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Kleine Welt, so viele Gefühle – Kinder emotional stark machen

Zitiervorschlag

Vorstellung neuer Projekte im Elementarbereich: Umgang mit Vielfalt – Willkommens KITAs (Transferprogramm) 

 Ina Zapff und Jens Hoffsommer

 

Einleitung
Kinder und ihre Familien bringen ihre kulturellen und sozialen Gewohnheiten, ihre Werte und Erziehungsvorstellungen, ihre Spiele oder Essgewohnheiten mit in die Kita oder den Hort. Pädagogische Fachkräfte müssen daher in der Lage sein, sich in verschiedene Menschen und Lebenslagen hineinzuversetzen.

Dabei ist es wichtig, dass sie sich der Bedeutung ihrer eigenen Haltung und Biografie – als Grundlage ihres pädagogischen Handelns – bewusst sind. Das bedeutet, nicht nur auf gewohnte Deutungs- und Handlungsmuster zurückzugreifen, sondern sich mit neuen Situationen und kulturellen Unterschieden unvoreingenommen auseinanderzusetzen. Dies gelingt, indem sich Pädagog:innen entsprechendes Fachwissen aneignen, Strategien und Methoden für einen kultursensiblen Umgang mit Vielfalt erschließen und das eigene pädagogische Handeln kritisch reflektieren. Neugier und Offenheit gegenüber ungewohnten Umgangsformen und Erklärungsmustern unterstützen die Entwicklung einer kultursensiblen Haltung.

Wie können pädagogische Fachkräfte in der Kita einem kultursensiblen Umgang praktizieren?

Werte, Hintergründe, Traditionen, biografische Prägungen sind Grundlage für unser pädagogisches Handeln. Um kultursensibel zu handeln braucht es die Reflexion der eigenen Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsmuster. Reflexion öffnet aber auch „unsere Schubladen“ und wir entdecken unsere (Vor-)Urteile und Herausforderungen. Bewusstsein über eigene Stärken und Herausforderungen sind eine gute Basis, die tradierten Handlungsmuster zu verlassen und sich an Neues zu wagen. Am besten gelingt das im vertrauten Team, mit Neugier und Freude und dem Wissen, dass Veränderungen im Handeln immer herausfordernd sind.

Kultursensibles Handeln in der KITA bedeutet, über den eigenen Tellerrand zu schauen. Dabei Interesse zu zeigen am Leben, Tradition, Werten und Vorstellungen aller Kinder und ihrer Familien und anderem respektvoll zu begegnen. Kultursensibel in der KITA heißt, dass die vielfältigen kulturellen Prägungen von Kindern und Familien Platz im KITA-Alltag finden. Das ist nicht immer einfach, aber im Interesse guten pädagogischen Handelns, dass sich an den individuellen Bedürfnissen eines Kindes orientiert und damit einen wichtigen Baustein einer guten kindlichen Entwicklung bildet. KITAs sind somit Orte alltäglich gelebter Vielfalt. Kultursensibilität ist damit nicht nur pädagogische Haltung, sondern auch pädagogisches Ziel.

Zentral dabei ist, Stereotype und Klischees zu vermeiden. Daher ist der Blick in die kulturelle Prägung der Kinder und ihrer Familien wichtig und nicht die Frage nach Religion oder Herkunftsland. Es hilft nicht allein zu wissen, dass eine Familie z.B. aus dem Irak kommt, könnte sie doch der ethisch-religiösen Minderheit der Jessiden, der Volksgruppe der Kurden angehören, oder, oder, oder….!

Im pädagogischen Alltag kultursensibel handeln bedeutet für Fachkräfte daher, sich auf die Familienkultur jedes einzelnen Kindes und seiner Familie einzulassen, neugierig zu sein, nachzufragen und nicht zu verallgemeinern. Der Begriff Familienkultur umfasst so viel mehr als Religion, Ernährung und Rituale. Er bezieht sich genauso auch auf Lebensmodelle, Patchworkfamilien, gleichgeschlechtliche Partnerschaft aber auch Co-Parenting.

Abschließend ist an dieser Stelle auf die große Bedeutung der Familien- oder Herkunftssprache hinzuweisen. Nicht nur für das Erlernen der deutschen Sprache spielt die Herkunftssprache eine wichtige Rolle, sie ist prägender Teil des familiären Alltages der Kinder und gleichzeitig hervorragender Lernanlass, sich mit unterschiedlichen Sprachen der Kinder und Familien in der Kita auseinanderzusetzen.

Welche Methoden können pädagogische Fachkräfte nutzen, um sich mit Vorurteilen im pädagogischen Alltag auseinanderzusetzen?

Auch hier gilt die Reflexion eigene Grenzen und das Bewusstsein eigener (Vor-)Urteile als wichtige Handlungsbasis, können wir doch nicht „vorurteilsfrei“ handeln, ist das Vorurteilsbewusstsein wichtige Handlungsmaxime der eigenen pädagogischen Arbeit. Methoden, um sich mit den eigenen Vorurteilen auseinanderzusetzen bietet der Anti-Bias-Ansatz. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, mit Fragen und Übungen Bewusstsein für Vorurteile innerhalb der eigenen Person, aber auch der Gesellschaft sichtbar zu machen.

Des Weiteren schaffen die Selbsterzählungen von Personen, die von vorurteilsbehafteten Begegnungen betroffen sind, ein Bewusstsein dafür, was unser Handeln im Gegenüber auslöst. Bücher, Filme, Podcasts und Instagramkanäle von People of Color, Menschen mit Behinderung oder Migrationsgeschichte bieten einen guten Einblick in einen Alltag, der vielen von uns in dieser Tiefe und Deutlichkeit nicht bewusst ist.
In den Kindertageseinrichtungen sind Spielmaterialien, Spielangebote und pädagogischen Methoden auf Vielfalt, Unterschiedlichkeit und Klischees zu prüfen.

Oft gehen Vorurteile im Alltag mit Ausgrenzung und Diskriminierung einher. Diesen gilt es mit Klarheit zu begegnen. Wichtig dafür ist eine gemeinsame Wertebasis im pädagogischen Handeln (verankert im Konzept oder Leitbild), die von den Fachkräften geteilt und gelebt wird und von Menschenwürde, Respekt und Achtung geprägt ist. Je nach Situation braucht es dabei unterschiedliche Reaktionen, es gibt nicht die eine pauschale Antwort. Diese ist gemeinsam zu definieren und für die Praxis zu übersetzen: Wie greifen wir Vorurteile, Ausgrenzung und Diskriminierung von Kindern auf? Wo gilt es klare Grenzen zu ziehen (z.B., wenn Eltern sich rassistisch in der KITA äußern) und wie werden diese Grenzen adäquat umgesetzt? Gerade bei Fragen der Grenzsetzung (z.B. Verbot politischer Aussagen auf Kleidung oder dem Körper) ist es wichtig, mit dem Einrichtungsträger im Gespräch zu bleiben. Weiterhin sollten diese vereinbarten „Regeln“ des Hauses und gemeinschaftlichen Umgang für alle Fachkräfte und Familien transparent sein.

Nicht zuletzt spielt auch hier eine sensible, inklusive Sprache eine große Rolle. Die Reflexion eigener Sprache und möglicher ausgrenzender Wirkung dieser, ist aktuell nicht nur gesellschaftlich im Diskurs, diesen braucht es auch in den KITA-Teams.

Welche Möglichkeiten können zum Beispiel Kitaleitungen nutzen, um im Team ein gemeinsames Verständnis von Werten und den Umgang mit Vielfalt zu etablieren?

Der Leitung kommt eine besondere Rolle zu, leitend voranzugehen und einen strukturierten Teamdiskurs zu gestalten. Es ist wichtig, dem Team fachlichen Austausch und Reflexion zu ermöglichen. Das pädagogische Team sollte sich über die eigenen Werte und der Haltung in Bezug auf Vielfaltsthemen bewusst sein und diese am eigenen pädagogischen Alltag immer wieder reflektieren. Diese Auseinandersetzung braucht Zeit und ist nicht in ein oder zwei Teamsitzungen finalisiert.

Auch an dieser Stelle spielt die Kommunikation eine große Rolle: Ein wertschätzender Umgang miteinander erleichtert es den päd. Fachkräften, offen über eigene Unsicherheiten, aber auch über Beobachtungen im pädagogischen Alltag zu sprechen. Auch die Träger sollten die Einrichtungen unterstützen und der Leitung zum Beispiel Fortbildungsgelder zum Wissenserwerb sowie Fachberatung zur Verfügung stellen.

Es wird dabei immer wichtiger Kita-Leitungen als Manager:innen, Organisations- und Personalentwickler:innen erst zu nehmen und sie für diese Aufgabe mit Fach-, Prozess- und Organisationswissen auszustatten, vor allem aber mit ausreichend Zeitressourcen um mit ihren Teams Entwicklungsprozesse erfolgreich gestalten zu können.

Autorenprofil

Wer wir sind
Die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) engagiert sich seit ihrer Gründung 1994 für gesellschaftliche Teilhabe und gerechte Bildungschancen junger Menschen. Dazu arbeitet die DKJS direkt mit Kindern und Jugendlichen und deren erwachsenen Begleitern aus Kindertageseinrichtungen, Schulen, der Jugendhilfe und Kommunen. Einem ressourcen- und stärkeorientierten Ansatz folgend entwickelt die DKJS keine fertigen Modelle, die in der Praxis erprobt werden, sondern orientiert sich mit ihren Angeboten stets an den Bedarfen der Zielgruppen und Akteure vor Ort.

Mit dem Programm WillkommensKITAs unterstützt die DKJS zwischen 2018 und 2022 Sachsen insgesamt 74 Kindertageseinrichtungen, welche ihre Qualität verbessern wollen. Die teilnehmenden Einrichtungen werden für eine Dauer von drei Jahren unterstützt.

Ina Zapff und Jens Hoffsommer (Expertenteam frühkindliche Bildung in der DKJS)
Ina Zapff (Diplompädagogin) ist Mitarbeitende im Programm und erfahrene KITA-Pädagogin. Jens Hoffsommer (Diplom Sozialpädagoge, FH) ist Mitglied des Expertenteam frühe Bildung der DKJS und verantwortet u.a. das Programm WillkommensKITAs.