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Zitiervorschlag

Plädoyer für das Puppenspiel mit Kindern in Kindertageseinrichtungen

Beate Ruben

 

Heißt es in einem Kindergarten: „Heute gibt es Puppentheater“, sind die Kinder sofort freudig zur Stelle, stellen eifrig Stühle auf und sitzen in ruhiger Erwartung schon vorzeitig da. Diese Freude könnte schon Grund genug sein, dass Erzieher*innen Puppentheater in Einrichtungen spielen. Das geschieht aber gar nicht so häufig. Offensichtlich herrscht eine gewisse Scheu vor dem Metier. Eine Scheu hat mit Arbeitsaufwand und Ergebniserwartung zu tun. Der Arbeitsaufwand ist bei Neuerungen selbstverständlich erst einmal höher als gewöhnlich. Das ist jedoch eine Frage des Organisierens und des Miteinanders im Team und durchaus zu bewerkstelligen. Die Ergebniserwartung ist m.E. eine größere Bremse, weil diese Erwartung diffus ist und dementsprechend wirkt. Die Erwartung dahinter ist, dass etwas bestimmtes dabei „herauskommt“. Gegen diese Zielorientierung setze ich die Freude am Tun. Spielt man mit Kindern, kommt immer etwas „heraus“. Es ist nicht nötig, dass das Puppentheater „schön“, erkennbar strukturiert oder von Dauer ist. Während die Kinder Freude am Spiel haben, auch beim Zuschauen, geschieht sehr viel, was ich in diesem Artikel zeigen möchte.

Die Freude potenziert sich, sobald man Kinder als Geschichtenerfinder hinzuzieht, sobald Erzieher*innen nicht für die Kinder spielen, sondern mit ihnen das Spiel erarbeitet. Dabei minimiert sich auch der Erwartungsdruck, ja er verschwindet fast gegenüber dem Spaß und der Freude, die es macht, sich mit Kindern ein Puppenstück auszudenken. Gleichzeitig mit der Freude schnellt der Lerneffekt bei Kindern in die Höhe.

Aber bevor ich dazu schreibe, möchte ich das Augenmerk auf den Besuch des Puppentheaters mit Kindern lenken. Was geschieht mit den Kindern dort? Jeder, der das tat, hat mit Sicherheit erlebt, wie sich den Kindern eine magische Welt öffnete, sie tauchen mit Leib und Seele ein. Sitzt man neben einem gebannten Kind spürt man förmlich, wie der Körper sich in einen Resonanzraum verwandelt. Das Kind ist vollständig mit dem Aufnehmen, Mitgehen und Suchen von Lösungen befasst. Bei spannenden Stellen richtet sich der Körper auf, wenn sich die Spannung in der Geschichte löst, kann auch der kindliche Leib etwas relaxen. Wenn wir als Pädagog*innen diesen Prozess beim Kind beobachten, werden wir möglicherweise kleinmütig: der Künstler ist ein Magier, aber wir Erzieher*innen doch nicht. Nein, möchte ich rufen, nicht verzagen, es ist nicht nötig, eine Zauberwelt im Kindergarten zu errichten; es ist hinreichend und wertvoll, wenn wir kleine Puppenstücke im Kindergartenalltag verankern.

Das Sich-Hineinbegeben in die Welt des Spiels mit Puppen und erst recht mit Handpuppen, öffnet die Kinder, sie werden aufmerksam, sind leidenschaftlich dabei und entscheiden enthusiastisch, wenn sie gefragt werden. Aus Untersuchungen ist bekannt, dass Kinder in Momenten, da sie mit vollem Interesse bei der Sache sind, sprich sich persönlich angesprochen fühlen, am meisten lernen. Hartmut Rosa (2016) spricht von „Resonanzpädagogik“[1]. Er betont in seinem Buch, wie rapide sich die Lernsituation für Schüler positiv ändert, wenn ein Lehrer die Stimmung im Klassenzimmer aufnimmt, wenn er sich auf das einlässt, was die Kinder erzählen.  „Resonanz (…) meint das prozesshafte In-Beziehung-Treten mit einer Sache. (…) Resonanz meint Anverwandlung von Welt: Ich verwandle mich dabei selbst“ (Rosa 2016, S. 7). Rosa hat sich nicht mit Kleinkindpädagogik auseinandergesetzt, aber sein Konzept der Resonanzpädagogik beschreibt passgenau, was mit Kindern geschieht, wenn sie Puppentheater spielen. Selbst, wenn Erwachsene für Kinder spielen, kommt es zu Resonanzprozessen bei den Kindern. Im Spiel der Puppenfiguren schwingen individuelle Emotionen, die jedes Kind auf seine Weise erlebt, es entsteht ein Echo. Die Kinder tauchen ein, und die Zwischenrufe der „Gewitzten“ zeigen, wie sie ganz und gar Resonanzboden sind, wie sie sich „Welt anverwandeln“.  Wenn das Lernen in Momenten des „Welt-Anverwandelns“ tiefgreifend und nachdrücklich geschieht, ist es deutlich, dass auch während des Puppenspiels intensiv gelernt wird. Und tatsächlich, ich finde, man kann zusehen, wie Kinder neue Vokabeln aufnehmen, wie sie die Sinnhaftigkeit der Sätze erfassen und verinnerlichen, wie sie einer Geschichte auch ein passendes Ende wünschen und wenn sie selbst die Geschichte schmieden, sie mit einem passenden Ende würdigen. Puppentheater erzählt von der Sinnhaftigkeit des Geschehens in der Welt, erzählt von einer Veränderbarkeit, vom Einfluss eigener Entscheidungen in der Welt. Kein Puppenstück wird ein fatalistisches Weltgeschehen zur Schau stellen, jedenfalls kein Puppenstück für Kinder. Resonanzpädagogik hat Freude am Lernen und am Inhalt. Freude stellt sich ein, wo positiv gestritten und gehandelt wird. Das wird im Puppentheater getan. Differenziert betrachtet, entdecke ich mehrere Lerneffekte, die ich für so tiefgreifend halte, dass ich für die Aufnahme des Puppenspiels in die reguläre Ausbildung von Erzieher*innen und die regelmäßige Umsetzung in Kitas werbe:

1. Kinder fiebern mit den Puppenfiguren, wenn sie vom Zauberer, von einer Hexe oder dem bösen Krokodil geschnappt werden. Diese Leidenschaft der Kinder schraubt die Lernbereitschaft wie von selbst hoch. Es öffnen sich die Herzen und Köpfe, aufmerksam können sie zuhören, zuweilen hört man sie atmen, durchatmen, und wenn sie entscheiden dürfen, was mit dem Bösewicht geschehen soll, kann man zuweilen ein Wunder erleben. Allen Pädagog*innen ist bekannt, dass Aufmerksamkeit, das Dabeibleiben, das leidenschaftliche Interesse des kindlichen Lernens (und nicht nur kindliches) anspornt und prägt. Spielen die Kinder selbst, entsteht zudem eine hohe Aufmerksamkeit und Achtsamkeit fürs eigne Tun, oftmals reflektieren sie das Puppenhandeln und „verbessern“ es hinsichtlich dessen, was sie ausdrücken wollen.

2. Meine Beobachtung beim Puppenspiel für Kinder ist, dass sie um einiges tiefer in die Geschichte hineinfinden, wenn man sie einbezieht, wenn sich Kasper oder eine andere Figur um Hilfe an sie wendet. Können Kinder hier entscheiden und die Figuren nehmen die Entscheidungen ins Spiel mit auf, dann potenziert sich ihr Interesse – sie sind dabei. Und Tage später sind sie immer noch dabei. Sind sie selbst Autor*innen, entscheiden die Kinder beim Geschichtenspinnen jeden Satz, jede Wendung, alles was geschieht liegt in ihren Händen. Diese Entscheidungshoheit spornt das Lernen ungemein an. Haben Kinder volle Autonomie über den Geschichtenstrang, bewegen sie sich im eigenen Wissen und analysieren auf ihre Weise, vertiefen ihre eigene Thematik.

3. Und natürlich: die Figuren sprechen. Die Kinder nehmen als Zuschauer und Zuhörer den Sprachfluss auf, sie hören eine Geschichte und erfassen aus dem Gehörten einen Sinn. Sie hören Worte, die die Figuren miteinander wechseln, Dialoge, die ihren Dialogen mit anderen gleichwertig sind und damit eine hohe Bedeutung haben. Spannend sind auch immer wieder Zauberreime und Worte, die lang sind und auf der Bühne entschlüsselt werden oder auch Quatschwörter, die das Publikum erheitern. Kinder, die eigenständig ihr Stück ersinnen, üben sich wie von allein im Sprachgebrauch, sie weben ihren Sprachfluss, sie hören sich selbst neu, wenn sie die Sätze überdenken, Grammatik wird plastisch. Es wird für sie selbst wichtig, wie ein Satz formuliert ist. Die Botschaft soll ja richtig ankommen.

4. Emotionen können fantastisch ausgelebt werden, die Figuren können jammervoll weinen, jubeln vor Vergnügen, brummen im Bass der Enttäuschung, sie können sauer sein und wütend auf der Bühne hin- und herspringen, sie können warmherzig und zärtlich sein, liebevoll und trostspendend. Die ganze Bandbreite der Emotionen kann gelebt werden, und denkt sich das Kind selbst die Geschichte aus, ist es auch ihm selbst überlassen, welche Emotionen es wann spielen und betonen möchte. Das Schöne beim Puppentheater ist, dass ein Weinen immer eine Übersetzung in Sprache erfährt. Eine Figur wird nicht weinend allein gelassen, es kommt immer jemand daher und sorgt sich. Emotionen werden sprachlich aufgegriffen und eingebettet in einen Kontext, sie sind verstehbar. Die Figuren im Puppentheater kennen keine emotionale Verlorenheit, und genau das ist für Kinder ja enorm wichtig. Selbst wenn sie die Erfahrung eines emotionalen Ausgeliefertseins gemacht haben, sehen sie auf der Puppenbühne, dass dies nicht richtig ist, dass es richtig und recht ist, Emotionen mit anderen gemeinsam zu verarbeiten.

5. Und schließlich: Probleme können ausgesprochen werden, ohne dass man direkt über das Problem spricht. Dies ist das uralte Geheimnis des Geschichten-Erzählens. Und weil dem so ist, empfinde ich Geschichten, die die Kinder selbst sich ausdenken und aufführen, als die schönsten für das Puppentheater. Kinder kommen nicht zum Erwachsenen und sagen: „Ich habe da ein Problem, und ich möchte darüber sprechen“. Sie spielen ihre Probleme. Und im Puppentheater können Kinder ihr Problem dialogisch behandeln, sie thematisieren es auf ihre Weise, möglicherweise mit einer Rahmenhandlung, die gar nicht dem eigentlichen Problem entspricht, aber all ihre Emotionen im Umgang mit dem Problem deutlich machen.

Die Punkte sprechen dafür, Puppentheater in jeder Kita zu etablieren.

Aber es ist nicht sehr verbreitet. Was sicher auch an einer fehlenden Tradition und an der fehlenden Befähigung dazu in der Ausbildung liegt. Hat man etwas nie probiert, ist die Hürde, es später eigenständig zu tun, groß. Dabei berichten sehr viele Erzieherpraktikant*innen davon, dass sie den Beruf lernen, weil sie gerne spielen. Schade, dass das Puppenspiel auch für „Gern-Spielende“ gar nicht auf dem Radar ist. Mit diesem Artikel möchte ich ermutigen, es einfach zu versuchen und es immer wieder zu tun, man lernt wie die Kinder mit jedem Stück dazu. Und ich möchte Leiter*innen in den Kitas ermutigen, ihrem Personal Gelegenheit zu geben, Theater mit den Kindern zu spielen. Pädagog*innen brauchen hierfür Zeit: spezielle Vorbereitungs- und Nachbereitungszeit. Ebenso brauchen sie einen ungestörten Raum, wenn sie mit Kindern ein Stück vorbereiten wollen. Und was mir auch sehr wichtig erscheint, ist ein positives Feedback durch Kolleg*innen, was heißt, dass das Team über den Wert des Puppentheaters für die Kinder Bescheid wissen muss. Denn es gibt nach meiner Erfahrung einen großen Hemmfaktor für Aufführungen im Kindergarten. Die Kinder sind häufig während einer Aufführung (wenn sie es nicht gewohnt sind) aufgeregt, möglicherweise gehen sie sehr lautstark mit, und nach der Aufführung treibt die Kinder ein großer Bewegungsdruck durch die Räume. Die Spannung muss aus dem Körper wieder raus. Gut ist es, wenn also noch Zeit nach dem Puppentheater ist, damit die Kinder wieder ins gewohnte Gleichgewicht finden – am besten an der frischen Luft. Das ist einfach einzukalkulieren, und das müssen die Kolleg*innen mittragen, sonst kommt der Puppenspieler womöglich im Team in eine ungute Rolle, nämlich die des „Unruhe-Stifters“.

Wie kann man anfangen mit Kindern eine Geschichte zu spinnen, sodass sie ihr eigenes Stück ersinnen? Es ist nicht so schwer, wie es auf den ersten Blick scheint. Hier gilt vor allem, sich selbst als Erwachsener zurück zu halten. Kinder sind großartige Dramaturgen, sie haben haufenweise Geschichten im Kopf. Meine erste Frage an die Kinder, die spielen wollen, ist diejenige nach den Figuren, welche sie wählen wollen. Manchmal muss man sie daran erinnern, dass sie nur zwei Hände haben, also nicht alle Figuren mitspielen können. Und dann kann man ruhig erst mal schweigen, die Puppen betrachten, wenn das Kind nicht gleich loslegt, mal eine Puppe direkt ansprechen, wie es ihr geht. Oder man fragt nach, ob man eine Figur spielen soll und was man mit der Figur machen soll. Wo ein Anfang gemacht ist, kommt in der Regel von selbst alles nach. Wichtig ist und bleibt, dass sich der Erwachsene zurückhält, ihn sollte die Neugier packen, wenn sich das Kind etwas ausdenkt. Spürt das Kind das, dann denkt es auch. Manchmal saust der Gedankenfluss dann wie ein Strom im Eiltempo voran. Dann macht es Sinn, die Sache zu verlangsamen, damit die Kinder sich nicht überrollen in der Fantasie und man hinterher nicht mehr weiß, was man da gespielt hat. Das Aufschreiben hilft, es verlangsamt, es macht die Sache wichtig, es sortiert die Gedanken des Kindes und bringt es dazu über die eigenen Sätze nachzusinnen, weil man als Schreibende*r häufiger nachfragen muss, ob der Satz so richtig notiert ist. Manchmal stockt ein Kind beim Ersinnen der Geschichte, auch dann ist es wichtig, sich nicht einzumischen, sondern dem Kind Zeit zu geben und deutlich zu machen, dass man sich auf alles, was das Kind sich ausdenkt, freut. Manchmal ist es gut, dann am nächsten Tag weiterzumachen. Die Hauptsache bleibt: Nicht einmischen, kein Kind drängen. Verlangsamen macht Sinn, weil es Struktur gibt. Drängen beengt Kinder und führt nicht dazu, dass sie die Struktur finden. Kinder finden immer ihren Weg, sie brauchen dazu nur einen ruhigen Raum und ihre Zeit. Und: Sie brauchen möglichst keine Korrektur ihrer Phrasen. Es geht nicht darum, dass die Kinder für die Bühne perfekte Sätze formulieren; es geht darum, dass sie etwas formulieren. Pädagog*innen meinen häufig, Kinder können nicht richtig sprechen lernen, wenn man ihnen nicht sagen würde, wie es richtig hieße. Wir sind so darauf konditioniert, dass wir auch noch als Erwachsene eine Korrektur erwarten, wenn wir im Ausland unsere erlernte Fremdsprache ausprobieren. Aber das tun die Muttersprachler in der Regel nicht. Und dennoch lernen wir im Gespräch. Genauso geht es den kleinen Kindern, sie lernen, indem sie mit uns sprechen, wir müssen sie nicht korrigieren. Es ist viel schöner für sie, wenn wir uns da raushalten und auf den Inhalt des Gesprochenen reagieren. Beim Ausdenken eines Stückes kann eine Korrektur des Gesprochenen völlig nach hinten losgehen, das Kind verliert den Faden und ist unglücklich. Wichtig ist doch lediglich, dass das Kind die Erfahrung eines Sprachflusses machen kann.

Für die meisten Kinder ist es gut, einen Kompagnon dabei zu haben, wenn sie sich ein Puppenstück ausdenken. Die Arbeit mit mehreren Kindern scheint zwar erst einmal aufgeregter und lauter zu sein als die mit einem einzelnen Kind. Hat man die Anfangsaufregung hinter sich gelassen entsteht eine Arbeitsatmosphäre, in der das zweite Kind und möglicherweise dritte Kind wichtige Partner sind. Sie geben Zustimmung, Ablehnung und bringen sie so Ideen mit ein. Sie geben dem Kind, welches seine Geschichte erzählen will, sofort das Gefühl von Wichtigkeit. Die Geschichte ist nicht nur für den Erwachsenen interessant (Erzieher*innen finden ja meist sowieso alles interessant und wichtig), sondern auch für den Freund*in, was Sicherheit für das Spiel vor der Gruppe bringt.  Ich habe es mir über die Zeit angewöhnt, nicht nur mit einem Kind eine Puppengeschichte zu ersinnen, sondern wenigstens ein weiteres, am liebsten, aber drei Kinder dabei zu haben. Das nimmt ihnen von Beginn an die Sorge, dass das, was sie da spielen, nicht anerkannt werden könnte. Meist gestaltet es sich so, dass ein Kind der Geschichtenspinner ist, ein zweites aktiv eine Rolle übernimmt und das dritte Kind oft ein Beobachter ist. Diese Beobachtungsrolle ist wichtig, und als Erwachsener kann man das schon am Beginn thematisieren; man braucht eine Jury, jemanden, der sagt, ob andere das Spiel verstehen können. Der Beobachter hat häufig bei uns die Rolle des Kaspers übernommen und das Spiel eröffnet und beendet.

Arbeitet man in einer Kindertagesstätte, wo das Puppenspiel bislang nur marginal vorkommt, ist es sinnvoll, nicht sofort mit den Kindern Stücke erarbeiten zu wollen. Kinder lernen reichlich am Vorbild, sie brauchen vorerst die Anschauung des Puppentheaters. Kreativität entsteht nicht aus dem Nichts. Kreativität benötigt Bildung und dann Freiraum. Hat ein Kind nie zugeschaut, wird es gar nicht auf die Idee kommen, einen Kasper oder eine Hexe zu spielen.  Sicher wird dieses Kind auch spielerisch seine Eindrücke verarbeiten, aber eben nicht mit dem Mittel des Puppentheaters. Will man den Kindern diese Bühne eröffnen, ist es notwendig, dass man sie ihnen vorführt und zeigt. Selbstverständlich kann man sich einen professionellen Puppenspieler ins Haus holen, allerdings wird das das Spiel der Kinder nur für eine kurze Zeitspanne inspirieren, es hätte keinen besonderen Bildungseffekt, sondern wäre eher ein Event und läge damit außerhalb des Nachahmenswerten. Solche Events machen Sinn, wenn Puppentheater in der Kita etabliert ist, dann bedeutet es Bereicherung für etwas, das sie kennen und lieben.

Die wichtigste Vorbildperson in der Kindertagesstätte ist der Bezugserzieher. Beginnt dieser damit, Puppentheater für die Kinder zu spielen, ist es ziemlich gewiss, dass die Kinder dies nachahmen wollen. Und es ist gewiss, dass sie sich es immer wieder Puppentheater von ihrem Erzieher wünschen werden. Es ist aber nicht notwendig, dass der Bezugserzieher mit dem Theaterspiel beginnt, es kann auch ein anderer Erzieher*in aus dem Personalpool sein, der oder die das initiiert. Ich will hier nur sagen, dass der Effekt auf die Kinder am größten ist, wenn der Bezugserzieher spielt. Ist es eine andere Person und die Kinder sind euphorisiert, werden sie Beziehungsbande mit der Person knüpfen wollen. Für das Lernen des Kindes ist die Beziehung wichtig, und eine gewisse Regelmäßigkeit (die auch einen Projektcharakter haben kann) beflügelt die Arbeit und das Lernen.

Für einen Start des Puppenspiels in der Kita, ist es gut, bekannte Geschichten durch die Erzieher vorzuspielen. Das vereinfacht den Kindern das Verständnis und sie können sich auf das Sujet, wie die Geschichte dargestellt wird, einlassen und es begreifen. Das tun sie hinterher im wahrsten Sinne des Wortes. Immer kommen sie und wollen die Puppenfiguren in die Hand nehmen, sie „begreifen“, Sätze wiederholen, Bewegungen nachmachen. Wichtig beim Vorführen durch den Erzieher*in sind eine deutliche Aussprache, ein langsames Sprechen und die Koordination von Bewegung der Puppe und Sprache. Langsam und deutlich sprechen kann ein Erzieher*in tagtäglich üben, er oder sie wird schnell merken, wie anders die Kinder dann zuhören. Eine Puppe in die Hand nehmen, Bewegung und Sprechen koordinieren, das kann man zwischendurch immer mal wieder üben. Es reicht ja schon, mit einer Handpuppe im Morgenkreis zu singen. Man kann sich die Langsamkeit und die Koordination von Bewegung und Sprache Schritt für Schritt aneignen und wird eine Menge Spaß dabeihaben. Vielmehr braucht es im Grunde nicht außer der Geschichte und natürlich den Puppen. Die sollten nach meiner Erfahrung möglichst unspezifisch sein. Ist ein Gesichtsausdruck nur angedeutet, lässt dies Spielraum frei, und ein wechselndes Mienenspiel wird in der Fantasie der Kinder geboren. Die Puppe kann trotz eines gleichbleibenden Gesichtes herzhaft lachen oder tieftraurig sein. Manche Figuren, die es im Handel zu kaufen gibt, kann man sich getrost sparen. Wir mussten einen bösen dreinblickenden Räuber schon mal in ein weit entferntes Schubfach sperren, weil ein Kind diesen Gesichtsausdruck nicht ertragen wollte. Kinder haben ein individuelles Verständnis von der Mimik, und sie haben einen individuellen Rahmen, wie viel sie sich selbst davon zumuten. Es ist gut, neutrale Figuren zu haben, die eben erst im Spiel ihr Puppenleben kolorieren, und jedes Kind kann selbst entscheiden, welche Mimik es im Geiste der Puppe gibt. Wenn Kinder selbst spielen, sollten sie nicht allzu schwere Köpfe auf den Fingern halten müssen, sonst verliert da schon mal jemand seinen Kopf. Die Kulisse ist für mein Dafürhalten eher nebensächlich. Kindern genügen Andeutungen, es genügt sogar ihnen zu sagen: „Stellt euch jetzt mal vor, hier stünde ein …“. Es ist natürlich großartig, wenn man Kulissen und Requisiten fürs Theater mit den Kindern zusammensucht oder selbst herstellt, das erhöht den Eifer und die Emsigkeit für die Sache. Wenn Kinder ihr eigenes Stück dichten, dann sorgen sie eigentlich auch immer selbst für die nötigen Requisiten.

Da es für Kinder es außerordentlich schön ist, selbst Puppentheater zu spielen, und sie hierbei sehr viel lernen, möchte ich ein Beispiel anfügen. Hier sieht man: Das Stück ist kurz, und es entwickelt sich so, wie man es als Erwachsener erst mal nicht erwartet. Ich habe mich aus der Komposition vollständig rausgehalten. Meine Tätigkeit ist die einer Sekretärin und Nachfragerin gewesen. Man kann m.E. in der Geschichte gut erkennen, dass das Thema von einem einzelnen Kind gespendet wurde. Die beiden anderen Kinder haben das Thema angenommen und mit kleinen Eigensinnigkeiten aufgefüllt. Die folgende Geschichte haben sich drei Mädchen im Alter von 5 Jahren ausgedacht. Das Ganze hat nicht lange gedauert, die Geschichte wurde rasant schnell geschrieben. Die Kinder hatten es eilig, nicht weil sie etwas anderes vorhatten, das war nicht das Problem. Wenn man die Geschichte genau liest, merkt man, dass ein Problem, und zwar ein dringendes Problem besprochen wird. Und am liebsten hätte die Erzählerin, dass dieses Problem sich sehr schnell löst. So erkläre ich mir das Tempo, mit dem die Geschichte erdichtet wurde.

Das Stück von Oma und Opa und Prinzessin und Königin und einem weggezauberten Schloss

 

Kaspar:                       Tri-tra-trallala, euer Kasper ist mal wieder da, seid ihr auch alle da?

                                    Heute seht ihr das Stück vom verschwundenen Schloss.

Königin:                      Kinder, stellt euch vor, mein königliches Schloss ist verschwunden, einfach weg. Weggezaubert. Ich muss der Prinzessin das sagen.

Königin geht zur Prinzessin

Königin:                      Kind, ich muss dir etwas sagen.

Prinzessin:                  Was hast du denn Mama?

Königin:                      Unser Schloss ist weg, einfach weg.

Prinzessin:                   Oh. … Mama, wir müssen unser Schloss wiederbekommen. Uns kann nur einer helfen: der Opa.

Prinzessin ruft den Opa

Opa kommt:                Hier bin ich, was ist denn los?

Prinzessin:                   Unser Schloss ist verschwunden! Kannst du bitte versuchen, das hierher zu zaubern?

Opa:                            Ich mach das. Aber ich muss erst mal die Oma ins Krankenhaus bringen. Denn sie hat Hals- und ganz schlimme Bauchschmerzen. Der Magen hat sich vor dem Hals entzündet.

Prinzessin:                  Das ist ja schrecklich. Wie bekommen wir die Krankheit denn aus ihr heraus?

Königin:                     Wir können Kräuter sammeln und Kräutersaft machen.

Prinzessin:                   Ist gut. Das machen wir.

Opa geht zur Oma:     Oma, ich bring dich jetzt ins Krankenhaus.

Oma:                           Ok.

Opa:                            hier entlang müssen wir zum das Krankenhaus.

Oma:                           Ich kann gar nicht mehr laufen. Ich fühl mich, als wenn ich mir den Fuß gebrochen hätte.

Opa:                            Komm her, ich trag dich.

So, nun sind wir da. Hier ist das Bett, leg dich hin.

Königin und Prinzessin kommen

Königin:                      Wir sind hier, Oma und haben dir frischen Kräutertee mitgebracht. Der hilft dir bestimmt.

Prinzessin:                  Ach Oma, ich hab dich soo nett-lieb.


Königin:                     Komm Oma, Kopf hoch, du musst jetzt Tee trinken.

Oma schlürft den Tee

Opa:                            Oma, du musst hier im Krankenhaus operiert werden, morgen hol ich dich wieder ab. Und dann musst du dich zu Hause ein bisschen ausruhen.

Oma:                           Ach ja, Opa.

Königin und Prinzessin: Schlaf gut Oma, morgen ist alles wieder gut. Gute Nacht!

Oma:                           Gute Nacht.

Opa, Königin und Prinzessin gehen weg. Oma schläft ein.

Kasper erscheint auf der Bühne:

Kaspar:                       So jetzt ist Nacht. Schlaft mal schön, Kinder.

                                    Aber gleich ist wieder Tag. Nämlich jetzt.

Opa erscheint auf der Bühne:            Oma ich hol dich ab. Komm mit.

Oma:                           Ich kann nicht laufen.

Opa:                            Ich trage dich.

So, nun leg dich da hin, fertig. Jetzt kannst du in Ruhe schlafen.

Ich muss nun noch das Schloss herzaubern, wie fein: Hokuspokus, Schloss erscheine!

Und ein Schloss erscheint auf der Bühne

Königin kommt:         Das Schloss ist wieder da, hurra!

Prinzessin kommt:      Siehst du Mama, Opa kann alles.

Oma ruft:                    Ich will aufstehen, mir geht es ganz gut.

Opa:                            Na dann ist ja alles wieder gut!

Kasper:                          Liebe Kinder, das war‘s für heute. Denn wie es heißt: Ende gut – alles

                                       gut.

                                               Tschüss !!

Die Geschichte beginnt mit der Aussage zu einer Katastrophe durch die Königin. Die Prinzessin nimmt die Katastrophe ruhig auf und wandelt sie in ein lösbares Problem, und zwar durch den Opa. Bevor der Opa das Problem klären kann, muss er sich jedoch um ein anderes kümmern: Die Oma ist krank. Die zentrale Figur ist der Opa, er hat zu klären, und er ist die zentrale Bezugsperson für die Prinzessin, welche natürlich das Kind ist, das das Stück auf die Bühne bringt. Es geht darum, einen Zustand wiederherzustellen, der offensichtlich kaputt ist. Das verschwundene Schloss steht m.E. für einen Familienverbund, der gerade auseinanderbricht, weil es der Oma nicht gut geht. Für das Kind steht außer Zweifel, dass der Opa das Wohl der Familie in der Hand hat und auch alles dafür tun wird. Zumindest hier im Stück erlebt das Kind die Wiedergeburt einer einheitlichen Familie und kann sich wie eine Prinzessin im Schloss fühlen. Ich will gar nicht weiter deuten, aber ich finde diese kurze Story mittlerweile sehr tiefgründig. Als ich sie wie eine Sekretärin niederschrieb nach den Worten der Kinder, wunderte ich mich über die Merkwürdigkeiten darin: Das Schloss ist verschwunden, aber es ist nicht das Wichtigste; die Oma ist krank und der Kräutertee völlig marginal. Wichtig ist, dass sie ins Krankenhaus kommt; die Oma wird in nur einer Nacht gesund, nur weil sie im Krankenhaus gewesen ist. Und dann wird das Schloss so ganz nebenbei wieder hingezaubert, als wäre es nichts.

Für das Kind, welches die Geschichte sich ausdachte, war das magische Zaubern nur der Punkt hinter einer ansonsten wichtigen Angelegenheit. Und die wird im Krankenhaus geklärt, liegt also außerhalb der Macht der eigenen Familie, was wie moderne Magie anmutet. Kräutertee und Zauberei sind selbstverständlich und helfen auch, aber eben nur, wenn die eigentliche Magie des Krankenhauses gewirkt hat.

Nun will ich nicht verschweigen, was das zugrunde liegende Problem des Kindes für das Ersinnen einer solchen Geschichte gewesen ist. Das Mädchen hatte erfahren, dass sich die Oma vom Opa trennt. Ich erfuhr dies erst viel später, öffnete mir aber die Augen für das Verständnis der Geschichte.

Das Kind ist mit dem Thema im Rahmen seines Erfassens möglicher Hilfe umgegangen. Die Oma kann im Krankenhaus genesen, das ist der Ort, wo man wieder gesund wird. Wenn die Oma ein Problem hat, muss sie dorthin. Der Opa ist ein Mann des Handelns und kann vieles, er wird auch die Oma dorthin bringen, wo das Problem geklärt werden kann. Wenn dies geschafft ist, dann kann auch wieder alles schön werden, dann kann der Opa das Schloss wieder zurückzaubern. Das ist dann weiter gar nichts, das geht im Handumdrehen. Die Gabe des Kräutertees und der Auftritt des Kaspers mitten im Stück waren übrigens Beigaben der beiden anderen Mädchen. Beide waren völlig einverstanden, dass die Geschichte so dargestellt wird, wie das dritte Mädchen es vorgab. Sie haben die Dringlichkeit wahrgenommen und den Platz freigemacht. Sie sind dabei ihrem Gespür gefolgt, nicht ihrem Verständnis für das Mädchen. Die Geschichte hätte bei den anderen beiden Mädchen jeweils sehr anders ausgesehen, sie hätten ihre eigenen Varianten des Umgangs mit dem Unglück erfunden bzw. gefunden. Ich finde es bemerkenswert, dass beide Mädchen sich zurückgehalten haben und die Geschichte so geschehen lassen haben, wie sie dort steht. Und das überzeugt mich von der Kraft des Puppenspiels im Hinblick auf das Einüben eines respektvollen Umgangs miteinander, der Bereitschaft sich zurück zu nehmen, wenn ein anderer Dringliches hat, der Bereitschaft helfend zur Seite zu stehen und der Bereitschaft die individuelle Art und Weise des Umgangs mit der Problematik zu akzeptieren und die Ruhe zu haben, die Lösung abzuwarten und auch diese so zu nehmen, wie sie erscheint.

Zusammenfassend plädiere ich für mehr Puppentheater in den Kitas, weil

  • Es Freude macht,
  • sich in der Freude Lernräume öffnen,
  • Kinder Emotionen verarbeiten können,
  • sie die Sinnhaftigkeit des Lebens erdichten können,
  • Kinder die Sprache üben,
  • Kinder soziales Miteinander üben,
  • Aber zuallererst noch einmal: Weil es Freude macht und die Freude Kinder und Erwachsene beflügelt.

Ich hoffe, dass beim Lesen dieses Artikels der Wunsch entsteht, Puppentheater mit Kindern vermehrt ins Erziehungsrepertoire aufzunehmen.  Puppenspiel ist wahrscheinlich so alt wie die Zivilisation. Xenophon (426-355 v.Chr.) lässt in seinem Werk ‚Symposion‘ Sokrates mit einem Puppenspieler sprechen. Damals hingen die Puppen zwar an Fäden, darum geht es aber nicht, es geht um die Anverwandlung der Welt im Spiel mit den Puppen, ob nun Marionetten oder Handpuppen. Es ist ein altes Spiel, das an Aktualität nicht einbüßen kann, wenn wir es mit den Kindern lebendig werden lassen. Heute noch glänzen die Augen meiner Großmutter, wenn sie berichtet, dass sie in ihren Kindertagen auch Puppentheater gespielt hat. Diese leuchtenden Augen verweisen darauf, dass damals etwas Tiefgreifendes erlebt wurde, und es ist auch mit 88 Jahren noch sehr präsent.  Ob zu Hause oder im Kindergarten, Puppentheater kann Augen zum Leuchten bringen.

Literatur

Hartmut Rosa / Wolfgang Endres: Resonanzpädagogik. Wenn es im Klassenzimmer knistert. 2. Auflage. Beltz Verlag 2016.

Autorin

Ich wurde 1962 in Berlin geboren und wuchs im Ostteil der Stadt auf. Nach der Wende studierte ich Sozialwissenschaften an der Humboldt-Universität. Seit dem Jahr 2000 bin ich im pädagogischen Bereich tätig. Bis Ende 2019 leitete ich eine Kita in Berlin-Moabit.

[1] siehe dazu: Hartmut Rosa, Wolfgang Endres, Resonanzpädagogik: Wenn es im Klassenzimmer knistert, Beltz-Verlag, 2. Auflage, 2016.

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