Zitiervorschlag

Die PISA-Studie und das Thema Bildung im Elementarbereich

Hans-Joachim Rohnke

 

Für den Elementarbereich hat die durch die internationale PISA- und die nationale PISA-E-Studie ausgelöste Diskussion mindestens zwei Effekte:

  1. Im Sog der allgemeinen und öffentlich geführten Debatte um bessere Fördermöglichkeiten für die Optimierung der Leistungen von Schulkindern zielt der ratsuchende Blick der Verantwortlichen u.a. auch in Richtung Kindertagesstätten. Insbesondere die Frage nach Möglichkeiten der Erhöhung frühkindlicher Lesekompetenz ist dabei von vorrangiger Bedeutung (vgl. Baumert u.a. 1998, S. 38ff ). Sie wird als Schlüsselkompetenz für alle nachfolgenden Bildungsbemühungen angesehen.
  2. Neben der zu fördernden Lesekompetenz tauchen allgemeine Forderungen nach verstärkter Hinführung zu systematischem Lernen und die Wiedereinführung von Rahmenplänen in Kindergärten auf. Daneben erfährt gleichermaßen ganz allgemein das Thema frühzeitige Bildung und Wissenserwerb verstärkte Aufmerksamkeit und ist in jüngster Zeit in vielen Medien zu einem bevorzugt bedienten Dauerbrenner avanciert.

Für Beschäftigte aus dem Elementarbereich ergeben sich hieraus Chancen und Risiken, die diese mit wachen Sinnen begleiten sollten:

Was aber ist zu tun, wie kann der öffentliche Diskurs geführt werden, um zeitgemäße Pädagogik umzusetzen, d.h. dem gesetzlichen Auftrag entsprechend die Kinder auf dem Weg zu "Eigenverantwortlichkeit und Gemeinschaftsfähigkeit" (§§ 1 und 22 KJHG) zu begleiten und zu unterstützen?

Zu Hilfe kommen uns aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse der Entwicklungspsychologie (vgl. Schäfer 2001, S. 5) und der Hirnforschung: Zusammengefasst stellen diese Forschungsdisziplinen fest, dass das Lernvermögen und -bedürfnis des Kleinkindes nicht vereinbar sind mit Absichten der Belehrung und der gezielten Beeinflussung durch andere Personen. Nachhaltiges Lernen, also die Aneignung von über das Kurzzeitgedächtnis hinauszielenden Lerninhalten, geschieht demgegenüber über die konkrete Bedürftigkeit/ Bedarfslage des Individuums (vgl. Singer 2002, S. 56 ff.). Ein Kind lernt das, was es für sein weiteres Fortkommen braucht, was in seiner persönlichen und exemplarischen Lebenssituation vonnöten und hilfreich - also entwicklungsfördernd - ist. Die hierbei erworbenen Kenntnisse und das hierbei entstehende Wissen bleiben im Gedächtnis haften, bieten Anknüpfungspunkte für den Erwerb weiteren Wissens und bilden schließlich die Grundlage für jenes Handlungsrepertoire, das dem Kind gewissermaßen als "Werkzeugkasten" für die Bewältigung alltäglicher und zukünftiger Lebenssituationen zur Verfügung steht.

Zwei Bedingungen sind dabei besonders förderlich: erstens Umwelten, die Material und Informationen für das jeweils geöffnete Entwicklungsfenster bieten, und zweitens die Möglichkeit, damit - unter Einbeziehung möglichst vieler Sinne - agieren zu können.

Vor diesem Hintergrund ist Bildung vor allem Selbstbildung, selbständige und -tätige Aneigung und Auseinandersetzung mit der sich um Personen und Dinge ausweitenden und öffnenden Welt, die dem Kind immer neue Anreize und Informationen für seine subjektiv zu bildenden Konstruktionen seines Weltverständnisses schafft. Besonders hilfreich sind ihm dabei die sog. Ko-Konstruktionen (vgl. Völkel 2002, S. 163 ff), die es gemeinsam mit anderen Kindern schafft. Kinder sind in dieser Betrachtungsweise für einander besonders geeignete Spiel- und Lernpartner und unersetzlich im Prozess der Weltaneignung und des Kompetenzerwerbs.

Wie aber gestaltet sich in diesem modernen Verständnis von Bildung/ Erziehung die Rolle des Erziehungspersonals? Welche Handlungs- und Verhaltensweisen machen Sinn und erscheinen angemessen?

Die Antworten gehen in die folgende Richtung:

Einige darüber hinausgehende Anregungen

All dies zu gewährleisten bedeutet, Mut und Entschlossenheit im politischen Raum zu entwickeln, um die dringend nötigen Reformen gegen vielfach entwickelte Sonder- und Lobbyinteressen durchzusetzen. Die Bewertung des Sozial-, Erziehungs- und Bildungsbereichs als "soziales Gedöns" ist hier nicht die Wertschätzung, die schlecht motivierten Pädagog/innen jenen "Ruck" verleiht, den der ehemalige Bundespräsident Herzog im Gegenzug eindringlich angemahnt hat. Elementarpädagog/innen werden sich daher zukünftig auch weiterhin für den Erhalt und die Entwicklung fachlicher Qualität vor allem eigenständig und kraftvoll mit ihren Berufs- und Interessensorganisationen einsetzen müssen. Ich glaube, dass die Zeit günstig ist, es wirkungsvoll zu tun. Und sie müssen es immer wieder tun, frei nach dem Motto: Tue Gutes und rede darüber! Es ist in gewisser Weise natürlich Sysiphosarbeit. Erzieher/innen sollten selbstbewusst in der Offensive, selbstkritisch und innovative Agierende bleiben. Es hat viele gute und richtungsweisende Entwicklungen im Elementarbereich in den letzten Jahren und Jahrzehnten (z.B. Situationsansatz, Reggio-Pädagogik und Offene Arbeit) gegeben. Lassen Sie sich nicht einschüchtern von schnell erzeugten Konzepten, deren Wirksamkeit unerprobt ist; verlangen Sie fundierte wissenschaftliche Begründungen und empirisch begründete Auskünfte über Ursachen und angebliche Wirkungszusammenhänge. Wir brauchen viel mehr wissenschaftliche Forschung und Absicherungen bei der allzu raschen Einführung von gut gemeinten, aber dennoch möglicherweise fragwürdigen Schnellschussmaßnahmen. Wir haben nicht die Zeit, die alten Fehler zu wiederholen.

Ich wünsche Ihnen Kraft, einen klaren Kopf und viel Erfolg bei der Arbeit an den spannenden und reizvollen Aufgaben, die vor uns liegen.

PS: "Die meisten Dinge scheitern daran, dass sie nicht zu Ende gedacht werden!", Alfred Herrhausen.

Literatur

Baumert u.a., OECD PISA 2000, MPIB, Zusammenfassung zentraler Befunde, Berlin 2001

Delphi-Studie, Prognos, Infratest, Burke, 1998

Elschenbroich, D., Weltwissen der Siebenjährigen, München 2001

Laewen, H.-J., Bildung und Erziehung in Kindertageseinrichtungen, in: Laewen, Andres (Hg.), Bildung und Erziehung in der frühen Kindheit, Berlin 2002

Schäfer, E., Vorlesungsskript: Einführung in die Pädagogik der Frühen Kindheit, Köln 2001

Singer, W.; Der Beobachter im Gehirn, Essays zur Hirnforschung, Frankfurt am Main 2002

Spiegel Special, Nr. 3, Hamburg 2002

Völkel, P., Geteilte Bedeutung - Soziale Konstruktion, in: Laewen, Andres (Hg.) Bildung und Erziehung in der frühen Kindheit, Berlin 2002

Anmerkung

Beitrag anlässlich der bildungspolitischen Konferenz des DGB Bezirk-West, Rheinland-Pfalz am 12.09.02 im Erbacher-Hof, Mainz.

Autor

Hans-Joachim Rohnke
Dipl.-Päd. & Dipl.-Sup., DGSv
Beratung * Training * Supervision
Frankfurter Str. 3
36355 Grebenhain
Mobil: 0172/6561204
Email: hjrohnke@t-online.de



In: Martin R. Textor/Antje Bostelmann (Hrsg.): Das Kita-Handbuch.

https://www.kindergartenpaedagogik.de/fachartikel/kita-politik/bildungspolitik/848/