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Zitiervorschlag

Fäustling.

Achtsamkeitsbasierte Förderung sozial-emotionaler Kompetenzen von 2-6-Jährigen in Kinderkrippen und -gärten

Dr. Andreas Schick

 

Während zur Förderung sozial-emotionaler Kompetenzen in Kindergärten und Schulen inzwischen ein breites Spektrum entsprechender Programme vorliegt (u. a. das Faustlos-Curricu­lum), fühlen sich Erziehungskräfte, die mit Krippenkindern arbeiten, diesbezüglich häufig allein gelassen. Mit „Fäustling“ wird diese Lücke nun geschlossen. Erziehungskräften in Kinderkrippen wird mit „Fäustling“ ein innovatives Frühförderprogramm zur Verfügung gestellt, dass – dem wissenschaftlichen Standard entsprechend – sowohl didaktische Materialien (Manual, Bilderbuch, Fingerpuppen) als auch eine qualifizierende Fortbildung für Erziehungskräfte umfasst. Mit „Fäustling“ werden die drei Kompetenzbereiche „Achtsamkeit“, „emotionale Kompetenz“ und „soziale Kompetenz“ von 2-6-jährigen Kindern in Krippen gefördert. Die drei Kompetenzbereiche sind in 30 Wochenprojekte aufgeteilt. Pro Woche wird jeweils ein Thema in den Mittelpunkt gestellt, das anhand einer Reihe didaktischer, lern- und entwicklungspsychologisch begründeter Zugangswege erarbeitet wird. Die Durchführung ist nicht an eine feste Reihenfolge gebunden, das Programm sollte jedoch mit den ersten acht Wochenprojekten zum Thema „Achtsamkeit“ begonnen werden, die die Basis von „Fäustling“ bilden.

Achtsamkeit

Das Thema „Achtsamkeit“ hält schon seit einiger Zeit Einzug in die pädagogische Psychologie und die Kindererziehung (vgl. Altner, 2009; Kaiser Greenland, 2011; Siegel & Payne Bryson, 2015). Dabei liegt der Fokus einerseits auf dem achtsamen Umgang der Erwachsenen mit den Kindern, andererseits auf der Förderung der Achtsamkeit der Kinder selbst. Achtsamkeit ist letztlich eine Haltung, die im Verhalten ihren Niederschlag findet und lässt sich beschreiben als „Wahrnehmung ohne Bewertung“ oder als „Konzentration auf den Augenblick“ (Burkhard, 2011). Entscheidend ist hierbei nach Altner (2012b) die Qualität der Aufmerksamkeit. „Wenn diese im gegenwärtigen Moment präsent ist, interessiert, zugewandt und akzeptierend oder wertschätzend, lässt sich von Achtsamkeit sprechen“ (S. 10). Letztlich geht es darum, Bewertungen zurückzustellen, „und möglichst unvoreingenommen all das akzeptierend sein zu lassen, was sich in uns und um uns regt“ (Altner, 2012a, S. 21). Kennzeichnend für Achtsamkeit ist zudem eine „Präsenz im Augenblick und Verbundenheit mit dem eigenen Erleben“ (Anderssen-Reuster, 2012, S. 45). Kaiser Greenland (2011) beschreibt Achtsamkeit als „Spiegel dessen, was im gegenwärtigen Augenblick geschieht“ (S. 12). Im Kern ist Achtsamkeit eine Art von Aufmerksamkeit, die absichtsvoll und nicht wertend ist, sich auf das Hier und Jetzt bezieht und von einer grundsätzlichen Wertschätzung getragen ist.

Achtsamkeit scheint verschiedenste positive Effekte zu haben. So führt diese spezielle Art der Aufmerksamkeit beispielsweise zu einer Kohärenz bzw. Synchronisation im Gehirn, was sich nach Hüther (2012) darin äußert, dass die Aktivierungsmuster von Hirnstamm, Mittelhirn und Kortex gerichtet schwingen. Eine bewusst achtsame Kommunikation mit Kindern unterstützt zudem eine Integration der „logisch-linguistischen“ linken Gehirnhälfte und der „emotional-holistisch nonverbalen“ rechten Gehirnhälfte (vgl. Siegel & Payne Bryson, 2015). Wird Achtsamkeit geübt bzw. ausgeübt, so mindert dies Stress und fördert die körperliche und geistige Gesundheit (Altner, 2012). Auf der Förderung von Achtsamkeit beruhende Verfahren werden nicht zuletzt deshalb immer häufiger auch zur Behandlung psychisch und körperlich erkrankter Menschen eingesetzt. Zahlreiche Studien belegen, dass Achtsamkeits-basierte Ansätze wie die „Mindfulness-based Stress Reduction“ (MBSR) von Jon Kabat-Zinn (Kabat-Zinn, 2013) oder die Mindfulness-based Cognitive Therapy (MBCT) verschiedenste positive Auswirkungen auf die Gesundheit, das Stresserleben, das Immunsystem und das Wohlbefinden haben. „Es gilt als unbestritten, dass die Ausübung von Achtsamkeit ... Fähigkeiten wie Konzentration, Entscheidungsfreude, positive Gestimmtheit, Mitgefühl und geistige Flexibilität stärkt“ (Altner, 2012b, S. 11).

Achtsamkeit, mit seiner Qualität der offenen Wahrnehmung ohne Bewertung, kommt dem kindlichen Im-Moment-Sein sehr nahe. Kinder verkörpern somit bereits einen wesentlichen Aspekt von Achtsamkeit und können diesen schon sehr früh leben. Dies geschieht jedoch in der Regel unbewusst. Achtsamkeit ist letztlich also ein angeborenes Potential, eine Qualität, die die meisten Menschen im Laufe des Lebens gleichsam verlernen, wenn sie nicht bewusst gemacht bzw. bewusst gefördert wird. Achtsamkeits-basierte Förderansätze für Kinder dienen somit weniger dem Erlernen neuer Kompetenzen als vielmehr der Förderung, dem Erhalt und der Bewusstmachung und Übung bereits vorhandener bzw. angelegter Kompetenzen. Wenn man Achtsamkeit als Erwachsener übt und lernt, so kann dies folgerichtig als ein Wiedererlernen bzw. als ein Erinnern an eine kindliche Qualität von Offenheit, absichtsvoller Zugewandtheit und Präsenz im Moment betrachtet werden.

Förderung von Achtsamkeit bei Kindern

Will man die Achtsamkeit von Kindern fördern, dann bieten sich als kindgerechte Zugangswege vor allem folgende „Portale“ an:

  • Körper und physikalische Umwelt
  • Gefühle
  • Beziehungen

Während wir uns als Erwachsene meist schon an unseren Körper gewöhnt haben, sind Kinder in ihren ersten Lebensjahren noch sehr damit beschäftigt, mit ihrem Körper zu experimentieren und ihn kennenzulernen. Mit ihrem Körper begreifen und erfahren sie die Welt, und mit ihrem Körper drücken sie sich aus. Im Laufe der Entwicklung werden sie mehr und mehr vertraut mit ihrem Körper. Diese Entwicklung kann dadurch unterstützt werden, dass Kinder dazu eingeladen werden, den Körper ganz bewusst wahrzunehmen. Erwachsenen werden hierfür z. B. Entspannungsmethoden wie Körperreisen oder Autogenes Training angeboten, bei denen mit der Aufmerksamkeit sukzessive durch den Körper gewandert wird. Dies verbessert, wenn man es regelmäßig macht, das Gespür für den Körper, und steigert letztlich die Präsenz und das Gewahrsein im Hier und Jetzt. Unterstützt man Kinder dabei, sich ihres Körpers nicht nur dann bewusst zu werden, wenn er schmerzt, wenn er Hunger hat usw., sondern auch dann, wenn er sich nicht von selbst bemerkbar macht, so fördert das ebenfalls deren Achtsamkeit und Sensibilität, und insbesondere die Aufmerksamkeit für die Gegenwart, denn der eigene Körper ist – anders als z. B. die Gedanken – immer im Hier und Jetzt.

Die bewusste Wahrnehmung des Körpers führt fast zwangsläufig dazu, auch auf die damit einhergehenden Gefühle, Empfindungen und Stimmungen zu achten. Eine achtsame Haltung gegenüber Gefühlen beinhaltet, diesen mit einer geöffneten Wahrnehmung und ohne Bewertung zu begegnen, mit einem forschenden Interesse nach Innen zu lauschen und so einen Raum zu schaffen, „in dem Gefühle entstehen, sich äußern und wieder vergehen können“ (Altner, 2009, S. 67). Letztlich geht es darum, die Gefühle, den Körper und die Welt mit allen Sinnen wahrzunehmen. Zu be-greifen, zu er-fühlen, zu er-hören, zu schmecken und zu riechen, und Gefühle – auf kreative Art und Weise – zum Ausdruck zu bringen. Dieser Prozess wird dadurch unterstützt, dass wir im Außen zur Ruhe kommen und vom „Haben“ mehr und mehr zum „Sein“ gelangen. Anders ausgedrückt: Wir dürfen uns vom human doing wieder hin zum human being entwickeln!

Aus einer solchermaßen achtsamen „Seins-Haltung“ heraus können auch Beziehungen bzw. andere Personen betrachtet und erfahren werden. Auf diese Weise kann die Perspektive anderer ohne Bewertung, quasi „sachlich“, betrachtet, beschrieben und nachvollzogen werden. Situationen und Personen auf präsente, wertfreie und achtsame Art wahrzunehmen, ist ein erster wertvoller Schritt dahin, andere „Welten“ und andere Personen wirklich kennenzulernen und deren Verhalten auch emotional nachvollziehen zu können. Die entsprechende Haltung liegt deshalb z. B. auch Ansätzen wie der Gewaltfreien Kommunikation (Rosenberg, 2010; Rust, 2007) oder dem hawaiianischen Vergebungsritual Ho'oponopono (Duprée, 2011) zugrunde.

Fäustling: Konzeption und Inhalte

Fäustling wurde zum einen auf dem Hintergrund der oben beschriebenen Ansätze und Befunde zu Achtsamkeit und zum anderen auf Basis der Konzeption der Faustlos-Curricula (vgl. z. B. Schick & Cierpka, 2016) entwickelt. Im Rahmen der Faustlos-Fortbildungen und der Rückmeldungen zur Umsetzung des Programms in Kindergärten zeigte sich, dass Erziehungskräfte immer wieder Teile des Kindergarten-Programms auch mit Krippenkindern versuchten durchzuführen, um bereits mit den 2-4-Jährigen spielerisch deren sozial-emotionale Kompetenzen zu fördern. Da das Kindergarten-Programm aber speziell auf die Bedürfnisse und die entwicklungspsychologischen Ausgangsbedingungen ca. 4-6-Jähriger zugeschnitten ist, stießen die Erziehungskräfte mit Krippenkindern naturgemäß immer wieder an Grenzen (z. B. die geringere Aufmerksamkeitsspanne, die noch nicht entsprechend entwickelte sprachliche Ausdrucksfähigkeit usw.). Fäustling ist deshalb speziell auf die entwicklungspsychologischen Ausgangsbedingungen 2-4-jähriger Kinder zugeschnitten, wobei unsere Erfahrungen schon recht bald deutlich machten, dass das Konzept auch sehr gut mit älteren Kindern umgesetzt werden kann. In erster Linie sollen mit Fäustling Kompetenzen gefördert werden, die ein konstruktives Miteinander begünstigen und destruktiv-aggressivem Verhalten entgegenwirken. Hierfür werden vor allem soziale und emotionale Kompetenzen benötigt (vgl. z. B. Schick, 2016). Die Umsetzung der entsprechenden prosozialen Verhaltensweisen, bzw. die Motivation hierfür, hängt eng mit den zugrundeliegenden Haltungen zusammen, weshalb neben dem Verhalten oft auch an Haltungen, Werten bzw. Tugenden angesetzt wird (vgl. z. B. Schick, 2011). Konstruktives Beziehungsverhalten von Kindern kann z. B. dadurch gefördert werden, dass sie lernen aufmerksam, wertschätzend und auf andere Rücksicht nehmend miteinander umzugehen (vgl. z. B. Kaiser Greenland, 2011). Diese Qualitäten lassen sich zusammenfassend als „Achtsamkeit“ beschreiben. Im Einzelnen werden mit Fäustling deshalb folgende Kernkompetenzen gefördert:

  • Achtsamkeit
  • Emotionale Kompetenz
  • Soziale Kompetenz

Diese drei Kompetenzbereiche sind in 30 Wochenprojekte aufgeteilt. Pro Woche wird jeweils ein Thema in den Mittelpunkt gestellt, das anhand einer Reihe didaktischer, lern- und entwicklungspsychologisch begründeter Zugangswege erarbeitet wird. Grundidee der Wochenprojekte ist, dass die angebotenen didaktischen Zugänge über die Woche verteilt immer wieder genutzt werden, um sich so dem entsprechenden Wochenthema anzunähern und das jeweilige Thema sukzessive und nachhaltig zu entfalten und zu vertiefen.

Die fünf didaktischen Zugangswege zu jedem Wochenprojekt

a.  Fingerpuppenspiele

b.  Bewegungsspiele

c.  Fingerspiele

d. Spiele und Bastelvorschläge

e.  Bilderbuch-Geschichte

Fäustling: Umsetzung

Idealerweise werden die verschiedenen Spiele und Übungen über die gesamte Woche verteilt immer wieder angeboten, um so den Lerntransfer nachhaltig zu fördern. Die Durchführung ist nicht an eine feste Reihenfolge gebunden, das Programm sollte jedoch mit den ersten acht Wochenprojekten zum Thema „Achtsamkeit“ begonnen werden. Die folgenden Wochenprojekte – mit den Schwerpunkten „emotionale Kompetenz“ und „soziale Kompetenz“ – können dann je nach Interessenlage flexibel und situationsspezifisch in den Krippenalltag integriert werden. In den ersten Wochen wird das jeweilige Thema mit der Fingerpuppe Finn eingeführt. Im weiteren Verlauf wird ihm hierbei Fine, ein Mädchen, zur Seite gestellt. Auf diese Weise haben sowohl die Jungen als auch die Mädchen eine passende Identifikationsfigur (inzwischen gibt es auch geschlechtsneutrale Versionen der Fingerpuppen). Die Bewegungs- und Fingerspiele dienen zur spielerischen Vertiefung des jeweiligen Schwerpunkts. Mit der gemeinsamen Betrachtung des Bilderbuchs wird dieser Prozess zusätzlich unterstützt.

Voraussetzung für eine qualitativ hochwertige Umsetzung des Programms und nachhaltige Erfolge ist die Teilnahme an der entsprechenden Fortbildung des Heidelberger Präventionszentrums (vgl. www.h-p-z.de). Interessierte Kinderkrippenteams können sich direkt ans Heidelberger Präventionszentrum wenden, um Fortbildungstermine zu vereinbaren.

Literatur

Altner, N. (2009). Achtsam mit Kindern leben. München: Kösel.

Altner, N. (2012a). Kinder und das Geschenk der achtsamen Gegenwärtigkeit. In N. Altner (Hrsg.), Achtsamkeit im Kindergarten (S. 17-33). Weinheim: Beltz.

Altner, N. (2012b). Lasst uns sein! Wie wir in Kindergarten und Familie Oasen des Innehaltens schaffen können. In N. Altner (Hrsg.), Achtsamkeit im Kindergarten (S. 9-16). Weinheim: Beltz.

Andersen-Reuster, U. (2012). Achtsamkeit und Feinfühligkeit in der frühen Beziehungsgestaltung. In N. Altner (Hrsg.), Achtsamkeit im Kindergarten (S. 41-51). Weinheim: Beltz.

Burkhard, A. (2011). Achtsamkeit. Entscheidung für einen neuen Weg. Stuttgart: Schattauer.

Duprée, U. E. (2011). Ho'oponopono. Das hawaiianische Vergebungsritual. Darmstadt: Schirner.

Hüther, G. (2012). Anstelle eines Vorworts: Heimweh, Fernweh und hungrige Enten füttern. In N. Altner (Hrsg.), Achtsamkeit im Kindergarten (S. 7-8). Weinheim: Beltz.

Kabat-Zinn, J. (2013). Gesund durch Meditation: Das große Buch der Selbstheilung mit MBSR. München: Knaur.

Kaiser Greenland, S. (2011). Wache Kinder. Freiburg: arbor.

Rosenberg, M. (2010). Gewaltfreie Kommunikation. Eine Sprache des Lebens. Paderborn: Junfermann.

Rust, S. (2007). Wenn die Giraffe mit dem Wolf tanzt. Burgrain: KOHA.

Schick, A. (2011). Werte bilden. Werteerziehung in der Grundschule mit Klarigo. Weinheim: Beltz.

Schick, A. (2016). Förderung sozial-emotionaler Kompetenzen in Kindergärten, Grundschulen und in der Sekundarstufe: Konzeption und Evaluation der Faustlos-Curricula. In T. Malti & S. Perren (Hrsg.), Soziale Kompetenz bei Kindern und Jugendlichen. Entwicklungsprozesse und Förderungsmöglichkeiten (S. 193-207). Stuttgart: Kohlhammer.

Schick, A. & Cierpka, M. (2016). Empathieförderung in Kindergarten und Schule mit "Faustlos". In M. Roth, V. Schönefeld & T. Altmann (Hrsg.), Trainings- und Interventionsprogramme zur Förderung von Empathie. Ein praxisorientiertes Kompendium (S. 41-51). Heidelberg: Springer.

Siegel, D. J. & Payne Bryson, T. (2015). Achtsame Kommunikation mit Kindern. Freiburg: Arbor.

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