Anke Elisabeth Ballmann hat sich inzwischen einen Ruf als Verteidigerin der Kinderrechte erworben, vor allem in Bezug auf psychische Gewalt. Sie hat mehrere Bücher veröffentlicht, darunter "Seelenprügel", "Wörter sind wie Pfeile" und "Satt und sauber reicht nicht!" Die Autorin betreibt in Bayern das Fortbildungsinstitut "Lernmeer – Institut für kindgerechte Pädagogik" mit drei Standorten. In dem hier rezensierten Buch bietet sie auch "Sofortmaßnahmen für Kitas und Eltern gegen den Notstand in der frühen Bildung" (Untertitel) an.
Im Vorwort von "Satt und sauber" reicht nicht weist sie auf die teilweise unzureichende Förderung von Kindern in Kindertageseinrichtungen hin. Sie spricht von einem "Notstand", auch weil der Rechtsanspruch auf einen KiTa-Platz nicht vollkommen umgesetzt werde. "Es wäre ein Verbrechen an unseren Kindern, wenn wir ihnen die frühe Bildung in den Kitas verwehren, aber genau das geschieht gerade." (S.26)
Ausgehend von Fröbel schlägt sie mit vielen Theoriebezügen den Bogen zum modernen Bildungsauftrag der Kitas. In einem längeren Kapitel gibt sie einen Überblick über Entwicklungstheorien von Behaviorismus/Lerntheorien über Psychoanalyse bis zum Konstruktivismus. Sie kritisiert Bildungsprogramme, weil diese als "Bildungsverhinderungsprogramme" (S.38) nicht den Interessen und Lebenswelten der Kinder entsprächen.
Durchgängig fragt man sich, ob es dabei um einzelne Kitas geht, um alle, oder geht es nur um Bayern oder um ganz Deutschland? Vielleicht zielt die Autorin mit ihrer Kritik ab auf den bayrischen "Bildungs- und Erziehungsplan für Kinder in Tageseinrichtungen bis zur Einschulung", der 514 Seiten umfasst und detaillierte Vorgaben macht. Doch Bayern ist nicht die BRD. In den "Bildungsgrundsätzen" in NRW z.B. kommt man mit gut 100 Seiten aus, weil man zu den Bildungsbereichen nur Leitfragen, Leitideen und Materialvorschläge anführt.
Die theoretischen Ausführungen entsprechen dem Stand der modernen Frühpädagogik, doch die Bedeutung der Gruppe im Kleinkindalter und die Rolle außerfamiliärer Bezugspersonen werden kaum thematisiert. Trotz der lobenswerten Intention und trotz der überwiegend positiven Rückmeldung, auch in der Fachwelt, lassen manche Passagen verwundert aufhorchen, z.B. wenn es um "kitafreie" Erziehung geht.
Sofortmaßnahmen
Den Eltern wird empfohlen: "Lassen Sie Kinder spielen, spielen und noch einmal spielen". Die Eltern sollen in die Entwicklung des Kindes vertrauen, ihnen Zeit geben und zu Hause eine "Wohlfühlumgebung" schaffen, außerdem auch ehrenamtlich in der Kita mitarbeiten. Viele allgemeine Empfehlungen, die man schon kennt, finden sich hier, die für "Neulinge" unter den Eltern vielleicht interessant sein könnten.
Auch für Kitas nichts Neues, denn die geforderte "aktive Bildungs- und Erziehungspartnerschaft mit Eltern" (S. 43) sollte eine Selbstverständlichkeit sein. Die Idee mit Kindern in den Kita-Garten zu gehen und sie nur zu begleiten (S. 98), haben die ErzieherInnen schon in ihrer Ausbildung gelernt und umgesetzt. Auch Impulsgebung und alltägliche Hilfestellungen nach Montessori sind nun beileibe nicht neu, ebenso wie die Bauchatmung bei Stress. Doch der Gipfel ist die Empfehlung zur Stärkung der Teambildung. Das Team solle in der Freizeit (!) gemeinsame Ausflüge unternehmen oder mit Kochaktionen und Spielen besser zusammenfinden (S. 71). Mehr Realitätsverlust geht kaum.
"Fremdbetreuung" und Familie
Immer wieder wird die Frage "Kita oder Familie?" gestellt. Im Kapitel "Familie oder Fremdbetreuung Risiken und Nebenwirkungen" (S. 15f ) geht es zunächst um Bindungstheorie und um neuere Forschungsergebnisse zur Oxytozin- und Cortisol-Ausschüttung im Zusammenhang mit der Fremdunterbringung von Kindern in Krippen.
Ihr Buch sei "keine Aufforderung, auf Krippenbetreuung in einer qualitativ hochwertigen Krippe zu verzichten" versichert die Autorin auf S. 161F, will aber auch "Eltern ... ermutigen, sich ein ‚kitafreies‘ Leben zuzutrauen, denn Kinder brauchen keine Kita, um sich zu bilden."
Wie geht das zusammen? Zu Recht wird die Arbeit der Kitas sehr kritisch betrachtet in Bezug auf strukturelle Gegebenheiten und vor allem auf die pädagogische Arbeit. Manchmal differenziert sie dabei, manchmal wird negativ pauschaliert. Dagegen gehalten wird die Erziehung in der Familie. Doch deren Erziehungsarbeit wird in keiner Weise differenziert, sondern pauschal als positiver Gegenpol zur Kita konstruiert.
Doch gerade weil ein größerer Teil der Familien nicht zu einer kindgerechten Förderung in der Lage war, wurden die familienergänzenden Hilfen nach dem "Pisa Schock" ausgebaut. Aber das hält Frau Ballmann nicht davon ab, die Familie pauschal zum "sicheren Hafen" (S. 161) zu erklären. Was ist mit migrationsbedingten Sprachproblemen? Was ist mit prekären Verhältnissen, mit Bildungsarmut der Eltern bis hin zu Vernachlässigung und Kindesmisshandlung? Dazu kein Wort, gibt es das nicht auch in Bayern? Sofern die Mutter dabei ist, scheint alles gut zu sein. Doch auch die Mutter selbst wird nicht immer Zeit für ihr kleines Kind haben, z.B. wenn sie mehrere Kinder hat oder gar alleinerziehend ist.
Manchmal ist von Systemtheorie die Rede, doch gerade in Bezug auf Kita und Familie wäre es wichtig, diese systemisch in ihrem Zusammenspiel zu sehen. Auch wenn die Kita nicht optimal arbeitet, heißt das nicht immer, dass das Kind in der Familie besser aufgehoben ist. Da kann es u.U. sehr problematisch sein, die Eltern zu ermutigen ihr Kind "kitafrei" zu erziehen, wie es die Autorin tut.
Aus dieser Idealisierung der Familie resultiert eine verengt moralische Sichtweise, die zu realitätsfernen "Sofortmaßnahmen" führt. So rät die Autorin bei Personalmangel Öffnungszeiten und Kinderzahl zu reduzieren oder gar die Einrichtung zu schließen. (S. 172f).
Zielgruppe und Sprachstil
An wen richtet sich dieses Buch? An Eltern, an pädagogische Fachkräfte oder an Kita-Leitungen? "An alle" würde die Autorin wahrscheinlich antworten. Sie versucht allen gerecht zu werden und hat ein Buch geschrieben, das weder Fachbuch noch Ratgeber ist. Ausführliche Darstellungen von Entwicklungstheorien und pädagogischen Ansätzen langweilen die Fachkräfte, die sich schon seit ihrer Ausbildung damit auskennen. Sie überfordern aber viele Eltern, denen man eben nicht mal auf drei Seiten den ganzen Piaget erklären kann. Und wozu auch? Und wozu all die Namen spezieller Theoretiker wie Lew Wygotski und Urie Bronfenbrenner, die mehr verwirren als erklären?
Bemerkenswert ist auch der stellenweise eigentümliche Sprachstil. Neben Fachausdrücken finden sich betuliche Ausdrücke wie "Kinderseelen", "Seelenprügel", "Lernen und Aufblühen" und "Herzensbildung".
"Gutes und Neues"
"Gutes und Neues enthält das Buch, aber das Gute ist nicht neu und das Neue nicht gut". Dieser bei Juristen beliebte Spruch passt auch hier gut. Denn dass "Satt und sauber" ohne Zuwendung und Förderung eine krasse Kindeswohlgefährdung darstellt, weiß man spätestens seit den 50er Jahren aus der Hospitalismus-Forschung von René Spitz.
Frau Ballmann setzt sich mit Recht für eine kindgerechte Betreuung in den Kitas ein, doch sie schüttet das Kind mit dem Bade aus, wenn sie pauschalierend die Familie als Alternative dagegenhält. Sie, die die „Ideologisierung der Verschulung" in den Kitas befürchtet (S.42), betreibt doch selbst eine Ideologisierung, wenn sie aktuelle wissenschaftliche Ergebnisse der Kleinkind-Forschung an ein längst überkommenes Familienbild koppelt.