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Zitiervorschlag

Rezension

Käthe Bleicher: Sicher eingewöhnen. Wie ein einfühlsamer Übergang in die Krippe gelingt. Stuttgart: Verlag Freies Geistesleben 2020, 187 Seiten, 19,00 EUR – direkt bestellen durch Anklicken

Käthe Bleicher hat ihr gut lesbares Buch sowohl aus der Perspektive einer Waldorfpädagogin verfasst, die bereits viele Kinder eingewöhnt hat, als auch aus der Perspektive einer jungen Mutter, deren Sohn vor zwei Jahren in einer Kita aufgenommen wurde. Dementsprechend wechselt sie immer wieder den Blickwinkel, spricht also in einigen Kapiteln vor allem Erzieher/innen und in anderen Kapiteln in erster Linie Eltern an. Auch die vielen Fallbespiele und Aussagen Betroffener berücksichtigen beide Zielgruppen.

Schon im „Persönlichen Vorwort“ macht Käthe Bleicher deutlich, dass sie keine „Patentrezepte“ präsentieren will: „Eine wirklich sichere, feinfühlige und bindungsorientierte Eingewöhnung kann und darf nicht nach einem starren Muster erfolgen. Man benötigt dabei viel Fingerspitzengefühl, Einfühlungsvermögen und Kreativität. Denn jedes Kind, jeder Pädagoge und jede Mutter, jeder Vater ist anders“ (S. 9 f.). Aber dennoch gäbe es ein unverzichtbares Grundlagenwissen.

Nach vier Berichten von Eltern und Erzieherinnen über eher negativ verlaufende Eingewöhnungen und nach einem fiktiven Erlebnisbericht aus der Sicht eines zu abrupt von seiner Mutter getrennten Babys schreibt Käthe Bleicher, dass sie mit ihrem Buch dazu beitragen will, dass solche Erlebnisse seltener werden und dass Eingewöhnungen zu einer eher positiven Erfahrung für Kinder, Eltern und Fachkräfte werden. Sie geht dann auf die Bindungstheorie ein, wobei sie sich vor allem auf die Entstehung der Bindung zwischen Baby und Eltern konzentriert und zwischen Hauptbezugspersonen (zumeist die Mutter bzw. die Eltern) und (vielen) weiteren Bezugspersonen (z.B. Verwandte oder Erzieher/innen) unterscheidet. Danach beschreibt sie das waldorfpädagogische Eingewöhnungskonzept, wobei sie mit dem äußeren Rahmen beginnt (Aufnahmegespräch, Eingewöhnungselternabend, Eingewöhnungsinterview) und dann einen „Leitfaden für Eltern“ präsentiert (in dem sie den Hausbesuch vor Beginn der Eingewöhnung und den Ablauf derselben beschreibt). Für die Eingewöhnung werden zehn Wochen angesetzt, in denen der Aufenthalt des Kindes in der Krippe immer länger wird und die Eltern in den ersten fünf Wochen noch anwesend sind.

Anschließend erörtert Käthe Bleicher die Rolle der Erzieherin, wobei sie auf die Bedeutung des Aufnahmegesprächs, des bereits erwähnten Hausbesuchs und des ersten Tags verweist, den Aufbau einer sicheren und feinfühligen Bindung zum Kind beschreibt und die Notwendigkeit eines täglichen Gesprächsaustausches mit der Hauptbindungsperson betont. Ausführlich wird auf die erste Eltern-Kind-Trennung sowie auf die richtige Reaktion der Fachkraft eingegangen, falls das Baby weinen sollte oder die Hauptbezugspersonen nicht loslassen kann. Dann skizziert die Autorin ein bindungsförderndes Verhalten der Erzieherin beim ersten Wickeln, bei der ersten Mahlzeit, beim ersten Aufenthalt im Außengelände der Kita, beim ersten Mittagsschlaf und bei „Rückschritten“.

Danach geht Käthe Bleicher ausführlich auf die Eltern ein, also wie sie die beste Betreuung für ihr Kind finden können, wie sie sich beim ersten Kontakt mit der Kita, beim Aufnahmegespräch, beim Hausbesuch, am ersten Tag der Eingewöhnung und während des weiteren Verlaufs derselben verhalten sollten, wie sie auf Trennungsschmerz und Rückschritte eingehen könnten, wie sie eigene Ängste und Sorgen in den Griff bekommen und wie sich ihre Beziehung zum Kind verändert.

Aber auch der Rolle des Kindes widmet Käthe Bleicher ein eigenes Kapitel. Hier macht sie deutlich, wie sich die Eingewöhnung eines Säuglings von der eines Kindes im zweiten oder im dritten Lebensjahr unterscheidet, wie wichtig aus Sicht des Kindes die Beziehungskontinuität im Krippenalltag ist und dass außerhalb der Betreuung genügend Beziehungszeit mit den Eltern bleiben sollte. Abschließend behandelt sie noch die Sondersituation einer Rückkehr in die Kinderkrippe, wenn diese aufgrund von Corona-Infektionen längere Zeit geschlossen war.

Im Nachwort betont Käthe Bleicher erneut, dass eine Eingewöhnung nicht nach starren Konzepten erfolgen darf, sondern immer der individuellen Situation des jeweiligen Kindes und seiner Eltern angepasst werden muss.

Martin R. Textor

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