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Zitiervorschlag

Rezension

Iain Lawrence: Winterpony. Aus dem Englischen von Alexandra Ernst. Stuttgart: Verlag Freies Geistesleben 2020, 317 Seiten, 19,00 EUR – direkt bestellen durch Anklicken

In seinem Jugendbuch widmet sich der bekannte kanadische Autor Iain Lawrence einem Thema, das seit mehr als hundert Jahren Millionen Menschen jeden Alters fasziniert(e): dem Wettlauf des Briten Robert Falcon Scott und des Norwegers Roald Amundsen sowie ihrer Mannschaften zum Südpol. Die historischen Ereignisse werden in ganz kurzen Kapiteln referiert, die durch ein anderes Schriftbild gekennzeichnet sind.

Das Faszinierende an dem Buch von Iain Lawrence ist jedoch, dass er in den langen Kapiteln das Geschehen in Scotts Mannschaft realitätsnah aus der Perspektive des „Winterponys“ James Pigg erzählt. Im Gegensatz zu Amundsen, der sich bei dem Wettlauf zum Südpol auf mehr als 100 Schlittenhunde verließ, setzte Scott auf drei Motorschlitten, 19 Ponys und zwei Hundegespanne für den Transport von Vorräten zu den Depots – und auf seine Begleiter, die auf den letzten 200 Meilen selbst die Schlitten mit dem Proviant ziehen sollten.

Im fiktiven Teil des Buches lässt Iain Lawrence das Winterpony erzählen, wie es in eine wilde Herde hineingeboren wird, aber schon kurze Zeit später zusammen mit dem Leithengst von Menschen gefangen genommen und brutal abgerichtet wird. Dann wird es von einem Russen gekauft und fünf Jahre lang in dessen Holzfällerlager ausgebeutet und immer wieder geschlagen. Schließlich wird es an einen Mongolen weiterverkauft, der es zusammen mit anderen, ebenfalls misshandelten, abgekämpften und zum Teil bereits recht alten Ponys einem Engländer „andreht“. Dieser sollte für Scotts Expedition Ponys mit hellem Fell kaufen, die an Kälte gewöhnt sind.

Damit endet der fiktive Teil des Buches: Ab hier hält sich Iain Lawrence weitgehend an die Tatsachen, wie sie von den Teilnehmern der Expedition dokumentiert und in Fotos festgehalten wurden (neun Fotos und ein Kartenausschnitt mit den Routen von Scott und Amundsen sind im Buch abgedruckt).

Das Winterpony erzählt, wie die aufgrund ihrer schlechten Erfahrungen mit Menschen verängstigten, misstrauischen und deshalb oft ausagierenden Tiere zunächst mit dem Zug zu einem Hafen gebracht werden. Von dort fahren sie per Schiff nach Neuseeland. Nach einem kurzen Aufenthalt werden sie in das alte Walfangschiff Terra Nova verladen, mit dem Scott und seine Mannschaft in die Antarktis zur Ross-Insel reisen wollen. Nun lernen die Tiere die Menschen kennen, mit denen sie die nächsten anderthalb Jahre verbringen werden. Aber auch die Schlittenhunde sind an Bord, vor denen die Ponys große Angst haben. Das Winterpony erzählt, dass es den Namen James Pigg erhält und zum Liebling der Mannschaft wird. Ferner berichtet es, wie die Terra Nova in einen Sturm gerät, in dem zwei Ponys sterben und über Bord geworfen werden.

An der schneebedeckten und vereisten Ross-Insel angekommen, wird das Schiff ausgeladen. Es werden eine Hütte für die Männer und ein Stall gebaut und die Vorräte zum Teil in Eishöhlen eingelagert. James Pigg erzählt, wie es und die anderen Ponys schwer beladene Schlitten zu dem Bauplatz ziehen. Noch anstrengender wird es, als sie Schlitten über das Meereseis zum Festland und dann weiter ins Landesinnere ziehen müssen, wo Depots angelegt werden. Die Menschen und die Tiere erleben viele Abenteuer. Mehrere Ponys sterben an Entkräftung oder durch den Sturz von Eisschollen in das eisige Meerwasser.

Den Winter mit Temperaturen von bis zu 50 Grad minus verbringt James Pigg mit den anderen Tieren im Stall. Sie werden aber zumeist täglich draußen bewegt. Im Sommer beginnt dann die eigentliche Expedition zum Südpol. Bedingt durch außergewöhnlich niedrige Temperaturen, viele Stürme und tiefe Schneeverwehungen wird der Weg zu einer einzigen Strapaze. James Pigg erzählt, wie es, die anderen Ponys und die Menschen immer mehr leiden. Weitere Tiere sterben an Entkräftung und werden an die Schlittenhunde verfüttert. Als James Pigg merkt, dass die Menschen das Futter für die Ponys an einem Depot zurückgelassen haben, weiß es, dass auch es nicht mehr lange leben wird...

Die traurige Geschichte über die gewaltigen Strapazen, die Menschen und Tiere auf dieser Expedition erleiden, endet aber nicht mit dem Tod von James Pigg. Iain Lawrence beschreibt noch, wie Scott mit seiner Truppe weiterzieht. Neue Depots werden angelegt und Begleiter zurückgeschickt, wenn ihre Schlitten geleert sind. Zum Schluss sind noch fünf Personen übrig, die – ihre Schlitten selbst ziehend – die letzten 150 Meilen zum Südpol zurücklegen. Dort erfahren sie, dass Amundsen schon vor einem Monat ihr Ziel erreicht hatte. Traurig und erschöpft machen sie sich auf den Rückweg. Sie werden immer wieder von Schneestürmen aufgehalten, sodass der mitgeführte bzw. in den Depots eingelagerte Proviant nicht reicht. Scott und seine Mitstreiter erleiden einen kalten Tod.

Das spannende, aber aufgrund der beschriebenen Strapazen, Leiden und Todesfälle traurig machende Buch wird sicherlich die meisten Jugendlichen faszinieren. Die Geschichte über das Wettrennen zum Südpol ist heute noch genauso interessant wie vor 50 oder 100 Jahren. Iain Lawrence gebührt Dank, dass er auch die Tapferkeit und das Durchhaltevermögen der Ponys herausgearbeitet hat. Sie waren wahre Helden!

Martin R. Textor

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