Die fabelhafte Geschichte von Herrn Leopold, der schweben konnte

Rezension zu Gugger, Rebecca / Röthlisberger, Simon "Die fabelhafte Geschichte von Herrn Leopold, der schweben konnte", Verlag NordSüd, Zürich 2026.

Loslassen und Leichtigkeit? Themen für ein Kinderbuch, wo sich doch eigentlich eher Erwachsene – aufgefordert zu mehr Achtsamkeit und positiver Lebensgestaltung – mit diesen Aspekten lebenslanger Wachstumsanforderungen beschäftigen sollten?

Und doch kommen diese Begriffe in einem Kinderbuch vor. Passt das und ist das schon in früher Kindheit wirklich nötig? Schließlich wird verlagsseitig das Bilderbuch „Die fabelhafte Geschichte von Herrn Leopld, der schweben konnte“ bereits für ein Alter ab 4 Jahren empfohlen.

Herr Leopold kommt mit einer besonderen Fähigkeit zur Welt: er kann schweben und damit er nicht davonschwebt, braucht es so manchen Trick, ihn mit verschiedenen Hilfsmitteln erdennah zu halten. Selbst wissenschaftlich kann niemand herausfinden, was ihn schweben lässt.

„Das er ein wenig anders war als die anderen, störte ihn nicht. Unbekümmert und mit viel Leichtigkeit schwebte er durchs Leben.“ Zauberhaft wird beschrieben und gezeichnet, was für Vorteile das Schweben und die Leichtigkeit Leopold in jungen Jahren einbringen. So weit, so gut.

Mit seiner Fähigkeit wird er älter. Doch wir ahnen schon: Es wird nicht so bleiben. „Die Leute wussten nicht so recht, was sie von Leopolds Fähigkeit denken sollten.“ Kein Leben verläuft eben ohne Fremdeinschätzungen, und von Urteilen durch andere ist niemand unabhängig.

Daher wird Leopold vermittelt, welche Dinge zum Schweben taugen und dass Menschen eben nicht dazu gehören. Da Leopold niemanden verärgern möchte – Rücksichtnahme ist halt schön, aber auch ein wenig traurig – bemüht er sich fortan, „am Boden zu bleiben“. Das gelingt ihm immer dann, „wenn er sich richtig schwer dachte. Schwerkraft, so lernte er, beginnt im Kopf.“ Welch‘ ein kluger Satz, präzise und kurz gesagt!

Als ihm – behängt mit schweren Sachen – das Am-Boden-bleiben zunehmend gelingt, hat Leopold „das leise Gefühl, etwas verloren zu haben. Etwas Kostbares, das nur ihm gehörte.“

Jahre lebt er, wie alle anderen auch, bodenständig. Doch eines Tages schwebt – Leopold ist schon grau geworden – die kleine Mathilda an ihm vorbei. Er ist verblüfft, erinnert sich, dass er diese Fähigkeit auch einmal besaß und begibt sich – ermuntert von Mathilda – auf einen Weg der Rückbesinnung an diese verlorengeglaubte Fähigkeit: „Ihm flattern all die vergessenen Erinnerungen zu.“ Und er findet sein vergessenes Schweben wieder! Es helfen die Wörter „himmelweit, pusteblumenleicht, windgetragen, vogelfrei, wolkenweich“ sich wieder frei zu erheben.

Herrn Leopolds Erkenntnis ist so philosophisch wie lebensklug: Ich hatte nur vergessen, wie es sich anfühlt, unbeschwert zu sein. Vielleicht ist Schweben nur das Gegenteil von Festhalten.“

Das zauberhaft illustrierte Buch schenkt den Glauben an eine besondere Kraft zurück: die Leichtigkeit der Gedanken! (Wie viele Großeltern lernen dies wieder durch ihre Enkel, mehr als durch jede noch so gute Ratgeberlektüre!)

Ja, ich empfehle das Buch auch ab vier Jahren, denn Kinder sind kluge Wesen, die intuitiv und durch aufmerksames Fragen mehr verstehen, als wir oft glauben. Und ich empfehle es allen Erwachsenen – bis 99 Jahre und darüber hinaus – die an der fehlenden Leichtigkeit in ihrem Leben leiden und Ermutigung brauchen.

Erwachsenen empfehle ich zusätzlich die Lektüre des Gedichtes „Gestutzte Eiche“ von Hermann Hesse, der in Gedanken immer schweben wollte (daher verdanken wir ihm wunderbare Literatur) und darum kämpfen musste, durch andere nicht am Boden gehalten zu werden. Lasst uns vorsichtig sein, Kinder durch unsere Einflussnahme frühzeitig zu stutzen und ihnen ihre fabelhafte Fähigkeit es Schwebens allzufrüh zu nehmen!

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Gugger, Rebecca / Röthlisberger, Simon

Verlag NordSüd, Zürich 2026