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Zitiervorschlag

Morgenkreis - Teil 1

Kerstin Paulussen


Tagesablauf und Struktur

Der Morgenkreis ist im Tagesablauf einer Kita, der durch weitere Phasen gekennzeichnet ist, ein wichtigstes Ritual, da die Struktur eines Tages vorbereitet wird. Der Tag beginnt mit der Bring- und Ankunftsphase, Frühstück, Freispiel, Mittagessen und der ersten Abholphase der Kinder, die nur einen 25 Stunden-Platz haben. Die Nachmittagsgestaltung beginnt häufig mit einer Ruhephase, bei den jüngeren Kindern oft mit dem Mittagsschlaf. Daran anschließend folgt eine Freispielphase, die von der zweiten Abholphase der Kinder mit einem 35 Stunden-Betreuungsplatz begleitet bzw. unterbrochen wird. Der größte Teil der Kinder wird meist in dieser zweiten Abholphase von den Eltern/Bezugspersonen abgeholt, so dass im letzten Betreuungszeitfenster zunehmend weniger Kinder anwesend sind.

Dieser klassische Tagesablauf wird in den meisten Einrichtungen um einen Gesprächskreis ergänzt. Häufig als Morgenkreis bezeichnet, da er das Ende der Bringzeit kennzeichnet und den Übergang zum anschließenden Freispiel darstellt. Mit dieser Funktion zu diesem Zeitpunkt wird eine der mehrfach im Tagesverlauf einer Kita vorkommenden Mikrotransitionen gestaltet, die ebenso bei einem Mittags- oder Abschlusskreis gegeben sind.

Mikrotransitionen sind Übergänge, die analog zu den eigentlichen Transitionen (Übergänge von Lebensphasen) zu verstehen sind, die jedoch nicht mit der einhergehenden Persönlichkeitsentwicklung verbunden sind. Mit Mikrotransitionen ist der Übergang von einem Tagesabschnitt zum nächsten gemeint.

Da bei jüngeren Kindern die zeitliche und räumliche Orientierung noch nicht so entwickelt ist wie bei Erwachsenen, hat die Gestaltung von Mikro-Übergängen diesbezüglich eine größere Bedeutung. Sie helfen bevorstehende Ereignisse, das Abholen, das notwendige Aufräumen etc. zu ritualisieren und kenntlich zu machen, was deren Vorbereitung und Durchführung erleichtert.

Ein Gesprächskreis, hier der Morgenkreis, kann bei entsprechender inhaltlicher Gestaltung helfen, Übergänge von einem Tagesabschnitt zum nächsten zu strukturieren und zu ritualisieren.

Der Morgenkreis signalisiert das Ende der Bringzeit und macht deutlich, dass nun alle Kinder anwesend sind, bzw. dass die noch fehlenden nicht kommen werden. Somit ergibt sich die Gelegenheit, dass die Gruppe als Ganzes so zusammenkommt, wie es für diesen Tag möglich ist. Die Kinder können sich im Kreis gegenseitig wahrnehmen und untereinander in Kontakt treten, sich austauschen und zu Spielgemeinschaften verabreden. Alternative Spielgemeinschaften können gefunden werden, wenn die eigentlich bevorzugten Spielpartner:innen an diesem Tag fehlen.

Der Morgenkreis ermöglicht einem Individuum vor einer Gruppe zu agieren und sich damit als eigenständige Person zu erleben und sich auszuprobieren. Sie erzählt etwas von sich vor der Gruppe oder sie hört den Erzählungen anderer zu und kommentiert diese.

Einzelne übernehmen Aufgaben, die im Kreis ausgeübt werden, für deren Durchführung ggf. die Unterstützung anderer Kinder der Gruppe benötigt wird, was Gelegenheit für solidarisches Verhalten ermöglicht.

Beteiligung an Aufgaben und/oder an der Gestaltung eines Gesprächskreises ermöglicht die Erfahrung Teil des Ganzen zu sein, was mit einem Gemeinschaftsgefühl aber auch mit Verbindlichkeiten verbunden ist und eine Selbstwirksamkeitserfahrung erlebbar macht. Das Kind kann sich nur vor der Gemeinschaft als ein Individuum und gleichzeitig als Teil der Gemeinschaft wahrnehmen.

Der Morgenkreis ermöglicht einen Überblick über anstehende Aktivitäten und die zur Verfügung stehenden Ressourcen, deren Nutzung dort auf die Kinder verteilt werden. Und der Morgenkreis ist der Ort, an welchem Meinungen und Wünsche erfragt und Möglichkeiten mitgeteilt werden, er ist der Ort, an welchem Partizipation gelebt und sichtbar wird.

Der Morgenkreis ist auch der Ort, an welchem Orientierung in Raum und Zeit geübt werden kann, da die an sich abstrakte Zeit erst durch Veranschaulichung der Jahreszeit, der Abfolge von Monaten, von Wochentagen, Tagesabschnitten, etc. deutlich wird.

Auf diese hier nur angedeuteten Aspekte des Gesprächs- bzw. Morgenkreises wird in den weiteren Artikeln, die in dieser Reihe erscheinen, vertiefend eingegangen.

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Autorin

Kerstin Paulussen; ist als Fachlehrerin an einer Fachschule für Sozialpädagogik in der Erzieher: innen-Ausbildung tätig. Sie studierte die Berufliche Fachrichtung Sozialpädagogik - Lehramt für die Sekundarstufe II - in Dortmund und Diplom Sozialwissenschaften in Wuppertal. 2023 ist ihr Buch „Was ist los in meiner Gruppe?“, ein sozialpädagogisches Fachbuch zur Beobachtung, Begleitung und Analyse von sozialpädagogischen Gruppen in Kita, Schule und Jugendhilfe im Lambertus Verlag erschienen.

Seit 2016 ist sie als DGSF zertifizierte systemische Beraterin und Therapeutin/ Familientherapeutin und als Fortbildnerin tätig. 2022 wurde die Sozio scrum® Akademie gegründet, welche Fortbildungen, insbesondere für die Anwendung verschiedener soziometrischer Verfahren wie Soziogramm, Genogramm oder Soziales Atom usw. anbietet. Mit Sozio scrum® board können die soziometrischen Verfahren dank der magnetischen Symbolen flexibel und nachhaltige in die sozialpädagogische Praxis integriert werden.

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