„Wodurch kann Musik und Bewegung den Menschen erziehen? Die Musik besteht aus vier Elementen: den Elementen der Zeit, der Kraft, des Klanges und der Form. Jedes hat eine besondere erzieherische Bedeutung. Mit dem Zeitlichen in der Musik schulen wir das motorische Nervensystem, mit dem Dynamischen (Kraft) regen wir die Ausdruckskräfte, also das Schöpferische an. Der Klang wirkt auf das Seelische, und die Form beeinflusst und ordnet das Geistige im Menschen. Es ist ohne weiteres klar, dass sich die Elemente der Zeit, der Kraft und der Form auch in der Bewegung finden.“ (Mimi Scheiblauer zit. n. Brunner-Danuser 1984, S. 47, https://de.wikipedia.org/wiki/Mimi_Scheiblauer (05.04.2024))
Jede Erzieherin und jeder Erzieher kennen den Begriff Rhythmik aus der Ausbildung, von Praktika oder durch eigene Tätigkeit in einer Kindertagesstätte. Die Verbindung zum Namen Scheiblauer ist aber eher unbekannt. Der Name Mimi Scheiblauer wird eher mit der Fachrichtung Heilpädagogik (Schwerpunkt der Heilpädagogik ist die Hilfe für Menschen mit verschiedensten Beeinträchtigungen) und der Methode „Heilpädagogischer Rhythmik“ in Verbindung gebracht.
Aus diesem Grunde möchte der Autor mit diesem Artikel an die Bedeutung von Mimi Scheiblauer für die Rhythmik und die (Heil-)Pädagogik erinnern. Scheiblauer hat den Begriff nicht erfunden, aber maßgeblich für die Pädagogik weiterentwickelt. Mit der Fortentwicklung hat es Mimi Scheiblauer geschafft, eine Brücke für alle Kinder zwischen Musik, Bewegung und Ausdruck zu schlagen.
Rhythmik wurde vom Genfer Musikpädagogen Emile Jaques-Dalcroze (1865 – 1950) begründet. Jaques-Dalcroze hat die Wechselwirkungen zwischen dem Körper und dem musikalischen Rhythmus wieder entdeckt. Als Pionier einer neuen Ausdrucksweise erhielt Emile Jaques-Dalcroze ein Angebot in Hellerau zu unterrichten. Hellerau, ein Vorort von Dresden, war ein Ort der sogenannten Reformbewegung. Hierunter versteht man Reformversuche, die von kultur- und gesellschaftskritischen Motiven ausgingen. Hier wurde 1909 die erste deutsche Gartenstadt gegründet. In dieser neuerbauten Siedlung wurde der Versuch unternommen, die ansonsten getrennten Bereiche von Arbeit, Wohnen, Kultur und Bildung zusammenzuführen.
Mimi Scheiblauer war in Genf als Teilnehmerin eines Sommerkurses eine Schülerin von ihm. Scheiblauer folgte Jaques-Dalcroze nach Hellerau. Dort hat sie 1911 das Studium der Rhythmik in der Gartenstadt mit dem Diplom in Rhythmik abgeschlossen. Scheiblauer hat die Rhythmik von Jaques-Dalcroze in ein allgemeines pädagogisches Prinzip erweitert.
Damit wurde die Rhythmik zu einem grundlegenden Element der in jedem Menschen vorhandenen schöpferischen und gestaltenden Kräfte. Rhythmik als Angebot für Kinder wirkt auf die Persönlichkeitsentwicklung und auf die Sozialerziehung, indem beispielsweise gemeinschaftsfördernde Prozesse angeregt werden.
Dies geschieht durch verschiedene Übungen, die oft musikalisch bzw. rhythmisch begleitet werden wie:
- Ordnungsübungen (z.B. werden durch akustische Signale Bewegungen (vorwärts/rückwärts, langsam/schnell etc.) angesprochen. Dies kann eine Hilfe zur Selbständigkeit und zur sozialen Anpassung sein)
- Soziale Übungen (z.B. durch Führ- und Folgeübungen kann ein Kind lernen sich einzuordnen. In einer Rhythmik-Einheit kann ein Kind einmal die Lokomotive und dann wieder der Wagen sein.)
- Konzentrations- und Sinnesübungen (z.B. kann genaues Hören und Horchen durch einen tanzenden Reifen geschult werden.)
- Begriffsbildende Übungen (z.B. groß und klein kann durch den eigenen Körper durch die Hocke und das Strecken des Körpers vermittelt werden.)
- Phantasieanregende Übungen (wenn z.B. die Kinder sich bei einer Übung im freien Raum bewegen dürfen, wie sie wollen (vorwärts, rückwärts, seitwärts etc.) wird die Fantasie der Kinder angeregt.)
An den Übungen, die nur einen kleinen Einblick in die Elemente der Scheiblauer Rhythmik geben können, wird deutlich, welche pädagogischen Potentiale in der Rhythmik stecken können. Musik und Bewegung sind dabei die zentralen Elemente. Daneben werden auch Spielelemente/-geräte (z.B. Tücher, Reifen oder Bälle) und Musikinstrumente (z.B. ein Tamburin) eingesetzt. Spielgeräte wie der Ball können der Kontaktaufnahme zum Kind und zur Bewegungsfindung des Kindes dienen.
Nach ihrem Abschluss in Hellerau wurde Scheiblauer 1912 als Lehrkraft für Rhythmik und Klavier (als erste Frau) an das Konservatorium Zürich berufen. 1926 wurde am Konservatorium das unter der Leitung von Mimi Scheiblauer stehende Rhythmik-Seminar eröffnet. Als Lehrkraft war es Mimi Scheiblauer wichtig, dass ihre Studierenden eine fundierte praxisorientierte Ausbildung erhielten.
Ihr heilpädagogisches Wirken begann schon im Jahre 1922 mit Rhythmik für Schulklassen mit schwierigen Kindern. 1924 wurde Scheiblauer dann von Heinrich Hanselmann (1885 – 1960), dem ersten Lehrstuhlinhaber für Heilpädagogik in Zürich entdeckt, der Scheiblauer als Dozentin für das dortige Heilpädagogische Seminar gewinnen konnte.
Neben der Tätigkeit als Rhythmikerin hat Scheiblauer auch Tanzspiele, Tanzszenen und Choreografien für Festspiele und Volksfeste entwickelt und aufgeführt. Für ihr Wirken erhielt sie 1950 den Professorentitel vom damaligen österreichischen Bundespräsidenten in Wien. 1966 wurde sie mit der Hans-Georg-Nägeli-Medaille der Stadt Zürich geehrt. Im selben Jahr wurde sie mit dem Titel Doktor h.c. von der Philosophischen Fakultät der Universität Zürich ausgezeichnet.
Mit dem Kinofilm „Ursula oder das unwerte Leben“ - der Film handelt von der Rhythmik mit einem taubblinden und geistig behinderten Mädchen - aus dem Jahr 1966 hat Mimi Scheiblauer zudem einen unschätzbaren Beitrag zur Bildungsfähigkeit von Menschen mit einer Beeinträchtigung geleistet. Damit kann sie als eine frühe Pionierin der Inklusion bezeichnet werden.
Bis zu ihrem Tode 1968 unterhielt Scheiblauer viele, auch internationale Kontakte zu Musikern, Pädagogen und anderen Fachkräften, die sie zu ihrem Unterricht einlud bzw. deren Beiträge für die Rhythmik, in der von Mimi Scheiblauer begründeten Zeitschrift „Lobpreisungen der Musik – Blätter zur Musikerziehung“ (1942 – 1968), veröffentlicht wurden. Bis zu ihrem Lebensende gab sie als Rhythmikerin im In- und Ausland Kurse und Seminare.
Schon Goethe hat erkannt, dass die Musik einen zentralen Beitrag zur Erziehung des Menschen beiträgt. In Wilhelm Meister findet man das Zitat: „Deshalb haben wir unter allem Denkbaren die Musik zum Element unserer Erziehung gewählt, denn von ihr laufen gleich gebahnte Wege nach allen Seiten". (Johann Wolfgang von Goethe, Wilhelm Meisters Wanderjahre, https://www.projekt-gutenberg.org/goethe/meisterw/mstw201.html (05.04.2024))