Manche Kinder reagieren mit aggressivem Verhalten, nach außen gerichtetem aggressivem Verhalten, sie schlagen, provozieren oder schreien. Sie fallen auf und es entsteht Handlungsbedarf und immerhin lassen die Reaktionen dieser Kinder ihr Umfeld aufhorchen. Bei jenen Kindern, die ihr Leid nach innen tragen, sieht es anders aus. Sie fallen nicht auf – ganz im Gegenteil – es sind oft die besonders braven, die überangepassten. Gerade ihr Leidensdruck ist enorm und selbstzerstörend. Diese Kinder brechen oft erst als Erwachsene zusammen – oder warum glauben Sie, sind so viele Menschen psychisch am Ende?

Wenn ganz junge Kinder, damit meine ich Kinder bis sechs Jahre, misshandelt werden, haben sie oft einen leeren oder gefrorenen Blick. Manchmal haben sie „typische“ Verletzungen, wenn es sich um körperliche und sexuelle Gewalt handelt. Oft zeigen sie wenig bis keine Reaktionen bei der Trennung von ihren Eltern und haben in allen Bereichen Entwicklungsrückstände. Ess-, Sprech- und Schlafstörungen sind „normal“ bei Kindern, die Gewalt erfahren und sie zeigen generell ein ängstliches Verhalten und depressive Symptome.

Bei Schulkindern zeigt sich ein ähnliches Bild, auch hier sind Entwicklungsrückstände, Schlafstörungen, Ängstlichkeit, depressive Symptome, Davonlaufen, aggressives Verhalten, Unfallneigung, nicht altersgemäßes Verhalten, Suizidalität, soziale Isolation, Schulschwierigkeiten, Delinquenz, Bettnässen und psychosomatische Beschwerden immer ein Hinweis auf massive Probleme, die ein Kind hat und die es nicht alleine bewältigen kann. Während der Adoleszenz, also während des Heranwachsens, sind sämtliche Essstörungen Hinweise auf Probleme, die durch psychische, physische und/oder sexuelle Gewalt in der Kindheit entstanden sind.

Insgesamt kann man sagen, dass Schlafstörungen, Ängstlichkeit, Depression, aggressives Verhalten, Selbstentwertung, Suizidalität, psychosomatische Beschwerden, sexuelle Störungen, Suchtverhalten, Probleme im Sozialverhalten und Persönlichkeitsstörungen zu den Alarmzeichen gehören und häufig Resultate von Misshandlungserfahrungen sind, die schon während der ganz jungen Jahre stattgefunden haben. Gewalterfahrungen führen dazu, dass ein Mensch das Gefühl hat, er muss immer ums Überleben kämpfen – ähnlich wie ein Ertrinkender.

Wie lässt sich psychische Gewalt an Kindern feststellen?

Studien belegen, dass auch psychische Gewalt sichtbare Spuren hinterlässt – und zwar in bestimmten Regionen des Gehirns, die im Fall von wiederholt psychischer Gewalt Veränderungen aufzeigen. Je mehr Gewalt ein Kind erfährt, desto weniger arbeiten jene Regionen im Gehirn, die für Lernen und die Regulation von Emotionen zuständig sind, und desto größer ist der Bereich, in dem die Angst regiert.

Naomi Eisenberger mit ihrem Forschungsteam machte 2010 an der University of California eine höchst interessante Entdeckung. In einem Versuch grenzte man Menschen über einen längeren Zeitraum hinweg sozial aus. Dabei wurde mit einem bildgebenden Verfahren in ihre Gehirne geschaut. Die Forscher stellten dabei fest, dass genau jener Bereich im Gehirn, der bei körperlichem Schmerz aktiv wird – der vordere singuläre Cortex – auch bei seelischem Schmerz aktiv ist. Je stärker das durch die Probanden erlebte Gefühl der Zurückweisung war, desto aktiver zeigte sich dieser Teil des Gehirns. Daraus zogen sie den eindeutigen Rückschluss, dass es vollkommen egal ist, ob die Psyche oder ob der physische Körper schmerzt – im Gehirn präsentieren sich Schmerzen identisch!

Auch wenn emotionale Misshandlungen im Alltag noch weitaus schwieriger zu erkennen sind als körperlicher Missbrauch und auch wenn es keine spezifischen Symptome gibt, sind folgende Verhaltensweisen typisch für Kinder, die Misshandlungen erfahren.

Misshandelte Kinder zeigen (sich) oft:

  • ängstlich,
  • abweisend,
  • regungslos,
  • erstarrt,
  • sehr wachsam,
  • schreckhaft,
  • angespannt,
  • wehren sich kaum oder extrem, wenn ihnen etwas unangenehm ist,
  • Ess- und/oder Schlafprobleme,
  • haben Aufmerksamkeitsstörungen,
  • sind oft traurig, unzufrieden, schlecht gelaunt, missmutig, niedergeschlagen,
  • können depressiv sein,
  • ziehen sich zurück,
  • desinteressiert,
  • entwicklungsverzögert,
  • sämtliche Verhaltensprobleme,
  • haben oft Vertrauensprobleme und Verlustängste,
  • Störungen des Sozialverhaltens,
  • bestrafen und verletzen sich selbst (weil sie sich falsch und schuldig fühlen).

Sollen bei Verdacht auf Kindeswohlgefährdung ErzieherInnen zunächst den Kontakt zu den Eltern suchen oder (z.B. wegen Vertuschungsgefahr) gleich das in dem jeweiligen Bundesland vorgeschriebene Verfahren einleiten?

Grundsätzlich gehört es durch den Schutzauftrag zu den Aufgaben von ErzieherInnen, Gewalt in Familien frühzeitig zu erkennen und bei Verdachtsmomenten einzuschreiten. Sie sollten Eltern gegenüber Haltung zeigen und ihnen erläutern, dass Gewalt nie eine Lösung ist, sowie Hilfe und Unterstützung anbieten. Bei einem ersten Verdacht rate ich zu einem klaren, freundlich unterstützenden Gespräch, in dem Hilfsangebote kommuniziert und Adressen von Jugendamt, Therapeuten, Beratungsstellen etc. angeboten werden. Dieses Gespräch sollte mit einer schriftlichen Vereinbarung und mit der Bitte um Rückmeldung durch die Eltern enden.

Wichtig: ErzieherInnen können Familien nur motivieren, Hilfe anzunehmen – wenn das nicht gelingt und der Misshandlungsverdacht weiterhin bestehen bleibt oder zur Gewissheit wird, sollten ErzieherInnen die vorgeschriebenen Verfahren einleiten.

Auf welche Hilfestellungen können ErzieherInnen bei dem Verdacht auf Kindeswohlgefährdung zurückgreifen?

In allen Bundesländern gibt es lokale, multidisziplinäre Kinderschutzteams, die beratend und unterstützend tätig sind. ErzieherInnen können sich zudem von einer „Insoweit erfahrenen Fachkraft (Isofak)“ beraten lassen. Diese vermittelt den ErzieherInnen speziell erlernte Kinderschutz-Grundlagen aus der Perspektive der fallführenden Fachkraft. Der präzisierte Schutzauftrag der Jugendhilfe und die erweiterten fachberaterischen Herausforderungen durch das Bundeskinderschutzgesetz (u.a. § 4 KKG, § 8a, § 8b SGB VIII) bilden den zentralen Ausgangspunkt einer solchen Beratung.

Abgesehen von Unterstützungsangeboten vor Ort, können sich ErzieherInnen auf diversen Online-Plattformen kostenfreie Informationen und Beratungen holen. Auf der staatlichen Plattform www.hilfeportal-missbrauch.de, findet man über die Suchfunktion ein schier unerschöpfliches Informationsangebot zu allen Varianten der Kindeswohlgefährdung.

Autorin

Dr. Anke Elisabeth Ballmann hat der LMU in München Pädagogik, Psychologie und Soziologie studiert und wurde an der FAU in Nürnberg in Pädagogik promoviert. Sie ist Gründerin und Leitung von LERNMEER – Institut für Kindgerechte Pädagogik, Lehrbeauftragte an der Friedrich-Alexander-Universität in Nürnberg und Initiatorin der Stiftung Gewaltfreie Kindheit. Sie setzt sich seit über 25 Jahren für gewaltfreie Pädagogik und kindgerechtes Lernen ein. Sie war in mehr als 500 Kitas und hat in Beratungen, Fort- und Weiterbildungen mit über 9000 Pädagog/innen gearbeitet.

AB 3404 www.hannelore kirchner.com 2018

www.ankeelisabethballmann.de

www.lernmeer.de

www.stiftung-gewaltfreie-kindheit.de

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