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Zitiervorschlag

Bundesprogramm „Sprach-Kitas“

Autor*innen: Csaba Kurucz, Elisabeth Resa, Katharina Kluczniok, Yvonne Anders, Hans-Günther Roßbach


Vorbemerkung zur Einordung des Bundesprogramms „Sprach-Kitas“
Das Bundesprogramm „Sprach-Kitas“ richtet sich seit 2016 vor allem an Einrichtungen, die von einem überdurchschnittlichen Anteil von Kindern mit sprachlichem Förderbedarf besucht werden und die sich zumeist an sozialen Brennpunkten befinden. Aktuell werden deutschlandweit rund 6.500 Kitas gefördert. Damit ist etwa jede zehnte Kita eine Sprach-Kita. Im Rahmen des Aktionsprogramms „Aufholen nach Corona“ wird das Bundesprogramm bis Ende 2022 um 100 Millionen Euro aufgestockt. Weitere Informationen finden Sie unter https://sprach-kitas.fruehe-chancen.de/.

 

1. Können Sie uns Ihre Eindrücke zum Bundesprogramm „Sprach-Kitas“ beschreiben, zum Beispiel welche Erfolge erzielt werden konnten?

Das Bundesprogramm „Sprach-Kitas: Weil Sprache der Schlüssel zur Welt ist“ zählt zu den größten bundesweiten Initiativen zur Qualitätsverbesserung der frühkindlichen Bildung und Betreuung und hat damit eine beachtliche Reichweite. Es setzt an aktuell besonders bedeutsamen Handlungsfeldern an: alltagsintegrierte sprachliche Bildung, inklusive Pädagogik und Zusammenarbeit mit Familien. Hiermit wird der Tatsache Rechnung getragen, dass Deutschland zu den Ländern gehört, in denen die soziale und kulturelle Herkunft von Kindern einen vergleichsweisen starken Einfluss auf ihre Entwicklung und ihre schulischen Karrieren hat. Hierdurch kommt dem frühkindlichen Bildungs- und Betreuungssystem eine entscheidende Rolle zu, um Kinder so früh wie möglich zu fördern und Benachteiligungen auszugleichen. Im Bundesprogramm wird in erster Linie das Ziel verfolgt, die professionellen Kompetenzen der frühpädagogischen Fachkräfte in den Sprach-Kitas in Bezug auf die drei Handlungsfelder des Programms zu erweitern, um so die Qualität der pädagogischen Praxis in diesen Bereichen zu erhöhen.

In der programmbegleitenden Evaluationsstudie werden vier Untersuchungsebenen betrachtet, um Bedingungen eines gelingenden, nachhaltigen Transfers der Programminhalte in die Kita-Praxis, die Familien und das regional-lokale Kita-System identifizieren zu können: die Ebene der zusätzlichen Fachberatungen, der Träger, der Kitas und Fachkräfte sowie der Familien. Nach mittlerweile über vierjähriger Laufzeit des Bundesprogramms lassen sich auf all diesen Ebenen Erfolge des Bundesprogramms konstatieren. Einen guten Überblick über die Erkenntnisse der Evaluation sowie die Erfolge des Bundesprogramms geben die Policy Briefs der Evaluation. Hervorheben möchten wir vor allem die Befunde zur pädagogischen Qualität in den Kitas, in der Zusammenarbeit mit den Familien sowie die Ausstrahlung, die das Bundesprogramm auf das gesamte System der institutionellen Kindertagesbetreuung hat.

Die im Rahmen der Evaluation durchgeführten Qualitätsbeobachtungen zeigten in einigen der durch das Bundesprogramm in den Fokus genommenen Qualitätsbereiche eine erfreuliche hohe Qualität. So ließ sich z. B. für die Unterstützung der Sprache und Kommunikation durch die Fachkräfte sowie die sprachbezogene Raumgestaltung der Kitas im Beobachtungszeitraum eine hohe Qualität nachweisen. Weiterhin bestätigen Analysen der Daten zur Qualität der pädagogischen Prozesse in den Kitas und zur Qualität der Zusammenarbeit mit Familien, dass die Weiterentwicklung pädagogischer Kompetenzen einen erfolgreichen Ansatz zur Qualitätsverbesserung darstellt.

Es konnte aufgezeigt werden, dass verschiedene Kompetenzfacetten in einem positiven Zusammenhang zu den drei Handlungsfeldern des Bundesprogramms stehen. Während das Wissen, die multikulturellen Überzeugungen[1] sowie die inklusive Selbstwirksamkeitserwartung[2] der Programmteilnehmenden insbesondere für das Handlungsfeld „Zusammenarbeit mit Familien“ und „Inklusive Pädagogik“ bedeutsam erscheinen, haben die sprachpädagogischen Überzeugungen[3] eher Relevanz für die Interaktionen zwischen Fachkräften und Kindern sowie für die kultursensible Raumgestaltung. Vor dem Hintergrund dieser Ergebnisse ist hervorzuheben, dass sich über alle programmbeteiligten Fachkräfte hinweg signifikante Wissenszuwächse im zeitlichen Verlauf des Bundesprogramms zeigten.

Die Analysen zeigen, dass neben den professionellen Kompetenzen der Fachkräfte auch zentrale Umsetzungsaspekte des Bundesprogramms positiv mit der pädagogischen Qualität in den Einrichtungen zusammenhängen. So weisen Sprach-Kitas, in denen häufiger Qualitätsrunden zur Qualifizierung des Teams durch die zusätzliche Fachkraft (ggf. in Kooperation mit der Leitung) durchgeführt werden, eine bessere pädagogische Qualität auf. Die zusätzliche Fachkraft trägt aber auch außerhalb der Qualitätsrunden durch die sprachanregende Unterstützung sowie qualitativ hochwertige Beratung des Kita-Teams zu einer in verschiedenen Bereichen besseren pädagogischer Qualität der Kita sowie sogar zu einer besseren häuslichen Anregungsqualität im sprachlichen und schriftsprachlichen Bereich bei.

Über die unmittelbaren Effekte in den Kitas, die das Bundesprogramm gut implementiert haben, kann davon ausgegangen werden, dass das Bundesprogramms auch Ausstrahlung auf das gesamte System der Kindertagesbetreuung hat. Die Handlungsfelder des Bundesprogramms werden durch ein so groß angelegtes Programm stark in die öffentliche und politische Diskussion eingebracht. Weil die im Bundesprogramm beschäftigten Fachkräfte bei Weiterbeschäftigung in anderen Kindertageseinrichtungen die erworbenen Kompetenzen dort in ihre Arbeit einbringen können, ist die Professionalisierung von Fachkräften in den Sprach-Kitas auch eine langfristige Investition ins gesamte System der Kindertagesbetreuung. Die Erfahrungen, die aus dem Bundesprogramm in Bezug auf die Implementierung von Qualitätsentwicklungsprozessen in Kitas gewonnen werden konnten, sind zudem auch für die zukünftige Politik und Steuerung im Bereich der institutionellen Kindertagesbetreuung äußerst wertvoll.

2. Wo sehen Sie gegebenenfalls noch weitere Verbesserungsbedarfe?

Das Bundesprogramm „Sprach-Kitas“ hat Perspektiven aufgezeigt, um insbesondere Kindertageseinrichtungen in sozialräumlich benachteiligten Gebieten zu unterstützen und so früh wie möglich alle Kinder bestmöglich zu fördern. Nichtsdestotrotz wurden im Rahmen der Evaluation auch Bedarfe deutlich, die es in der Verlängerungsphase des Bundesprogramms aufzugreifen gilt. Folgende Aspekte möchten wir in diesem Zusammenhang hervorheben.

Das Bundesprogramm verfolgt primär das Ziel, die professionellen Kompetenzen der frühpädagogischen Fachkräfte in den drei Handlungsfeldern (alltagsintegrierte sprachliche Bildung, inklusive Pädagogik, Zusammenarbeit mit Familien) zu erweitern, um darüber die pädagogische Qualität in den Einrichtungen zu verbessern. Dies setzt einen Wissensvorsprung der zusätzlichen Fachberatung gegenüber den zu beratenden Kita-Tandems voraus. Wir konnten eine hohe Diversität der Ausgangsqualifikationen aller Programmbeteiligten feststellen. So war circa die Hälfte der von uns befragten zusätzlichen Fachberatungen bereits in unterschiedlichen Funktionen an dem Bundesprogramm „Schwerpunkt-Kitas: Sprache & Integration“ beteiligt. Durch die Teilnahme konnten spezifische Kompetenzen – wie beispielsweise Wissen zur alltagsintegrierten sprachlichen Bildung – aufgebaut werden.

Auf der anderen Seite gab es allerdings auch Fachberatungen, die ganz neu in das Bundesprogramm eingestiegen sind und Einrichtungsverbünde weiterqualifizieren, die sich schon seit langem mit den Themen des Bundesprogramms beschäftigen. Aufgrund der Größe des Programms (bundesweit ist circa jede 10. Kita eine Sprach-Kita) und der Personalfluktuation im Feld ist es nicht leicht, immer eine Passung der programmspezifischen Vorerfahrungen von zusätzlicher Fachberatung und den Kita-Tandems ihres Verbundes zu gewährleisten. Entsprechend braucht es Strategien, wie die Verbünde kontinuierlich fachlich unterstützt und Verluste durch Personalwechsel vermieden werden können.

Wie wichtig die Weitergabe professioneller Kompetenzen ist, wurde auch im Rahmen der Kitabeobachtungen zur Prozessqualität deutlich. So fördern die fachlichen Voraussetzungen der frühpädagogischen Fachkräfte sowie die Wissensbestände der Einrichtungsleitungen die pädagogische Prozessqualität. Die Professionalisierung der Fachkräfte sollte daher in Zukunft noch stärker fokussiert werden. Qualitätsbereiche, in denen Verbesserungsbedarf besteht wie z. B. bei der kultursensiblen Raumgestaltung, könnten durch fachliche Unterstützung sowie Fort- bzw. Weiterbildungsangebote angestoßen werden. Es wäre wünschenswert, wenn perspektivisch das Prinzip „zusätzliche Fachkraft“ in die Breite getragen und inhaltlich ausgeweitet (Stichwort Qualitätsentwicklung) und in jeder Einrichtung in Deutschland angeboten würde.

Um eine nachhaltige Qualitätsentwicklung in der Fläche sicherzustellen, sind auch die Träger gefragt. Obzwar die Evaluationsergebnisse auf eine überwiegend positive Umsetzung des Bundesprogramms auf Trägerebene hinweisen, fehlt auf dieser Ebene bis dato ein systematisches Personalentwicklungsmodell, welches ein (bedarfsorientiertes) Fortbildungskonzept zur fachlichen Unterstützung der Einrichtungen enthält. Verpflichtende Fort- und Weiterbildungsangebote könnten eine nachhaltige Implementierung der Handlungsfelder des Bundesprogramms bewirken und dadurch eine nachhaltige Qualitätsentwicklung im Kita-System als Ganzes anstoßen. Die Träger ermitteln bereits Fortbildungsbedarfe und unterstützen generell Fortbildungen. Perspektivisch sollten darauf aufbauend alle Träger weitere Ressourcen wie Zeitkontingente oder spezifische Anreizsystems zur Fortbildungsmotivation der Fachkräfte zur Verfügung stellen.

3. Im Bundesprogramm heißt es: „Die Kita-Teams werden durch zusätzliche Fachkräfte mit Expertise im Bereich sprachliche Bildung verstärkt, die direkt in der Kita tätig sind. Diese beraten, begleiten und unterstützen die Kita-Teams bei der Weiterentwicklung der alltagsintegrierten sprachlichen Bildung. Zusätzlich finanziert das Programm eine zusätzliche Fachberatung, die kontinuierlich und prozessbegleitend die Qualitätsentwicklung in den Sprach-Kitas unterstützt.“

Können Sie uns einige Beispiele aus der Praxis nennen, wie die zusätzlichen Fachkräfte und Fachberater/innen in den Kitas eingesetzt wurden?

Zunächst einmal möchten wir die im Rahmen des Bundesprogramms für die zusätzlichen Fachberatungen und zusätzlichen Fachkräfte vorgesehenen Aufgaben etwas detaillierter darstellen. Nachfolgend gibt jeweils ein konkretes Beispiel aus der Praxis sowie eine genauere Vorstellung der Tätigkeiten dieser beiden Akteursgruppen im Bundesprogramm.

Die zusätzliche Fachberatung begleitet den Qualitätsentwicklungsprozess in den Sprach-Kitas auf unterschiedliche Weise. Zum einen qualifiziert sie in Arbeitskreisen die sogenannten Tandems, bestehend aus der Kita-Leitung und der zusätzlichen Fachkraft der Kitas, in den Handlungsfeldern des Bundesprogramms. Neben der fachlichen Qualifizierung sind auch die Koordination externer Fortbildungen, die Organisation eines fachlichen Austauschs zwischen den Kitas sowie die Förderung von Teambildungsprozessen relevante Tätigkeitsfelder der zusätzlichen Fachberatungen. Arbeitet eine zusätzliche Fachberatung mit zusätzlichen Fachkräften, die neu im Bundesprogramm sind, so unterstützt sie diese beispielsweise bei der Findung und Ausgestaltung ihrer Rolle. Dabei geht es auch darum, wie die Zusammenarbeit zwischen zusätzlicher Fachkraft und Leitung gestaltet werden kann. Darüber hinaus gibt die zusätzliche Fachberatung den Tandems auch konkrete Methoden zur Qualifizierung des Teams in den Handlungsfeldern des Bundesprogramms an die Hand.

Während die direkte pädagogische Arbeit mit den Kindern von Seiten der zusätzlichen Fachkraft nur exemplarisch bzw. modellhaft erfolgt, besteht der Schwerpunkt ihrer Arbeit in der Beratung, Begleitung, fachlichen Unterstützung und Fortbildung des Teams. Zudem ist die zusätzliche Fachkraft gemeinsam mit der Kita-Leitung als Tandem dafür verantwortlich, die Einrichtungskonzeption im Hinblick auf die Handlungsfelder weiterzuentwickeln. Zu Beginn der Arbeit mit einer Kita geht es häufig zunächst einmal darum, auf wertschätzende Art und Weise eine Bestandsaufnahme in Hinblick auf die Handlungsfelder des Bundesprogramms zu machen: Was gelingt schon gut? Wo fühlen sich die Fachkräfte noch unsicher? Durch die spezifischen Rahmenbedingungen jeder Kita ist eine individuell auf die Einrichtung abgestimmte Ausgestaltung der Beratungs- und Qualifizierungstätigkeit zentral. Eine herausfordernde Aufgabe der zusätzlichen Fachkräfte ist ferner, nicht nur theoretisches Wissen beispielsweise zur alltagsintegrierten sprachlichen Bildung in die Kitas zu tragen, sondern dieses in ganz konkrete Handlungskompetenz im pädagogischen Alltag umzuwandeln.

Die Fachkräfte sollen dazu befähigt werden, alltägliche Situationen als bildungsrelevant zu erkennen und aus einem Repertoire von Methoden eine für diese Situation geeignete auszuwählen und anzuwenden. Beispiele für konkrete Methoden für die Praxis im Bereich der Handlungsfelder des Bundesprogramms finden sich auch im Praxisordner. Dieser basiert auf in einzelnen Kitas durchgeführten Fallstudien, bei denen innovative Formen der Umsetzung des Bundesprogramms im pädagogischen Alltag beobachtet und dann in Handlungsempfehlungen und -beispiele für die frühpädagogische Praxis abgeleitet wurden. Eine Methode der zusätzlichen Fachkräfte, um die Reflexion der Fachkräfte bezüglich ihres sprachlichen Interaktionsverhaltens mit den Kindern anzuregen, ist beispielsweise das Videofeedback. Dabei kann die zusätzliche Fachkraft anhand von Videosequenzen mit den Fachkräften gemeinsam Gesprächssituationen aus dem Kita-Alltag reflektieren. Das erleichtert es den Fachkräften, die Anregungen der zusätzlichen Fachkraft auf ihre eigene Arbeit mit den Kindern zu übertragen.

4. In einem Zeitungsartikel aus der Welt, vom 01.12.2020 mit dem Titel „Deutsch lernen in der Sprach-Kita – eine halbe Stelle für 81 Kinder“, schreibt die Politik-Redakteurin Sabine Menkens „Jedes fünfte Kita-Kind wächst in einem Haushalt auf, in dem nicht Deutsch gesprochen wird – Tendenz steigend. Ein 900 Millionen Euro teures Förderprogramm der Bundesregierung soll das ändern. Doch nur wenige Kinder profitieren davon.“

Stimmt Ihrer Meinung nach diese Aussage? Welche Kinder profitieren von dieser Maßnahme und welche nicht?

Die Bildungskarrieren von Kindern aus sozial benachteiligten Familien entwickeln sich in der Regel nach wie vor ungünstiger als von Kindern aus privilegierten Familien. Kinder nichtdeutscher Familiensprache sind besonders von Risikolagen betroffen. Eine wesentliche Ursache für die ungünstigere Entwicklung wird in den weniger weit elaborierten Deutschsprachkenntnissen dieser Kinder gesehen. Damit Herkunft nicht Zukunft bestimmt und sich Deutschland dem Ideal von Chancengerechtigkeit annähert, ist noch ein langer Weg zu gehen.

In erster Linie sind die Bundesländer für den Bereich der Kindertagesbetreuung zuständig. Angeregt durch die Bundesprogramme „Schwerpunkt-Kitas: Sprache & Integration“ und „Sprach-Kitas“ haben aber mittlerweile alle Bundesländer die alltagsintegrierte sprachliche Bildung in ihren Bildungsplänen und teilweise mit eigenen Programmen aufgegriffen. Das Bundesprogramm „Sprach-Kitas“ setzt in Sozialräumen an, in denen ein erhöhter Bedarf an sprachlicher Bildung besteht. Es richtet sich damit nicht an einzelne Kinder und ist damit kein Förderprogramm. Vielmehr kann die zusätzliche Fachkraft einen Qualitätsentwicklungsprozess vorantreiben, sodass die generelle sprachbezogene Qualität steigt. Alltagsintegrierte sprachliche Bildung richtet sich explizit an alle Kinder. Kinder mit festgestelltem Sprachförderbedarf benötigen darüber hinaus zusätzliche Förderangebote.

Zunächst ist es wichtig zu betonen, dass das Bundesprogramm vor dem Hintergrund des Handlungsfeldes „inklusive Pädagogik“ einen wertschätzenden Umgang mit sprachlich-kultureller Diversität in den Einrichtungen anstrebt. Kinder sollen nicht davon abgehalten werden, ihre Familiensprachen zu gebrauchen. Vielmehr sollen die unterschiedlichen Familiensprachen der Kinder Eingang in den Kita-Alltag finden (z. B. über ein mehrsprachiges Willkommensschild im Eingangsbereich), da die Wertschätzung der Familiensprachen einen wichtigen Beitrag zur Persönlichkeits- und Identitätsentwicklung leistet.

Ein kultursensibler Umgang mit Familien mit Migrationshintergrund ist der Schlüssel für eine erfolgreiche Erziehungs- und Bildungspartnerschaft, über die auch Einfluss auf die familiäre Sprachförderung im Deutschen genommen werden kann. Die Beherrschung der Verkehrs- und Bildungssprache Deutsch ist essentiell für die gesellschaftliche Teilhabe und den Bildungserfolg. Im Rahmen des Bundesprogramms wird daher bundesweit in jeder zehnten Kita ein besonderer Fokus auf die Entwicklung der sprachlichen Kompetenzen der Kinder gelegt, indem in den Einrichtungen die alltagsintegrierte sprachliche Bildungsarbeit kontinuierlich weiterentwickelt wird. Das Bundesprogramm „Sprach-Kitas“ zählt damit zu den größten bundesweiten Initiativen zur Qualitätsverbesserung der frühkindlichen Bildung und Betreuung. Das Konzept der alltagsintegrierten sprachlichen Bildung erweitert den Blick auf Sprache, da es sich situationsorientiert an den Bedürfnissen und Interessen explizit aller Kinder orientiert. Fachkräfte werden professionell angeleitet, adäquate sprachliche Anregungen für den beiläufigen und spielerischen Kompetenzerwerb von Kindern zur Verfügung zu stellen. Forschungsbefunde zur alltagsintegrierten sprachlichen Bildung weisen auf positive Effekte auf die sprachliche Entwicklung von Kindern im Deutschen hin.

Ein Großteil der Sprach-Kitas liegt in sozialräumlich benachteiligten Gebieten und zeichnet sich durch einen überdurchschnittlich hohen Anteil von Kindern mit besonderem Bedarf an sprachlicher Bildung aus. Das Bundesprogramm hat somit seine Zielgruppe erreicht und fördert verstärkt diejenigen Einrichtungen, die generell vor großen Herausforderungen im frühpädagogischen Alltag und in der sprachlichen Bildungsarbeit stehen. Um die Folgen der Pandemie abzufedern, stellt das Bundesfamilienministerium im Rahmen des Aktionsprogramms „Aufholen nach Corona“ weitere 100 Millionen Euro zur Verfügung. Bis Ende 2022 können damit weitere 1.000 zusätzliche Fachkräfte in Sprach-Kitas gefördert werden.

In der Evaluation zeigte sich, dass die Qualität in der sprachlichen Bildung und in der sprachanregenden Raumgestaltung hoch ausfiel. Dieser sehr ermutigende Befund lässt darauf schließen, dass in den Sprach-Kitas sehr viele Kinder von der sprachlichen Bildungsarbeit der Fachkräfte profitieren können. Darüber hinaus fördern die fachlichen Voraussetzungen der Fachkräfte und die Wissensbestände der Einrichtungsleitungen – als zentrale Programmumsetzungsvariablen – die pädagogische Prozessqualität. Letztere hat sich in diversen Studien als entscheidend für zu erwartende Bildungserfolge bei Kindern erwiesen.

Ein weiteres Indiz, das für die Bedeutung des Bundesprogramms für die sprachliche Entwicklung der Kinder in den Sprach-Kitas spricht, wurde mit Blick auf die Familien ersichtlich: So tragen zusätzliche Fachkräfte und Einrichtungsleitungen ihr Wissen in die Kita-Teams, die es wiederum in der Zusammenarbeit mit den Familien in Form von bedarfsorientierten Angeboten überführen, die von den Familien entsprechend auch angenommen werden. Neben dem Wissen spielen auch die Überzeugungen und motivationalen Orientierungen des Kita-Tandems eine wichtige Rolle für die Zusammenarbeit mit Familien. Je höher dabei die Beratungsqualität der zusätzlichen Fachkraft vom Kita-Team eingeschätzt wird, desto höher fallen sowohl sprachliche als auch schriftsprachbezogene Anregungen in den Familien aus. Die positiven Wirkungsmechanismen des Bundesprogramms reichen somit bis zu den Familien und Kindern. Nationale und internationale Forschungsbefunde untermauern die Bedeutung einer engen Zusammenarbeit zwischen Familie und Kita, um förderliche Effekte in der sprachlichen Entwicklung der Kinder sicherzustellen.

Gleichwohl muss an dieser Stelle angemerkt werden, dass nach wie vor viele Familien mit Migrationshintergrund ihre Kinder erst deutlich später in Kitas anmelden als Familien ohne Migrationshintergrund. Dadurch wird eine wichtige Phase der kindlichen Entwicklung, in der die Kita eine unterstützende Funktion in der sprachlichen Bildungsarbeit leisten könnte, nicht erschöpfend genutzt. Ferner kann gerade für zugewanderte Familien eine frühe und positive Beziehung zur Kita die gesellschaftliche Integration erleichtern. Hier gilt es Hürden beim Übergang in die institutionelle Kindertagesbetreuung zu überwinden und mehr Aufklärungsarbeit zu leisten, so wie es beispielsweise das Bundesprogramm „Kita-Einstieg“ indiziert. Letztlich kann das frühkindliche Bildungs- und Erziehungssystem nur durch eine umfassend qualitativ hochwertige Kindertagesbetreuung Kindern – unabhängig von ihrer soziokulturellen Herkunft – eine sprachanregende Um- bzw. Mitwelt ermöglichen und Benachteiligungen frühestmöglich ausgleichen.

Endnote

[1] Multikulturelle Überzeugungen beschreiben, wie sehr frühpädagogische Fachkräfte auf verschiedene Kulturen einzugehen versuchen und kulturelle Unterschiede als Ressource betrachten.  

[2] Unter inklusiver Selbstwirksamkeitserwartung versteht man das subjektive Vertrauen, Anforderungssituationen mit Kindern und Familien unterschiedlichen soziokulturellen Hintergrundes erfolgreich bewältigen zu können.  

[3] Sprachpädagogische Überzeugungen sind Überzeugungen in Bezug auf kindliche Sprachentwicklung und sprachpädagogische Arbeit in der Kita.