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Zitiervorschlag

Frauen in der Geschichte des Kindergartens: Julie Salis Schwabe

Manfred Berger

 

Einleitung in das Lebenswerk

Juli(a)e Ricke Rosetta Schwabe wurde am 31. Januar 1818 (a. O. 1819) in Bremen geboren, "der Familie eines hochangesehenen Patricierhauses entstammend" (zit. n. Dokument, archiviert im Ida-Seele-Archiv). Ihr Vater war ein wohlhabender Kaufmann, der 1821 mit seiner Familie nach Hamburg übersiedelte. Da seinerzeit assimilierte jüdische Familien großen Wert auf eine gediegene Bildung ihrer Töchter legten, erhielt Julie Privatunterricht. Zudem verbrachte sie zwei Jahre in Leipzig im Hause einer befreundeten Familie, wo sie sich vor allem im „schöngeistigen Bereich“ (Sprachen, Theater, Musik, Handarbeit etc.) weiterbildete.

Am 14. Oktober 1837 heiratete Julie Schwabe in der Londoner anglikanischen Kirche St. Martin-in-the-Fields ihren überaus wohlhabenden Cousin aus Oldenburg, den Großindustriellen Salis Schwabe (1800-1853), geb. Salomon ben Elias Schwabe, der in der Nähe von Manchester eine große Kattunfabrik (mit 700, teilweise bis zu 900 Arbeiter*innen) besaß. Salis Schwabe musste "von seltenen Herzens- und Geistesgaben gewesen sein, [der; M. B.] reichlich Gelegenheit fand, sich in dem philanthropischen England bei Wohlfahrtseinrichtungen aller Art zu beteiligen" (zit. n. ebd.). Julie Salis Schwabe „sprach noch im hohen Alter mit größter Verehrung [...] von der Großherzigkeit ihres Mannes" (zit. n. ebd.). Aus der als glücklich geltenden Ehe gingen sieben Kinder hervor: Harriet Emily (geb. 1839), Edmund Salis (geb. 1841), George (geb. 1843), Frederick Augustus Reis (geb. 1844), Julia Rosetta (geb. 1847), Catherine Marianne (geb. 1850) und Salis Arthur (geb. 1852). Juli und Salis Schwabe waren überzeugte Unitarier und Anhänger der „Manchester School of Free Tanders“. In ihrem gastfreundlichen Landhaus Crumpsall House bei Manchester oder später in ihrem Schloss am Seegestade auf der Insel Anglesa in North-Wales, verkehrten hochangesehene Persönlichkeiten aus Politik, Kunst und Wissenschaften, "besonders aber waren […] die Vertreter humaner Bestrebungen stets hochwillkommen" (zit. n. ebd.). Beispielsweise war Frédéric Chopin (1810-1849) aus Anlass eines Konzertes, das der Musiker am 28. August 1848 in Manchester gab, Gast in Crumpsall House.

Vermutlich über Johanna Goldschmidt (1806-1884), eine geborene Schwabe und Malwida von Meysenbug (1816-1903), die eine Tochter der Familie Schwabe unterrichtete, kam Julie Salis Schwabe in Berührung mit Friedrich Fröbel (1782-1852). Folgend studierte sie die Schriften des "Kindergartenstifters" und unternahm mehrere Studienreisen u.a. durch Deutschland, Holland, England, Italien und Spanien, wo sie Kindergärten, Schulen und andere Einrichtungen der Wohlfahrtspflege besichtigte.

1865 übersiedelte die Philanthropin, seit 1853 Witwe, nach London und verstärkte ihr soziales Engagement, entsprechend ihrer Lebenseinstellung "Reichtum verpflichtet", "Das Studium menschlichen Elends einerseits, und menschlicher Hilfe andererseits füllt sie ganz aus", so ihre Biographin. Julie Salis Schwabe starb am 20. Mai 1896 im 76. Lebensjahr an den Folgen einer Lungenentzündung in Neapel, in der Stadt, in der sie einiges auf dem Gebiet der Bildung und Erziehung junger (verwahrloster) Menschen bewegte (vgl. ilmattino 2018). Wenige Tage später wurde die Verstorbene auf den britischen Friedhof von Neapel beerdigt. Ihre Beisetzung „soll dem einer Königin gleichgekommen sein" (zit. n. Dokument, archiviert im Ida-Seele-Archiv).

Noch kurz vor ihrem Tode hatte Julie Salis Schwabe über ihr mühevolles soziales Engagement geschrieben: "Ich bin zahllose Treppen umsonst gestiegen, habe viele Stunden verwarten müssen und war oft froh, wenn man mir eine Tasse Thee anbot. Unzählige Briefe schrieb ich umsonst, bei vielen klopfte ich vergebens an und verbrachte manche Nacht schlaflos, weil ich fürchtete, mein Werk nicht zu Ende führen zu können" (zit. n. ebd.).

Bildungsarbeit als gesellschaftlicher Auftrag

Vor  allem die miserablen sozialen Verhältnisse in Neapel, die Julie Salis Schwabe durch ihre vielen Italienreisen kennen gelernt hatte, versuchte sie zu lindern - nicht durch Almosen sondern durch die Errichtung von Erziehungs- und Bildungseinrichtungen, da sie der Ansicht war, "dass Bildung für die Massen das sicherste Mittel ist, um ein Land, eine Gesellschaft zu verbessern", wie sie an einen Brief an Giuseppe Garibaldi (1807-1882) schrieb (zit. n. ebd.). Als Letztgenannter sich im Jahre 1860 in einem Aufruf an die italienischen Frauen wandte und diese zur Mitarbeit für das Wohl der verwahrlosten unteren Volksschichten Süditaliens aufforderte, war Julie Salis Schwabe "eine der ersten, an welche sich das Turiner philanthropische Frauenkomité behulfs Beitritt zu demselben wandte... 'Kommt, laßt uns unsern Kindern leben!' Dieser Mahnspruch Fröbel's that besonders not in einem Lande wie Italien, wo auf dem Gebiet der Pädagogik noch recht wenig geschehen war" (zit. n. ebd.). Zur Linderung der Not sollte eine allumfassende Erziehungs- und Bildungsanstalt ins Leben gerufen werden.

Die "edle Frau" schrieb an ihre "Sponsoren" in Deutschland, England, Frankreich u. a. Ländern: "Indem auf diese Weise die menschenfreundlichen, aufgeklärten und ernsten Denker der verschiedenen Nationen sich vereinen, einen Zustand der tiefsten menschlichen Versunkenheit zu verbessern, wage ich zu hoffen, daß das Institut in Neapel auch die erste Grundlage eines Bündnisses edler Menschen werde, die ohne Unterschied der Nationalität und des Glaubens sich vereinigen, jenen unheilvollen Mächten entgegenzuwirken, die statt des Reiches Gottes und alles Guten und Wahren auf Erden nur ihre eigene Macht und Herrschaft durch Unwissenheit der Massen zu begründen suchen" (zit. n. ebd.).

Für das Vorhaben der Philanthropin gaben die weltberühmte Opernsängerin Jenny Lind (1820-1887), genannt die „schwedische Nachtigall“, und ihr Ehemann, der Pianist und Komponist Otto Goldschmidt (1829-1907), in London ein Benefizkonzert, das 1.000 Pfund Sterling einbrachte. Daraufhin errichtete Julie Salis Schwabe 1861 in Neapel sofort eine Mädchenschule, der bald ein Kindergarten und ein Lehrerinnenseminar folgten. Einen Teil der Lehrkräfte/Kindergärtnerinnen italienischer, deutscher und englischer Nationalität schickte sie zur Ausbildung nach Hamburg zu Emilie Wüstenfeld (1817-1874) und Johanna Goldschmidt. Bereits zwei Jahre später mussten die sozialen Einrichtungen infolge einer Cholera-Epidemie geschlossen werden.

Nach zehnjährigem Kampf gelang es der „edlen Frau“ endlich, mit Hilfe der italienischen Regierung das "Istituto Froebeliano" wiederaufzubauen (vgl. Asch 1897). In den achtziger Jahren konnte sie für die Institutsleitung die Fröbelpädagogin Adele von Portugall (1828-1910) gewinnen (vgl. Portugall 1905, S. 107), die getreu dem Grundsatz Fröbels folgte, "dass die Erziehung nachgehend sein muß". Demzufolge ist die "Aufgabe des Kindergartens und der Schule [...] nicht so sehr, fertige Kenntnisse und Tatsachen dem Gedächtnis einzuprägen, als vielmehr den Denk- und Assimilationsapparat zu bilden, die Wißbegierde anzuregen und den Grund zu legen, auf dem das Kind selbst aufbauenden kann [...] und die den Fähigkeiten genau angepaßte Forderung wirkt kraftbildend... Man muß etwas von den Kindern verlangen" (zit. n. Dokument, archiviert im Ida-Seele-Archiv).

Die Anstalt, ein ehemaliges Kloster, umfasste einen Volkskindergarten mit drei hellen Kindergartenklassen, ausgestattet mit: "Tische und Stühlchen von kleinstem Format... freundliche Bilder an den Wänden, niedrige Schränke mit lockendem bunten Material für Kinderhände, überall noch reichlicher Bewegungsraum für zahlreiche kleine Füßchen" (zit. n. ebd.). Ferner gehörten zur Institution eine Elementarschule mit Vermittlungsklasse, welche die Kinder vom Kindergarten in die Schule überleitete, eine Volksschule, eine Präparandie für Knaben, die die Schüler bis zur Quarta des Gymnasiums vorbereitete, und eine höhere Mädchenschule, der sich Ausbildungsklassen für Kindergärtnerinnen anschlossen (vgl. Wikisource: Fröbel Institut in Italien 2015). In allen Einrichtungen wurde nach Friedrich Fröbels Pädagogik gearbeitet, das „Ganze seiner Spielmittel, dessen Bedeutung eben darin besteht, daß sie die Erkenntnis des naturgemäßen Ganges der geistigen Entwickelung entsprungen sind und den nämlichen Gang wie jene verfolgen“, (zit. n. ebd.), berücksichtigend. Alle Elementarlehrerinnen stimmten darin überein, "daß ihnen die Schüler aus dem Kindergarten lieber waren und sie leichtere Arbeit mit ihnen hatten als mit denen, die ohne jede Vorbereitung aus dem Elternhause zu ihnen kamen" (zit. n. ebd.).

Nur das weibliche Geschlecht erachtete Julie Salis Schwabe für die Erziehung und Bildung kleiner Kinder als geeignet, ganz im Sinne Friedrich Fröbels, wie sie konstatierte, der in "den ersten Kursen junge Männer, ebenso wie Frauen, 'zur Pflege des Beschäftigungstriebes' ausbildete. Durch Enttäuschungen belehrt und im vollen Bewußtsein seiner bisherigen Blindheit wandte sich der Pädagoge im Jahre 1840 an die gesamte Frauenwelt Deutschlands, die ihn unterstützen und helfen möge, sein Werk der Erziehung und Bildung kleiner Kinder zu verwirklichen. Diesem Rufe haben die Frauen im vollen Masse entsprochen" (zit. n. ebd.).

Durch königlichen Erlass erhielt die neapolitanische allumfassende Erziehungs- und Bildungsinstitution 1887 den ehrenvollen Titel "Instituto Froebeliano Internazionale Emanuele II" verliehen. Großen Wert legte Julie Salis Schwabe darauf, dass im Kindergarten Jungen und Mädchen wie in der Familie gemeinsam im Sinne der Fröbelpädagogik erzogen und gebildet werden. Betreut wurden Kinder im Alter von ca. drei bis sechs Jahren. Im Jahre 1890 zählte die öffentliche Einrichtung, die mit neun Kindern ihren Anfang nahm, weit über 170 Kinder. Sie war "später von über 1000 Kindern aller Altersstufen belebt" (zit. n. ebd.).

In ihrem segensreichen Wirken wurde die Philanthropin von Helene Klostermann (1858-1935) unterstützt (vgl. nifbe 2016). Genannte war eine bedeutende Kindergarten- und Fröbelpädagogin, die in ihren unveröffentlichten "Erinnerungen aus meinem Leben" über die neapolitanische Einrichtung vermerkte: "Die natürliche gesunde Entwicklung im Kindergarten bereitete den späteren Schulunterricht in der glücklichsten Weise vor, und dieser verließ seinerseits nicht die im vorschulpflichtigen Alter geübte schaffende Tätigkeit, sondern stellte darin nur allmählich wachsende höhere Anforderungen und verband dadurch mit der Entwicklung der Hand die des Geistes, mit dem Tun das Erkennen. Fortschreitend trat dann immer mehr das eigentliche Lernen in seine Rechte, doch wurde in allen Klassen Handfertigkeiten und Hausfleiß gelehrt und in besonderen dafür angesetzten Stunden durchgeführt [...] Jeder Blick in die Kindergärten und Schulklassen gab Gelegenheit, die geordnete und doch freie Art der kindlichen Tätigkeiten mit den dargebotenen [Fröbel‘schen Spiel- und Beschäftigungs-; M.B.] Mitteln zu beobachten" (zit. n. ebd.).

Umsetzung der Fröbelpädagogik in England

Der Erfolg von Neapel spornte Julie Salis Schwabe dazu an, im Jahr 1892 auch in Großbritannien eine "Fröbel-Society" zur Förderung des Kindergarten-Systems mit einer Gruppe gleichgesinnter Frauen und Männern ins Leben zu rufen. Diese konnte 1896 in Colet Gardens, im Londoner Stadtteil Kensington, sowohl einen großen Volkskindergarten, d.h. ein "Muster-Erziehungsinstitut im Geiste Friedrich Fröbels und William Ellis" (1794-1872), als auch ein nicht-konfessionell gebundenes Lehrerseminar, feierlich eröffnen. Eingeweiht wurde das "Fröbel-Educational-Institute" in Anwesenheit seiner hohen Protektorin, Kaiserin Friedrich (1840-1901). Die Institution sollte die Entwicklung des Kindergartens mit Berücksichtigung der Fröbelpädagogik in England unterstützen, verbreiten und fördern. Das einstige Fröbel-Lehrerseminar existiert noch heute als "Ibstock Place School" (vgl. http://www.ibstockplaceschool.co.uk/), die inzwischen in Roehampton angesiedelt ist und sich nach wie vor im Sinne von Julie Salis Schwabe den Fröbel‘schen Grundideen verpflichtet fühlt (vgl. Lawrence 2012, S. 31 ff.).

 

Literatur

Asch, J.: Eine Fröbelsche Erziehungsanstalt in Neapel (Instituto Froebliano Vittorio Emanuele II). Breslau 1897.

Berger, M.: Die Fröbelpädagogik nach Europa getragen. Julie Salis-Schwabe, eine in Vergessenheit geratene Fröbel-Pädagogin, in: Theorie und Praxis der Sozialpädagogik (TPS) 2016/H. 2, S. 52–54.

Lawrence, E.: Friedrich Froebel and Englisch Education. Abingdon 2012.

Portugall, A. von: Friedrich Fröbel sein Leben und Wirken. Leipzig/Berlin 1905.

Archiv

Ida-Seele-Archiv, 89407 Dillingen.

Weblinks

https://www.ilmattino.it/rubriche/uovo_di_virgilio/frau_julie_l_angelo_che_sussurrava_agli_scugnizzi_di_napoli-4199873.html (zuletzt abgerufen am 2.1.2020).

https://www.nifbe.de/component/themensammlung?view=item&id=881:helene-klostermann-1858-1935&catid=37 (zuletzt abgerufen am 2.1.2020).

http://www.ibstockplaceschool.co.uk/ (zuletzt abgerufen am 2.1.2020).

https://de.wikipedia.org/wiki/Julie_Salis-Schwabe (zuletzt abgerufen am 2.1.2020).

https://en.wikipedia.org/wiki/Julie_Schwabe (zuletzt abgerufen am 2.1.2020).

https://de.wikisource.org/wiki/F%C3%BCr_ein_Fr%C3%B6bel-Institut_in_Italien (zuletzt abgerufen am 2.1.2020).

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