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Zitiervorschlag

Ästhetische Bildung, Erfahrungsfeld zur Entfaltung der Sinne und Kindertagesstätten-Ansatz – Die Pädagogik nach Hugo Kükelhaus

Frank Francesco Birk

 

Einleitung

Die Kükelhaus-Kindertagesstätte ist eine recht unbekannte Einrichtungsform in der Pädagogik der frühen Kindheit. 1996 entstand die erste Kindertagesstätte mit einem Schwerpunkt in der Kükelhaus-Pädagogik in Bielefeld. Es folgte eine weitere Einrichtung, die 2003 in Troisdorf gegründet worden ist. Dies sind bislang die einzigen beiden Einrichtungsformen mit einem Schwerpunkt in der Pädagogik nach Kükelhaus. Kükelhaus-Kindertagesstätten fokussieren Sinneswahrnehmungen (Hören, Sehen, Riechen, Schmecken, Bewegung, Fühl- und Tastsinn sowie das Gleichgewicht) nicht nur durch spezielle Gerätschaften, sondern durch den Einbezug von Architektur (Innen- und Außenraumgestaltung) sowie der pädagogischen Angebote. In diesem Beitrag werden neben der Bedeutung des Kükelhaus-Ansatzes für die Pädagogik der frühen Kindheit, Bezüge zum Bildungsbereich Ästhetik sowie zum Erfahrungsfeld zur Entfaltung der Sinne hergestellt. Hierbei werden die Vorzüge dieses Ansatzes kritisch diskutiert.

Hugo Kükelhaus – Universalgelehrter und Pädagoge

„Niemand begreift ihn ganz, aber jeder kann sich von ihm holen, was er braucht."

Uta Joeressen         

Am 24. März 1900 wurde Hugo Kükelhaus in Essen geboren und verstarb am 5. Oktober 1984 in Herrischried. „Nach seinem Abitur wurde er Tischler und Zimmermann, er legt dann nach Lehr- und Wanderjahren die Meisterprüfung ab. Es folgte ein Studium, an mehreren Universitäten in Soziologie, Philosophie und Logik“ (Dietz 1995, S. 11). Nach dem Studium war Kükelhaus als freiberuflicher Redakteur, Künstler (Grafiker, Maler, Architektur Illustrator, Glaskünstler, Bildhauer und Plastiker) sowie als Pädagoge tätig (vgl. ebd.). Im Kontext der Architektur und der Pädagogik engagierte er sich in Projekten für Kinder mit Behinderungen (vgl. Dederich 2002, S. 178). Insbesondere sein Erfahrungsfeld zur Entfaltung der Sinne hat sich in der (Heil-)Pädagogik als Konzept etabliert. Neben der Begründung des Erfahrungsfeld zur Entfaltung der Sinne ist Kükelhaus auch durch die Entwicklung des Kleinstkind-Spielzeug „Allbedeut-Greiflinge“ bekannt geworden (vgl. Dederich 2002, S. 177). Diese Greifspielzeuge aus Holz umfassen u. a. den Raffelfisch, Laufringe, Kugelschale und den Dreiring, die bis heute als Spielzeuge für Kleinstkind von Bedeutung sind.Kükelhaus ist durch diese Vielfältigkeit nicht nur in einer Profession zu verordnen, sondern zählt zu den letzten Universalgelehrten seiner Zeit. Er hinterließ ein sehr umfangreiches Werk von Bauten, Gerätschaften, Projekten, Schriften sowie Zeichnungen mit aktueller Bedeutung (vgl. Schenkel 2018, S. 5).

Insbesondere seine Publikation Unmenschliche Architektur (1973) sollte bei dem Bau von pädagogischen Einrichtungen berücksichtigt werden, da diese viele Impulse zur organgesetzlichen Architektur enthalten. Kükelhaus begreift Schulen und andere pädagogische Einrichtungen als Organanlagen. Wenn das Bildungssystem „menschenbildend wirken will, muß sie den Menschen selbst ernst nehmen, mit den ihm spezifischen Bildungs- und Lebensmöglichkeiten. Denn das Bewußtsein und Bewußtwerden, das Denken des Menschen ist von seinen leib-sinnlichen Möglichkeiten mitbestimmt“ (Bäuml-Roßnagl 1994, S. 267). Das Werk von Kükelhaus wird u. a. durch die Institutionen Hugo Kükelhaus Gesellschaft e.V. (1993) sowie durch die Hugo Kükelhaus Stiftung (2002) bewahrt, für die Nachwelt begreifbar gemacht und für die Zukunft erfahrbar gehalten.

Kindheit heute

"Spielraum lassen, Spielraum lassen: Das ist das Geheimnis."

Hugo Kükelhaus

Viele Kinder weisen Auffälligkeiten und Störungen in den Entwicklungs- bzw. Bildungsbereichen Wahrnehmung und Bewegung auf. „Die Gründe dafür liegen einerseits in der Verhäuslichung und dem Zugang zu elektronischen Medien: Heute verbringen Kinder Ihre Freizeit mehr zu Hause und oft auch vor dem Bildschirm“ (Birk 2020, S. 33). Weitere Gründe für die Auffälligkeiten sind, dass die Kinder weniger Zeit in der Natur verbringen. Somit machen viele Kinder keine natürlichen Sinneserfahrungen mehr, wie Klettern auf einen Baum, Barfuß in einem Bachlauf gehen, mit Matsch spielen oder auf Schnitzeljagd zu gehen. Zunehmend verdrängen mediale Erfahrungen Primärerfahrungen. Ein weiterer Grund für den Mangel an Wahrnehmungs- und Bewegungserfahrungen liegt in der Verinselung der Kindheit: Diese äußert „sich in der räumlichen und zeitlichen Freizeitgestaltung. Durch die Mobilität werden viele Wege nicht mehr zu Fuß zurückgelegt, wodurch sich die aktive Bewegungszeit reduziert“ (ebd.). Des Weiteren verbringen Kinder ihre Freizeit zunehmend in pädagogischen Institutionen z. B. Ganztagsbetreuung in Kindertagesstätte und Schule. Hierbei wird der Freiraum für autonome Erfahrungen wenig ermöglicht (vgl. ebd.). Dieser Mangel an ganzheitlichen (seelischen, geistigen und körperlichen) Primärerfahrungen sorgt dafür, dass sich der Ansatz nach Kükelhaus mehr in der Pädagogik der frühen Kindheit verbreiten sollte. Im nachfolgenden Kapitel wird das Erfahrungsfeld zur Entfaltung der Sinne sowie die aktuelle Bedeutung herausgearbeitet.

Erfahrungsfeld zur Entfaltung der Sinne

„Das Auge sieht, das Ohr hört, die Nase riecht, die Haut fühlt, die Finger tasten, der Fuß (ver-)steht, die Hand (be-)greift, das Gehirn denkt, die Lunge atmet, das Blut pulst, der Körper schwingt [...]“.

Hugo Kükelhaus

Kükelhaus stellte 1967 sein Versuchsfeld zur Organerfahrung in der Exposition universelle et internationale Montréal (Expo 67) vor. Diese ersten Stationen waren der Ausgangspunkt für das Erfahrungsfeld der Sinne. 1975 stellt Kükelhaus das Versuchsfeld zur Entfaltung der Sinne mit 37 Stationen im Rahmen der Handwerkmesse Exemplar vor (vgl. Dietz 1995, S. 11). Diese entwickelte sich zu einer Wanderausstellung, die im Aus- und Inland tourte. Dieses Versuchsfeld wurde später als Erfahrungsfeld zur Entfaltung der Sinne bekannt und etablierte sich im deutschsprachigen Raum (z. B. NRW, Bayern, Hessen, Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Baden-Württemberg) und zum Teil im Ausland (z. B. Schweiz, Österreich, Spanien, Belgien, Niederlande, Südafrika). Zu den bekanntesten Erfahrungsfeldern im deutschsprachigen Raum zählen, dass Schloss Freudenberg in Wiesbaden, Erfahrungsfeld zur Entfaltung der Sinne in Nürnberg, das phänomania Erfahrungsfeld in Essen, Eins+Alles – Erfahrungsfeld der Sinne und Erholungszentrum in Welzheim sowie Weg der Sinne in Haag am Hausruck (Österreich). Die Erfahrungsfelder orientieren sich nach den Wahrnehmungsbereichen Hören, Sehen, Riechen, Greifen/Fühlen, Schmecken und Kinästhetik.

Eine Auseinandersetzung mit „Welle-, Spirale-, Wirbel-, Periodik-Rhythmik - Pendelbewegung - Strömung“ (Bäuml-Roßnagl 1994, S. 276) sind wesentlich für die Entwicklung des Menschen. Diese Elemente sind in dem Erfahrungsfeld verankert und können durch die einzelnen Stationen erlebbar werden. Viele dieser Gerätschaften haben sich insbesondere in der Pädagogik der frühen Kindheit sowie in der Heilpädagogik etabliert. Diese wurden allesamt von Hugo Kükelhaus entwickelt, mit der Intention alle Wahrnehmungsbereiche zu fördern. In nachfolgender Tabelle sind die Stationen den einzelnen Wahrnehmungsbereichen zugeordnet. Hierbei ist zu beachten, dass an vielen Stationen nicht nur ein Sinnesbereich angesprochen wird. Bei der Station Wasserklangschale/Wasserspringschale werden beispielsweise neben taktilen und haptischen Erfahrungen, die auditive Wahrnehmung und kinästhetische Wahrnehmung durch das Erzeugen und Hören der Töne sowie die visuelle Wahrnehmung, durch das Betrachten des Wasserspiels angeregt. Dies ist ebenfalls bei anderen Stationen gegeben.

Tabelle 1: Zuordnung von Wahrnehmungsbereichen und Erfahrungsfeldstationen

Wahrnehmungsbereich

Stationen des Erfahrungsfeld zur Entfaltung der Sinne

Auditive Wahrnehmung (Hören)

Summstein, Gongs, Windspiele und -harfen, Klangschalen, chladnische Klangplatten, Hörgarten, Trommeln, Orgelpfeifen, Monochord und Sprechrohre

Visuelle Wahrnehmung (Sehen)

Farbkreisel, Nachbilder, Rotationsscheiben, kippende Perspektive, Murmelkaskade, Camera obscura und Prismen

Olfaktorische Wahrnehmung (Riechen)

Duftsäulen/ Duftstelen, Kräuterschnecke und Rosenweg

Gustatorische Wahrnehmung (Schmecken)

Dunkelbar, Streuobstwiesen und Lagerfeuer

Kinästhetische Wahrnehmung (Bewegung)

Drei-Zeiten-Pendel, Pendelstein, Taumelscheibe, Sandpendel und Labyrinth

Haptischen bzw. taktilen Wahrnehmung (Fühl- und Tastsinn)

Barfußpfad, Tastwände, Tastkästen, Taststelen, Wasserklangschale/Wasserspringschale und Wasserspiele

Vestibuläre Wahrnehmung (Gleichgewicht)

Steinpendel, Partnerschaukel und Balancierscheiben (unterschiedliche Größen)

Kükelhaus als Ansatz in der Pädagogik der frühen Kindheit

„Der Zauber des wirklichen Begreifens liegt darin, daß wir etwas Alltägliches neu sehen!“

Hugo Kükelhaus

Die erste Kükelhaus-Kindertagesstätte entstand 1996 in Bielefeld. Das Kinderhaus am Mondsteinweg gilt als Modelleinrichtung für Kükelhaus-Pädagogik. In dieser Elterninitiative werden 80 Kinder in vier Gruppen betreut. Kükelhaus selbst hat die Begründung dieser Kindertagesstätte nicht mehr erleben dürfen. 2003 wurde in Troisdorf die zweite Kükelhaus-Kindertagesstätte in städtischer Trägerschaft gegründet. In dieser Einrichtung werden 75 Kinder im Alter von 3 Monaten bis zum Schuleintritt betreut. Beide Kindertagesstätten integrierten die Stationen des Erfahrungsfeldes zur Entfaltung der Sinne, (z. B. Summstein, Duftstehlen, Drehscheibe, Gongs) um sinnliche Alltagserfahrungen zu ermöglichen, ohne dabei eine reine Ansammlung von Erfahrungsstationen zu intendieren (vgl. KindSein e. V. 2004, S. 9; S. 12). Die Stationen stehen somit nicht im Zentrum des jeweiligen Konzeptes, sondern alltägliche Sinneserfahrungen, die beispielsweise durch Projekte (z. B. Projekte zur Wahrnehmung, Ernährung, Kräuter oder Elementen), Angebote und Innen- und Außenraumgestaltung vermittelt werden.

„Lebt der Mensch in einer erstarrten Struktur, ist er tot. Er sollte deshalb seine Umwelt durch möglichst viele Ecken und Nischen so gestalten, daß er möglichst sinnennah leben kann“ (Bäuml-Roßnagl 1994, S. 266). Durch die Integration der vier Elemente in den Innen- und Außenräumen werden diese Ecken und Nischen geschaffen. Das Feuer, dass im Kamin angezündet werden kann, dass insbesondere an Wintertagen Wärme spendet. Das Element Erde findet sich in Hülle und Fülle auf der Außenanlage wieder und findet somit keine Berücksichtigung in den Räumlichkeiten der Einrichtung. Das Wasser soll durch ein Wasserspiel im Forum integriert werden. Die Luft wird durch die Anbringung der Heizkörper an den Innenwänden dargestellt. Somit wird die Luft merklich zirkuliert und es herrscht ein Wärmegefälle in den Räumen vor (vgl. KindSein e. V. 2004, S. 14).

Weiter hat das Mondstein Kinderhaus beispielsweise Wasser-Spielbereiche, soziale Bereiche (u. a. Weidentipis), ein Lehmbackhaus, Spielgruben, Spielgeräte (z. B. Schaukeln, Reckstangen, Wipp- und Balanciergeräte) und eine Wildwiese als feste Bestandteile im Außengelände integriert (vgl. KindSein e.V. 2004). Diese Spielbereiche ermöglichen viele unterschiedliche Sinneserfahrungen. Die „Höhen und Tiefen, Gräben, Wälle, Hügel und Gruben, Ebenen und Terrassen intensivieren das kindliche Raumerleben“ (KindSein e. V. 2004, S. 20) und regen alle Sinne an. Durch diese vielen unterschiedlichen Gerätschaften und Räumlichkeiten sowie die unterschiedlichen Gegebenheiten, insbesondere im Außengelände werden den Kindern vielfältige Sinneserfahrungen angeboten.

Des Weiteren ist in der Kükelhaus-Pädagogik der Fokus auf die Beziehung zur Natur von großer Bedeutung und soll in den Alltag integriert werden. Diese Naturkontakte bieten vielfältige Erfahrungen, die Kindern in der heutigen Zeit häufig verwehrt sind. „Dadurch können die Kinder Erfahrungen sammeln, die sich positiv auf die Bewegungs- und Wahrnehmungsentwicklung auswirken wie beispielsweise sich auf unebenem Boden zu bewegen, auf Bäume zu klettern sowie barfuß durch ein Gewässer zu gehen“ (Birk 2020, S. 33). Diese Erfahrungen bieten mannigfaltige Anregungen für die sinnliche Wahrnehmung sowie eine Auseinandersetzung mit natürlichen Rhythmen (z. B. Tag und Nacht, Gezeiten, Jahreszeiten). Durch die Sinnestätigkeit erfahren die Kinder elementare Organprozesse, die eine Grundlage für ein lebenswertes Leben sind. Eine Nicht-Beanspruchung der Sinnlichkeit erzeugt Distress (vgl. Kükelhaus 1982, S. 13f.).      

Ästhetische Bildung und die Kükelhaus-Pädagogik

„Schwache Reize wirken auslösend. Mäßige Reize entwickeln. Starke Reize hemmen. Überstarke zerstören.“

Hugo Kükelhaus

Der Bildungsbereich Ästhetik ist im gemeinsamen Rahmen der Länder für die frühe Bildung in Kindertageseinrichtungen sowie in allen 16 Bildungs- und Erziehungsplänen abgebildet. Somit ist dieser Bildungsbereich zentral für die Pädagogik der frühen Kindheit (vgl. Kirchner 2014, S. 627). In dem Zusammenhang wird „musische Bildung im Sinne von ästhetischer Bildung, musikalischer Früherziehung und künstlerischem Gestalten verstanden“ (vgl. Jugendministerkonferenz & Kultusministerkonferenz 2004, S. 5). Ästhetische Bildung ist die „Ordnung der sinnlichen Erfahrungen durch biologische, kulturelle und lebensgeschichtliche erworbene, vielfach bildhafte Ordnungen, die nicht unbedingt Schönheits- oder Harmonievorstellungen folgen müssen“ (vgl. Schäfer 2011, S. 65). In den Bildungs- und Erziehungsplänen wird ästhetische Bildung im „Sinne des griechischen Begriffs ‚aisthesis‘ verwendet, der sich auf die Lehre von der sinnlichen, körperlichen Wahrnehmung und Empfindung bezieht“ (Thüringer Ministerium für Bildung, Jugend und Sport 2016, S. 222).                 
Die Pädagogik nach Kükelhaus bietet umfassende, sinnlich-ästhetische Erfahrungen. Nicht ausschließlich durch das bekannte Erfahrungsfeld zur Entfaltung der Sinne werden diese Erfahrungen geboten, sondern insbesondere durch die vorgestellte Kindertagesstätten-Ausrichtung. Die Kinder machen ästhetische Erfahrungen nicht nur bei einem Ausflug zu einem Erfahrungsfeld zur Entfaltung der Sinne, sondern diese vielfältigen Sinnesanregungen sind in den Alltag der Kindertagesstätte integriert. Sinnlich-ästhetische Bildung steht in dieser Kindertagesstätten-Ausrichtung, ähnlich wie in der Waldorf- und Reggio-Pädagogik, im Mittelpunkt. Wie bereits beschrieben werden die Stationen des Erfahrungsfeldes nicht als alleiniges Merkmal für sinnlich-ästhetische Bildung angesehen, sondern der Bildungsbereich wird z. B. durch die Architektur (Innen- und Außenräume) sowie durch die pädagogische Arbeit in den Alltag integriert. Die pädagogische Arbeit ist so zu verstehen, dass Anlässe geschaffen werden, damit Kinder ihre Sinne einsetzen können.

Die Kindertagesstätten- Ausrichtung versucht mit Hand, Herz und Kopf die Ganzheitlichkeit des Kindes anzusprechen. Neben dem Einbezug der fünf Sinne sind die vier Elemente im Kindertagesstätten-Alltag wesentlich. „Wahrnehmungen wie das Hören des Windes, das Fühlen des matschigen Lehmes, das Schmecken des täglichen Frühstücksbuffets oder das Kokeln an unserer Feuerschale erleben die Kinder während ihres Kindergartenalltages“ (Verein der Freunde und Förderer der KiTa "Am Krausacker" e. V. o. J.). Daneben sind auch Aktivitäten wie der Bau eines Insektenhotels, Apfelmus kochen, Kerzen ziehen, Gemüse und Obst ernten, Schattenspiel sowie Schwarzlicht vorgesehen. Während der Angebote und durch die Stationen des Erfahrungsfeldes sollen die Kinder folgende Phänomene erfahren: Gravitation, Symmetrien, Polarisation, Balancen, Resonanzen sowie Elastizitäten. In der nachfolgenden Tabelle sind exemplarisch Stationen, Gerätschaften, Naturmaterialien usw. aufgeführt, die zu den jeweiligen Phänomenen passen.           

Tabelle 2: Phänomene mit exemplarischen Beispielen (in Anlehnung an Lotz 1997)

Gravitation

Symmetrien

Polarisation

Balancen

Resonanzen

Elastizitäten

- Schaukel

- Stein(-pendel)

- Spiralen

- Doppelhelix

- Kaleidoskop

- hell - dunkel

- laut - leise

- süß - sauer

- nah und fern

- stinken -

  duften

- An- und

  Entspannung

- allein -

  gemeinsam

- Balance-  

  scheibe

- Wippe

- Rotations-  

  Scheibe

- Schaukel

- Steinpendel

- Parcours

- Varusell

- Pedalo

- Kreisel

- Summstein

- Echo

- Frage und  

  Antwort

- Muschel

- Stimmgabel

- Gong

- Klangschale - Trommel

- Stimme

- Körper

- Gummi

- Stuhlfeder

- Expander

- Trampolin

- Impulskugeln

- Airtramp

Diese exemplarischen Beispiele zu den jeweiligen Phänomenen machen deutlich, dass ästhetische Bildung eng mit dem Bildungsbereich Bewegung verbunden ist. Die meisten Phänomene werden über Bewegung erlebt sowie durch Bewegung erzeugt. Zusammenfassend lässt sich darstellen, dass es Kükelhaus nicht nur um die bloße „Funktionsbedeutung einzelner Sinne und auch nicht um isolierte Sinnesübungen (…)“ geht (Martin 2014, S. 371). Entscheidend ist immer der Kontext, und somit die Frage ob Beziehungen der Sinneswahrnehmungen mit kosmischen bzw. natürlichen, physikalischen Gesetzmäßigkeiten verbunden sind (Lotz 1997). Durch die Integration dieser Phänomene in den Alltag machen die Kinder diverse Erfahrungen über ihren Körper, die für ihre Entwicklung prägend sind und gut auf ein sinnreiches Leben vorbereiten.

Fazit

„Wenn ich Erfolg hätte, würde ich sagen, ich bin gescheitert.“
Hugo Kükelhaus

Kükelhaus-Kindertagesstätten bieten eine relativ unbekannte Alternative in der Pädagogik der frühen Kindheit. Der enge Bezug zu den Wahrnehmungsbereichen (z. B. Stationen des Erfahrungsfelds zur Entfaltung der Sinne), zu dem Bildungsbereich Bewegung sowie zur Natur, machen das Konzept als modernen Ansatz für die Pädagogik der frühen Kindheit relevant. Durch gesellschaftliche Phänomene wie die Verhäuslichung, Verinselung und Digitalisierung hat sich die Kindheit gewandelt. Kükelhaus war zu Lebzeiten schon Kritiker dieser Veränderungen. Mit seinem Ansatz wird eine Möglichkeit geboten, dass Kinder vermehrt Primarerfahrungen (z. B. Klettern, Balancieren) sammeln.

Die Ausrichtung auf Sinneswahrnehmung, Bewegung und Natur ist zwar in Kindertagesstätten wie dem Waldkindergarten, Waldorfkindergarten, Reggio-Kindergarten sowie dem Montessorie-Kinderhaus schon vertreten, jedoch bietet die Kükelhaus-Pädagogik viele unterschiedliche Impulse, die nicht nur durch die Materialien (Stationen des Erfahrungsfeldes) gegeben sind, sondern vielmehr durch die Haltung, die sich in der pädagogischen Arbeit (Alltag, Angebote und Projekte) sowie in der Architektur der Räumlichkeiten (Innen- und Außenraum) wiederspiegeln. Dieser Beitrag möchte ermutigen sich weiter mit dieser Einrichtungsform zu beschäftigen sowie anregen, dass weitere Kindertagesstätten mit diesem Schwerpunkt entstehen, denn Sinnlichkeit, Naturerfahrung und Bewegung sind Grundlagen für die kindliche Entwicklung.

Literaturverzeichnis

Bäuml-Roßnagl, M.-A.: Zur Anthropologie der Sinne nach Hugo Kükelhaus. In: Zacharias, W. (Hrsg.): Sinnenreich. Vom Sinn einer Bildung der Sinne als kulturell-ästhetisches Projekt. Essen: Klartext, 1994, Seite 263-278.

Birk, F. F.: Der Waldkindergarten. Ein Konzept zur Prävention von Entwicklungsstörungen. In: Schweizerische Zeitschrift für Heilpädagogik, Jg. 26, 3, 2020, Seite 33-37.

Dederich, M.: Hugo Kükelhaus (1900-1984). In: Buchka, M.; Grimm, R. & Klein, F. (Hrsg.): Lebensbilder bedeutender Heilpädagoginnen und Heilpädagogen des 20. Jahrhunderts. München: Reinhardt Verlag, 2002.

Dietz, G.: Interaktive und sinnesbezogene Erziehung im Kindesalter. –Vorrangig orientiert an Korczak, Kükelhaus und Montessori-. Regensburg: S. Roderer Verlag, 1995

Jugendministerkonferenz & Kultusministerkonferenz: Gemeinsamen Rahmen der Länder für die frühe Bildung in Kindertageseinrichtungen. Berlin: Eigenverlag, 2004.

https://www.kmk.org/fileadmin/Dateien/veroeffentlichungen_beschluesse/2004/2004_06_03-Fruehe-Bildung-Kindertageseinrichtungen.pdf (Zugriff am: 26.04.2020).

KindSein e.V.: Konzeption für das Kinderhaus am Mondsteinweg. https://www.mondsteinweg.de/pdf_Files/KH-Konzept.pdf (Zugriff am: 22.04.2020).

Kirchner, C.: Ästhetische Bildung in der frühen Kindheit. In: Braches-Chyrek, R.; Röhner, C.; Sünker, H. & Hopf, M. (Hrsg.): Handbuch Frühe Kindheit. Opladen: Verlag Barbara Budrich, 2014, Seite 627-643.

Kükelhaus, H.: Unmenschlich Architektur. Von der Tierfabrik zur Lernanstalt. Köln: Gaia Verlag, 1979.

Kükelhaus, H.: Fassen/FühlenJBilden, Köln: Gaia Verlag, 1982.

Lotz, D.: Zum Erfahrungsfeld zur Entfaltung der Sinne (Hugo Kükelhaus). Dittmann, M. (Hrsg.): Entfaltung aller Sinne. Projektbuch für den Kindergarten. Weinheim: Belz Verlag, 1997. http://www.heilpaedagogik-lotz.de/Text9.html (Zugriff am: 28.04.2020).

Martin, B. (2014). Intelligente Evolution: Spurensuche nach dem Sinn des Lebens. BoD–Books on Demand.

Schäfer, G. E.: Bildungs- und Erziehungspläne: Bildung beginnt mit der Geburt: Für eine Kultur des Lernens in Kindertageseinrichtungen. Berlin: Cornelsen Scriptor Verlag, 2011.

Schenkel, E.: Sinn und Sinne: Drei Versuche zu Hugo Kükelhaus. Norderstedt: Books on Demand.

Thüringer Ministerium für Bildung, Jugend und Sport: Thüringer Bildungsplan bis 18 Jahre. Bildungsansprüche von Kindern und Jugendlichen. Erfurt: Eigenverlag, 2016.

Verein der Freunde und Förderer der KiTa "Am Krausacker" e.V.: KiTa. o.J. https://www.foerderverein-amkrausacker.de/kita/ (Zugriff am: 28.04.2020).

Autor

Frank Francesco Birk ist Motologe M.A., Kindheitspädagoge B.A., Motopäde, Erzieher sowie Kulturpädagoge (i.Aus.). Aktuell ist er Dozent an verschiedenen Hochschulen sowie Doktorand an der Universität zu Köln. Hauptberuflich arbeitet als Motologe im heilpädagogischen Fachdienst in der Kinder- und Jugendhilfe.

eMail: frankbirk2003@yahoo.de

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