Die Welt trifft sich im Kindergarten

Margarete Blank-Mathieu

 

Wenn dieser Satz zutrifft - und in vielen Einrichtungen hat man diesen Eindruck -, so müssen Erzieherinnen dies nicht nur wahrnehmen, sondern auch ihre ganze Arbeit darauf ausrichten.

"Bildeten die Gastarbeiterfamilien lange Zeit fast ausschließlich die Gruppe der ausländischen Mitbürger und Mitbürgerinnen, so änderte sich dies Anfang der 80er Jahre. Von diesem Zeitpunkt an bis zur Neuregelung des Asylrechts 1993 zogen viele Menschen nach, die - von Krieg, wirtschaftlicher Not, Hunger und Verfolgung bedroht - ihr Land verlassen mussten und in Deutschland sowie in anderen reichen Industrieländern um Asyl baten" (Küls/ Moh/ Pohl-Menninga 2006, S. 235).

Kindergärten und Schulen, vor allem im Großstadtbereich haben, sich auf diese Tatsache eingestellt und arbeiten vermehrt mit einer Konzeption, die die vielfältigen kulturellen Hintergründe aufgreift und sie nicht nur als Konfliktpotential begreift.

Der Umgang mit Fremdem ist eine Herausforderung, der wir uns in unserer heutigen Gesellschaft mehr denn je stellen müssen. Nicht nur, dass die Entfernungen durch Reisen um den ganzen Erdball immer weniger eine Rolle spielen, sondern auch dadurch, dass wir täglich mit Fremdem, Ungewohntem in Berührung kommen, sei es auch nur durch fremdartige Früchte im Supermarkt oder durch die Vielfalt von religiösen Ausdrucksformen, die sich z.B. in der Kleidung oder dem Feiern von Festen präsentiert.

Häufig werden diese kulturellen Unterschiede unter dem Gesamtthema: "Vielfalt und Unterschiedlichkeit" verortet, wie es auch im Orientierungsplan Baden-Württembergs auf S. 42 geschieht. Allerdings kommt die kulturelle Vielfalt nur in einem einzigen Satz zur Sprache, in dem die kulturellen und religiösen Unterschiede gleichbedeutend mit chronischen Krankheiten oder Behinderungen genannt werden. Dass hier auch Geschlechtsunterschiede, unterschiedliche Begabungen und sozioökonomische Unterschiedlichkeiten aufgezählt werden, mildert diese Brisanz etwas.

Es geht aber bei der interkulturellen Erziehung um weit mehr als um die Wahrnehmung und pädagogische Herausforderung von Unterschiedlichkeiten.

Kinder, deren Identität durch einen jeweils anderen familiären Hintergrund und die ihnen im Alltag begegnete Kultur bedroht ist, sollen in ihrem Selbstwertgefühl gestärkt werden und Wertschätzung ihrer Wurzeln, sowohl der religiösen als auch des damit eng zusammenhängenden sprachlichen Ausdrucks, erfahren. Es darf nicht nur darum gehen, sie zu integrieren, sondern alle gemeinsam, Deutsche als auch Menschen nichtdeutscher Herkunft sollen von dieser Vielfalt profitieren, ihr Weltbild daran ausrichten, andere Werte und Normen entwickeln, um partnerschaftlich zusammenleben zu können.

Kinder auf ihr späteres Leben vorzubereiten heißt, ihnen auch solche Wertvorstellungen zu vermitteln, die einen gelingenden Umgang in unserer multikulturellen Gesellschaft in Achtung und Toleranz ermöglichen.

Fremdes als Interessantes, Lernenswertes und Erstrebenswertes zu erfahren beginnt mit der Wahrnehmung und dem Interesse an einer anderen Sprache. Im Kindergarten soll vermehrt Fremdsprachenunterricht Einzug halten. Welche Sprache wird hier gelernt? Sicher kommen auch Kinder aus Ländern, in denen die Amtssprache Englisch oder Französisch ist. Aber die Mehrzahl der Kinder kommen aus Sprachräumen, die unserer deutschen Sprache weniger zugänglich sind und die die meisten Erwachsenen nicht in der Schule gelernt haben. Wer spricht schon einen afrikanischen Dialekt, wer kennt auch nur annähernd die Vielzahl der Sprachformen im ehemals sowjetischen Bereich, wer spricht auch nur die inzwischen in der europäischen Gemeinschaft gesprochenen Sprachen, wie Polnisch, Rumänisch, Tschechisch oder Litauisch?

Bei der Sprachförderung der Kinder im Kindergarten stellt dies ein Problem dar. Dass zunächst für Kinder mit nichtdeutscher Muttersprache die deutsche Sprache die erste Fremdsprache darstellt, muss bedacht werden.

Nicht nur die Identität, sondern auch der späteres Schulerfolg hängen mit der Kenntnis der deutschen Sprache und dem Verständnis der deutschen Kultur zusammen.

Sprachförderung muss also auf der Wertschätzung der Herkunftssprache aufbauen. Dass die Erzieherin diese wertschätzen kann, muss sie auch einige Redewendungen dieser Sprachen beherrschen, z.B. die Art und die Form der Begrüßung und der Verabschiedung.

Dass Kinder dann am besten lernen, wenn sie emotional beteiligt und ein eigenes Interesse an dem Lernstoff haben, ist unumstritten. Das bedeutet aber, dass wir an ihren eigenen Lebensinhalten anknüpfen und diese zum Thema machen müssen, bevor wir sie mit Neuem, ihnen auch angstmachenden Gebräuchen bekannt machen. Dazu gehören z.B. andere Essgewohnheiten, andere Regeln (türkische Jungen müssen die Erzieherin als absolute Autorität anerkennen und ihr gehorchen lernen), andere Verhaltensmuster.

Die Grundlage für die Anerkennung von kultureller und religiöser sowie sprachlicher Vielfalt wird in den ersten Lebensjahren gelegt. Das Neugierverhalten von Kleinkindern ist geradezu darauf ausgerichtet, Neues zu erfahren und auszuprobieren. Warum nützen wir diese Chance nicht auch in Bezug auf die vielfältigen kulturellen, religiösen und sprachlichen Hintergründe innerhalb der Kindergruppe? Hier haben Kleinkinder die Möglichkeit, Kinder anderer Hautfarbe (das fällt den Kindern als erstes auf), anderer Herkunft (welches Vesper hat Kim dabei?), anderer Religion (Fatima darf kein Schweinefleisch essen - keine rote Wurst braten!) kennen zu lernen, die Unterschiedlichkeiten zu akzeptieren und die Kompetenzen jedes einzelnen Kindes zu erfahren: Kim kann z.B. besonders gut malen, Fatima kann schon ein bisschen kochen, Michael aus Ghana kann den besten Turm bauen.

Kinder sind ein Teil einer Familie. Diese ist ihnen wichtig und gibt ihnen sowohl die materielle Versorgung als auch die emotionale Sicherheit. In der Konzeption der Einrichtung muss deshalb auf die Einbeziehung aller Mütter und Väter "unserer" Kinder Wert gelegt werden. Elternabende, zu denen ausschließlich die deutschen Eltern kommen, haben wir nicht richtig geplant.

Ein Team, das selbst aus unterschiedlichen kulturellen Räumen kommt, und sei es nur innerhalb Deutschlands (Norddeutschland/ Süddeutschland, katholisch/ evangelisch) kann diese Aufgabe mit der Reflexion der eigenen Lebenserfahrungen besser leisten als ein Team, das sich aus der näheren Umgebung zusammensetzt und eventuell den Kindergarteneltern bereits von Kindheit an bekannt ist.

Kultur ist wie Geschlecht etwas, was unmittelbar zum Menschen gehört. Es betrifft alle Lebensbereiche. In Kindertageseinrichtungen wird sich das Thema "interkulturelles Lernen" nicht auf bestimmt Angebote verkürzen lassen. Es muss im Alltag ständig präsent sein. Dabei spielen Rituale, Feste, Wissenserweiterung, Sprachförderung und Projekte wesentliche Elemente.

Mit einem Zitat aus dem Buch von Johann, Michely und Springer (1998) möchte ich schließen: "Beim interkulturellen Lernen geht es darum, Denkperspektiven, Wertvorstellungen, Verhaltensweisen der von anderen Kulturen geprägten Menschen kennen zu lernen, eigene zu reflektieren und gegebenenfalls Elemente anderer Kulturen in die eigene kulturelle Identität zu integrieren. Für interkulturelles Lernen ist die direkte Konfrontation und Interaktion ein unverzichtbares Element. Sie kann nicht einfach durch Simulation und Rollenspiel ersetzt, wohl aber durch sie ergänzt werden" (S. 14-15).

Anmerkung

Die Überschrift dieses Beitrags entspricht dem Titel eines Buches von Michaela Ulich, Pamela Oberhuemer und Monika Soltendieck.

Literatur

Johann/ Michely/ Springer: Interkulturelle Pädagogik. Berlin 1998

Küls/ Moh/ Pohl-Menninga: Lernfelder Sozialpädagogik, Band 2. Troisdorf 2006