Zitiervorschlag

Maren Briswalter, Adalbert Stifter: Bergkristall. Stuttgart: Urachhaus 2020, 32 Seiten, EUR 16,00 – direkt bestellen durch Anklicken

 Die zunächst im Jahr 1845 in einer Zeitschrift unter dem Titel „Der heilige Abend“ und dann 1853 in einem Buch unter dem Titel „Bergkristall“ veröffentlichte Geschichte gilt als die ergreifendste Erzählung, die der österreichische Schriftsteller Adalbert Stifter (1805-1868) verfasst hat. Zunächst werden das Dörfchen Gschaid und der Marktflecken Millsdorf skizziert, die von einem Bergrücken getrennt unterhalb eines Gletschers liegen. Wie in der damaligen Zeit üblich, hatten die Menschen der beiden Ortschaften wenig Kontakt miteinander, da der Weg beschwerlich war und drei Stunden beanspruchte. So hatten sich unterschiedliche Sitten und Gewohnheiten herausgebildet. Deshalb war es ein außergewöhnliches Ereignis, als sich der Sohn des Gschaider Schusters und die Tochter des Millsdorfer Färbers ineinander verliebten. Der Färber war strikt gegen eine Heirat und ließ den jungen Mann noch nicht einmal in sein Haus kommen. Erst als dieser seinen Vater beerbte sowie ein selbst in Millsdorf hoch geachteter Schuster wurde und nachdem die Färberin über eine lange Zeit hinweg auf ihren Mann eingewirkt hatte, stimmte dieser schließlich einer Hochzeit zu. Die Färberstochter zog zu ihrem Mann nach Gschaid, blieb dort aber eine Fremde. Dasselbe galt für ihre Kinder Konrad und Susanna. Sie wurden in den ersten Lebensjahren immer wieder von ihrer Millsdorfer Großmutter besucht und später dann häufig mit einem kleinen Fuhrwerk zu den Großeltern gebracht. Als sie älter geworden waren, wanderten sie zu zweit den langen Weg von Gschaid nach Millsdorf, verbrachten dort einige Stunden und liefen dann wieder nach Hause.

Auch am Heiligen Abend machten sich Konrad und Susanna morgens auf den Weg zu ihren Großeltern, da es relativ warm war und noch kein Schnee gefallen war. Sie wurden herzlich empfangen, wie erwachsene Gäste bewirtet und dann mit den damals üblichen Geschenken – Kuchen, Mandeln, Nüsse – und etwas Wegzehrung zurück nach Gschaid geschickt. Noch während des Aufstiegs fing es an zu schneien. Im Wald auf dem Bergrücken war der Schneefall so stark, dass Konrad und Susanna von Weg abkamen, stundenlang bergauf und bergab liefen und schließlich über Gletscherzungen klettern mussten. Als es dunkel wurde, fanden sie unter riesigen Felsen eine Art Höhle, wo sie sich eng aneinander kuschelten, die mitgebrachten Lebensmittel aßen und dann die Nacht durchwachten, weil sie wussten, dass sie im Schlaf erfrieren würden. Sie bewunderten den Sternenhimmel und vor allem ein Phänomen, das wohl eine Art Nordlicht war.

Am nächsten Morgen versuchten Konrad und Susanna erneut, den Weg zurück ins Tal zu finden, jedoch ohne Erfolg. Erst am Nachmittag wurden sie von einer kleinen Gruppe Gschaider gefunden und erfuhren, dass viele Menschen – auch aus Millsdorf – nach ihnen suchten. Diese wurden nun mit Böllerschüssen, einer auf einem Berg aufgepflanzten Fahne und Glockengeläut verständigt, dass die Kinder gefunden worden waren. Konrad und Susanna wurden zuerst zur Sideralp gebracht, wo ihre Mutter auf sie gewartet hatte. Kurz darauf kam auch der Vater mit seinem Suchtrupp an. Auf dem Rückweg trafen sie auch auf den Färber, seine Knechte und Gesellen sowie einige Millsdorfer. Die Großmutter erwartete sie bereits in Gschaid. Nachdem Konrad und Susanna noch etwas zu essen bekommen hatten, mussten sie sich in ihren Betten ausruhen. Am Abend feierten sie dann mit ihren Eltern und einigen Nachbarn und Freunden das Weihnachtsfest. Von nun an galten die Kinder und ihre Mutter als „Eingeborne“...

Kinder im Vorschul- und Grundschulalter erfahren beim (Vor-) Lesen dieses Buches, wie das Leben von Erwachsenen und Kindern vor knapp zwei Jahrhunderten im Alpenraum verlief und welchen Gefahren sie ausgesetzt waren. Die spannende Erzählung zeigt zugleich, wie selbstständig, mutig und belastbar die Kinder damals waren. Außerdem wird ein sehr positives Bild der Geschwisterliebe gezeichnet, denn Konrad kümmerte sich vorbildhaft um seine kleine Schwester Susanna, die ihm vertrauensvoll folgte. Schließlich wird aufgezeigt, dass Dorfgemeinschaften damals einen engen Verband bildeten, einerseits Zugezogene lange Zeit als Außenstehende betrachteten (selbst wenn sie eingeheiratet hatten) und andererseits sogleich zur Hilfe eilten, wenn jemand in Gefahr war – selbst wenn sie dabei das eigene Leben riskierten.

Zugleich werden Kinder im Vorschul- und Grundschulalter durch die Erzählung „Bergkristall“ mit einem ihnen weitgehend unbekannten Schreibstil konfrontiert: Adalbert Stifter gilt als „Meister der biedermeierlichen Naturdarstellungen“. So schildert er ausführlich die Landschaft, in der Konrad und Susanna leben und sich bewegen. Auch beschreibt er, wie die Natur auf die Kinder wirkt und sie sogar trotz Lebensgefahr verzaubert. Zugleich entschleunigt er durch seine Schilderungen die Handlung und gibt Kindern auf diese Weise Zeit, die durch seine Erzählung geweckten Gefühle zu verarbeiten.

Die vielen naturgetreuen und detailreichen kolorierten Grafiken von Maren Briswalter, die oft eine ganze Seite des Buches (im Format 29 x 24 cm) füllen, vermitteln einen künstlerisch aufgewerteten Eindruck von der Landschaft, in der die Menschen von Gschaid und Millsdorf lebten, durch die sich Konrad und Susanna auf ihrer Wanderung bewegten und die trotz ihrer Bedrohlichkeit wunderschön ist. Zugleich lassen die zauberhaften Illustrationen erkennen, wie die Menschen damals wohnten und arbeiteten und wie sie gekleidet waren.

Auch die Bilder von Maren Briswalter entschleunigen die Handlung und helfen, eventuell geweckte Ängste zu verarbeiten. Sie sind es wert, nach dem (Vor-) Lesen noch einmal genau betrachtet zu werden. Die Kinder können so nicht nur die Geschichte ein weiteres Mal erleben (und vielleicht sogar nacherzählen), sondern sich auch in die Illustrationen vertiefen und die vielen Details diskutieren.

Martin R. Textor



In: Martin R. Textor/Antje Bostelmann (Hrsg.): Das Kita-Handbuch.

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