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PolyLino Adventskalender

Zitiervorschlag

Kaiserlich-nationalistische Erziehung im Deutschen Kaiserreich (1871-1918)

„Helm ab“ – zum Gebet  

Klaus Gebser

 

1. Zielstellung

Nur wenige Jahrzehnte nach der Gründung des ersten Kindergartens in Blankenburg durch Friedrich Fröbel nahmen mit der Gründung des deutschen Kaiserreiches am 18. Januar 1871 und der folgenden weiteren Industrialisierung des Landes, der damit verbundenen Entwicklung der Lohnarbeit sowie mit der zunehmenden Zuspitzung der Beziehung zwischen den führenden Weltmächten die innenpolitischen Probleme in Deutschland weiter zu. Die Sozialdemokratische Partei, hervorgegangen aus dem 1863 entstandenen Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein, erstarkte und vertrat immer breitere Kreise der Arbeiterschaft sowie der werktätigen Bevölkerung. Mit Wilhelm II. begann die Nationalisierung in der Politik sich durchzusetzen, der auch weite Kreise der Lehrerschaft folgten. Ihren Höhepunkt fand diese Politik in der Zeit des von Bismarck initiierten Sozialistengesetzes (1878-1890) (Schindele 2012).

Hatte Bismarck in den 1880er Jahren seine sozialpolitischen Gesetzgebungen erfolgreich durch das Parlament gebracht (Unfall- und Krankenversicherung, Errichtung der Allgemeinen Ortskrankenkassen und der Berufsgenossenschaften), scheiterte er nun bald mit dem Verbot der SPD und sein eigenes Ende zeichnete sich Ende des Jahrzehnts bereits ab. 1911 folgte das Reichsversicherungsgesetz unter Bethmann-Hollweg, dessen Großmutter Wilhelmine Auguste Gebser noch auf unmittelbare Vorfahren aus dem mitteldeutschen Raum von Harz und Goldener Aue zurückblicken konnte.

Die Wilhelminische nationalistische Politik ist u.a. durch Schlagwörter wie „Platz an der Sonne“, Kanonenbootpolitik oder Marokkokrisen mit dem „Panzersprung nach Agadir“ 1911 gekennzeichnet worden (Deutsche Geschichte 1965). Seit 1884 verfügte das Deutsche Reich über seine ersten Kolonien. Den Welteinfluss auf den Fernen Osten ausdehnen wollend, beteiligte sich ein deutsches Expeditionskorps bei der Niederschlagung des Boxeraufstandes in China. Bei seiner Verabschiedung in Bremerhaven ereiferte sich Wilhelm II. am 27.07.1900 mit den Worten: „… so möge der Name Deutscher in China auf 1000 Jahre durch euch in einer Weise betätigt werden, dass niemals wieder ein Chinese es wagt, einen Deutschen auch nur scheel anzusehen“ (ebd., S. 317). Später fand diese Ansprache unter der Bezeichnung „Hunnenrede“ (s.o.) Eingang in die Geschichte der Expansionspolitik des Deutschen Reiches.

Eine solche Politik implizierte eine ideologische Beeinflussung der politischen Parteien, weiterer Interessensgruppen, der Bevölkerung, insbesondere auch der jungen Generation in den Schulen und Kindergärten. Die junge Reformpädagogik (Ellen Key steht hier als Beispiel) stand dieser nationalistischen Pädagogik unversöhnlich gegenüber. Als Repräsentant der reformistischen, jedoch volkstümlich, kaisertreuen Erziehung möge Hermann Itschner (1917) auf der anderen Seite genannt werden. Aus einer kaiserlich-nationalistischen Erziehung entwickelte sich im Rahmen der Vorbereitung auf den Ersten Weltkrieg eine Erziehung zum Krieg und zum Hass gegen die kriegsführenden gegnerischen Nationen.

In der Biografie des bayrischen Pädagogen und Schulpolitikers Oskar Vogelhuber schreibt Schindele über diese Zeit: „Nach Ablauf der Sozialistengesetze wurde die vaterländische Erziehung zu einem wichtigen Instrument in der Auseinandersetzung mit der mächtiger werdenden proletarischen Bewegung. Wilhelm II. und seine Berater waren davon überzeugt, dass Verbote geringere Wirkung erzielten als eine systematische Aufklärung des Volkes – Aufklärung im Sinne erzieherischer Propaganda. Begeistert von allem, was mit Militär zusammenhing, betrachtete Wilhelm II. das preußische Militär als Modell für eine Schule der Nation, d.h. als Disziplinierungs- und Erziehungsinstrument“ (2012, S. 267).

Abb. 1 Helm ab zum Gebet. Postkarte mit betenden Jungen in Uniform und Gewehr mit aufgesetztem Bajonett

Abb. 1: „Helm ab“ – zum Gebet. Postkarte mit betenden Jungen in Uniform und Gewehr mit aufgesetztem Bajonett (AK Kriegerwaisen, Privatbesitz).

Nachfolgend soll die in der Wilhelminische Ära in im ganzen Deutschen Reich behauptende nationalistisch-chauvinistische und Kinder verachtende Erziehung untersucht werden, insbesondere ihr Einfluss auf das Leben und die Erziehung im Kindergarten bzw. im Kindergartenalter. Diese Epoche ist vergleichsweise zu reformpädagogischen Bestrebungen bisher relativ wenig untersucht worden (vgl. Berger). Eine ganze Reihe seriöser Erzieherinnen ließen sich gerade in der Zeit des Weltkrieges von dem Kriegstaumel – zumindest zeitweilig – vereinnahmen oder kehrten in der Weimarer Zeit zu einer auf das Kind sich besinnenden Pädagogik zurück. Hierfür mag die bekannte Fröbel-Pädagogin Angelika Hartmann, in Köthen geboren und vorzugsweise in Leipzig tätig gewesen, dienen, die Gedichte wie "Wer will tapfere Soldaten sehen", "Wer will unter die Soldaten", "Soldaten müssen haben" oder "Da kommen die Soldaten" publizierte (Hartmann 1904, S. 134 ff., zit. nach Berger), die sich noch im reifen Alter dem Rausch der Kriegshysterie nach der Jahrhundertwende hingab.

Abb. 2 Wir haben alle nur einen Willen Siegen oder sterben Postkarte mit Jungen in Uniform

 Abb. 2: Wir haben alle nur einen Willen: Siegen oder sterben! Postkarte mit Jungen in Uniform (AK Kriegerwaisen, https://www.buchfreund.de/de/d/p/88751043/ak-krieger-waisen-wohlfahrtskarte-kind-in-uniform).

Andere Beispiele für publizierende Erzieherinnen wären Martha Back (1914), Marie Coppius (1915) oder Gertrud Pappenheim (1914, 1915), die alle zu den in ihrer Zeit renommiertesten Vorschulpädagoginnen zählten und in führenden Funktionen tätig waren. Sie argumentierten und schrieben pädagogisch völkisch naiv, ließen sich vom allgemeinen durch die staatliche Administration initiierten Volkseifer beeinflussen oder sie willigten notgedrungen in ein solches pädagogisches Verständnis ein, da sich dem kriegsgierenden Einfluss eh nicht entzogen werden konnte, so Nelly Wolffheim (1915), die für einen Schutzraum bildenden Kindergarten in den für die Kinder schlimmen Kriegsjahren argumentierte. Nachfolgend wird diesen Überlegungen nachgegangen und Beispiele für die militaristische Erziehung und für die Erkenntnis, dass Krieg eben einen passablen erzieherischen Einfluss ausübe (Borchers 1915), vorgestellt werden. Boehm (2004) ist diesem Phänomen ebenfalls nachgegangen.

Heute liegen die Ereignisse um den Ersten Weltkrieg über einhundert Jahre zurück und drohen der Vergessenheit anheim zu fallen. Die Politik widmete dem Ereignis einige Veranstaltungen und in der Presse wurde einschlägig erinnert. Die pädagogische Relevanz des Jubiläums ist hindoch vernachlässigt worden.

2. 1888-1919: Geschichtlicher Exkurs         

Seit etwa 1890 rechnet man den Beginn der Reformpädagogik. Die Jugendbewegung, die das jugendliche Alter erstmals als einen eigenständigen, nach Freiheit und Naturerfahrung suchenden Lebensabschnitt begriff, entstand und zu ihr parallel reformpädagogische Bestrebungen in ihrer ganzen Bandbreite.

Im allgemein als Dreikaiserjahr bezeichnetem 1888 übernahm Wilhelm II. die Krone, nachdem sein Vater nach nur 88 Tagen Amtszeit infolge einer kanzerösen Erkrankung verstorben war. Bald entwickelte sich eine auf kaiserliche Treue, Devotismus und Religion begründete nationalistische Erziehung, die – vor allem in den ländlichen Gebieten – auch durch moderne erzieherische Gedanken, die auf reformpädagogische Bestrebungen gerade der jungen Volksschullehrer zurückgingen, nicht abgeblockt werden konnten.

Mit dem Erlass vom 9. Juli 1888 verfügte der gerade erst inthronisierte Wilhelm II. über die Würdigung seines Geburtstages, dem 27. Januar, als Feiertag zu begehen. Mit dem Erlass vom Mai 1889 (Kaisererlass) wurde angestrebt, die linkssozialistischen Bestrebungen in den Schulen zurückzudrängen, wofür eine Ausweitung des nationalistisch orientierten Geschichts- sowie des Religionsunterrichts angedacht und durchgeführt worden ist (Albisetti, Lundgreen 1991, S. 235, in Berg 1991). „Schon seit längerer Zeit hat mich der Gedanke beschäftigt, die Schule in ihren einzelnen Abstufungen nutzbar zu machen, um der Ausbreitung sozialistischer und kommunistischer Ideen entgegenzuwirken“, so der Kaiser in dem angeführten Erlass (zit. nach Günther u.a. 1952, S. 357), der vor allem gegen die Sozialdemokratie gerichtet war.

Bei der Durchsetzung des Erlasses diente wiederum der Religionsunterricht als Mittel zum Zweck der Erreichung nationalistischer Zielstellungen, keineswegs war die Frömmigkeit selbst erklärtes staatsbürgerliches Erziehungsziel (Barow-Bernstorff 1986, S.281). „In erster Linie wird die Schule durch Pflege der Gottesfurcht und der Liebe zum Vaterlande die Grundlage für eine gesunde Auffassung auch der staatlichen und der gesellschaftlichen Verhältnisse zu legen haben“ (zit. nach Förster 2011, S. 168). Im Weiteren heißt es, dass den Schülern vermittelt werden müsse, dass die Göttlichen Gebote und die Regeln der christlichen Sittenlehre den Lehrern der Sozialdemokratie zutiefst entgegenstünden (ebd.). Im Sinne dieses erzieherischen staatbürgerlichen Zieles fand außerdem der Königin-Luise-Mythos offene Ohren und ergriff in seiner Verblendung die Herzen von Millionen Menschen (Königin Luise war die zeitig verstorbene Urgroßmutter des nunmehrigen Kaisers).

In der Chronik von Bennungen, einem seiner Zeit landwirtschaftlich geprägten Dorf inmitten der Goldenen Aue, schreibt der Chronist zur Zusammenfassung seines Einblickes in das örtliche Schulleben (S. 106): „Eine Schulfeier findet statt zu Kaisers Geburtstag (27. Januar) … Den Sedantag feiern die Kinder außerdem noch in Gemeinschaft mit dem Kriegerverein in der Regel Sonntag nach dem 2. September. Es findet dann ein Aufzug der Schulkinder mit den Kriegern durch das Dorf statt, worauf sich der Festzug nach dem „Platze“ an der Helme begibt. Hier hält der Herr Pastor oder der Kantor eine kurze Ansprache; es werden einige patriotische Lieder gesungen, worauf die Kinder unter Anleitung der Lehrer spielen (Flottenschießen etc.) auch wohl an dem Tanze teilnehmen. In der Regel ist zu diesem Feste von der Gemeinde für die Schulkinder zur Anschaffung von Geschenken eine Geldsumme von ca. 30 Mk bewilligt worden.“

Heldentum und militärischer Übereifer finden ihren Niederschlag in der Zeremoniegestaltung zum Sedantag, der an die Einnahme der französischen Stadt durch die deutschen Truppen und an die Gefangennahme des Kaisers Napoleon III. am 2. September 1870 erinnerte und ebenfalls mit großem Pomp jährlich begangen wurde, wie nicht zuletzt der Auszug aus der Chronik bewies. Ähnlich begangen wurde in den ersten Jahren des Deutschen Reiches noch der Tag der Reichgründung, der 18. Januar. Später verlor sich seine Bedeutung im schulischen Alltag. Auch wenn an diesem Tag allen Ortens fleißig gefeiert wurde, erlangte er jedoch nie den Charakter eines staatlichen Feiertages.

Dabei waren in der Lehrerschaft sowie unter den Erzieherinnen die progressiven und Wegweisenden Arbeiten eines Rousseau, Pestalozzi oder Fröbel nicht vergessen, wie gerade die Fröbelbewegung Ausgangs des 19. Jahrhunderts bewies und keineswegs hatten die Arbeiten von Diesterweg oder Herbart an Bedeutung verloren und der Herbartianismus entwickelte sich in seiner Auswirkung auf die Volksschullehrerausbildung – mit dem mannigfachen Studium seiner Schriften zur Unterrichtslehre sowie zum Studium der psychischen Individualität des Schülers, die Herbart auch zum Begründer der pädagogischen Psychologie werden ließ – zu einem wirkungsvollen pädagogischen Instrument. Andererseits bekämpfte die preußische Administration solche Bestrebungen energisch und ebenfalls erfolgreich.

Nicht zuletzt beweist das wiederum der „Lectionsplan“ für das Sommerhalbjahr 1894 einer mitteldeutschen dörflichen Volksschule (entnommen aus unserer bereits zitierten Chronik, gekürzt, S. 102 f.), in dem eine Orientierung auf einen modernen naturwissenschaftlich fundierten Unterricht nicht erkennbar wird. So entspricht dieser Plan den 1854 erlassenen Stiehlschen Reformen (Regulativ 1854, zit. nach Günther u.a. 1962, S. 351; Stiehl 1854), die Untertanengeist und ein preußisch-religiöses Weltbild anstrebten.

Stunden

Montag

Dienstag

Mittwoch

7 – 8

Katechismus

Biblische Geschichte

Bibellesen

8 – 9

Lesen und grammatische Übungen

Rechnen

Rechnen

9 – 10

Geographie

Lesen und Aufschreiben

Lesen und Aufsatz, orthographische Übung

10 – 11

Turnen

Vaterländische Geschichte

Naturgeschichte

 

Stunden

Donnerstag

Freitag

Sonnabend

7 – 8

Katechismus

Biblische Geschichte

Perikopen und Kirchenlied

8 – 9

Lesen und Rechnen

Rechnen

Grammatische Übungen

9 – 10

Geographie

Lesen und Aufschreiben

Schreiben im Buche (Aufsatz) mit besonderer Berücksichtigung der Orthographie

10 – 11

Turnen

Vaterländische Geschichte

Singen

Abb. 3: „Lectionsplan“ für das Sommerhalbjahr 1894, Quelle: Regulativ 1854, zit. nach Günther u.a. 1962, S. 351; Stiehl 1854.

So führten die Stiehlschen Reformen zu einer äußerst elementaren Bildung, die weit hinter den Forderungen ihrer Zeit zurückblieben. Liebknecht stellte hierzu fest: „Nicht das Denkvermögen der Kinder wird geweckt und geschärft, nicht die Kenntnisse der Natur und ihre Gesetze ihnen eingeflößt, das Wesen des Menschen und der Gang der menschlichen Entwicklung ihnen nicht klargemacht, nicht das Selbständigkeitsgefühl gepflegt: Das Gegenteil von alledem“ (Liebknecht, W. 1873, S. 21).

Nun entfaltete der Militarismus in Form eines mörderischen Chauvinismus sein eigentliches Potential und Gedichte wie

Laß klingen, was nur klingen kann,

Die Trommeln und die Flöten!

Wir wollen heute Mann für Mann

Mit Blut das Eisen röten,

Mit Henkerblut, Franzosenblut, -

O süßer Tag der Rache!

Das klingt allen Deutschen gut,

Das ist die große Sache! … (Arndt: Vaterlandslied, 1813; zit. Rühle 1903)

eroberten die Volksschule und verfehlten nicht ihr erzieherisches Ziel, obwohl Arndts Strophen während des Einsatzes der Befreiungskriege und unter patriotischen Gesichtspunkten entstanden war. Ebenfalls gegen die französische Besetzung gerichtet waren Lieder Arndts wie „Was ist des deutschen Vaterland?“ oder „Der Gott, der Eisen wachsen ließ“. Einhundert Jahre nach der Entstehung dieser Lieder wurde der für seine Franzosenfeindlichkeit bekannte deutsche Dichter häufig und gern zitiert und letztlich doch in seinem Anliegen missbraucht.

3. Pädagogische Strömungen

Vielfach sind in den Lehrbüchern zur Geschichte der Pädagogik die Wurzeln und Quellen der als Reformpädagogik bezeichneten und mit ihren vielfältigen und aus unterschiedlichen Zielstellungen heraus entstandenen pädagogische Strömungen beschrieben worden (Günther u.a. 1962; Barow-Bernstorff 1986; Seel, Hanke 2015) sowie ihre gesellschaftlich-historische Beding- und Vernetztheit beleuchtet worden.

Die Pädagogik von Pestalozzi oder Fröbel, ebenfalls die philanthropischen Überlegungen Campes, Basedows und in seiner Fortsetzung Salzmanns in Schnepfenthal waren in ihren präreformistischen Bestrebungen der philosophischen Aufklärung des 19. Jahrhunderts verpflichtet, aus der die spätere Reformpädagogik schöpfen konnte. Fröbels Ansichten zur eigenständigen Bearbeitung eines Fleckchens Schulgarten durch die Zöglinge und deren wirtschaftlichen Nutzung stellen ebenfalls ausgewählte Höhepunkte seiner Pädagogik dar wie auch die Einfügung des Kasualtages in das erzieherische Gesamtgefüge bei Salzmann, den er aus seiner Vorzeit am Philanthropin in Dessau übernommen hatte. Die Robinsonaden Campes und zahlreicher nach ihm publizierenden Schreiber, dann oft trivialer Couleur, begeisterten nicht nur Tausende der Heranwachsenden, sondern zogen ebenfalls deren Familien in ihren Bann und hinterließen ein umfangreiches, bei den Trivialisten sogar ein zwielichtiges literarisches Echo (Göhring 1904, S. 49 ff.). Auch Salzmann, der in seinen literarischen Schriften wohl Rochow näher stand als Basedow, erreichte durch seine Bücher zahlreiche junge Menschen und förderte sie so in ihrer Orientierungsphase auf das Leben nachhaltig (z.B. die Unterhaltungen für Kinder und Kinderfreunde, 1778, 1787). 

Nachfolgend traten zahlreiche dem humanistischen Menschenbild verpflichtete Pädagogen in Erscheinung und verbreitete ihre Gedanken an den Universitäten und Lehrerbildungsanstalten, auf denen die moderne Reformpädagogik aufbaute (Karl Stoy, lehrte in Jena; Tuiskon Ziller lehrte in Leipzig; Wilhelm Rein, Schüler Stoys und Ziller, lehrte in Jena; Theodor Waitz; Friedrich Wilhelm Dörpfeld; Otto Frick; Otto Willmann; Ludwig Strümpell; Friedrich Dittes, Seminarleiter in Gotha und Wien; Eduard Sack, wandten sich gegen die Prügelpädagogik; Diesterweg, s.o.).

Wenn trotzdem zum Ausgang des 19. Jahrhunderts zahlreiche Vorschulpädagoginnen Friedrich Fröbel bei ihren militaristisch getönten Erziehungsabsichten als Autoritätsperson vorschoben, so orientierten sie sich fälschlicherweise an seinem Auftreten als Offizier (Sekonde Lieutenant) bei den Lützower Jägern in den Freiheitskriegen bzw. an seinen Äußerungen zur französischen Besetzung und vereinnahmten seine patriotische Gesinnung für die preußische Hysterie, Militarisierung und Kriegstaumelei (Back 1914, mit Einschränkungen: Back 1913, Prüfer 1913). Und der namhafte Fröbelpädagoge Rudolf Eucken schreckt sogar vor einer Verfälschung Fröbelscher Aussagen nicht zurück, wenn er diesen mit der aus dem Zusammenhang gerissenen Aussage zitiert, dass Ziel und Zweck seiner Kindergärten erst „in der Deutschheit vollendeter Menschheit“ zu verstehen sei (1915, S. 67).

Mit Prüfer kann abschließend das eigentliche politische Desinteresse Fröbels zusammengefasst werden: „Fröbel hat nie einer politischen Partei angehört. Er hat sich nie politisch betätigt. All sein Sinnen und Trachten war nur der Erziehung und ihrer Verbesserung gewidmet (1920, S. 114, vgl. auch die problematische Verkürzung der Fröbelschen Überzeugungen zur Erziehung durch Rönsch, 1933; zit. nach Heiland 2002, S. 26).

4. Hochrüstung und Kriegserziehung

4.1 Botmäßigkeit und Kaisertreue

Unterwürfigkeit, Gehorsam, militärisches Prozedere und Deutschtum gerieten gerade nach den erfolgreichen Kriegen Preußens und der Gründung des deutschen Kaiserreiches, später durch den Amtsantritt des zweiten Kaisers Wilhelm 1888 (s.o.), in eine zentrale Position, die von den öffentlichen Vertretern unterstützt und gefördert wurden. Sogar vor Schule und Kindergarten machte man, selbst vor dem damit verbundenen Missbrauch der kindlichen Persönlichkeit und der Eingrenzung ihrer freien Entfaltung, keinen Halt. Schon kleine Kinder trugen als Festtagskleidung Matrosenanzüge, lernten die Biografie des Kaisers auswendig, gratulierten ihm zum Geburtstag, führten Ständchen auf und beteiligten sich an den öffentlichen Hofierungen der alten Militärs zum Sedantag oder zu anderen Gelegenheiten, übten Lieder und Gedichte ein und spielten mit Waffen.     

Für wohltätige Zwecke wurden Kinder in Uniformen gezwängt, trugen Stahlhelme, Pickelhauben oder Tschakos und wurden in militärischer Pose bzw. in agitatorisch-propagandistischer Zielstellung fotografiert, ihre Fotos verbreitet (vgl. Abb. 1-6). Europäische Nachbarländer wie Frankreich, Österreich-Ungarn, Russland oder England verfuhren ebenso und die Herrschergeschlechter übertrafen sich in der militaristischen Darstellung (Uniformen, Waffen) ihrer Kinderschar.

Nachfolgend bringen wir zwei typische Beispiele der Kaiserverehrung dieser Zeit, die jedoch noch nicht von preußisch-deutscher und Kriegslüsternheit durchdrungen sind. 

Kaiserlied

Melodie nach: Üb immer Treu und Redlichkeit

Hurra, heut` ist ein froher Tag,

des Kaisers Wiegenfest!

Wir freuen uns und wünschen ihm

Von Gott das allerbest!

Wir singen froh und rufen laut

Der Kaiser lebe hoch

Der liebe Gott erhalte ihn

recht viele Jahre noch!

Der Text dieser Strophen ist wahrscheinlich von Ernst Lausch (1836-1888) geschrieben worden. Lausch stammt aus dem mitteldeutschen Raum und hatte in Weißenfels das Lehrerseminar besucht. Später arbeitete er in Zeitz und Wittenberg als Lehrer. In seiner Freizeit schöpfte er aus seinem kreativ-poetischem Potential und schrieb Liedtexte und kleine Stücke. Diese Kaiserhuldigung wurde rasch bekannt und in mehreren Zeitungen und Periodika nachgedruckt, sogar für die Schüler der zweiten Klassen als Pflichttext in den Lehrplan aufgenommen.    

Anna Boehm, Erzieherin und schriftstellerisch aktiv, hatte den Text für das „Kaisergedicht“ verfasst (Kindergarten 1911, S. 27), auch stammen „Kaiserlied“, „Kaisers Geburtstag“ (ebd.) oder „Der kleine Kriegsheld“ (ebd. 1914, S. 285) aus ihrer Feder (Wortlaut siehe Anhang). Letzterer Text ordnet sich jedoch bereits der Kriegserziehung (4.2.) unter. Boehm schrieb auch kürzere Kindergeschichten. In dem einer fiktiven Handlung zugrunde liegendem Text „Unser Kaiser“ wird der gütige Kaiser selbst in das Handlungsgeschehen einbezogen (ebd. 1911, S. 24-26). Er besucht das brave Mädchen, das voller Glücksgefühl ganz dicht zu ihm herangeht, »machte einen schönen Knicks und sagte ganz laut“ die bekannten Kinderzeilen: 

«„Was soll ich dir sagen, was soll ich dir geben?

Ich habe ein so kleines, so junges Leben!

Ich habe ein Herzchen, das denkt und spricht:

»Ich habe dich lieb!« Mehr weiß ich nicht!“

Und sie gab dem Kaiser den Blumenstrauß. … „Wie heißt du?“ fragte er« usw. (S. 25).

Der Rest der Handlung ist für uns ohne Belang, jedoch macht er deutlich, wie das emotiv geprägte naive Gemüt des Kindes mit künstlerisch relativ anspruchslosen Mitteln für staatsbürgerliche Zwecke ausgenutzt wurde. Analoge Aussagen treffen auf Helmenstreit/Breuer (1911) zu, die sich mit deutschen Heldenmädchen befassen, oder auf Muschka/Roller (1906), die sich Kreis- und Marschierliedern, beide Genres treu vereint, widmen und pädagogische Empfehlungen verabreichen. Das Gleiche gilt für Wiedenfeld (1911). Die seriöse und über alle Zweifel militaristischer Vereinnahmung erhabene Zeitschrift Kindergarten des Deutschen Fröbel-Verbandes hält sich anfangs mit militaristischen Inhalten zurück, sperrt sich aber später ihnen gegenüber nicht, da auch gerade führende Verbandsmitglieder selbst in diesem Sinn publizistisch wirksam werden. Als Beispiel mag Martha Back dienen (1913, 1914), die seit 1907 selbst als Verbandsvorsitzende fungierte und in dieser Funktion bis 1918 verblieb. Doch, will man ihrer Persönlichkeit gerecht werden, darf man nicht vergessen, dass sie sich in späteren Jahren zurücknahm (1918) und eine herausragende sozialpädagogische Arbeit geleistet hat. Wir vermerkten an einer anderen Stelle bereits: „Gerade in der Nachkriegszeit widmete sie sich der Erziehung von Kindern aus ärmsten sozialen Schichten und regte die Gründung von Volkskindergärten an“ (Gebser 2012, S. 131). 

Mit dem Abgleiten von Lehrinhalten in den Grundschulen des Reiches in immer seichtere und wissenschaftlich fragwürdigere Zusammenhänge hat sich Otto Rühle eingehend beschäftigt. Zunächst aus anarchistischem Gesichtspunkt argumentierend, später sozialdemokratisch und zunehmend individualpsychologisch wirkend, legte er eine viel beachtete Analyse des Grundschulwesens vor und forderte energisch Abhilfe (1903). Danach entwickelte er gedankliche Vorstellungen für eine Veränderung der fatalen Situation (ebenfalls 1903). Eine tiefe Beziehung verband ihn mit der Adlerianerin Rühle-Gerstel. Nach ihrer gemeinsamen und über Um- und Irrwege führende Emigration nach Mexiko beendete sie, der beispiellosen Tragik ihrer Beziehung Ausdruck gebend, noch am Todestag ihres Ehemannes ihr eigenes Leben durch einen Sprung aus einem Fenster in großer Höhe. Otto Rühles Grundschulanalyse blieb indes unvergessen. Ein unerwarteter Herzinfarkt hatte zu seinem Tod geführt; – die schon seit Jahren verzweifelte Ehefrau hatte ihr Ende bereits mehrfach mental und künstlerisch antizipiert und jetzt herbeigeführt.

4.2 Erziehung und Krieg

Ab 1900 forcierten alle Großmächte Europas ihre militärische Rüstung und mit der Entente cordiale von 1907 zwischen England, Frankreich und Russland folgte die Bündnisschaft zwischen Deutschland und Österreich-Ungarn, nachdem der Dreikaiserbund von 1881 (Russland, Österreich-Ungarn, Deutschland) nach wenigen Jahren seine Gültigkeit verloren hatte. So kam zur volkstümelnden Kaiserverehrung im deutschen Bildungswesen die Einbeziehung der Schulen und Kindergärten in die unmittelbare ideologische Kriegsvorbereitung hinzu. Mit dem Ausbruch des Krieges hatten sich Lehrer, Erzieher, Kinder und Eltern der allgemeinen Euphorie zu stellen und übertrafen sich in ihren Aktivitäten und Angeboten gegenseitig. Bald trat mit dem für die deutschen Truppen desolaten Kriegsverlauf Ernüchterung ein und die Motivierung durch die Pädagogen passte sich dem Geschehen an.

Zahlreiche Lieder und Gedichte (s.o.) sangen bzw. lernten die Kinder und eine Fülle von Theaterstücken, oft für Kinder und Jugendliche geschrieben, flossen aus der Feder von schriftbegabten Lehrern (Bethge, Gebser, Renck), Schriftstellern oder von schreibenden Erzieherinnen (Leichnitz 1914, Schütte 1914) und ergossen sich in ihrer Trivialität über die Bevölkerung. In den einschlägigen pädagogischen Zeitschriften für Erzieherinnen (einschränkend seien Kindergarten, Der Kinderhort und Die christliche Kleinkinderpflege genannt) veröffentlichte man zahlreiche Angebote und Ratschläge für die Arbeit mit den Kindern (vgl. Literatur und Quellen).   

Um die kindliche Neugier für militaristische Anliegen zweckzuentfremden, gab es eine beträchtliche Zahl an Bilder- und Sachbüchern militärischen Inhalts. Die bereits mehrfach zitierte Zeitschrift Kindergarten hat einige davon rezensiert und hielt bei all´ zu primitiver Machart auch nicht hinter dem Berg zurück. Zwei Beispiele sollen das belegen, wobei wir uns nicht der Mühe unterzogen, die originale Trivialliteratur einzusehen:

„Das eine, ‚Soldaten-Bilderbuch‛ (Preis 1,80 M.) enthält 16 Bildtafeln der wichtigsten Waffengattungen der deutsch, österreichisch-ungarischen und anderer Armeen; es wird seinen Weg gehen, da es den augenblicklichen Interessen unserer Knaben entgegenkommt, auch wenn es in künstlerischer Hinsicht nicht befriedigt. Das Kriegsbilderbuch ‚Unsre Feinde‛ (Preis 1,20 M.) ist als verfehlt zu bezeichnen; man sollte sich hüten, in unserer ernsten Zeit an die Kinder in so karikierender und höhnenden Form heranzutreten“ (1914, S. 329). Weitere Titel dieses Genres findet der immer noch Suchende in der Sammlung der Universität Frankfurt (vgl. Literatur und Quellen).

Vgl. Pappenheim 1915, S. 126 f. (Ausschnitt, Rechtschr. Original – KG)

Motto: Das Kind als Glied der Menschheit muß als Glied eines größeren Gesamtlebens nicht nur erkannt und behandelt werden, sondern sich selbst als solches erkennen und betätigen. Fr. Fröbel

Was unsere Kinder erleben und hören

Erzählungen

Lieder, Gedichte, Spiele

Beschäftigungen und Arbeiten

Erziehliche Werte

Der Vater zieht ins Feld; die Mutter ist traurig

Wie der Vater Abschied nahm.

Von Deutschland

Patriotische und Heimatlieder. Kriegsgebete. Freie Gebete der Kinder

Verzieren der Feldpostkarten mit Eichenblättern

Blumen, Fahnen (Ausschneiden und Zeichnen)

Erweiterung des Gefühllebens und des Interessenkreises; Ablenkung vom eigenen Ich auf das große Ganze. Anbahnung des Verständnisses für die Begriffe: Vater – Land und Vaterlandsliebe […] Hochschätzung deutschen Wesens ohne Überhebung, ohne Haß […] u.a.m.,

Erweckung von Tapferkeit,

Pflichtgefühl,

Sorgen für andere

Soldaten ziehen, mit Blumen und Zweigen geschmückt, aus

Jeder Soldat verlässt einen Familienkreis

Soldaten- und Mar- schierspiele

Anfertigung von Soldatenaus-rüstung: Helm, Säbel, Mütze u.a.m. durch Falten und Kleben und von Aufstell-Soldaten (aus Holz und Papier) […]

Abb. 4: Bilder- und Sachbüchern militärischen Inhalts. 

In der Zeitschrift Kindergarten veröffentlichte Gertrud Pappenheim 1915 diese erzieherische Planung (hier ist nur der Anfang dieses Materials angegeben). Über viele Jahre hinweg, von 1902-1924, fungierte die bekannte Fröbelpädagogin Pappenheim als Schriftleiterin dieses Organs. Schon ihr Vater Eugen Pappenheim machte sich als Pädagoge und Vorsitzender des Fröbel-Verbandes (1893 bis 1901) einen guten Namen und Gertrud selbst zählte zu den bekanntesten Publizistinnen im Vorschulbereich, die bis zu ihrem Tode 1964 wertvolle erzieherische Schriften herausgab. Hier nun stellt sie sich den seiner Zeit aktuellen kriegspolitischen pädagogischen Aufgaben und legt eine didaktisch klug durchdachte und letztlich doch erzieherisch zweifelhafte Planung zur empfohlenen Nachnutzung durch die Kindergärtnerinnen vor.

Einerseits sollen Kinder mit dem Soldatenleben im Krieg vertraut gemacht werden (Soldaten verlassen ihre Familien, nehmen Not und Entbehrungen auf sich) und die Kinder fertigen aus Papier oder Pappe zahlreiche Applikationen und üben (s.o.) Marschierlieder (vgl. z.B. Muschka, Roller 1906) oder gestalten Schützengräben aus Sand. Andererseits sitzt Pappenheim der Kriegspropaganda auf und empfiehlt selbst Angebote militaristisch-erzieherischen Charakters (so das Bekanntmachen mit den Personen Wilhelm II. oder gar des Generalfeldmarschalls v. Hindenburg, des obersten deutschen Heerführers an der Ostfront). Zuzustimmen ist ihr, wenn sie formuliert, dass der Kindergarten  keine Insel in der vom Krieg erregten Gegenwart bilde (ebd. 1915, S. 125). Akribisch und geschickt formuliert Pappenheim pädagogische Ziele wie Pünktlichkeit, Tapferkeit, Gehorsam, Dankbarkeit und die Kinder sollen das deutsche Wesen schätzen, wenn auch ohne Hass, wie sie hinzufügt. Somit formuliert sie kindliche Charakterzüge, die jeder Mensch zur Gestaltung seines Lebens sicher irgendwie unter den Bedingungen im Kaiserreich benötigte, – Fähigkeiten, die sogar Humanität, Patriotismus und Gemeinschaftsfähigkeit verkörperten, die aber andererseits direkt militärischer, ja militaristischer Zielstellung entsprachen.

Doch damit sind Pappenheims Überlegungen noch nicht vollständig beschrieben: Und wenn wir es sonst für wert halten, die Kinder durch Gewöhnung allmählich zum Verständnis kleiner Tugenden wie Sauberkeit, Ordnung, Verträglichkeit, zu führen, wie viel mehr wollen wir jetzt in ihnen ein Verständnis anbahnen für den großen Menschenerzieher „Krieg“? – Kinder sind Realisten und so „liegt“ es ihnen ganz, sich der Gegenwart hinzugeben (ebd., S. 128). Dem müssen wir nichts hinzufügen und vermerken nur noch, dass sich neben Pappenheim zahlreiche weitere Autorinnen und Autoren ähnlich verhielten: Sie passten sich den politisch verursachten Gegebenheiten an und erlagen andererseits, zumindest partiell, ihrer Gefahr (Back 1914, Coppius 1915, Elschnig 1915, Grunau 1915, Hiller 1915, Leichnitz 1914, Ulland 1915, Wenzel 1915, vgl. auch die angegebenen Literatur- und Quellenverweise). 

Einen anderen Weg schlug Nelly Wolffheim, ebenfalls einer größeren Leserschar bekannt, ein. Sie leitete während des Krieges einen privaten Kindergarten und war sich des Privilegs ihrer Kinder bzgl. der Kriegsereignisse durchaus bewusst, wenn sie den Kindergarten als eine behütete und umsorgte Insel, fernab der Kriegsereignisse, beschreibt: „Mir scheint, dass der Krieg den Kindern dieser Altersstufe so wesensfremd ist, ihrem Verständnis so weltentfernt, dass, wenn man nicht künstlich konstruieren will, ganz andere Dinge den Denkinhalt und das Beschäftigungsfeld der Kindergartenstunden bilden müssen. Mag sein, dass es im Volkskindergarten anders ist, als bei meinen Zöglingen aus begüterten Kreisen; bei der ärmeren Bevölkerung greift der Krieg weit mehr in die materiellen Verhältnisse ein …“ (1915, S. 108). Und weiter: „Es muss vermieden werden, dass schon diese jungen Kinder all` zu sehr in den Kriegszustand hineingezogen werden“ (ebd., S. 110).

Erzieherische Beispiele, wie durch die folgenden Kinderzitate belegt, weist sie als nicht akzeptabel zurück: „Wenn ich erst groß bin, werde ich Flieger und dann werfe ich Bomben herab, damit alles verbrennt“, oder „Wenn ich einen Russen sehe, schieße ich ihn gleich tot“ (ebd., S. 108). Und sie fasst ihre Meinung mit den Worten zusammen: „Lassen wir sie [die Kinder – KG] kindliche Interessen pflegen und stille, freudige Arbeit tun, die dem Gedankenkreis der Kinder entspricht“ (ebd., S. 110). Ob diese pazifistische Grundhaltung ihren Kindern tatsächlich eine wertvolle Hilfe war, ist wohl zweifelhaft, –  auch nicht, wenn sie weltfremd von ihrer Einrichtung schwärmt: „Es ist wie auf einer Insel! Fernab von aller Kriegssorge führen wir ein harmonisch-friedliches Dasein, beschäftigen uns in altgewohnter fröhlicher Kindergartenweise, und wer zu uns in das Zimmer kommt, kann glauben, wir wüssten nichts von den harten Kämpfen da draußen“ (ebd., S. 107). 

Abschließen wollen wir noch die Diakonissin Anna Borchers zitieren, die – wir unterstellen ihr einmal – ehrlich-naiven Herzens den Krieg realistisch als erzieherischen Faktor erkennt: „Als Erzieher zeigt sich der Krieg aber nicht nur am äußeren Menschen, seine tiefsten Wirkungen gehen auf das inwendige Leben: er führt das Herz vieler tausend Menschen wieder zu Gott und treibt so die höchste Erziehungsarbeit an unserem Volke. Wenn es immer unser höchstes Streben war, die uns anvertrauten Kinder wahrhaft religiös zu erziehen, sie in eine bewusste Beziehung zu Gott und dem Heiland zu führen, so haben wir jetzt an dem Krieg einen mächtigen Bundesgenossen [sic! – KG]“ (Borchers 1915, S. 2).

Theaterstücke und kleine Einakter standen in größerer Zahl zur Verfügung (s.o.), von den Autoren sollen hier stellvertretend zwei genannt werden. Zum einen tat sich Ernst Heinrich Bethge hervor. Er, Lehrer und Schulrat in Naumburg, schrieb zwischen 1911 und 1919 allein 90 Stücke, in denen Heldentum und Kaisertreue naiv, kitschig und schwülstig über die Zuschauer hereinbrachen. „Wir waren auch dabei“ (1916) kann als Beispiel für diese Art Volkstheater genannt werden. Wir führen noch ein Gedicht aus seinem Vortragsbuch an, das den Kriegszwecken und dem Sieg gewidmet war. Er überschrieb seine Reimerei mit Ihr Russen, Ihr Franzosen.

Es lautet ausschnittsweise:

Ihr Russen, ihr Franzosen, zieht nicht in den Krieg; /

den Deutschen nie raubet Ihr Ehr und Sieg./

Und stürmt ihr von Osten und Westen mit rie- /

sigen Gewalten, wir fürchten uns nie.
….
O England, ach England, wir kennen dein Spiel! /

Wir waren geduldig, jetzt sind wir am Ziel. /

Jetzt sollst du erfahren, du elendes Krä- /

merpack, wie`s tut, wenn wir erst in der Näh (www.naumburg-geschichte.de)

Später distanzierte sich der in die SPD eingetretene Pädagoge von seinen damaligen Schriften, machte sich sozialpädagogisch verdient und erwarb sich als linker Schulpolitiker regional einen Namen. Von den Nazis verhaftet, verstarb er 1944 im Konzentrationslager Sachsenhausen.

Karl Gebser stammte aus Bennungen in der Goldenen Aue und kam dort am 18.06.1856 auf die Welt. Er wurde Lehrer in Leipzig und entdeckte bald seine schriftstellerische Begabung. Häufig sind seinerzeit die von ihm verfassten Gedichte und Stücke bei kaiserlich-national getönten Veranstaltung aufgeführt worden. Sein Stück Kriegsweihnachten (1917) ist bis heute erhalten geblieben. Ebenfalls kitschig kaisertreu erzählt er von fleißigen Zwergen, tapferen Soldaten und von liebevollen, sich sorgenden Eltern. Sein Inhalt lässt sich wie folgt in aller Kürze wiedergeben:

Handlungszeit: spielt etwa 1915

Darsteller: für Kinder geeignet

Hauptdarsteller: Zwerge der Mittelmächte Michel, Sepp, Tüsk, Bulgo

Eine Bergmannsfamilie mit vier Kindern, davon sind Max und Ernst Soldaten

Zwerge suchen im Berg nach Metallen, die die Kriegswirtschaft benötigt. Sie finden eine Kupfermine, auf die sie die Bergleute in deren kryptisch-okkulten Art hinweisen.

„Ungeheuer der Verbrauch,

Ist im Krieg das Kupfer auch“ (S. 5).

(Verweis auch auf Blei, Zinn usw. als Kriegsrohstoff)

„Dass kein Mangel je tritt ein, /

Brüder, lasst uns fleißig sein“ (S. 6).

Das Erz finden dann auch wie beabsichtigt und dank der Zwergenmüh Bergmann Schwarz und sein Sohn Fritz.

Darstellung der wirtschaftlichen Not der Menschen, Verweise auf die Schwierigkeiten durch den Krieg, die durch national-patriotisches Verhalten jedoch gern ertragen werden.

Die Söhne Max und Ernst kündigen sich per Telegramm zum Weihnachtsbesuch an. Nun ist die Familie überaus glücklich. Nachdem beide Söhne eingetroffen sind, feiern sie vereint in der Familie Kriegsweihnachten. Soweit zu dem Bühnenwerk.

Bei Elly Leichtnitz (1914) spielen die Zwerge Postboten, die säckeweise Weihnachtsgeschenke überbringen und gewissermaßen die Rolle des Weihnachtsmannes eingenommen haben. Dieser kurze Einakter endet mit dem banalen, doch euphorischen Vierzeiler (ebd. nach A. W.):

„Gott schütz die Lieben nah und fern.

Wir kämpfen für euch froh und gern,

Es kehre Sieg und Frieden ein,

Dann woll`n wir wieder glücklich sein.“

Es war von 100 Jahren durchaus üblich, Kinder in den Posen von Erwachsenen fotografieren zu lassen. So sind Kinder in Matrosenuniform oder in der Festtagskleidung von Frauen und Männern keine Seltenheit. Im militaristischen Europa posierten Kinder vor der Kamera in Soldatenuniformen, trugen Tschakos oder Helme oder auf Bildpostkarten wies man ihnen Äußerungen im Rahmen der politischen Propaganda zu, die weit ab von allen kindlichen Gefühlen angesiedelt waren (s. schon oben).

Eine Postkarte zeigt ein lächelndes Kleinstkind mit Soldatenmütze, wobei ihm die Aussage zugesprochen wird: „Lieber Vater, kommst du nicht bald zu mir, komme ich zu dir“ (www.akpool.de/kategorien/33621 ... Nr. 1.293.114). Oder ein abgebildeter Junge in Uniform formulierte auf dem Foto in vorzüglicher Sütterlinschrift: „Lieber Vati. Ach, wenn ich doch statt des Briefes zu dir reisen könnte, ich würde dir ja alles viel besser erzählen“ (ebd., Nr. 1.060.985). Schließlich noch ein letztes Beispiel: Besonders fröhlich schaut ein kleinerer Junge in die Kamera. Man hatte ihn in eine prachtvolle Offiziersuniform gesteckt und Parade-Ulanenhelm, Orden und Kordel stellen weitere Schmuckelemente dar (Abb. 5).

Abb. 5 Postkarte Porträt von einem Jungen in Uniform

Abb. 5: Postkarte Porträt von einem Jungen in Uniform (Orden, Ulanenhelm, www.akpool.de).

Abb. 6 Postkarte Kind in Uniform und Paradepose

Abb. 6: Postkarte Kind in Uniform und Paradepose (AK Kriegerwaisen, www.akpool.de).

Eine aus heutiger Sicht ethisch durchaus ambivalente Verfahrensweise verkörperte die Abbildungen von Kindern in Uniform im Rahmen des sozialen Hilfswerkes „Denk an unsere Krieger-Waisen!“, das vom Deutschen Verein für Kinder-Asyle e.V. getragen wurde. Hiervon existieren zahlreiche Beispiele, drei davon haben wir abgebildet (Abbildungen 1, 2, 6). Von dem Verkaufserlös von 10 Reichspfennig kamen dem Hilfswerk 3 Pfennig zugute. Leider ist uns nicht bekannt, welche Summe insgesamt auf diese Weise gespendet worden ist. Als Schirmherrin und Ehrenvorsitzende dieser Aktion fungierte die Ehefrau des Staatsministers für Landwirtschaft, Domänen und Forsten Clemens August von Schorlemer, Maria Helena Henrietta Brigitta Freifrau von Schorlemer, geb. Puricelli. Von dieser Feldpostkartenserie sind 198 verschiedene Motive bekannt. „Kinder-Asyle“ verwendete die eingebrachten finanziellen Mittel für die Errichtung von Unterkünften (Asyle) bzw. für die Betreuung der vaterlosen Kinder.

Keine Thematik wurde auf den Karten ausgespart: Liebesschmerz, Familienidylle, Sehnsucht nach zu Hause, Flirts, Verdammung des Feindes, Hass, Ironie u. dgl. mehr, – stets wurden Kinder in Uniformen, teils noch im Babyalter, meist mit einem Gewehr ausgerüstet, zur Motivdarstellung verwendet (ebd.). Aus gegenwärtiger Sicht ist eine solche Verfahrensweise – letztlich eine Exploitation kindlichen Wesens – wohl unbegreiflich und auch nicht verantwortbar. Versehen wurden diese Karten zusätzlich mit dem insistierenden textlichen Zusatz auf der Rückseite: „Sagt nicht, wir haben schon gegeben. Unsere Soldaten sagen auch nicht: Wir haben schon gekämpft!“

Nun die Beispiele: Noch 1916, nachdem der Krieg längst ins Stocken geraten war und niemand mehr als Soldat jubelnd zur Front ziehen wollte, ist die Karte mit der Aufschrift „Muß i denn, muß i denn zum Städt` le hinaus“ postalisch verwendet worden (Abb. 4). Recht makaber erscheint uns heute das Beispiel mit der Ablichtung eines Jungen, ausgerüstet mit Uniformmütze und -mantel, sowie mit der Inschrift versehen: „Wir haben alle nur einen Willen: Siegen oder sterben!“ Dieser Text ist vom katholischen Deutschen Verein für Kinder-Asyle ausgewählt worden, wobei die Karte ebenfalls 1916 Verwendung fand.

Oben ist eine Karte mit einem Knaben in Uniform abgebildet (Abb. 1), der in demütiger und devoter Pose zu Gott betet und dabei, wie seinerzeit bei den im Heer dienenden Soldaten üblich, den Stahlhelm abgenommen in seinen Händen hält: „Helm ab“ – zum Gebet« – ist das Bild betitelt. Dem betenden Kind ist zudem ein Gewehr mit aufgesetztem Bajonett beigegeben worden. Ebenfalls 1916 von der Post befördert und zugestellt schrieb der damals zehnjährige Walter Gebser auf der Rückseite   an seinen Vater an der Ostfront die Mitteilung: „Lieber Vater. Dir zur Nachricht, dass Du bald Urlaub bekommst, sonst weiß ich nichts mehr. Mit besten Gruß Dein Sohn Walter“. Daneben fügte er die Namen seiner beiden Brüder ein. Im Ersten Weltkrieg war die Deutsche Feldpost mit ihren 13.000 Mitarbeitern dem Berliner Reichspostamt unterstellt. Sie sorgte für eine meist sehr schnelle Übergabe der Postsachen an die Empfänger.

Schon zum Beginn des Weltkrieges erscheint die Ausnutzung von kindlichen Fotomotiven nicht unumstritten gewesen zu sein. Als Beispiel führen wir einen Beitrag aus der Zeitschrift „Die Christliche Kleinkinderpflege“ (ohne Angabe eines Verfassers, zit. in Kindergarten 1915, S. 146) an. Hier wird auf einen Erlass der Polizeidirektion München eingegangen und es heißt: „Es betrifft jene faxenhafte Ausstaffierung kleiner Kinder als Soldaten, die schon wiederholt auch bei uns Anstoß erregt hat. Es handelt sich nicht um Helme, Säbel, Gewehre, Bruststücke, die unsere Jungen zum Soldatenspielen unumgänglich [sic! - KG] brauchen, sondern um jene Nachäffung der Uniformen, oftmals bei ganz kleinen Kindern, die bis ins Einzelne geht und das Ehrenkleid unserer Feldgrauen zur Spielerei erniedrigt.“ Schließlich wird ein Ausschnitt dieses Erlasses zitiert, der mit der Unterstreichung des Verbotes endet: „Das Tragen des Eisernen Kreuzes und militärischer Rangabzeichen kann unter keinen Umständen geduldet werden“ (ebd.). 

Damit der Krieg heftig toben und die kaiserlichen Truppen auch wirklich siegreich sein würden, lernten Kinder sogar auf Geheiß der Erzieherinnen die übelsten chauvinistischen und Völker verachtenden Zeilen wie die nachfolgenden, sich hierbei auf kindliche Weise militärischen Posen hingebend. Nachfolgend die 3. Strophe eines Liedes:

Und so marschiert im Takte dann

Nach Rußland in den Krieg.

Da führt der Hindenburg euch an.

Hurra! Von Sieg zu Sieg! (zit. nach Coppius 1915, Beilage. Für die Kinder, S. 19)

Die renommierte Fröbelpädagogin Marie Coppius fügt als Zusatz noch an: „Bei Vers 3 wird richtig marschiert, d.h. 1, 2, 3, 4, bei den letzten zwei Zeilen im Laufschritt mit erhobenem Gewehr“ (ebd.). Und so marschierten und sangen die Kinder, ausgerüstet mit feldgrauen Mützen und im linken Arm ein Stöckchen an Stelle eines Gefechtsgewehres nach den beigefügten Noten. „Aus M. Muschka. 12. Soldatenlied“ heißt es dazu erläuternd (ebd.). Bei so viel Echtheit und militärischem Verständnis ist ein Kommentar des Verfassers nicht mehr notwendig. Die Kriegseuphorie schien keine Grenzen zu kennen und es erstaunt bei dieser protestantischen Kaisertreue wohl nur auf den ersten Blick, dass der Kriegsaufruf des Kaisers an das deutsche Volk von einem protestantischen Theologen, von Adolf von Harnack, entworfen wurde.

Durch das Fehlen der Männer in den Familien kam der Produktionsarbeit der Frauen und Mütter in den Städten eine besondere Bedeutung zu. Zahlreiche Frauen arbeiteten zudem in der Rüstungsindustrie. Gar nicht im Sinne Fröbels erlangten jetzt die Kindergärten eine Betreuungs- und Eltern ersetzende Funktion zugesprochen. Zahlreiche Kindergärten und Bewahranstalten entstanden deshalb in diesen Jahren. Auf den Dörfern ist dieser Trend nur vermindert anzutreffen gewesen.

Kinder wurden unter der Betreuung von Lehrerinnen, von Erzieherinnen und Müttern zu zahlreiche Tätigkeiten herangezogen, die einem spielerischen Charakter, wie Krieg zu spielen, zu marschieren, Uniformen zu gestalten usw. nicht mehr entsprachen. Laub und Heu war zu sammeln, Strohsäcke galt es zu stopfen, Frauenhaarsammlungen wurden organisiert oder Obstkernsammlungen halfen, um daraus Bitterstoffe oder Blausäure für das Reich zu extrahieren. Zumeist waren Schulkinder in die geschilderten Arbeiten einbezogen worden. Um den Andrang an den Besuch von Kindergärten zurückzudrängen, kam es zur Etablierung von Warteeinrichtungen (z.T. Warteschulen genannt) mit einem noch größeren provisorischen pädagogischen Charakter.

In unserer Chronik des bereits zitierten mitteldeutschen Dorfes (s.o.) lassen sich die Ereignisse durch die folgenden Aussagen aktualisieren. Der Chronist schrieb: „Die Schule ging in den ersten Kriegsjahren ihren gewohnten Weg“ (S. 154). Doch nun: „Über die Ernten haben wir vorn berichtet. Es fehlte natürlich sehr an Kräften, es mussten Greise, Frauen, Mädchen, Kinder oft Arbeiten tun, denen sie nicht gewachsen waren. Und gar manches weibliche Wesen hat sich eine Krankheit zugezogen durch schweres Heben (S. 155) … Am 16. Juli kamen 20 erholungsbedürftige Dresdener Kinder auf die Zeit von einem viertel Jahr zu uns und wurden von den verschiedenen wohlhabenden Familien aufgenommen. Auch wir hatten eins, obgleich es uns bezüglich der Lebensmittel auch nicht am besten ging (S. 152) … Die Kinder sammeln unter Aufsicht der Lehrer Laubheu als Futter für Pferde im Felde“ (S. 153). Soweit der Bericht des Chronisten über die Kriegsfolgen in seiner Gemeinde.

In dem Ort existierte, wie auch in den meisten Dörfern der Region, noch kein Kindergarten. Eltern und Schule übernahmen die durch den Krieg entstandenen zusätzlichen Mühen und Aufgaben in der Kinderbetreuung und schulterten diese entsprechend ihren Möglichkeiten.

5. Ausblick

Kaisertreues und um die Jahrhundertwende entstehendes nationalistisch-chauvinistisches Gebaren sowie seine Reflexion in allen schulischen und vorschulischen bzw. außerschulischen Bereichen blicken im monarchistischen Deutschland auf eine längere Zeit ihres Entstehens und Wirkens zurück. Gerade nach dem Machtantritt des noch jungen und nach einem persönlichen Regierungsstil suchenden Kaisers Willhelm II., der möglicherweise seine körperlichen Versehrtheit sublimierend nach Anerkennung und Bewunderung strebte, sowie durch die Zuspitzung zwischen dem politischem Establishment und breiter in Not und großem Elend lebenden Bevölkerungsteile, vor allem Bauern, Arbeiter und Handwerker, fanden Untertanengeist, Hörigkeit und Bewunderung der Mächtigen einen fruchtbaren Boden zu ihrer Entfaltung, führten jedoch auch zu ihrer erbitterten Gegnerschaft.

Der Krieg ging 1918 zu Ende und ein Neuanfang des Alltagslebens sowie der Aufbau demokratischer Grundmuster rückten verstärkt ins Visier. Mutig ist die Aussage der Verbandsvorsitzenden Martha Back (1918) zu nennen, die auf die schwierige Arbeit der Erzieherinnen und deren zu geringe Entlohnung hinweist und im Januar 1918, zu einer Zeit, als eine deutsche Niederlage noch nicht diskutiert werden durfte, im letzten Jahr ihres Vorsitzes zum Tarifgefüge schrieb: „Wenn auch hier der echte Mut und alle Kräfte eingesetzt werden, dürfte uns vielleicht schon das beginnende Jahr auf diesem so wichtigen Heimatsgebiet einen ehrlichen deutschen Sieg bringen“ (S. 3).

Nach der Beendigung des Krieges und mit Beginn der Weimarer Republik erklärte die neue Vorsitzende des Fröbelvereins Helene Klostermann in einem Leitartikel in der Zeitschrift Kindergarten (1919), auf die desolate wirtschaftliche Situation im Land verweisend, dass es gerade jetzt notwendig sei, sich auf die wahren Ziele Fröbels zu konzentrieren: „Der Kindergarten im Sinne seines Gründers pflege in dem jüngsten Nachwuchs des deutschen Volkes die Liebe zur Natur, zum heimischen Boden und seinen Erzeugnissen, damit künftige deutsche Staatsbürger fest in der Heimat eingewurzelt stehen mögen, aber er richte ihren Blick auch empor zu den ewigen Zielen der Menschheit, zu Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit der Menschen untereinander, zu Licht, Liebe, Leben der Seele, deren Reich nicht von dieser Welt ist“ (S. 3). Am Ende des Zeitschriftenjahrgangs kehrt man wieder zu  unmilitärischen Themen der Kindergartenarbeit zurück und diskutiert religiöse, sportliche und Gesundheitserziehung ebenso wie theoretische Fragen, z.B. inwiefern der Kindergarten als Teil der Schule zu verstehen sein kann (Droescher 1919) und dgl. mehr.

Den weiteren Verlauf der Erziehung in den Kindergärten, die man immer noch gern die deutschen nannte, das Aufkommen sozialreformerischer Erziehungsansichten, aber auch das erneute Erstarken militaristischer, nationalistischer oder faschistischer geprägter Erziehung zeigte die Geschichte.  

 

Anhang 1: Lieder, Gedichte, Zitate

Kaiserlied

Melodie nach: Was blasen die Trompeten

Text: Anna Boehm. In: Kindergarten, 1911, S. 27

Was flattern heut die Fahnen

So lustig her und hin,

Und warum ist uns allen

So fröhlich der Sinn?

Der Kaiser hat Geburtstag,

Drum freut sich gross und klein;

Auch wir im Kindergarten,

Wir stimmen lustig ein:

„Juchheirassassa! Geburtstag ist da!

Drum sind wir alle fröhlich

Und rufen Hurra!“

Kaisergedicht

Melodie nach: Heil dir im Siegerkranz

Text: Anna Boehm. In: Kindergarten, 1911, S. 27

Wenn alle reden, will ich nicht schweigen,

Ich weiss auch was, ich will`s euch zeigen:

Ich kenne den Kaiser und seine Frau

Und alle Prinzen ganz genau.

Und bete zu Gott in allen Namen,

„Beschütz` unsern lieben Kaiser!“ Amen.

Der kleine Kriegsheld

Melodie nach einer alten Weise

Text: Anna Boehm. In: Kindergarten, 1914, S. 285

Ich bin ein alter Kriegersmann und ziehe mit ins Feld.

Ich kämpfe auch schon wie ein Mann und werd` ein großer Held.

Wir exerzieren ja alle schon, ich bin der Korporal;

Und wenn der ganze Krieg vorbei, dann werd ich General.

Und wenn`s vom Krieg nach Hause geht, unser Gustav (etc.) kommandiert;

Ein jeder wie `ne Mauer steht, wenn`s heißt: “Jetzt präsentiert!“

Und kommt der Kaiser Wilhelm erst, dann bricht der Jubel los:

Der Kaiser lebe hoch, hoch, hoch! Ach, wär ich doch erst groß.

(Ohne Titel. Als Morgenlied)

Text: Elly Leichnitz. In: Kindergarten, 1914, S. 269

Wir bitten dich, du lieber Gott,

Befrei` uns aus der Kriegesnot;

Schütz` uns`re Väter und Soldaten

Und segne ihre Heldentaten.

Behüte du mit treuer Hand

Den Kaiser und das Vaterland. Amen

Zu Kaisers Geburtstag 1911

Text: V. Wiedenfeld. In: Kindergarten, 1911, S. 24

Fahnen schmücken alle Straßen,

Lustig flattern sie im Wind!

Welch Gedenktag wir begangen?

Ei, das weiss ein jedes Kind!

Dort im königlichen Schlosse

Feiert ja Geburtstag heut

Unser vielgeliebter Kaiser,

Drob ist alt und jung erfreut!

Früh schon öffnet sich die Türe,

Und herein spazieren leis

Die drei kleinsten der Rekruten,

Singen altbekannte Weis`. 

Der Weihnachtsengel

Bühnenstück in einem Akt

Text: Frieda Schütte. In: Kindergarten, 1914, S. 302-305

Engel und Weihnachtsmann denken über die schwere Zeit nach und wollen armen Kindern helfen.

In manchem Haus wird keine Freude sein

Zu Weihnacht! – Nur vom Krieg wird man erzählen.

Da strahlt denn auch kein froher Kerzenschein,

denn, ach! Der Vater und die Brüder fehlen.

„Die mögen in der kalten Winternacht,

Vielleicht im Schnee, auf freiem Felde liegen!“

So hat die Mutter weinend wohl gedacht

Und fleht zu Gott: „ Herr, lass die Deutschen siegen!“

Soldaten-Bilderbuch (1914) o.J., Mauder 1914 (www.uni-frankfurt.de)

„Deutschland und Östreich

In Wehr und Waffen,

Werden`s schon zwingen,

Werden`s schon schaffen!

Adler und Doppeladler vereint,

trotzen dem dreimal so starken Feind!“ (S. 2)

Literatur und Quellen

A. W.: Zeitgemäße Beschäftigungen. In: Kindergarten, 1914, S. 285-288

Back, Martha (M.B.): Fröbel und das Jahr 1813. In: Kindergarten, 1913, S.229-232

Back, Martha: Kriegsdienst. In: Kindergarten, 1914, S. 258-260

Back, Martha: Wachsende Pflichten. In: Kindergarten 1918, S. 1-3

Barow-Bernstorff, Edith: Die Entwicklung des deutschen Kindergartens in der Zeit von 1890-1918. In: Barow-Bernstorff, E.; K.-H. Günther; M. Krecker; H. Schuffenhauer: Beiträge zur Geschichte der Vorschulerziehung. Berlin: Volk und Wissen 1986, S. 278-284

Berg, Christa: Handbuch der deutschen Bildungsgeschichte. Band IV. 1870-1918. Von der Reichsgründung bis zum Ende des Ersten Weltkrieges. München: C.H. Beck 1991, Kap. IV.1.,2.b. (Albisetti, Lundgreen)

Berger, Manfred: Nationalismus und Militarismus im Kindergarten (1871-1918). „Es kämpfen die Krieger mit kräftiger Hand“. Ida-Seele-Archiv (ohne Jahrgang), vgl. auch nifbe: https://www.nifbe.de/ (zuletzt Oktober 2021)

-Bethge, Ernst Heinrich: Wir waren auch dabei. Kriegs-Bühnenspiele für die Jugend. Leipzig: Strauch 1916, auch: www.naumburg-geschichte.de/geschichte/bethge.htm (zuletzt Oktober 2021)

Anm.: Bethge, 1878-1944, Lehrer und Schulrat in Naumburg, schrieb zw. 1911 und 1919 ca. 90! Theaterstücke i.S. Heldentum und Kaisertreue, distanzierte sich später von ihrem Inhalt, dann im Dienst der SPD, NS-verfolgt, starb im KZ Sachsenhausen

Boehm, Anna: Unser Kaiser. In: Kindergarten, 1911, S. 24-26 (fiktive Geschichte)

Boehm, Anna: Kaiserlied. In: Kindergarten, 1911, S. 27 (Ein vierstrophiges Gedicht gleichen Titels ist abgedruckt in Kindergarten 1913, S. 28, ohne Verfasserangabe)

Boehm, Anna: Kaisers Geburtstag. In: Kindergarten, 1912, S. 22

Boehm, Anna: Der kleine Kriegsheld. In: Kindergarten, 1914, S. 285 (Lied)

Boehm, Winfried: Der Krieg als Erzieher. Die Verherrlichung des Krieges durch die Pädagogik. In: Gatzemann, Thomas / Anja-Silvia Goering (Hrsg.): Das Projekt der ideologisch-verwissenschaftlichen Menschenbildung. Berlin, Bern, Oxford, Wien: Peter Lang 2004

Borchers, Anna: Krieg und Erziehung. In: Der Kinderhort 1915/4, S. 1 ff.

Chronik von Bennungen. Unveröff. Schrift

Coppius, Marie: Holzsoldaten. In: Kindergarten, 1915, Beilage für die Kinder, S. 19 (aus M[arie] Muschka, 12. Soldatenlied

Deutsche Geschichte. Kleine Enzyklopädie. Von den Anfängen bis 1945. Leipzig: Bibliographisches Institut 1965

Die Christliche Kleinkinderpflege. Zit. nach: Kindergarten, 1915, S. 146

Droescher, Lili: Der Kindergarten als Unterbau der Einheitsschule. In: Kindergarten 1919, S. 223-235

Eucken, Rudolf: Fröbel als deutscher Erzieher. In: Kindergarten 1915, S.65-67

Förster, Birte: Der Königin-Luise-Mythos: Mediengeschichte des „Idealbildes deutscher Weiblichkeit“. Formen der Erinnerung. Bd. 46. V & R unipress 2011

Fortsetzungsreihe Kindergarten und Krieg. In: Kindergarten 1915

Nelly Wolffheim (S. 107-110), Gertrud Pappenheim (S. 125-128), Meta Wenzel (S. 129 f.), Marielly Hiller (S. 155-160), Lucie Grunau (S. 160-163), Rosina Elschnig (S. 196 f.), Schwester Sixtina (S. 197 f.), Elisabeth Ulland (S. 198-200)

Anm.: Lucie Grunau schrieb zahlreiche Kinderlieder, wie „Bällchen klein, flieg allein“, gesungen nach „Hänschen klein“. In: Else Fromm: Lieder und Bewegungsspiele. Berlin: Gutenberg 1922

Gebser, Karl: Kriegsweihnachten. Bühnenspiel in 2 Aufzügen für jung und alt. Leipzig: Alfred Hahns 1917 (vgl. auch SBB Digitalisierte Sammlungen. Karl Gebser: Kriegsweihnachten …)

Anm.: Im gleichen Verlag sind von Karl Gebser bereits in der Vorkriegszeit erschienen: Fröhliche Weihnachten überall (1909), Weihnachtsglück durch Heinzelmännchen (1901), Friede auf Erden

Gebser, Klaus: Baum, Pfeil, Kieselstein. Fröbel – ein Freund der Kinder. Halle/S.: projekte 2012

Gebser, Walter: Kriegspostkarte, geschrieben am 16.12.1916

Göhring, Ludwig: Die Anfänge der deutschen Jugendliteratur im 18. Jahrhundert. Ein Beitrag zur Geschichte der deutschen Jugendliteratur. Nürnberg: Friedr. Korn`sche Buchandlung 1904

Günther, Karl-Heinz u. a. (Red.): Geschichte der Erziehung. Berlin: Volk und Wissen 1962, B IV/1. (Ernst Eichler), C II c. (Herbert Flach)

Hartmann, Angelika: Fröbels Erziehungsmittel nach der Konzentrationsidee bearbeitet für Kindergarten und Familie. Leipzig: Jaeger 1904

Heiland, Helmut: Friedrich Wilhelm August Fröbel. Basiswissen Historische Pädagogik. Baltmannsweiler: Schneider 2002

Helmenstreit, Henny; C. Breuer: Deutsche Heldenmädchen. Geschichtliche Bilder aus schweren Zeiten für Jung und Alt. Stuttgart: Weise 1911

Itschner, Hermann: Lehrerbildung und Volkstum. Leipzig: Quelle & Meyer 1917

Key, Ellen: Das Jahrhundert des Kindes. Berlin: S. Fischer 1903; Weinheim, Basel: Beltz 1992

Kindergarten. Hrsgg. vom Deutschen Fröbel-Verband. 1914. Rezensionen, bes. S. 329

Klostermann, Helene: Zum neuen Jahr. In: Kindergarten 1919, S. 1-3

Lausch, Ernst: Hurra, heut ist ein froher Tag (Kindergedicht zu Kaisers Geburtstag, https://www.volksliederarchiv.de/hurra-heut-ist-ein-froher-tag/), zuletzt Oktober 2021

Anm.: Lausch 1836-1888, Volksschullehrer aus Zeitz; die Zuordnung des Gedichtes zu seiner Person ist nicht gesichert

Leichnitz, Elly: Kriegszeit im Kindergarten. In: Kindergarten, 1914, S. 269-270

Leichnitz, Elly: Weihnachtsspiel. In: Kindergarten, 1914, S. 324-327

Liebknecht, Wilhelm: Wissen ist Macht – Macht ist Wissen. Leipzig: Genossenschaftsdruckerei 1873

Mauder, Josef: Soldaten-Bilderbuch. Esslingen, München: J.F. Schreiber 1914; (vgl. Kindergarten 1914, S. 329)

Muschka, Marie; J.E. Roller: Marschierlieder und Kreisspiele für den Kindergarten. Wien: Pichlers Witwe 1906

Pappenheim, Gertrud: Kriegskindergärten. In: Kindergarten, 1914, S. 260-263

Pappenheim, Gertrud: Kindergarten und Krieg. In: Kindergarten, 1915, S. 125-128

Prüfer, Johannes: Fröbel und das Frühjahr 1813. In: Kindergarten 1913, S. 97-100

Regulativ des Ministers der geistlichen, Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten vom 1. Oktober 1854 für den Unterricht in den evangelischen Schullehrerseminaren der Monarchie. Zit. nach Günther u.a. 1962, S. 351; s. auch F. Stiehl: Die drei Preußischen Regulative vom 1., 2. und 3. Oktober 1854. Berlin: Wilhelm Herz 1864

Renck, Heinrich: Empor die Waffen! Ein vaterländisches Bühnenspiel in zwei Aufzügen. Leipzig: Strauch 1914

Renck, Heinrich: Die Friedenswallfahrt – ein dt. Siegesheimkehrspiel in zwei Aufzügen. Leipzig: Arved Strauch 1918

Rühle, Otto: Die Volksschule - wie sie ist. Berlin: Vorwärts 1903

Rühle, Otto: Die Volksschule – wie sie sein soll. Berlin: Vorwärts 1903

Salzmann, Christian Gotthilf: Unterhaltungen für Kinder und Kinderfreunde, Leipzig: Crusius 1778, 1787

Schindele, Hans Jürgen: Oskar Vogelhuber (1878-1971) – Leben und Werk eines bayerischen Volksschulpädagogen und Lehrerbildners. München: Herbert Utz 2012, S. 28 f.

Seel, Norbert M.; Ulrike Hanke: Erziehungswissenschaft. Lehrbuch für Bachelor-, Master- und Lehramtsstudierende. Berlin, Heidelberg: Springer 2015, 2.4.4.1

Soldaten-Bilderbuch (Angaben unbekannt) (vgl. Kindergarten 1914, S. 329)

Schütte, Frieda: Der Weihnachtsengel. In: Kindergarten, 1914, S. 302-305

Wiedenfeld, V.: Heil dir, o Grosspapa! In: Kindergarten, 1911, S. 24

Wiedenfeld, V.: Zu Kaisers Geburtstag 1911. In: Kindergarten, 1911, S. 24

www.akpool.de/kategorien/33621-ansichtskarten-kinder-in-uniform (zuletzt Oktober 2021)

Postkarten

Abb. 1: Helm ab privat. Hrsg. Deutscher Verein f. Kinderasyle e.V. Ehrenvorsitzende Ihre Exzellenz Frau Staatsminister Freifrau v. Schorlemer (Maria Helena Henrietta Brigitta Freifrau von Schorlemer, geb. Puricelli, 1855-1936)

Abb. 2: AK Krieger-Waisen, Wohlfahrtskarte, Kind in Uniform, Feldpost 1916  zuletzt Oktober 2021, Hrsg. wie Abb. 1

Abb. 5, 6 akpool, Abb. 4 Hrsg. wie Abb. 1

Autor

Dr. Klaus Gebser (Diplompädagoge, Diplompsychologe)

Halle/Saale

Der Autor hat zuletzt vor allem zur Geschichte der Vorschulerziehung gearbeitet.