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Zitiervorschlag

Lernen in Bewegung. Bewegungsförderung und -erziehung in der frühkindlichen Bildung

Nadine Madeira Firmino

 

Einleitung

Bewegung und Spiel sind primäre Aktivitäten in der frühen Kindheit und daher eine zentrale Aufgabe frühkindlicher Erziehungs- und Bildungsaktivitäten, wie sich auch aus den Bildungsplänen der Bundesländer ergibt.

Für das folgende Interview befragten wir Prof. Dr. Nadine Madeira Firmino, die als Professorin für Kindheitspädagogik an der Fachhochschule Bielefeld tätig ist.

 

Welche Bedeutung haben elementare Spiel- und Bewegungserfahrungen in der frühkindlichen Bildung?

Es ist ein Grundbedürfnis jedes Kindes sich zu bewegen. Bewegung hat ein entwicklungsförderndes Potenzial, welches sich insbesondere in den ersten Lebensjahren u.a. positiv auf den Spracherwerb auswirken kann. Über Bewegung und im Spiel kommen Kinder mit anderen in Kontakt und können an gemeinsamen Aktivitäten teilhaben. Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper bildet im Verbund mit neugierigem Interesse und Erkundungs-bereitschaft die Basis für die Exploration der sozialen und materialen Umwelt. Das Kind ist von Geburt an fähig zur Bildung von Theorien über seine Umwelt, die es durch das eigene Handeln überprüft, verwirft, bestätigt und verändert. Somit stellen Bewegungsaktivitäten für Kinder einen Rahmen dar, in dem Spielanlässe geschaffen, Dialoge angebahnt und Interaktionen aufgebaut werden können.

Renate Zimmer hat schon vor vielen Jahren die Bedeutung von Bewegungserfahrungen für die frühe Kindheit aufgezeigt. Es geht dabei nicht nur um den Zuwachs an motorischen Kompetenzen oder die Stärkung gesundheitlicher Faktoren – Kinder interessieren sich herzlich wenig dafür, dass sie beim „Fischer, Fischer wie tief ist das Wasser“-Spiel zusätzlich ihr Herz-Kreislauf-System aktivieren. Anders als der Großteil vieler Erwachsener, bewegen sich Kinder aus Spaß und Freude an der Sache! Erfahrungen, die Kinder im bewegten Spiel machen, gehen über rein körperlich-motorische Prozesse hinaus. Über Erlebnisse von Können und Nicht-Können in Bewegungssituationen entwickelt sich ihr Selbst. So erfahren sie durch  Bewegungsangebote, dass sie selbst imstande sind, etwas zu leisten und bauen somit ein positives Selbstkonzept auf! Zudem wird die kognitive Entwicklung durch Wahrnehmungs- und Bewegungserfahrungen im Spiel beeinflusst. Indem Kinder mit verschiedenen Materialien umgehen, bauen sie gedankliche Konzepte auf und kommen schnell(er) in Kontakt mit anderen Kindern.

Welche Folgen kann Bewegungsmangel für die kindliche Entwicklung haben?

Die Gestaltung der Spiel- und Bewegungswelten von Kindern hat sich in den letzten Jahrzehnten im Zuge des gesellschaftlichen Wandels enorm verändert. Der kindliche Bewegungsalltag ist vermehrt geprägt durch eine Funktionalisierung des öffentlichen Raums. Während in den letzten Jahren noch Spiele wie Gummitwist, Hüpfekästchen, Räuber & Gendarme die Kindheit dominierten, werben heute Computerspiele und Smartphones um die Gunst der Kinder. Die daraus entstehenden Folgen des Bewegungsmangels sind in vielen Bereichen sichtbar: Übergewicht, Haltungsprobleme, Wahrnehmungsbeeinträchtigungen. Besonders in den ersten sechs Lebensjahren vollziehen sich grundlegende Entwicklungsprozesse, die die Basis des späteren Lernerfolgs bilden.

Ein unvorhersehbares Kapitel im Wandel kindlicher Bewegungswelten, welches wir in diesem Kontext nicht ausblenden dürfen, ist die COVID-19-Pandemie. Die Frage nach Bewegungsmangel lässt sich (leider) exemplarisch aktuell an den Konsequenzen der Lockdownphasen auf Kindebene gut darstellen. Der Lockdown kann als sogenannter Kohorteneffekt auf die Kinder betrachtet werden, als ein epochal-normiertes Ereignis, das Auswirkungen auf die motorischen Entwicklungsaufgaben (z.B. das Erlernen der Schwimmfähigkeit) hat, die im Vergleich zu früheren Generationen verzögert erreicht werden. 

So zeigen erste Studienergebnisse beispielsweise, dass Kinder heutzutage später (manchen Autoren sprechen von bis zu 1,5 Jahren) schwimmen lernen. Es geht nicht nur darum, dass durch die beiden Lockdownphasen Schwimmbäder geschlossen waren, sondern auch, dass es an Infrastruktur mangelt, die das nahtlose Aufholen ermöglicht. Über mehrere Monate gab es außerhalb der Familie keine Möglichkeiten für Kinder, Bewegung mit sozialer Begegnung zu verbinden. Wie dargestellt, werden in der Kindheit nicht nur die Grundsteine für koordinative und konditionelle Fertigkeiten gelegt, sondern besonders die Kompetenzen, die auch über das rein motorische Können hinausgehen – z.B. Aufbaue sozialer Kompetenzen über Bewegung, erworben.

Auch wenn häufig die Digitalisierung als Gegner der Bewegung  betrachtet wird, zeigen aktuelle Forschungsergebnisse, das  Bildschirm- und Bewegungszeiten nicht, wie oftmals angenommen, im Widerspruch zueinander stehen. Zwar haben Kinder in beiden Lockdownphasen einerseits mehr Zeit vor Fernseher, PC und Handy verbracht und weniger organisierten Sport betrieben – sich andererseits insgesamt aber mehr bewegt, als in ihrem regulären Alltag.

Leider verdeutlicht dieses Beispiel aber auch wieder die Abhängigkeit von der Infrastruktur und dem sozioökonomischen Status der Familie – es macht einen Unterschied, ob ich in einem Mehrfamilienhaus oder im Reihenhaus mit Garten aufwachse. Insbesondere in Gebieten mit dichter Siedlungsstruktur sollte es daher genügend Bewegungsflächen für Kinder geben. Studien verdeutlichen, dass die motorische Leistungsfähigkeit zwischen 1975 und 2006 um etwa 10 % zurückgegangen ist. Zwar können wir, vor der COVID-19-Pandemie, insgesamt eine leichte Zunahme des organisierten Sporttreibens von 2003 bis 2017 feststellen, aber ein Großteil der Kinder in Deutschland bewegt sich nicht ausreichend (Freispiel, unorganisiertes Sporttreiben).

Zahlreiche Studien belegen, dass weiterhin zwischen dem sozioökonomische Status und der (motorischen) Entwicklung von Kindern und Jugendlichen ein enger Zusammenhang besteht. Die gerade bei Kindern zu beobachtende soziale Ungleichheit in Sport und Bewegung hat in seiner Wirkung zugenommen. Materielle Voraussetzungen wie Wohnungsgröße, der Zugang zu einem Garten und die Verfügbarkeit von Sportmaterialien, aber auch elterlicher Einfluss und elterliche Bewegungsanregung werden umso entscheidender, wenn alle anderen Sportmöglichkeiten entfallen. Daher ist auch für die Kita wichtig, sich nicht nur auf strukturierte Bewegungsangebote im Sinne der wöchentlichen Turnstunde zu konzentrieren, sondern mehr Bewegung in den Alltag zu integrieren.

Wie können Erzieher:innen die Bewegungserziehung im pädagogischen Alltag intensivieren?

Neben der Familie, nimmt die Kita eine tragende Rolle im Prozess der Bewegungssozialisation in der frühen Kindheit ein. Tageseinrichtungen für Kinder stellen daher wichtige Unterstützungssysteme für Familien dar und können niedrigschwellig in und durch Bewegung für Bewegung sensibilisieren und motivieren. Bewegung sollte wie gesagt nicht nur isoliert in dafür vorgesehenen Räumen umgesetzt werden, sondern als Medium im Alltag gelebt werden. Dies geschieht häufig schon unbewusst, indem Bewegungsrituale im Morgenkreis eine große Rolle spielen, aber auch der bewusste Einsatz von Bewegung im Rahmen der alltagsintegrierten Sprachbildung oder im Zusammenhang mit Ernährung könnten an mehr Bedeutung gewinnen. Leider zeigen sich sowohl für das Ernährungs- als auch Bewegungsverhalten verschiedene Prävalenzmuster in Abhängigkeit von Geschlecht, Migrationshintergrund und familiärem Wohlstand. Einen gesunden Lebensstil zu etablieren stellt eine der größten Herausforderungen für die Kita dar. Der Einbezug der Eltern ist unerlässlich, um insbesondere körperlich aktives Verhalten nachhaltig und langfristig auch in den familiären Alltag der Kinder zu überführen.

Der Diskurs rund um das Thema Bewegung in Kitas speist sich somit wie schon wie oben erwähnt aus dem gesellschaftlichen Wandel, der mit Veränderungen u.a. in den sozialen und räumlichen Strukturen der Bewegungswelten von Kindern einhergeht. Ziel pädagogischen Handelns sollte es sein Bewegung nicht im Sinne von reiner sportlicher Betätigung zu betrachten, sondern als eigenaktiven Lerngegenstand und als Medium der motorischen Entwicklung, welcher im Zusammenhang mit Kognition und sozial-emotionalen Kompetenzen steht. Um Kindern Bewegungsspielräume zu eröffne, sollten pädagogische Fachkräfte die gesamte Umgebung so bewegungsfreundlich gestalten, dass alle Kinder ihren Bewegungsdrang entsprechend ihrer individuellen Kompetenzen nachkommen können.

Dazu gehört auch zu schauen, an welchen Stellen die Bewegungsmöglichkeiten von Kindern im Kitaalltag eingeschränkt werden, zum Beispiel durch übervorsichtige Reaktionen, rein vorgefertigtes Material, eingeschränkte Bewegungszeiten und fehlende Erfahrungsmöglichkeiten im Außengelände. Durch das Bereitstellen von Alltagsmaterialien werden die Phantasie und das Spielverhalten der Kinder angeregt. In oftmals banal wirkende Situationen steckt so viel Potenzial für kognitiv anregende Momente durch Bewegung. Kinder benötigen Begleiter*innen, die auf ihre individuellen Bewegungsinteressen und Fähigkeiten eingehen und mit weiteren Herausforderungen – im Sinne der nächsten Stufe der Entwicklung- verknüpfen.

In der frühkindlichen Entwicklung spielt die Körperwahrnehmung durch Bewegungserfahrungen eine große Rolle. Dies verweist auf den Bereich der Psychomotorik. Können Sie uns kurz erläutern, warum die Psychomotorik so wichtig für Kinder ist?

Das Ziel psychomotorischer Angebote ist es über Bewegung und Spiel in Kontakt zu kommen, Beziehung aufzubauen und sich zusammen mit anderen auf den Weg zu machen. Ein Hauptanliegen der psychomotorischen Arbeit in Kindertageseinrichtungen ist der Aufbau eines positiven Selbstkonzeptes und das Ermöglichen von Selbstwirksamkeitserfahrungen. Über Körpererfahrungen erleben Kinder, dass sie selber etwas bewirken können. In der spielerischen Auseinandersetzung mit Materialien und anderen Kindern rufen sie eine Wirkung hervor und führen diese auf sich selbst zurück. Das Ergebnis ihrer Handlung  verbinden sie mit der eigenen Anstrengung und so entsteht ein erstes Konzept eigener Fähigkeiten.

Im Gegensatz zu klassischen Bewegungsangeboten verfolgt die Psychomotorik das Prinzip der Entwicklungsorientierung. Dabei wird auf interindividuellen Vergleich verzichtet, sondern der aktueller Stand der Entwicklung des Kindes als Ausgangspunkt genommen. In einer Zeit in der Kinder heutzutage in häufig funktionsgebundene und von Erwachsenen bestimmte Räume leben und vor dem Hintergrund pandemiebedingter Veränderungen, treten auch für die Psychomotorik neue Fragen auf: Welchen Einfluss nimmt das Tragen von Masken auf das didaktische Handeln im Kontext von psychomotorischen Angeboten von pädagogischen Fachkräften? Beeinflusst die im Lockdown vermittelte Angst vor physischem Kontakt - Social distancing - das Bewegungs- und Spielverhalten von Kindern? Diesen Fragestellungen mit einer ganzheitlichen, körperorientierten und vom Kind ausgehenden Haltung zu begegnen zählt m.E. nach zu den neuen Herausforderungen der psychomotorischen Arbeit in Kitas.