Zitiervorschlag

Politische Bildung im Kindergarten – theoretisch und praktisch

Elisabeth Jäcklein-Kreis

 

Politik – das klingt oft nach abstrakten Konzepten und schwierigen Zusammenhängen, weit weg vom eigenen Alltag. Politik beinhaltet komplizierte Fragen und schwierige Zusammenhänge, die schwer zu durchblicken und noch schwerer zu erklären sind. Doch zugleich durchdringt die Politik eines Land das Leben der Menschen bis ins kleinste Detail. Politische Systeme und Rahmenbedingungen legen die Basis dafür, wie die Kultur, Gesellschaft und das Zusammenleben in einem Land sich gestalten. Und politische Entscheidungen haben Auswirkungen auf viele Aspekte des Privatlebens.

Das betrifft auch Kinder. Auch sie führen ein Leben, das durch das politische System ihres Landes geprägt ist. Und sie haben sehr früh ein Interesse daran und Fragen dazu, was Politik ist und wie Politik gemacht wird. Doch ist der Kindergarten[1] der richtige Ort, um politische Bildung umzusetzen? Und wie ist das überhaupt möglich? Im folgenden Text wird sowohl die Notwendigkeit als auch die theoretischen und praktischen Möglichkeiten, politische Bildung in den Kindergarten zu bringen, beleuchtet.

Politische Bildung im Kindergarten – Grundlagen und Notwendigkeit

„Kinderstube der Demokratie“ nennt sich ein Modellprojekt des Landes Schleswig-Holstein, das von 2001 bis 2003 umgesetzt wurde und an dem über 900 Kinder und über 100 Mitarbeiter*innen aus sieben Kindertageseinrichtungen beteiligt waren (vgl. Hansen et al. 2006). Das Ziel? Es sollte ausgelotet werden – theoretisch und praktisch – wie Demokratie schon im Kindergarten gelebt werden kann. 

Und nicht nur in Schleswig-Holstein ist Demokratie bereits im Kindergarten ein Thema. In den Bildungsplänen der Länder in Deutschland ist, wie die Bundeszentrale für politische Bildung bpb feststellt, politische Bildung zwar uneinheitlich, aber dennoch fest verankert (vgl. Danner 2018).

Es zeigt sich deutlich, dass Politik auch für die jüngsten Mitglieder unserer Gesellschaft schon ein Thema ist und sein sollte. Die Gründe dafür liegen auf der Hand:

All dies zeigt: Kindergärten sind genau die richtigen Orte für politische Bildung und frühe Demokratieerziehung – theoretisch wie praktisch. Die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung DKJS fasst das so:

„Die frühe Kindheit ist intensive Lern- und Entwicklungszeit, auch in Sachen Demokratielernen. Kinder brauchen früh die Erfahrungen von Anerkennung, Teilhabe und Mitbestimmung, konstruktiver Streitkultur, das Erleben eines interkulturellen und toleranten Miteinanders. Die pädagogische Herausforderung Demokratie zu (er-)leben ist umso größer, je jünger die Kinder sind. Kinder erwerben demokratische Handlungskompetenzen, indem sie (Be-)Achtung erfahren und ihrem Entwicklungsstand entsprechend an der Gestaltung des Alltags beteiligt werden.“ (DKJS 2010)

Damit dies aber funktionieren kann, müssen verschiedene Voraussetzungen gegeben sein. So benötigt es zunächst eine entsprechende Haltung bei Trägerschaft, Leitung und Mitarbeiter*innen einer Einrichtung. Nur wenn die beteiligten Personen sich den demokratischen Prinzipien verpflichtet fühlen, fachlich dazu ausgebildet sind und eine persönliche Bereitschaft mitbringen, kann politische Bildung gelingen. Zum Zweiten müssen die Strukturen und organisatorischen Grundlagen gegeben sein, um politische Bildung umzusetzen – Abläufe müssen so gestaltet sein, dass Raum für die Beschäftigung mit den Themen bleibt, die Organisation des Kita-Alltags muss demokratische Strukturen ermöglichen.

Und schließlich ist das entsprechende Material nötig, um damit zu arbeiten. So benötigen Erzieherinnen und Erzieher Räume und Arbeitsmaterialien, in und mit denen sie an verschiedenen Themen arbeiten und Inhalte aufbereiten und vermitteln können, sie benötigen einen Fundus an Wissen, um sich selbst zu bilden und vorzubereiten und sie benötigen Arbeitsmaterialien, etwa Bücher, Hefte, Anschauungsmaterialien für die Arbeit mit den Kindern.

Sind all diese Voraussetzungen gegeben, bietet der Kindergarten einen sehr guten Rahmen für politische Bildung mit Kindern – theoretisch und praktisch. Wie dies konkret aussehen kann und welche Ressourcen dafür genutzt werden können, soll im Folgenden gezeigt werden.

Theorie – politisches Grundwissen im Kindergarten vermitteln

Rund um Politik gibt es viele Fragen und viele Themen, die man mit Kindern im Kindergarten besprechen kann und sollte. Seien es die Wahlplakate an der Straße oder eine Information aus den Radionachrichten. Sei es eine Entscheidung der Bundesregierung, die auch ganz konkrete Auswirkungen auf das tägliche Leben der Kinder hat oder ein Anlass wie etwa der Weltkindertag am 20. September – Kinder stoßen in ihrem Alltag immer wieder auf politische Themen. Und die wollen sie verstehen. Da ist es gut, wenn Erzieher*innen vorbereitet sind und die Fragen und Themen der Kinder auffangen sowie im Kindergartenalltag Antworten darauf anbieten können.

Für die theoretische Beschäftigung mit Politik gibt es viele Möglichkeiten – einige davon sollen hier vorgestellt werden:

Praxis – demokratische Prinzipien im Kindergarten leben

Aber Politik ist nicht reine Theorie – ganz im Gegenteil. Gerade der Kindergarten bietet ein gutes Setting, um demokratische Prinzipien bereits mit jungen Kindern ganz praktisch umzusetzen und einzuüben. Denn nur Kinder, die sich früh mit Demokratie auseinandersetzen und diese auch praktisch kennenlernen werden später aufgeklärte, mündige Bürger*innen sein, die sich auch an ‚großer‘ Politik aktiv beteiligen können – und wissen, wie es geht. Im Kindergarten lassen sich demokratische Prinzipien an vielen Stellen des Alltags umsetzen und mit den Kindern leben (vgl. Regner/Schubert-Suffrian 2018). Einige Beispiele sind:

Partizipation bei täglichen Entscheidungen.

Im Kindergarten werden jeden Tag viele Entscheidungen getroffen. Basteln oder Bauen? In den Garten oder drinbleiben? Das Musik-Projekt oder das Umwelt-Projekt? Der Alltag muss geplant werden, Inhalte müssen ausgewählt und große Aktionen entschieden und umgesetzt werden. Dies können natürlich die verantwortlichen Erwachsenen ‚hinter verschlossenen Türen‘ tun – und damit eher autokratische Züge umsetzen. Hier bietet sich aber auch eine Chance, Entscheidungen demokratisch zu treffen.

Durch eine Kultur der Mitsprache, durch gemeinsames Sammeln von Anliegen, Diskutieren von Pro & Contra und einen Prozess der Einigung auf ein Ergebnis lernen Kinder, wie Entscheidungen partizipativ getroffen werden. Und damit lernen sie auch, ihre eigenen Bedürfnisse verständlich und begründet zu artikulieren, den Blick zu weiten für die Bedürfnisse und Ansichten anderer und konstruktiv nach Lösungen zu suchen.

Das bedeutet natürlich nicht, dass jede kleinste Entscheidung basisdemokratisch ausdiskutiert werden muss. Das bedeutet es ja auch in der Demokratie in unserem Land nicht. Kindern können aber durchaus Wege der Beteiligung eröffnet werden – etwa durch einen Briefkasten, in dem Anliegen eingebracht werden können, durch regelmäßige „Gruppenrat“-Veranstaltungen, in denen Themen diskutiert werden oder durch eine Abstimmung darüber, welches Thema als nächstes angegangen werden soll.

Feedback- und Beschwerdekultur.

Demokratisches Miteinander heißt auch: Jeder darf seine Meinung kundtun. Auch Kinder im Kindergarten haben Meinungen: Sie finden manche Angebote sehr gelungen, andere weniger. Sie haben Ideen und Vorschläge für ihren Kindergartenalltag. Es ist ein grundlegendes, demokratisches Prinzip, ihnen zur Artikulation dieser Meinungen auch Raum und Möglichkeiten zu bieten.

So kann es etwa einen Feedback-Briefkasten geben, in den positive und negative Kritik geworfen werden darf. (Da Kindergartenkinder meist noch nicht schreiben können, können die Ideen entweder gemalt werden oder Eltern oder Erzieher*innen bieten den Kindern die Möglichkeit, ihre Gedanken für sie aufzuschreiben.) Auch eine regelmäßige „Feedback-Stunde“, zu der die Kinder gehen können, um ihre Beschwerden und Vorschläge loszuwerden, ermöglicht Partizipation. Und schließlich helfen hier feste Ansprechpartner*innen. Es sollte eine*n Erzieher*in geben, der für das Feedback der Kinder ein offenes Ohr hat – und dies muss den Kindern auch kommuniziert werden. Eventuell bietet es sich in Gruppen sogar an, ein Kind zur*m „Gruppensprecher*in“ zu ernennen. Hier ist es aber wichtig, gut abzuwägen, inwieweit die Gruppenstruktur (Alter, Kommunikationsfähigkeit, Beziehung untereinander) einen solchen Kommunikationsweg ermöglicht.

Durch eine gute Feedbackkultur lernen Kinder Selbstwirksamkeit, sie erleben, dass sie aktiv sein und mitgestalten können – und sie erleben auch die Grenzen, die etwa durch die Bedürfnisse anderer, die Ressourcen oder die räumlichen Gegebenheiten bestehen. Sie lernen, ihre eigene Meinung zu reflektieren, zu formulieren und zu vertreten.

Aktive Teilhabe am Tagesablauf – Rechte und Pflichten.

Der Tagesablauf im Kindergarten kann den Kindern vorgesetzt und für sie abgespielt werden. Dann aber passiert es leicht, dass Kinder nur ‚mitmachen‘ und in eine passive Konsumentenrolle geraten. Gestaltet man den Kindergartenalltag so, dass demokratische, partizipative Prinzipien im Vordergrund stehen, sollten Kinder aber aktive Gestalter*innen der Zeit sein. Das bedeutet auch, dass es eine Klarheit darüber gibt, wer welche Rechte und auch Pflichten hat. So sollten Kinder etwa das Recht haben, ihre Meinung zu äußern, Entscheidungen frei zu treffen und ihre Grenzen zu setzen. Zugleich dürfen Kinder auch Pflichten haben.

Spielsachen aufräumen, Teller wegbringen, die eigenen Jacken aufhängen – bei solchen Themen lernen Kinder Selbständigkeit und Eigenverantwortlichkeit. Und sie lernen, dass sie im Kindergarten aktive Personen sind, deren Verhalten den Alltag prägt und mitgestaltet. Genau so, wie es auch in der ‚großen‘ Demokratie gedacht ist.

Ämter für Groß und Klein.

Und auch über die grundsätzlichen, täglichen Aufgaben hinaus können alle Personen in der Kindergartengruppe – groß wie klein – ‚in die Pflicht‘ genommen werden. Sowohl Erzieher*innen als auch Kinder sollten die Möglichkeit haben und auch dazu ermutigt werden, sich in Form von Ämtern aktiv in die Gestaltung des Kindergartenalltags einzubringen.

So kann es beispielsweise Tisch- und Datumsdienst, Ordnungsdienst und Blumendienst geben, es können aber auch komplexere Ämter vergeben werden – etwa das Amt einer*s „Gruppensprecher*in“ oder das Amt des „lebenden Kummerkastens“. Größere Kinder können es übernehmen, den kleineren beim Essen oder Anziehen zu helfen, kreativ begabte Kinder können für die Gestaltung der Räume verantwortlich sein, sportliche Kinder können eigene Turnangebote machen …

Ämter schaffen eine Möglichkeit, alle aktiv einzubeziehen, Stärken zu fördern, Verantwortung zu verteilen – und so auch ein partizipatives, gleichberechtigtes Miteinander zu gestalten.

Der Kinderrat – demokratische Meinungsbildung.

Der Kern demokratischen Miteinanders aber ist: Mitsprache. Wie bereits beschrieben, sollten Entscheidungen so getroffen werden, dass alle betroffenen Kinder und Erwachsenen einbezogen, gehört werden und mitsprechen dürfen.

Eine Möglichkeit, dies praktisch umzusetzen, ist der Kinderrat. Dieser kann regelmäßig stattfinden, etwa einmal pro Monat, er kann aber auch nach Bedarf einberufen werden. Er kann ein offenes Angebot darstellen für Kinder, die mitsprechen wollen, er kann aber auch einmal verpflichtend sein, wenn Themen besprochen werden, die alle betreffen. Der Kinderrat sollte unbedingt von einer erwachsenen Person (oder einem ‚großen Kind‘) moderiert werden. Es stehen ein oder mehrere Themen im Zentrum, die vorher festgelegt wurden.

Das Thema, das Problem oder die Frage wird klar erläutert, so dass alle Kinder verstehen, worum es geht. Dann darf jede*r sich dazu äußern. Es dürfen Ideen, Kritik, Vorschläge oder offene Fragen eingebracht werden – der*die Moderator*in sammelt diese. Anschließend werden alle – und wirklich alle – Inputs geprüft, besprochen und auf ihre Verwertbarkeit abgeklopft. Natürlich muss der*die Moderator*in diese Diskussion lenken und hier auch aktiv helfen, Vorschläge zu sortieren. Dennoch sollen die Kinder keinesfalls bevormundet werden, sondern aktiv und selbstbestimmt miteinander aushandeln, welche Vorschläge behalten und welche verworfen werden. Ziel ist es, einen Konsens über das weitere Vorgehen – über die Lösung eines Problems, das Angehen eines Themas oder die Klärung einer offenen Frage – zu finden. Dieser Konsens sollte festgehalten und möglichst gleich umgesetzt werden, so dass die Kinder auch einen Erfolg ihrer Bemühungen sehen und erleben.

So lernen Kinder schon früh, wie ein demokratischer, partizipativer Meinungsbildungsprozess funktionieren kann. Sie lernen, sich eine Meinung zu einem Thema zu bilden und diese eigene Meinung zu artikulieren und so zu formulieren, dass andere sie verstehen. Sie lernen, auch andere Argument zu hören und sich empathisch in die Perspektive anderer zu versetzen. Und sie lernen, in einem konstruktiven Prozess zu einem Kompromiss bzw. einem Konsens zu finden. So üben sie Kommunikationsfähigkeiten und gutes Miteinander. Sie lernen aber auch, wie Meinungsbildung im ganz Großen, in Gemeinden, in Ländern und über Ländergrenzen hinweg, funktionieren kann.

Demokratie im Kindergarten – früh übt sich

Es zeigt sich also: Kinder sind interessiert an Politik. Sie haben ein Recht darauf, demokratische Strukturen schon früh zu erleben und kennenzulernen. Und der Kindergarten bietet zahlreiche Möglichleiten, politische und demokratische Bildung umzusetzen – spielerisch, kindgerecht und auch mit einem nicht zu unterschätzenden Mehrwert für die Kultur und das Miteinander in der Kita selbst. Denn: „In einer Demokratie darf das Recht auf Beteiligung keine Frage des Alters sein.“ (DKJS 2010, S. 5)

Literatur

Danner, Stefan (2918): Demokratische Partizipation von Kindern in Kindergärten: Hintergründe, Möglichkeiten und Wirkungen. www.bpb.de/gesellschaft/bildung/zukunft-bildung/255737/partizipation-in-der-kita?p=all [24.11.2020]

Deutsche Kinder- und Jugendstiftung gemeinnützige GmbH DKJS (2010): Demokratie von Anfang an. Arbeitsmaterialien für die Kitapraxis. Berlin: Deutsche Kinder- und Jugendstiftung.

Durand, Judith/Winklhofer, Ursula (o.J.): Spielraum für Partizipation. www.dji.de/themen/politische-bildung/spielraum-fuer-partizipation.html [24.11.2020]

Hansen, Rüdiger/Knauer, Raingard/Friedrich, Bianca (2006): Die Kinderstube der Demokratie. Partizipation in Kindertageseinrichtungen. Hrsg. vom Ministerium für Soziales, Gesundheit, Familie, Jugend und Senioren des Landes Schleswig-Holstein. www.kinder-beteiligen.de/dnld/kinderstubederdemokratie.pdf [24.11.2020]

Koch, Bernhard (2017): Kindergarten und Demokratie in einer Zeit der Unsicherheit. Aspekte elementarer und politischer Bildung. Berlin u.a.: Lit.

Regner, Michael/Schubert-Suffrian, Franziska (2018): Partizipation in der Kita. Freiburg, Basel, Wien: Herder.

Autorin

[1] Kinder werden heute in unterschiedlichen Formaten betreut: Sie sind in Krippen, Kindergärten, Kindertagesstätten, Häusern für Kinder und vielen weiteren Formen des Tagesbetreuung untergebracht. In diesem Text wird der Komplexitätsreduktion halber der Begriff ‚Kindergarten‘ verwendet. Natürlich sind alle anderen Betreuungsformen gleichermaßen mitgedacht und mitgemeint.



In: Martin R. Textor/Antje Bostelmann (Hrsg.): Das Kita-Handbuch.

https://www.kindergartenpaedagogik.de/fachartikel/gruppenleitung-erzieherin-kind-beziehung-partizipation/mitbestimmung-der-kinder-partizipation/politische-bildung-im-kindergarten-theoretisch-und-praktisch