Zitiervorschlag

Muss Lernen Spaß machen? Überlegungen zur Literacy-Erziehung

Barbara Perras

 

Im Umgang mit der Schule sollte diese Frage eher vorsichtig gestellt werden: Zu leicht wird Freude am Lernen mit der Oberflächlichkeit unserer Spaß- und Fun-Gesellschaft verwechselt.

Lernen kann keinen Spaß machen - der Ernst des Lebens beginnt mit dem 1. Schultag!

Damit die Kinder für den Übertritt in die Grundschule optimal vorbereitet sind, sollen sie die Ernsthaftigkeit des Lernens möglichst früh erleben. Gelernt wird somit im Kindergarten üblicherweise im Stuhlkreis und mit Vorschulblättern.

Rund 11 Millionen Bits an Informationen stürmen über die Sinnesorgane pro Sekunde auf ein Kind ein. Ins Bewusstsein gelangen rund 20 Bits; bei großer Engagiertheit können es auch bis zu 100 Bits sein. Wie kann ich als Erzieherin sicherstellen, dass dem Kind die "richtigen Bits" bewusst werden? Kann ich dem Kind vermitteln, was mir wichtig ist, und es damit "auf das Leben vorbereiten"?

JA! In Situationen polarisierter Aufmerksamkeit (nach Maria Montessori) oder bei Flow-Erlebnissen nach Mihaly Csikszentmihaly ist diese Entwicklung der Kinder möglich. Nur finden diese traumhaften Lernsituationen kaum unter Anleitung statt: Die Kinder lernen dabei ähnlich wie Erwachsene für ihr Hobby. Sie erleben intrinsische Motivation und erwerben Fähigkeiten und Wissen um der Sache selbst - also ohne Belohnung von außen.

Sie lernen ohne Angst. Auch Kritik erzeugt Angst. Schulisches Lernen findet häufig unter Druck statt. Der emotionale Kontext, in dem die Einspeicherung von Wissen geschieht, hat einen modulierenden Einfluss auf die spätere Erinnerungsleistung. Entwicklungsgeschichtlich gab es Lernsituationen, wo Angst (= Flucht) das Überleben sicherte. "Inhalte, die im Mandelkern gespeichert sind, führen damit bei ihrem Abruf automatisch zu körperlichen Reaktionen des Angstaffekts. Diese Angst verändert nicht nur den Körper in Richtung auf (wie die Amerikaner so schön und kurz sagen) 'flight or fight', sondern auch den Geist. Kommt der Löwe von links, läuft man nach rechts. Wer in dieser Situation lange fackelt, kreative Problemlösungsstrategien entwirft oder gar die Dinge erst einmal auf sich wirken lässt, lebt nicht lange" (Spitzer 2006, S. 81).

Dagegen sagen Aktivitäten in anderen Hirnregionen - je nachdem in welchem emotionalen Kontext gelernt wurde - ein späteres Erinnern vorher. Erfolgreiches Einspeichern in neutralem Kontext aktiviert den frontalen Kortex. "Bearbeitet die Versuchsperson neutrale Inhalte in einem positiven emotionalen Zustand, dann bleiben diese nicht nur am besten im Gedächtnis, sondern werden ganz offensichtlich in einer Region eingespeichert, in der das Lernen bekannterweise im Normalfall erfolgt: im Hippocampus" (Spitzer 2006, S. 80).

Angst verhindert Kreativität. Ohne Angst sind die Gedanken weiter, offener und freier. Lernen bedeutet Können im Sinne von Kompetenzerwerb und nicht auswendig gelerntes Buchwissen. Wenn Erzieher/innen und Lehrer/innen das Lernen verstehen wollen, müssen sie versuchen, das Gehirn zu verstehen. Wir müssen uns mit Gehirnforschung befassen!

Die wichtigsten Grundsätze hat Manfred Spitzer 2006 in seinem Buch "Nervenkitzel" zusammengefasst:

Das neue Bild vom Kind

Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für die Literacy-Erziehung im Kindergarten?

Sprache, Lese- und Schreibverständnis sind keine vorgezogenen Lerninhalte der Grundschule! Kindliches Interesse in den jeweiligen sensiblen Phasen oder Entwicklungsfenstern werden aufgegriffen und unterstützt. Dabei wird den Kindern mehr als bisher der Umgang mit Schrift und Buchstaben ermöglicht. In einer vorbereiteten Umgebung erfahren sie, dass Dinge nicht nur einen Namen haben, sondern auch, wie dieser geschrieben wird.

Das neue Bild vom Kind erwartet von den Einrichtungen die Vermittlung von Kompetenzen in Ko-Konstruktion. Das bedeutet, Erzieher/innen und Kinder lernen gemeinsam. Sie bilden Lerngemeinschaften mit partizipierenden Mitgliedern, in denen jeder einmal die Führung übernehmen und eigenes Wissen einbringen kann.

Medien werden verstärkt in den Alltag eingebunden. Den Kindern wird - soweit möglich - eigenständiger Zugang gewährt. Althergebrachte Literatur wie Märchen, Reime, Fingerspiele und Abzählverse - aber vor allem Bilderbücher - werden wieder verstärkt eingesetzt und den Kindern für den freien Umgang untereinander zur Verfügung gestellt. Dem Freispiel, dem Rollenspiel und der Eigentätigkeit der Kinder wird große Bedeutung zugemessen. Gezielte Beobachtungen belegen die Lerninhalte der selbst gewählten Tätigkeiten und den Entwicklungsverlauf der Kinder.

Leere Wortbedeutungen wie z.B. Wochentage werden visualisiert, z.B. mit Mond für Montag bis Saturn für Samstag ("Saturday") und Sonne für Sonntag. Auch die Schöpfungsgeschichte kann den 1. bis 7. Wochentag veranschaulichen und zudem den religiösen Bildungsauftrag alltäglich erfüllen. Der 1. Tag - "Es wurde Licht" - heißt Montag usw. Gleichzeitig entwickeln die Kinder bei der fortlaufenden Einteilung ein Gefühl für eine Woche mit ihren sieben Tagen... (als mathematische Bündelung).

Kommoden mit Schubladen für jeden Buchstaben ermöglichen den Kindern die Auseinandersetzung mit Sprache. Wörter können darin nach An- oder Endlauten sortiert werden; auch kleine passende Gegenstände á la Montessori finden in den Schüben Platz. In selbst gemachten Adventskalendern erscheinen Bilder von A bis Z, oder die Buchstaben ersetzen die Zahlen für die Tage - wir könnten auch mit Buchstaben abzählen und rechnen (B-A=A)! Buchstaben sind wie Ziffern nur Symbole - wir geben ihnen die Bedeutung.

Phonologische Bewusstheit wird bereits in vielen Kindergärten gefördert. Programme sollten jedoch vermehrt an den Bedürfnissen der Kinder orientiert werden und die Ergebnisse mittels wissenschaftlicher Testverfahren geprüft werden. Die Zeit der Kinder ist zu wichtig, um mittels vorgefertigter Inhalte nur abgefüllt zu werden!

Der Ausbau von Sprache und Literacy in den Kindertageseinrichtungen ist nach den neuesten Erkenntnissen der Gehirnforschung altersgemäßes und lustbetontes Lernen. Maria Montessori hat bereits vor 100 Jahren versucht, uns mit ihren eher einfachen medizinischen Methoden und Möglichkeiten zu beweisen, dass frühes Lernen nötig und möglich ist und die Kinder dabei nicht "verschult" werden. Es geht nicht darum, was gelernt wird, sondern wie gelernt wird, denn dies bestimmt darüber, ob das Erlernte später angewendet werden kann oder nicht. Bis diese Erkenntnisse allgemein in unserer Gesellschaft Anerkennung finden werden, wird es wohl noch einige Zeit dauern...

"Noch einmal: Unser Gehirn lernt immer. Sorgen wir dafür, dass dieses Lernen in einer positiven emotionalen Umgebung stattfindet, denn nur dann - so die Gehirnforschung - werden unsere Kinder in 30 Jahren in der Lage sein, das Gelernte nicht nur herzubeten, sondern es zur Lebensgestaltung und Problemlösung aktiv zu nutzen!
Ein Letztes: Ob die Welt rund oder flach ist und im Mittelpunkt steht oder nicht, wurde vor einigen hundert Jahren noch politisch diskutiert, und wer die falsche (oder, wie sich herausstellte, die richtige) Meinung vertrat, riskierte sein Leben. Heute sind diese Meinungen durch Antworten aus der Wissenschaft ersetzt, und weil dies so war, betraten Menschen den Mond und fotografierten Jupitermonde aus der Nähe. Wir haben heute Grund zur Hoffnung, dass wir in Hinblick auf das Lernen schaffen, was wir in der Astronomie vor Jahrhunderten geschafft haben" (Spitzer 2006, S. 82).

Literatur

Brügelmann, Hans (Hrsg.): Kinder lernen anders. Lengwil am Bodensee 1998

Csikszentmihaly, Mihaly: Flow - Das Geheimnis des Glücks. Stuttgart 2004

Spitzer, Manfred: Nervenkitzel - Neue Geschichten vom Gehirn. Frankfurt am Main 2006

Autorin

Barbara Perras, Erzieherin, Motopädagogin. Seit 1. Okt. 2008 Sprachberaterin beim Bayerischen Landesverband Evangelischer Tageseinrichtungen und Tagespflege für Kinder e.V.



In: Martin R. Textor/Antje Bostelmann (Hrsg.): Das Kita-Handbuch.

https://www.kindergartenpaedagogik.de/fachartikel/bildungsbereiche-erziehungsfelder/kognitive-bildung/1952