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Kleine Welt, so viele Gefühle – Kinder emotional stark machen

Zitiervorschlag

Zukunftstrends und deren Folgen für das Kinderbetreuungssystem

Martin R. Textor

 

Uns allen ist mehr oder weniger bewusst, dass der technologische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Wandel immer schneller verläuft. Aber auch das System der Kindertagesbetreuung verändert sich rasant. Ältere Kolleg/innen, aber auch Eltern und Großeltern, können darüber Auskunft geben, was vor einigen Jahrzehnten unter Kindergarten verstanden wurde.

In meiner Kleinkindheit - Ende der 1950er Jahren - war der Kindergarten in Nordrhein-Westfalen eine Halbtagseinrichtung, die man frühestens mit vier Jahren besuchte, um dort gruppenfähig zu werden - damit man sich also ein oder zwei Jahre später in eine Klassengemeinschaft einfügen konnte. Kaum jemand sprach über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder gar von bedarfsgerechten Öffnungszeiten. Es gab keine Bildungspläne und Lernprogramme, keine Konzeptionen und Qualitätssicherungsverfahren, keine Sprachtests und Fördermaßnahmen, keine Integration und Inklusion, kein Wickeln und Füttern, keine weite Altersmischung und Gruppenöffnung, keine Erziehungspartnerschaft mit Eltern oder Zusammenarbeit mit psychosozialen Diensten. Wirtschaft und Politik zeigten so gut wie kein Interesse am Kindergarten.

Heute finden wir ein stark ausdifferenziertes Kindertagesbetreuungssystem vor, das ganz unterschiedliche Angebote umfasst und in hohem Maße durch wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Kräfte beeinflusst wird. Auch in Zukunft werden Kitas und Kindertagespflegestellen durch externe Einflüsse und interne Entwicklungen geprägt werden. In diesem Artikel sollen nun einige Zukunftstrends skizziert werden, die von großer Bedeutung für die Kindertagesbetreuung sind.

1. Demographische Entwicklung in Deutschland

Laut einer Prognose des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (Deschermeier 2016) wird von einer Bevölkerungszunahme von 81,2 Mio. Personen am Jahresende 2014 auf 83,9 Mio. im Jahr 2022 ausgegangen. Erst ab 2028 wird die Bevölkerung leicht bis auf 83,1 Mio. Menschen im Jahr 2035 schrumpfen. Der Grund für die erwartete Bevölkerungszunahme liegt in der Nettozuwanderung.

Da überwiegend junge Menschen zuwandern, ist davon auszugehen, dass in den nächsten Jahren die Zahl der Kleinkinder hoch bleiben wird. So wird es weiterhin eine große Nachfrage nach Betreuungsplätzen geben - vor allem für Kinder unter drei Jahren in den alten Bundesländern, da hier auch in den kommenden Jahren das Angebot niedriger als der Bedarf sein wird. Ähnliches gilt für die Nachfrage nach Ganztagsplätzen.

Beachtet man zusätzlich den Trend in der Arbeitswelt, dass immer mehr Mütter nach der Geburt eines Kindes so schnell wie möglich an ihren Arbeitsplatz zurückkehren und immer häufiger wieder Vollzeit arbeiten wollen, dann wird in den kommenden Jahren die Nachfrage nach Betreuungsplätzen bei weitem höher als das Angebot sein. Aufgrund des eklatanten Platzmangels wird es wohl kaum zu Verbesserungen der Rahmenbedingungen in Kitas kommen - wie z.B. zu einer Verkleinerung der Gruppengröße oder zu einer Reduzierung des Fachkraft-Kind-Schlüssels.

Bedingt durch den weiteren Ausbau des Kinderbetreuungssystems wird der Bedarf an pädagogischen Fachkräften und an Tagespflegepersonen stark zunehmen. Die Nachfrage wird noch dadurch verschärft werden, dass in den kommenden Jahren viele Erzieher/innen in Rente gehen werden, da das Kita-Personal - bundesweit gesehen - überaltert ist. Hinzu kommt, dass der Erzieherberuf an Attraktivität verloren hat, sodass sich die Zahl der Fachschulabsolvent/innen nur schwer steigern lässt. Zudem kam es 2016 erstmals zu einem Rückgang an Studienanfänger/innen in dem vor einigen Jahren eingeführten Studiengang Kindheitspädagogik, der ebenfalls die Möglichkeit einer Beschäftigung im Kita-Bereich eröffnet. So wird das Kinderbetreuungssystem auch in den kommenden Jahren unter Personalmangel leiden.

Wahrscheinlich wird es in Zukunft mehr Mitarbeiter/innen in Kitas geben, die andere Berufe erlernt haben und dann eine Umschulung zur Fachkraft durchlaufen haben. Ferner wird es immer mehr Kinderpfleger/innen bzw. Sozialassistent/innen und Erzieher/innen mit Migrationshintergrund geben - nicht nur aufgrund der Zuwanderung, sondern auch weil die Zugangsvoraussetzungen für die Ausbildung an einer Berufsfachschule relativ leicht erfüllt werden können und auch die Fachschulen mangels Alternativen zunehmend junge Menschen mit Migrationshintergrund aufnehmen werden.

2. Migration und ihre Folgen

Wenn laut der bereits erwähnten Prognose des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (Deschermeier 2016) zwischen 2014 bis 2035 insgesamt 7,9 Mio. Menschen nach Deutschland einwandern werden und es sich dabei überwiegend um jüngere Menschen handelt, die bald (weitere) Kinder zeugen werden, wird der Anteil der Kinder mit Migrationshintergrund an allen tagesbetreuten Kindern hoch bleiben oder sogar noch zunehmen. Im Jahr 2018 hatten bereits 30,4% aller drei- bis unter sechsjährigen Kinder in Kindertageseinrichtungen und Tagespflege mindestens einen Elternteil mit ausländischem Herkunftsland (Statistische Ämter des Bundes und der Länder 2019). Zu beachten ist, dass hier nur Kinder mit einem im Ausland geborenen Elternteil berücksichtigt wurden. Aber auch Kinder der dritten Generation - wenn also Großeltern zugewandert sind - haben oft noch einen besonderen migrationsbedingten Förderbedarf. Pädagog/innen definieren "Migrationshintergrund" deshalb umfassender als Statistiker/innen; und dann fallen bei weitem mehr Kleinkinder in diese Kategorie.

Auch in Zukunft werden die Anforderungen an die Sprachförderung von Kindern mit Migrationshintergrund groß bleiben oder noch wachsen, insbesondere wenn in einer Kita nur wenig deutsche Kinder als Sprachvorbilder zur Verfügung stehen oder wenn Fachkräfte die aufwändigere alltagsintegrierte Sprachförderung intensivieren müssen, weil sich reine Förderprogramme als nicht ausreichend erwiesen haben. Ein großer Teil dieser Kinder bedarf zudem einer Unterstützung im motivationalen, kognitiven und emotionalen Bereich, weil sie z.B. aus bildungsschwachen Familien stammen oder traumatische Erfahrungen vor bzw. während der Flucht gemacht haben. Zudem werden die Anforderungen an Fachkräfte und Tagespflegepersonen hinsichtlich der Inklusion, der vorurteilssensiblen Erziehung und der interkulturellen Bildung hoch bleiben oder sogar noch steigen.

Da zugewanderte Eltern aus immer mehr Ländern und damit aus ganz unterschiedlichen Kulturen stammen, wird auch die Elternarbeit aufgrund von Verständigungsproblemen, unterschiedlichen Werten und verschiedenen Erziehungsvorstellungen schwieriger werden. In vielen Fällen - insbesondere wenn zugewanderte Eltern kaum Deutsch sprechen - wird die Erziehungs- und Bildungspartnerschaft ein unerreichbares Ideal bleiben.

Zudem werden sich Fachkräfte immer wieder mit der Frage deutscher Eltern auseinander setzen müssen, ob ihre Kinder nicht benachteiligt werden, wenn Erzieher/innen - bei vielen Kinder mit Migrationshintergrund in ihren Gruppen - vor allem mit Sprachförderung beschäftigt sind und anspruchsvollere Bildungsangebote aufgrund der mangelnden Deutschkenntnisse eines Großteils der Kinder nicht möglich sind. Und wenn kirchliche Träger wegen der in den kommenden Jahren stark zurückgehenden Zahl von Kirchenmitgliedern mehr religiöse Bildung oder wenn konservative Eltern mehr Beschäftigung mit der deutschen Kultur einfordern sollten, zugewanderte Eltern aber das Christentum ablehnen und ihre Herkunftskulturen berücksichtigt haben wollen, werden Fachkräfte zwischen diese Fronten geraten...

Solche Positionen von Eltern und Trägern, vor allem aber die zunehmende Ausdifferenzierung und Segregation von Stadtteilen mit einer ähnlichen Bevölkerungsstruktur könnten den Trend verstärken, dass sich Kinder mit Migrationshintergrund in einzelnen Kitas ballen. So sprach 2015 schon in knapp 10% der westdeutschen Kindertageseinrichtungen über die Hälfte der Kinder zu Hause kein oder wenig Deutsch (Autorengruppe Bildungsberichterstattung 2016). Insgesamt mehr als ein Drittel der Kinder mit nicht deutscher Familiensprache besuchte Kitas, in denen die Mehrheit der anderen Kinder zu Hause ebenfalls wenig Deutsch spricht. In westdeutschen Großstädten trifft dies sogar auf mehr als die Hälfte dieser Kinder zu.

In solchen Einrichtungen stoßen Fachkräfte besonders schnell an ihre Grenzen. So besteht die Gefahr, dass diese zu "Rest"-Kitas "verkommen", in denen die Kinder nur verwahrt werden und dann mit schlechten Deutschkenntnissen an die Grundschule wechseln. Die Tagesstätten könnten aber auch zunehmend von Migrantenorganisationen übernommen werden, die hier ihre Religion, Kultur und Erziehungsvorstellungen einbringen wollen. So könnte es in naher Zukunft mehr muslimische oder orthodoxe Kindertageseinrichtungen geben, aber auch – zumindest in (Groß-) Städten – z.B. türkische, polnische, syrische oder rumänische Kitas.

3. Alterung der Gesellschaft

In den kommenden Jahren werden die geburtenstarken 1960er-Jahrgänge in Rente gehen. Dann werden die Ausgaben der Rentenversicherung steigen, etwas später auch diejenigen der Kranken- und Pflegeversicherung. Selbst wenn die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter dank der Zuwanderung zunächst gleich bleiben sollte, ist unklar, ob sie ein mit dem heutigen vergleichbares Steueraufkommen erwirtschaften werden, da z.B. viele Migrant/innen wegen mangelnder Sprachkenntnisse, unzureichender Schulbildung und einer oft fehlenden Berufsausbildung nur schlecht bezahlte Stellen finden dürften und somit wenig Steuern zahlen würden. Auch die Arbeitslosenquote wird relativ hoch bleiben, weil Langzeitarbeitslose aufgrund steigender Anforderungen immer schwerer eine Stelle finden werden. Da die derzeitige Hochkonjunktur schon überdurchschnittlich lange dauert, rechnen Wirtschaftswissenschaftler/innen außerdem damit, dass es bald wieder eine Rezession geben wird. Dann würden die Steuereinnahmen zurückgehen und gleichzeitig die Ausgaben der Arbeitslosenversicherung steigen.

Höhere Aufwendungen der Sozialversicherungen, niedrigere Einnahmen derselben und ein gleich bleibendes oder sinkendes Steueraufkommen werden in Verbindung mit der hohen Staatsverschuldung zu neuen Sparzwängen bei Bund, Ländern und Gemeinden führen. Dann wird die Situation in Kitas - z.B. hinsichtlich des Fachkraft-Kind-Schlüssels, der Gruppengröße, der Verfügungszeit, einer Freistellung der Kita-Leitung oder der Vorschriften zur Größe des Gruppenraumes und des Außengeländes je Kind - nicht mehr verbessert werden können. Derzeit gibt es aber noch finanzielle Spielräume...

4. Wirtschaftsentwicklung

In Zukunft wird die Wirtschaft immer mehr durch Forschung und Entwicklung, wissenschaftliche Erkenntnisse und neue Technologien geprägt werden. Der Bedarf an Arbeitnehmer/innen mit Qualifikationen im MINT-Bereich wird weiter zunehmen. Aber schon jetzt fehlen Fachkräfte - und laut der Prognos AG wird sich die Fachkräftelücke bis zum Jahr 2030 auf etwa 3 Mio. Menschen vergrößern.

So wird der Druck der Wirtschaft auf das Kinderbetreuungssystem zunehmen, Kinder noch intensiver in den Bildungsbereichen Mathematik, Naturwissenschaften, Technik und digitale Medien zu fördern. Ferner wird erwartet werden, dass Mädchen ganz gezielt angesprochen werden, da Frauen in MINT-Berufen unterrepräsentiert sind. So soll bei ihnen schon in der frühen Kindheit ein Interesse an naturwissenschaftlich-technischen Aktivitäten entwickelt werden. Als weitere Begabungsreserven gelten Kinder mit Migrationshintergrund und Kinder aus sozial schwachen Familien, wobei sich beide Zielgruppen oft überschneiden.

Wirtschaftsverbände und Betriebe werden vermutlich in den kommenden Jahren merken, dass kaufmännisches und unternehmerisches Denken in Kitas und Schulen kaum gefördert wird, obwohl unser Wohlstand von der ökonomischen Entwicklung abhängt. Sie werden dann fordern, dass die Bildungspläne um den Bildungsbereich "Wirtschaft" erweitert werden - und Kitas entsprechende Bildungsangebote und Projekte durchführen.

5. Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt

In den kommenden Jahren wird sich die Spaltung des Arbeitsmarktes vergrößern: Auf der einen Seite wird es hoch qualifizierte und gut verdienende Angestellte und Selbstständige geben (derzeit rund 45% der Erwerbstätigen). Auf der anderen Seite wird eine wachsende Anzahl von schlecht qualifizierten Beschäftigten stehen - auch aufgrund der Zuwanderung von Millionen Migrant/innen mit unzureichender Schulbildung und ohne anerkannte Berufsabschlüsse. Bei diesen Menschen ist mit stagnierenden oder sogar mit sinkenden Einkommen zu rechnen, da Stellen mit niedrigeren Anforderungen aufgrund der zunehmenden Digitalisierung und Automatisierung seltener werden und somit die Konkurrenz um sie größer sein wird.

Die Spaltung der Gesellschaft in Haushalte mit wachsendem Einkommen, in solche mit niedrigen Einkünften und in Haushalte von Langzeitarbeitslosen bzw. Hartz IV-Empfängern wird insbesondere in größeren Städten zu einer Segredierung der Quartiere führen. Diese Entwicklung wird sich mit dem Trend überschneiden, dass Zuwanderer mit ähnlichen Herkunftskulturen in die gleichen Stadtteile ziehen. Die räumliche Segregation von Bevölkerungsgruppen wird also zunehmen. Dementsprechend könnten sich Kitas entwickeln: Neben teuren Einrichtungen für die Elite - zumeist mit privaten Trägern - in den Villenvierteln könnte es mittelschichtsorientierte Kitas, eher christlich oder eher islamisch geprägte Einrichtungen sowie Tagesstätten geben, in denen sich Kinder mit einem bestimmten Migrationshintergrund bzw. aus armen Familien ballen...

In den kommenden Jahren werden immer mehr Menschen abends oder an Samstagen arbeiten müssen - im Jahr 2019 waren es bereits 18% bzw. 24% aller Erwerbstätigen. Darunter dürften auch viele Eltern mit Kleinkindern sein. So wird der Druck auf Kindertageseinrichtungen und Tagespflegestellen zunehmen, eine Betreuung außerhalb der üblichen Zeiten anzubieten. Dementsprechend fördert das Bundesfamilienministerium bereits seit Januar 2016 im Rahmen des Programms "KitaPlus: Weil gute Betreuung keine Frage der Uhrzeit ist" erweiterte Betreuungszeiten in Kitas, Horten und in der Kindertagespflege, um Eltern eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu ermöglichen.

Vollzeiterwerbstätige und insbesondere regelmäßig am Abend arbeitende Eltern werden seltener zu Elternveranstaltungen in die Kita kommen. Viele Eltern sind nach einem stressigen Arbeitstag zu müde oder ziehen Freizeitangebote, sportliche Betätigungen, Events oder neue Medien einem Elternabend vor. So werden die Teilnehmerzahlen weiter zurückgehen. Zudem wird es immer schwieriger werden, als für ein Kind zuständige Fachkraft mit dessen Eltern eine Erziehungspartnerschaft einzugehen, da sich die für den Beziehungsaufbau so wichtigen Tür- und Angelgespräche aufgrund langer bzw. flexibler Öffnungszeiten oder wegen der Schicht- bzw. Teilzeitarbeit der Erzieher/in seltener ergeben. So wird sich Elternarbeit zunehmend auf einige wenige Termingespräche beschränken, sofern nicht mehr von Telefon bzw. Smartphone oder von den neuen Medien Gebrauch gemacht wird.

6. Trends im Familienleben und in der Kindheit

In den letzten Jahren sind die Mieten bzw. die Kosten für Wohneigentum insbesondere in den Ballungsräumen stark gestiegen und werden wohl weiter zunehmen. Aber auch Wohnnebenkosten, PKW-Kosten bzw. Ausgaben für den öffentlichen Nahverkehr, Lebenshaltungskosten, Steuern und Sozialversicherungsbeiträge dürften in der nahen Zukunft steigen. Um die benötigten Mittel aufbringen zu können, werden nahezu alle Menschen im erwerbsfähigen Alter berufstätig sein müssen. Dies wird auch für junge Mütter gelten. Im Jahr 2018 waren bereits 42% der Mütter bei einem Kind im Alter von einem Jahr und 61% bei einem zweijährigen Kind erwerbsstätig.

Wenn berufstätige Eltern aufgrund der gestiegenen Anforderungen ausgepowert nach Hause kommen und dann oft noch weiterarbeiten müssen oder wenn sie abends und an Wochenenden arbeiten müssen, werden sie wenig Zeit für die Pflege der Paarbeziehung und gemeinsame Freizeitaktivitäten haben. Entfremdung, Stress und Konflikte werden die Partnerbeziehungen labil werden lassen, und so wird es häufig zu Trennung, Scheidung und Alleinerzieherschaft kommen. Viele Väter werden getrennt von ihren Kindern leben.

Eltern werden aufgrund der längeren Arbeitszeiten auch weniger Zeit für ihre Kinder und deren Erziehung haben. So müssen sie diese immer früher und immer länger von pädagogischen Fachkräften und Tagespflegepersonen betreuen lassen, die somit zunehmend deren Sozialisation, Erziehung und Bildung übernehmen. Dementsprechend wird die Bedeutung der Familienerziehung sinken.

Erzieher/innen werden somit für Kleinkinder immer wichtigere Bezugspersonen werden. Aufgrund der langen Kita-Öffnungszeiten werden sie aber zunehmend Schicht arbeiten müssen und immer häufiger alleine in ihren Gruppen sein, wenn dort nur wenige Kinder anwesend sind und sich deshalb eine Zweitkraft nicht finanzieren lässt. Zudem wird es in den Randzeiten vermehrt "Auffanggruppen" geben, in denen Kinder aus verschiedenen Regelgruppen zusammengeführt werden.

Kleinkinder werden somit während ihrer flexibel gestalteten Betreuungszeit in der Regel von mehreren Personen betreut werden. Dies dürfte das Entstehen von Bindungen bzw. von engen Beziehungen erschweren, aber auch das Erfassen, Beurteilen und Fördern der kindlichen Entwicklung seitens der Fachkräfte. Die Fachkräfte müssen sich also häufiger als früher über einzelne Kinder austauschen (insbesondere vor Elterngesprächen). Dies gilt erst recht für offen arbeitende Kitas, wo alle Erzieher/innen jedes Kind kennen müssen und für seine Erziehung bzw. Bildung zuständig sind, wenn es sich in ihrem aktuellen Zuständigkeitsbereich - z.B. in einem Funktionsraum - aufhält.

Es ist mehr als fraglich, ob Fachkräfte unter den derzeitigen Rahmenbedingungen einen immer größer werdenden Anteil an der Sozialisation, Erziehung und Bildung von Kleinkindern übernehmen und gleichzeitig deren Bedürfnissen nach Sicherheit, Geborgenheit, Zuwendung, Bindung, Wertschätzung, Selbstverwirklichung usw. entsprechen können. Hinzu kommt, dass sie sich verstärkt mit Aufgaben wie z.B. Beobachtung und Dokumentation, Integration und Inklusion, Erfassen von Kindeswohlgefährdung und Beratung von Eltern befassen sowie intensiver mit Schulen, Jugendämtern, Beratungsstellen und anderen Institutionen kooperieren sollen. So wird eher weniger Zeit für das einzelne Kind bleiben...

Fazit

Abschließend ist festzuhalten, dass die schon jetzt bestehende Diskrepanz zwischen den Funktionen und Aufgaben von Erzieher/innen und Tagespflegepersonen auf der einen Seite und den Rahmen- bzw. Arbeitsbedingungen auf der anderen Seite in den kommenden Jahren noch größer werden wird. Es wird für die Fachkräfte immer schwieriger werden, noch mehr Verantwortung für die Betreuung, Erziehung und Bildung der ihnen anvertrauten Kleinkinder zu übernehmen, ihr Wohl zu gewährleisten und mit ihren Eltern intensiv zusammenzuarbeiten. Bund, Länder und Kommunen - aber auch die Trägerverbände - müssen sich der wachsenden Bedeutung des Kinderbetreuungssystems bewusst werden, mehr Mittel zur Verfügung stellen, die Rahmenbedingungen verbessern, die Fachkräfte und Tagespflegepersonen angemessen unterstützen und generell für eine bessere Qualität der frühkindlichen Bildung sorgen.

Anmerkung

Dieser Artikel wurde Ende 2021 gekürzt und aktualisiert.

Literatur

Autorengruppe Bildungsberichterstattung (Hrsg.): Bildung in Deutschland 2016. Ein indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse zu Bildung und Migration. Bielefeld: Bertelsmann 2016

Deschermeier, P.: Einfluss der Zuwanderung auf die demografische Entwicklung in Deutschland. Vorabversion aus: IW-Trends, 43. Jg. Nr. 2. Köln: Institut der deutschen Wirtschaft 2016

Fünfter Bericht zur Evaluation des Kinderförderungsgesetzes. Bericht der Bundesregierung 2015 über den Stand des Ausbaus der Kindertagesbetreuung für Kinder unter drei Jahren für das Berichtsjahr 2014 und Bilanzierung des Ausbaus durch das Kinderförderungsgesetz. Berlin: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2015

Statistische Ämter des Bundes und der Länder: Kindertagesbetreuung regional 2018. Ein Vergleich aller Kreise in Deutschland. Wiesbaden: Statistisches Bundesamt 2019

Autor

Dr. Martin R. Textor studierte Pädagogik, Beratung und Sozialarbeit an den Universitäten Würzburg, Albany, N.Y., und Kapstadt. Er arbeitete 20 Jahre lang als wissenschaftlicher Angestellter am Staatsinstitut für Frühpädagogik in München. Von 2006 bis 2018 leitete er zusammen mit seiner Frau das Institut für Pädagogik und Zukunftsforschung (IPZF) in Würzburg. Er ist Autor bzw. Herausgeber von 45 Büchern und hat 770 Fachartikel in Zeitschriften und im Internet veröffentlicht.
Homepage: https://www.ipzf.de
Autobiographie unter http://www.martin-textor.de