Zitiervorschlag

Ein innovativer Lernort in der Pädagoginnen- und Pädagogenausbildung.

Eine Sprachlernwerkstatt in Ungarn

Monika Jäger-Manz

 

Die Geschichte der Sprachlernwerkstatt Deutsch in Baja

Die auf reformpädagogischen Ansichten basierende Lernwerkstatt-Bewegung entwickelte sich nach 1980 in Deutschland und Österreich rasant. Anfang der 90er Jahre erreichte die Zahl der Lernwerkstätten schon 140. Die meisten Lernwerkstätten wurden in Grundschulen aufgebaut, aber es gab damals schon etwa 35 Einrichtungen an Hochschulen und Universitäten angeschlossen wie zum Beispiel in Berlin TU seit 1981, an der Universität in Kassel seit 1983, in Karlsruhe seit 1985 oder die Didaktische Werkstatt Sachunterricht an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg seit 1989.

Die Idee, eine Lernwerkstatt in Baja an der József-Eötvös-Hochschule zu gründen, entstand als freie Initiative junger, neue Wege suchender Dozentinnen der Hochschule mit dem „Erkennen der Notwendigkeit einer neuen Art von Pädagogenausbildung”. Das Ziel war, einen Ort zur innovativen Pädagogik mit Schwerpunkt Sprachlernwerkstatt Deutsche Sprache ins Leben zu rufen. Die fachliche Hilfe zur Errichtung der Sprachlernwerkstatt erfolgte durch engagierte deutsche Lektoren und Gastlehrer aus Niedersachsen. Die finanzielle Unterstützung konnte durch Drittmittel gesichert werden, wobei als bedeutendster Sponsor das Niedersächsische Kultusministerium fungierte. Zur feierlichen Übergabe kam es am 30. September 1997. Die innovative Einrichtung befindet sich im Gebäude C, in den Räumen 56 (großer Seminarraum) und Raum 57 (eingerichtete Küche und Materialraum zum handlungsorientierten Lernen) der József- Eötvös-Hochschule zu Baja.

Der Start des Unterrichts mit den nötigen Fachbüchern und Materialien aus Deutschland konnte im Rahmen des Lernwerkstatt-Vereins verwirklicht werden. Obwohl sich die Räumlichkeiten und die Ausstattung nach mehrmaligem Umzug der Lernwerkstatt ständig ändern, bleibt das ursprünglich entwickelte Konzept auch nach so vielen Jahren konstant.

Die Lernwerkstatt bei der Ausbildung von Pädagoginnen und Pädagogen mit deutschen Nationalitätenfachrichtungen für den Kindergarten und für die Klassen 1 bis 6

Im Mittelpunkt des Konzepts dieser – in Ungarn noch einzigartigen – Einrichtung stehen die deutsche Sprache sowie die Theorie und Praxis der Deutschförderung mit neuen, offenen Methoden. Das Konzept der Sprachlernwerkstatt baut in der Ausbildung Brücken zwischen Theorie und Praxis, wobei wissenschaftliches Wissen mit praktischem Handeln verknüpt erscheinen. Bei der offenen Arbeit an relevanten Themen existieren in den Seminaren beide Faktoren aufeinander bezogen.

In der Lernwerkstatt-Arbeit werden allgemeine didaktisch-methodische Themen wie Lernmotivation, -formen oder kindgemäße Methoden der Deutschförderung behandelt und ausprobiert.  Das Konzept unterstützt die Studentinnen und Studenten darin,

Von Beginn ihres Studiums an werden Studentinnen und Studenten aktive Mitgestalter ihrer pädagogischen Ausbildung, haben die Möglichkeit, nach einer theoretischen Einführung im Rahmen eines selbstgesteuerten Lernprozesses zuerst einfache, dann immer komplexere didaktisch-methodische Lernsituationen zu planen, zu reflektieren und auszuwerten. Friedrich Gervé stellt fest:

„Eine solche Ideee eines offeneren Lernens, dass von den Lernenden […] getragen und von Lehrenden vorbereitet und begleitet wird, ist die Freie Arbeit.” (Gervé 1998, S. 5)

In der Lernwerkstatt werden Seminare angeboten zu den Bereichen der Didaktik und Methodik der Deutschförderung, auch zur deutschsprachigen Kinderliteratur sowie zur pädagogischen Fachsprache der auf Deutsch geführten Bildungsbereiche in Kindergärten und Schulen wie unter anderem Bewegungserziehung, visuelle oder musikalische und rhythmische Erziehung. Die Ausbildung der Nationalitäten-Pädagogen muss also neben den didaktisch-methodischen Schwerpunkten auch auf die Befähigung der Studentinnen und Studenten zur einsprachig deutschen Kommunikation der Erziehung und des Unterrichts großen Wert legen.

Durch die aktive Mitarbeit in der nach Maria Montessori als „vorbereitete Lernumgebung” bezeichneten Einrichtung erfahren Studentinnen und Studenten selbst ihre eigenen, individuellen Lernwege und sind nach einer Zeit in der Lage, altersgemäße Aktivitäten und motivierende Lernsituationen für die Kinder zu planen und zu verwirklichen. Sie übernehmen Verantwortung für ihre Lernprozesse und erleben dabei die Veränderung des Rollenverständnisses der Pädagogen. Hofer formuliert diesen Rollenwechsel wie folgt:

„Die Lehrenden weichen von ihrer üblichen Vortragendenrolle ab, erheben sich als Lernbegleitende. Lernende, die sich gegenseitig helfen, werden zu Lehrenden. So wird didaktische Kompetenz im Sinne einer Schlüsselqualifikation gefördert.” (Hofer 2011, S. 121.)

Daraus ergibt sich auch, dass im Rahmen des offenen Unterrichts, mit dem Einsatz der  Methoden der Stationen-, Projekt- und Werkstattarbeit die Individualisierung des Lernens ermöglicht wird: Studentinnen und Studenten werden auf leistungsdifferenzierte Strategien vorbereitet, mit deren Hilfe sie selbstständige Mitarbeit bei den Kindern erzielen können.

Die offene Arbeit mit Studentinnen und Studenten in der Lernwerkstatt bietet – nach Rückmeldungen der Dozentinnen und Dozenten der ungarischsprachigen Ausbildung, aber auch nach Meinungen der Praxisstellen – vielfältige Potentiale und Herausforderungen, wobei sie bei der Professionalisierung zukünftiger Pädagoginnen und Pädagogen einen wichtigen Beitrag leistet.

Die Gliederung des in der Lernwerkstatt vorhandenen Materials erfolgt durch Markierungen, um die Orientierung und die selbstständige Arbeit an dem gewählten Thema besser unterstützen zu können. Die fünf Bereiche, in denen die Interessenten in der Deutschlernwerkstatt Baja Informationen sammeln und ihr Studium, auch ihre pädagogischen Kompetenzen, bereichern können, sind die folgenden:

Studentinnen und Studenten erleben selbst offene Lernsituationen zur altersgemäßen Bearbeitung von ungarndeutschen volkskundlichen oder literarischen Themen. Sie erleben, erfahren und erproben Arbeitsvorgänge, die in der eigenen Praxis eingesetzt werden können.

Das Erleben der offenen Lernformen spornt einige anspruchsvolle und Herausforderung wahrnehmende Studentinnen und Studenten zur wissenschaftlichen Arbeit in diesem in Ungarn noch unerforschtem Bereich an. Durch das Studieren der vorhandenen Fachliteratur sowie durch Praxiserfahrungen sind in den letzten Jahren wertvolle Diplomarbeiten entstanden.

Die Sprachlernwerkstatt Baja erwies sich als eine zukunftsorientierte Innovation, deren Verbreitung sowohl an Bildungseinrichtungen wie Kindergärten und Schulen, als auch an Hochschulen und Universitäten der Pädagoginnen- und Pädagogenausbildung die engagierte Arbeit der Kolleginnen und Kollegen voraussetzt.

Literatur

Ernst K.-Wedekind H. (Hgg.): Lernwerkstätten in der Bundesrepublik Deutschland und Österreich. Eine Dokumentation. Frankfurt am Main: Arbeitskreis Grundschule 1993.

Gervé F.: Freie Arbeit. Grundkurs für die Aus- und Fortbildung. Weinheim und Basel: Beltz 1998.

Hofer Ch.: Lernen und Didaktik. Skizze eines konstruktivistischen Sprachenlernens. In: Barbara Schröttner, Christian Hofer (Hgg.): Looking an Learning. Blicke auf das Lernen. Hochschule. Sprache. Ort. Münster, New York, München, Berlin: Waxmann 2011, S. 113–125.

Jäger-Manz M.: Deutsch-ungarische Zweisprachigkeit an Bildungseinrichtungen Ungarns. In: Anemone Geiger-Jaillet (Hg.): Lehren und Lernen in deutschsprachigen Grenzregionen. Mehrsprachigkeit in Europa Bern: Peter Lang 2010  2. Auflage, S. 183–194.

Jäger-Manz M.: Die „Lernwerkstatt Baja” im Dienste der Deutschpädagogen. In: Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen (Hg.): Deutsch revital. Pädagogische Zeitschrift für das ungarndeutsche Bildungswesen. Budapest 2004, S. 80–82.



In: Martin R. Textor/Antje Bostelmann (Hrsg.): Das Kita-Handbuch.

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