Andreas Mehringer wurde als Bauernbub 1911 in einem oberbayrischen Dorf als jüngstes von vier Kindern geboren. Als er sieben Jahre alt war starb seine Mutter im Alter von 34 Jahren. Die weitere Erziehung übernahm eine Stiefmutter. Ohne Erfolg versuchte Andreas die Gunst der Stiefmutter zu erlangen. Die Stiefmutter bevorzugte ihre eigenen Kinder, die sie in die Ehe mitbrachte.
Mehringers erste persönliche Erfahrung mit einer Unterbringung außerhalb der eigenen Familie machte er 1921 als 10-Jähriger in einem erzbischöflichen Knabenseminar. Dort erlebte er einen strengen Tagesablauf mit häufiger Silentium-Pflicht, Leistungsdruck, kärglichen Mahlzeiten und einer Massenunterbringung in einem Schlafsaal mit ca. 30-40 Kindern.
Da Andreas Mehringer auf Intervention seiner Stiefmutter kein Geld für ein Studium bekam, besuchte er die Lehrerbildungsanstalt in München. Seinen Lebensunterhalt finanzierte er mit Hilfe des Bayerischen Lehrervereins. Um doch noch ein Studium aufnehmen zu können, half Mehringer an der Landesschule in München aus und arbeitete als Präfekt in einem Kinderheim. Diese Erfahrung weckte in ihm den Wunsch Heimerzieher zu werden. Mehringer studierte daher Pädagogik an der Universität München. 1937 promovierte er mit einer Arbeit über Pestalozzi, den großen Schweizer Pädagogen und Heimerzieher.
Während der Nazizeit war Andreas Mehringer bei der NSV-Jugendhilfe tätig. Hier lernte er den ganzen Bereich der damaligen Jugendfürsorge kennen. Insbesondere suchte er bei der Jugendhilfe für familienlose Säuglinge ein neues Zuhause. Hier stellte er fest, dass Kinder, die nicht in einer eigenen Familie aufwachsen, genauso glücklich sein können wie Kinder, die in ihren Herkunftsfamilien groß werden konnten. Für diese damalige Tätigkeit im Sinne der nationalsozialistischen Jugendfürsorge und damit für die Ideologie des Nazi-Regimes, wurde Mehringer in der Bundesrepublik, vor allem ab den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts kritisiert. Als Mitarbeiter und Autor der NSV war er aktiv an der Umsetzung der damit verbundenen Ideologie beteiligt. In dieser Zeit war er z.B. ein Eugenik-Befürworter im Sinne der damaligen sog. „Rassenhygiene“ der Nazis.
Während des Krieges wurde Mehringer zur Luftwaffe eingezogen. In dieser Zeit arbeitete er als Luftwaffenpsychologe. Er war für Eignungsprüfungen zuständig.
1945 wurde Mehringer die Leitung des Münchner Waisenhauses übertragen. Die damalige Anstalt beherbergte ca. 240 Kinder, die in großen Gruppen untergebracht waren. In diesen Gruppen gab es wenig Raum für persönliche Entfaltung und Geborgenheit. Hier herrschte Disziplin und Sauberkeit. Alle untergebrachten Kinder trugen Anstaltskleidung. Mehringer reformierte die damalige Einrichtung mit der Einführung von Familiengruppen.
Nach seinem Tode wurde die nach außen gelobte Pädagogik von Mehringer persönlich von ehemaligen Heimkindern vehement kritisiert und angeprangert. Mehringer wurden von einigen Ehemaligen körperliche und seelische Misshandlungen vorgeworfen. (Siehe Mehringer, Andreas von Manfred Berger (veröffentlicht am 25.09.2023) in https://www.socialnet.de/lexikon/Mehringer-Andreas)
Ein Beispiel für das positive Wirken von Mehringer im Hinblick auf die Einführung von Familiengruppen:
Im Jahre 1949 wurde Mehringers jüngste Tochter Elisabeth geboren. Mehringer konnte am eigenen Leib erfahren, wie viel Zuwendung ein Familienkind von Vater und Mutter bekommen konnte. In seinem Buch „Heimkinder, gesammelte Aufsätze zur Geschichte und zur Gegenwart der Heimerziehung“ berichtet er daher: „Wir hatten Verwandtenbesuch. Da war ein kleines Mädchen mit vier Jahren dabei, das mich auf dem Gang durch das große Haus begleiten durfte. Wir schauten in einen Saal. Da waren 25 Buben, 8-10 Jahre alt, gerade mit dem Essen fertig. Ihre Blicke richteten sich auf meine kleine Begleiterin; das war für sie ein ungewohntes Bild, das sie faszinierte. Ich wollte den Jungen ihre Freude an der Begegnung nicht wieder nehmen - und ließ ihnen das Mädchen da. Ich war sicher, dass sie ihr nichts zuleide taten, ganz im Gegenteil! Als ich dann nach kurzer Zeit wieder zurückkam, bot sich dieses Bild: die Buben saßen rings um die Kleine, sie saß in der Mitte des Saals auf dem Boden und ließ sich sichtlich gern bestaunen. Wenn ihr eines zu nahekam, wehrten die anderen schützend ab. Alle wollten mit ihr spielen. Es wurde Zeit zum Gehen. Da sagten einige: 'Laß sie doch da - und alle stimmten ein: Soll bleiben! Dableiben‘ Die Szene war rührend und fröhlich - und doch erschütternd. Es war wie ein Schrei der Sehnsucht nach Wärme, nach Teilnahme am vollen Leben, ein Schrei der vergewaltigten Natur von Kindern, die man in eine künstliche Lebensform sperrte." (Quelle: Andreas Mehringer: Heimkinder, gesammelte Aufsätze zur Geschichte und zur Gegenwart der Heimerziehung, München: Ernst Reinhardt Verlag, 1994, S. 36-37)
Diese und ähnliche Erlebnisse und die Chance der „Ruine“ nach Ende des 2.Weltkrieges waren ausschlaggebend, dass Andreas Mehringer die Münchner Stadträte davon überzeugen konnte, familienähnliche Gruppen aufzubauen. Ab 1951 gab es keine Säle mehr, keinen Speisesaal, keine Schlafsäle, sondern nur noch „Familiengruppen“, die mit Wohnzimmer, eigenen Schlafzimmern, sanitären Anlagen für Jungen und Mädchen sowie einer Küche ausgestattet waren. Ganz neu waren hier Wohnungstüren mit einem Knauf. Wenn man die Türe von innen schloss, war die Wohnung zu. In diesen neu entstandenen zwölf Wohnungen lebten nun 15 Kinder pro Familiengruppe. Mehringer stellte dann fest, dass die Kinder von sich aus daran interessiert waren, die eigene Wohnung zu pflegen und gemütlich auszugestalten.
Mit dem Aufbau dieses Familienprinzips verwandelte Mehringer die alte Heimeinrichtung in eine moderne Jugendhilfeeinrichtung. Das Münchner Waisenhaus war daher in den 1950er und 60er Jahren eines der modernsten Heime in Europa. In den 50er und 60er Jahren kümmerte sich Andreas Mehringer auch um die vielen seelisch verkümmerten Kinder in den damaligen Säuglingsheimen. Finanzielle Unterstützung für Mehringers Anliegen kam auch von einem Freundeskreis, der seine Arbeit unterstützte.
Im Jahre 1956 bekam Mehringer einen Lehrauftrag für Sozialpädagogik an der Universität München. 1978 erhielt Dr. Andreas Mehringer für seine Leistungen den Janusz-Korczak-Preis.
Neben seiner jahrzehntelangen Tätigkeit als Schriftleiter und Herausgeber der Zeitschrift „Unsere Jugend“ hat Mehringer seine Erfahrungen auch in Büchern niedergeschrieben.
In seinem Buch „Kleine Heilpädagogik“ hat er seinen reichen Erfahrungsschatz hinterlassen. Mit diesem Buch will Mehringer keine spezielle Fachdiagnose und Fachtherapie ersetzen, sondern diese Bereiche unterstützen.
Die „Kleine Heilpädagogik“ besteht aus sieben Regeln und umfasst:
- Das Wahrnehmen des Kindes
- Das Ausverwahrlosen lassen
- Die Sorge für das Angenommen werden des Kindes in seiner Gruppe und in seiner weiteren Umgebung
- Die Lebensperspektive des Kindes
- Die musisch künstlerischen Mittel
- Den religiösen Aspekt
- Den Erzieher selbst
(Quelle: Andreas Mehringer: Eine kleine Heilpädagogik, („Die sieben Regeln“), München: Ernst Reinhardt Verlag, 2013)
Am 21.12.2004 starb Dr. Andreas Mehringer im Alter von 93 Jahren. Er war ein widersprüchlicher Pädagoge, der einerseits als Wegbereiter der modernen Heim - und Heilpädagogik nach 1945 gilt, der aber durch die Berichte ehemaliger Heimkinder und seine Tätigkeit in der NS-Zeit auch in einem ganz anderen Licht gesehen werden kann.