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Zitiervorschlag

Videoportal www.kinder-4.ch zur frühen Sprachbildung – ein Angebot für Familien und frühpädagogische Fachpersonen.

Dr. Evamaria Zettl

 

Das Wichtigste in Kürze: Filme zur frühen Sprachbildung in dreizehn Sprachen

Das kostenlose Videoportal des Kantons Zürich www.kinder-4.ch bietet 65 Kurzfilme und reichhaltiges Begleitmaterial zur Bildung von Kindern von 0-4 Jahren. Einen besonderen Schwerpunkt bilden dabei 25 Filme zum Thema Sprache(n) im Familien- und Kita-Alltag[1]. Dieses Angebot richtet sich an Familien und frühpädagogische Fachkräfte und steht in dreizehn Sprachen zur Verfügung: Albanisch, Arabisch, Deutsch (z.T. Schweizerdeutsch mit hochdeutschen Untertiteln), Englisch, Französisch, Portugiesisch, Rätoromanisch, Italienisch, Serbisch-Kroatisch-Bosnisch, Spanisch, Tamilisch, Tigrinya und Türkisch.

Jeder Film dauert zwischen zwei und vier Minuten und zeigt einen Ausschnitt aus dem Alltag ein- und mehrsprachiger Kinder, der Gelegenheiten zu sprachlichem Lernen bietet. Alle Videos werden in leicht verständlicher Sprache und zugleich wissenschaftlich auf dem neuesten Stand von Sprachdidaktik und Entwicklungspsychologie kommentiert. Eine Suchfunktion erlaubt es, Filme u. a. je nach dem Alter der Kinder, nach den Teilnehmenden (Kind allein, Kinder unter sich, Kind-Erwachsene) und den Lebenswelten (Familie, Tagesfamilie, Kita, Spielgruppe[2]) auszuwählen. Die Filme entstanden im Auftrag der Bildungsdirektion des Kantons Zürich und wurden 2019 vom Marie-Meierhofer-Institut und der Pädagogischen Hochschule Thurgau erstellt. Sie ergänzen eine kommentierte Filmsammlung von 2014, die neben sprachlicher Bildung auch weitere Aspekte frühkindlicher Bildung und Entwicklung fokussiert.

Videos als niederschwellige Form der Elternbildung

Bemerkenswert ist beim Konzept des Videoportals, dass ein- und mehrsprachige Eltern auf Augenhöhe adressiert, als kompetente Handelnde angesprochen und in den Filmen als Vorbilder für andere Eltern gezeigt werden. Angesichts der verbreiteten Defizitperspektive gerade auf Eltern „mit Migrationshintergrund“, die nicht gut Deutsch sprechen (zu dieser Denkfigur vgl. Thomauske 2017), ist dies eine wertschätzende und in der Elternarbeit sicher erfolgversprechende Perspektive. Verunsicherte Eltern können Antworten auf Fragen bekommen wie: „Mein Kind lebt im Alltag mit drei Sprachen, schafft es das?“. Wie das Video „Köchin“ und der entsprechende Kommentar zeigt, ist dies durchaus möglich; die Regel „Eine Person - eine Sprache“, so zeigt das Video im Einklang mit aktuellen Forschungsbefunden (vgl. Panagiotopoulou/Montanari 2019, S. 27), ist den komplexen Lebenswelten in Migrationskontexten nicht immer angemessen, etwa wenn eine Mutter Kinyarwanda und einige Worte Französisch mit dem Kind spricht.

Auch für deutsche oder österreichische Eltern, die Dialekt sprechen, können die Filme ermutigend sein: Mundart zu sprechen ist, wie die Schweizer Sprecherinnen und Sprecher selbstbewusst (und mit hochdeutschen Untertiteln versehen) zeigen, ebenso sprachförderlich wie das Hochdeutsche. Wichtiger als die Frage, welche Sprache oder welche Varietät gesprochen wird, ist die Qualität der Interaktion: Wird wertschätzend zugehört und nachgefragt, werden längere Gesprächsfäden gesponnen und Alltagssituationen als Gesprächsanlässe genutzt, wird zu komplexen Sprachhandlungen wie Erzählen und Begründen angeregt?

Durch Postkarten und weiteres Informationsmaterial in allen angebotenen Sprachen sowie über Verlinkungen können Eltern niederschwellig auf das Angebot aufmerksam gemacht werden; auch für Kurse zur Elternbildung und in der Familienberatung sind die Videos hilfreich. Viele Eltern dürften beim Anschauen der Videos denken: „Einiges mache ich ohnehin schon“ oder „Das ist nicht schwer, das könnte ich auch einmal ausprobieren“ (Eine Evaluation, wie Eltern das Angebot wahrnehmen, wäre ein aufschlussreiches Forschungsprojekt).

Zusätzliche Videos für die Aus- und Weiterbildung von pädagogischen Fachpersonen

In einem passwortgeschützten Bereich stehen 105 Filme (ausschließlich mit deutschen Untertiteln) für Aus- und Weiterbildungsinstitutionen und Fachpersonen bereit. Sie enthalten keine gesprochenen Kommentare und eignen sich daher für die Förderung der Analysekompetenz. Die Forschung hat längst erkannt, wie hilfreich solche Filme in der Aus- und Weiterbildung von Lehrpersonen sind; Biaggi, Krammer und Hugener (2013, S. 26) schreiben: „Videoaufnahmen sind eine anschauliche Grundlage für ein vertieftes Nachdenken und Diskutieren über Fragen der Qualität von Unterricht (…) und daher ein probates Mittel für die Förderung der Verbindung von Praxis und Theorie“. Auch in der Aus- und Weiterbildung frühpädagogischer Fachkräfte können Videoanalysen einen wertvollen Beitrag leisten[3].

Gerade im Bereich der Sprachbildung besteht ein beträchtlicher bildungspolitischer und gesellschaftlicher Druck auf frühpädagogische Fachkräfte, erfolgreiche Deutschförderung gerade für Kinder, die Deutsch nicht als Erstsprache sprechen, zu betreiben (vgl. Thomauske 2017, S. 12ff.; Zettl 2019, S. 3). Angesichts dieses Drucks könnten Videoanalysen für frühpädagogische Fachpersonen entlastend wirken: Hier wird deutlich, dass sprachliche Unterstützung für Kinder mit einfachen Mitteln gelingen kann. Etliche Fachkräfte, die die Videos analysieren, werden vermutlich feststellen, dass sie vieles davon bereits im Alltag umsetzen und einige Strategien neu in ihr Handeln aufnehmen oder gezielter einsetzen können. Zudem bieten die Videos neben Einblicken in den Kita-Alltag auch Einsichten in Bildungsfelder, die Kita-Fachpersonen nur bedingt vertraut sein dürften: Tagesfamilien, Spielgruppen und Familien.

Sechs Leitlinien zu früher Sprachbildung für Fachpersonen und Familien

Dem Videoportal liegt das „Fachkonzept Frühe Sprachbildung“ der Bildungsdirektion des Kantons Zürich zugrunde, das an der Pädagogischen Hochschule Thurgau in Zusammenarbeit mit dem Marie-Meierhofer-Institut für das Kind entwickelt wurde (Isler/Kirchhofer/Hefti/Simoni/Frei 2017, online unter www.kinder-4.ch/de/material).

Grundlage der Leitlinien ist ein Verständnis, das Sprache nicht als isolierten Lerngegenstand, sondern als Mittel der Kommunikation im Alltag sieht (Isler, Kirchhofer/Hefti/Simoni/Frei 2017, S. 2). Dieses Konzept alltagsintegrierter Sprachbildung wird im deutschsprachigen Raum seit einiger Zeit in Forschung und Bildungsplanung befürwortet (vgl. Kucharz/Mackowiak/Beckerle 2015), nachdem sich separierte und wenig alltagsnahe, teils eher schulisch gestaltete Sprachförderangebote in Kleingruppen als enttäuschend wenig wirksam erwiesen (vgl. Schneider et al. 2012, S. 9). Erfolgversprechend erscheint frühe alltagsintegrierte Sprachbildung vor allem, wenn Fachkräfte dafür gezielt weiterqualifiziert werden (vgl. Isler & Neugebauer 2019; Kucharz/Mackowiak/Beckerle 2015).

Das Fachkonzept umfasst sechs Leitlinien:

  1. Gesprächsanlässe im Alltag erkennen und nutzen
  2. Gespräche unter Kindern ermöglichen
  3. Die Qualität der Interaktion sicherstellen
  4. Sprache vielfältig gebrauchen
  5. Zugänge zu früher Literalität eröffnen
  6. Mehrsprachigkeit wertschätzen und unterstützen (Isler/Kirchhofer/Hefti/Simoni/Frei 2017, S. 51)

Die Kommentare zu den einzelnen Filmen verweisen jeweils auf eine oder mehrere Leitlinien. So fragt der Großvater am Mittagstisch genau nach, um seine Enkel zu verstehen (Video: Erlebnissen gemeinsam auf die Spur kommen); er passt seine Interaktionen an die Kinder an, regt sie zu herausfordernden Sprachhandlungen an („Weißt du noch, von was der Film handelte?“) und untersucht Sprachliches: die Städtenamen „Solothurn“ und „Winterthur“ klingen ähnlich, was auch die Kinder bemerken. All dies wird im Kommentar unter der Leitlinie 3, „Die Qualität der Interaktion sicherstellen“, diskutiert.

Die sechs Leitlinien werden im „Fachkonzept Frühe Sprachbildung“ in einer ausführlichen Fassung mit sprachdidaktischer Begründung erläutert, sie liegen auch in Kurzform als Handreichung für den Kita-Alltag und in einfacher Sprache als Flyer für Eltern vor (online unter www.kinder-4.ch/de/material). Zudem stehen auf der Plattform sechs Kommentarfilme zur Verfügung, die diese Leitlinien erläutern. Grundlegend für jede der Leitlinien ist dabei der Aspekt der Wirksamkeit, der für alle Kinder unabhängig von ihrem familiären Hintergrund, ihren Sprach(en)kompetenzen und ihrem Entwicklungsstand gilt: „Von einem anregungsreichen kommunikativen Alltag (…) profitieren alle Kinder“ (Isler/Kirchhofer/Hefti/Simoni/Frei 2017, S. 8).

 

Endnoten

[1] „Kita“ in der Schweiz bezeichnet ein freiwilliges, meist kostenpflichtiges Angebot frühkindlicher Bildung, Betreuung und Erziehung für Kinder, die noch nicht in den Kindergarten gehen; der obligatorische Kindergarten als erste Stufe des staatlichen Schulsystems beginnt in der Schweiz mit vier Jahren.

[2] Spielgruppen sind ein freiwilliges, kostenpflichtiges Angebot für unter Vierjährige in der Deutschschweiz. Sie finden nur einige Stunden in der Woche statt und sollen erste außerfamiliäre Bildungserfahrungen und ggfs. einen ersten Kontakt mit der deutschen Sprache ermöglichen.

[3] Das Portal www.kinder-4-ch weist auch auf eine Arbeit mit Videos aus der eigenen Praxis, als sinnvolle Fortsetzung der Analyse von vorhandenen Filmen hin; ein Bogen zur Einverständniserklärung der Eltern zu einem solchen Projekt liegt unter https://www.kinder-4.ch/de/material bereit. Zu einer solchen Verwendung von Videos in der Weiterbildung von Fachpersonen, die Sprachförderung im vorschulischen Bereich betreiben (vgl. Isler und Neugebauer 2019).

 

Literatur

Biaggi, S., Krammer, K., &  Hugener, I. (2013): Vorgehen zur Förderung der Analysekompetenz in der Lehrerbildung mit Hilfe von Unterrichtsvideos- Erfahrungen aus dem ersten Studienjahr. Seminar, (2), S. 26-34.

Bildungsdirektion Kanton Zürich (2019): www.kinder-4.ch (Abfrage 27.9. 2019).

Isler, D., Kirchhofer, K., Hefti, C., Simoni, H. & Frei, D. (2017): Fachkonzept «Frühe Sprachbildung». Zürich: Bildungsdirektion Kanton Zürich. www.kinder-4.ch/de/material (Abfrage 27.9. 2019).

Isler, D./Neugebauer, C. (2019):  Videocoaching als Methode zur Weiterentwicklung der frühen Sprachbildung. In BiSS-Trägerkonsortium (Hrsg.), Sprachbezogene Unterrichtsentwicklung/Sprachliche Bildung im Elementarbereich. Konzepte und Berichte aus der Praxis. Köln: Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache. DOI: 10.3278/6004688. [abgerufen am 27.9.2019 auf https://biss-sprachbildung.de/pdf/biss-handreichung-unterrichtsentwicklung.pdf]

Kucharz, D., Mackowiak, K., & Beckerle, C. (2015): Alltagsintegrierte Sprachförderung. Ein Konzept zur Weiterqualifizierung in Kita und Grundschule. Weinheim, Basel: Beltz.

Montanari, E., & Panagiotopoulou, J.A. (2019): Mehrsprachigkeit und Bildung in Kitas und Schulen. Tübingen: Narr Francke Attempto.

Schneider, W., Baumert, J., Becker-Mrotzek, M., Hasselhorn, M., Kammermeyer, G., & Stanat, P. (2012): Expertise „Bildung durch Sprache und Schrift (BISS). Bund-Länder-Initiative zur Sprachdiagnostik, Sprachförderung und Leseförderung. Abgerufen von http://www.biss-sprachbildung.de/pdf/BiSS-Expertise.pdf (Abfrage 27.9. 2019).

Thomauske, N. (2017): Sprachlos gemacht in Kita und Familie. Ein deutsch-französischer Vergleich von Sprachpolitiken und –praktiken. Wiesbaden: Springer VS.

Zettl, E. (2019): Mehrsprachigkeit und Literalität in der Kindertagesstätte. Frühe sprachliche Bildung in einem von Migration geprägten Stadtviertel. Wiesbaden: Springer VS.

 

Autorin

Dr. Evamaria Zettl unterrichtet Deutschdidaktik an der Pädagogischen Hochschule Thurgau (Schweiz) und forschte über Mehrsprachigkeit und Literalität in einer Kindertagesstätte.

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