Zitiervorschlag

Vorlesen in der Kita: Vorlesepraxis, Elternarbeit und Vorlesetipps

Warum Vorlesen im Kita-Alltag so wichtig ist

Johanna Leck & Sabine Bonewitz

 

Geschichten sind wunderbare Ausgangspunkte für Gespräche über die unterschiedlichsten Themen mit Alltagsrelevanz für Kinder. Sie bieten die Möglichkeit, ein Thema genauer in den Blick zu nehmen, aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten und sich gemeinsam in der Kita, aber auch zu Hause, darüber auszutauschen. Besonders die Schlüsselthemen der Gegenwart, die uns alle beschäftigen, können bewusst machen, dass und wie wir alle, klein und groß, etwas verändern können.

Doch wie genau sieht die Vorlesesituation in den Kitas aus? Wie kann sie noch besser gestaltet werden? Und wie können z.B. konkret Bilderbuchbetrachtung und dialogisches Vorlesen im Kita-Alltag stattfinden?

Diesen und vielen weitere Fragstellungen rund um das Lesen und Vorlesen in der Kita geht die 2021 veröffentlichte Vorlesestudie der Stiftung Lesen, „Kitas als Schlüsselakteure in der Leseförderung“, auf den Grund. Seit 2007 führt die Stiftung Lesen zusammen mit der DB Stiftung und der Wochenzeitung DIE ZEIT jährlich eine Studie zu unterschiedlichen Aspekten des Vorlesens durch. Mit zahlreichen bundesweiten und regionalen Sprach- und Leseförderprojekten, mit kontinuierlichen Lese- und Medienempfehlungen in Print und Online, mit kostenfreien Buchgeschenken, die dank der Unterstützung von Bundes- und Landesministerien sowie von Unternehmen und anderen Partnerinstitutionen zur Verfügung gestellt werden, sowie mit Online-Seminaren und vielfältigen Materialien für alle pädagogischen Fachkräfte bietet die Stiftung Lesen ein breites Spektrum von Maßnahmen zur Leseförderung an.

Der erste und zentrale Vorleseort in der Kindheit ist die Familie. Jedoch liest ein Drittel der Eltern den eigenen Kindern nicht oder nur selten und damit zu wenig vor. Deshalb sind andere Orte wie Kitas, Grundschulen, Bibliotheken etc. elementar, um Kindern außerhalb des Elternhauses Kontakt zum Vorlesen und zu Geschichten zu bieten. Besonders wichtig sind Kitas, denn: Laut Statistischem Bundesamt[1] wurden im Jahr 2020 92,5 Prozent der Drei- bis Sechsjährigen und 35 Prozent der unter Dreijährigen in Kindertageseinrichtungen betreut. Diese hohen Besuchsquoten machen die Kita zu einem Ort, an dem sehr viele Kinder außerhalb des Elternhauses regelmäßig mit Geschichten, Vorlesen und Lesen in Berührung kommen. Nicht zuletzt aus diesem Grund ist die Zusammenarbeit mit Kitas und pädagogischen Fachkräften für die Stiftung Lesen von großer Bedeutung.  

Ergebnisse der Vorlesestudie 2021: Bestandsaufnahme des Vorlesens in der Kita

In den bisherigen Vorlesestudien wurde vor allem das Vorlesen in Familien betrachtet. Dafür wurden Eltern und Kinder verschiedener Altersgruppen befragt. Einige Studien geben Hinweise darauf, dass die Kita für Kinder neben dem Elternhaus ein weiterer wichtiger Vorleseort ist: Kinder, die in der Kita (oder Schule) Vorlesen erleben, finden das „mit anderen Kindern zusammen oft richtig lustig“. Fachkräfte gehören zudem für Kinder, denen vorgelesen wird, oft zu den liebsten Vorlese-Akteuren[2].

Darum rückten 2021 zum ersten Mal die Kitas selbst in den Fokus der Vorlesestudie. Dazu wurden in Kitas bundesweit pädagogische Fachkräfte befragt[3], wie das Vorlesen konkret in ihrer Kita verankert ist, wie die Fachkräfte ihre eigene Rolle gegenüber den Eltern wahrnehmen und wie sie die Vorlesesituation in den Familien der Kinder einschätzen.

Vorlesen ist fest im Kita-Alltag verankert

Geschichten sind fester Bestandteil des Kita-Alltags. In 91 Prozent der Kitas erhalten Kinder mindestens einmal am Tag Impulse durch Geschichten, in sechs Prozent noch ein- bis zweimal pro Woche. Da fast alle Kinder zwischen drei und sechs Jahren, viele auch bereits früher, in Kitas betreut werden, gewährleisten Kitas somit auch für viele Kinder einen Zugang zu Geschichten verschiedenster Art, denen zu Hause nicht oder nur wenig vorgelesen wird.

Vorleseimpulse kommen von verschiedenen Personen. In allen befragten Kitas lesen die pädagogischen Fachkräfte vor, in den meisten (94 Prozent) auch Personen, die als Aushilfen oder für Praktika zeitweise in der Kita arbeiten. Darüber hinaus kommen in einigen Kitas Ehrenamtliche, Eltern der Kinder oder andere Personen zum Einsatz. Dadurch können sich z. B. Modell-Situationen mit Vorbild-Funktion ergeben, wenn Eltern erleben, wie Ehrenamtliche oder andere Personen vorlesen. Wenn es in einer Kita eine Sprachförderkraft gibt, liest auch diese meist vor (90 Prozent). Somit erhalten die Kinder in den meisten Kitas vielfältige Impulse und sprachliche Förderung durch unterschiedliche Personen.

Die Fachkräfte nutzen das Vorlesen gezielt, um Themen zu setzen oder Fragen der Kinder aufzugreifen. Mehr als 90 Prozent sprechen in Vorlesesituationen mit den Kindern über Gefühle und den Umgang damit (99 Prozent) über Themen aus Natur und Umwelt (99 Prozent), Beziehungen zu anderen Menschen (97 Prozent), Veränderungen und Einschnitte im Leben der Kinder (97 Prozent) sowie Gesundheit und Ernährung (95 Prozent). Die in allen Fällen sehr hohen Werte zeigen, dass Kita-Fachkräfte gut wissen, welches Potenzial im Vorlesen liegt, um Themen aus dem Alltag der Kinder im Kita-Alltag aufzugreifen und Kinder in ihrer gesamten Entwicklung zu fördern.

Zusätzlich wollen Fachkräfte die Kinder über das Vorlesen hinaus konkret in vielfältigen Bereichen fördern (Abbildung 1).

Bild1 Aspekte die pädagogogische Fachkräfte im Rahmen des Vorlesens fördern wollen 

Abbildung 1: Aspekte, die pädagogische Fachkräfte im Rahmen des Vorlesens fördern wollen.

Weiterführende Analysen aus den Daten der Vorlesestudie 2021

Vorlesen geht auch digital

Vorgelesen wird in Kitas meist mit klassischen Medien: 99 Prozent der Fachkräfte lesen häufig oder immer aus gedruckten Büchern vor. Mehr als die Hälfte der Befragten unterstützen das Vorlesen häufig mit Kamishibais und ergänzen es durch Hörspiele. Digitale Vorlesemedien werden hingegen seltener genutzt, auch wenn in 49 Prozent der Kitas mindestens ein digitales Gerät wie ein Tablet, eine Toniebox oder eine Lese-Eule (Luka ®) zum Vorlesen verfügbar ist. Sowohl in der Ausstattung mit entsprechenden Geräten als auch in ihrem gezielten Einsatz für das Vorlesen liegt ein Potenzial, das in vielen Kitas bisher nicht ausgeschöpft ist. Gerade in der Pandemie zeigt sich die Bedeutung digitaler Förder- und Lernangebote in besonderer Weise. Kinder lieben Handys, Tablets und andere Geräte, die sie meist bereits von zu Hause kennen. Mit motivierenden digitalen Anwendungen können Kinder und Jugendliche auch zur Förderung ihrer Sprachentwicklung und durch Vorlesen ganz unmittelbar in der Kita und zu Hause unterstützt werden. Denn viele Apps eignen sich prima, um vorzulesen, spielerisch sprechen zu üben oder später selbst zu lesen. Aus diesem Grund bietet die Stiftung Lesen den kostenfreien App-Prüfservice www.lesenmit.app an. Die Initiative, die vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert wird, hilft pädagogischen Fachkräften und Eltern dabei, sich schnell und verlässlich einen Überblick über das App-Angebot zur Sprach- und Leseförderung zu verschaffen und gibt Tipps zum Einsatz der Apps zu Hause und in der Bildungseinrichtung.

Bild2 lesenmit.app

Vorlesen ist bereits Teil der Elternarbeit, kann jedoch noch ausgebaut werden

Elternarbeit ist ein wesentlicher Bestandteil der pädagogischen Kita-Arbeit, um die Entwicklung des Kindes partnerschaftlich und in Zusammenarbeit mit den Eltern zu begleiten. Das belegt auch die Vorlesestudie 2021: In 9 von 10 Kitas ist das Vorlesen bereits fester Bestandteil der Elternarbeit. Die konkrete Ausgestaltung ist facettenreich: Viele Fachkräfte berichten, dass in ihrer Kita etwa bei Elternabenden oder Elterngesprächen über das Vorlesen gesprochen wird (87 Prozent) oder dass sie auf Angebote öffentlicher Bibliotheken hinweisen (82 Prozent). Mehr als die Hälfte hält außerdem Flyer und Plakate mit Hinweisen auf Bücher und Vorleseangebote sowie Vorlesetipps bereit (60 Prozent). Seltener arbeiten die Kitas mit Personen aus der Familienhilfe oder der aufsuchenden Sozialarbeit zusammen oder führen Veranstaltungen durch wie z. B. Nachmittage mit Eltern, an denen auch vorgelesen wird, oder explizite Vorlesetrainings.

Fachkräfte geben also zwar sehr häufig wichtige Informationen und Empfehlungen rund um das Thema Vorlesen an Eltern weiter, binden sie aber bisher vergleichsweise wenig in Angebote ein, die ihnen das Vorlesen konkret erfahrbar machen.

Im Kontext der Elternarbeit zeigen Fachkräfte zudem ein gutes Bewusstsein für mögliche Risikolagen, die das Vorlesen in den Familien erschweren. 41 Prozent der Befragten nehmen überdurchschnittlich viele Kinder wahr, denen zu Hause nicht oder nur selten vorgelesen wird. Als mögliche Gründe dafür, dass Eltern ihren Kindern nicht oder nur selten vorlesen, geben die Fachkräfte verschiedene Punkte an. Neben digitalen Medien als Alternative und fehlender Zeit und Lust als Hauptgründe

Um ihre Elternarbeit rund um das Vorlesen weiter ausbauen zu können, äußern die Fachkräfte konkrete Wünsche: Vor allem wünschen sie sich Buchempfehlungen und Zugang zu Büchern. Dabei geht es ebenso um deutschsprachige Bücher wie um Texte in nicht deutschen Sprachen. An zweiter Stelle stehen mehr zeitliche, finanzielle und personelle Ressourcen, und schließlich hätten viele Fachkräfte gern mehr Informationsmöglichkeiten bzw. wünschen sich mehr Veranstaltungen für oder mit Eltern.

Mehrsprachiges Vorlesen – eine Chance im Kita-Alltag

Das Thema Mehrsprachigkeit spielt den Ergebnissen der Vorlesestudie 2021 zufolge eine wichtige Rolle in den Kitas. Fast 90 Prozent aller Kitas betreuen, mit variierendem Anteil, Kinder mit nicht deutscher Familiensprache. Die Mehrsprachigkeit, die Teil des Alltags der Kinder ist, wird teilweise auch in den Kita-Alltag eingebunden:

Viele Fachkräfte wünschen sich einen Ausbau dieses Angebots: Um Eltern künftig noch besser zum Vorlesen anregen zu können, sehen es 84 Prozent der Fachkräfte zumindest teilweise als Unterstützung, wenn in der Kita Bücher in nicht deutscher Sprache zur Ausleihe für die Eltern zur Verfügung stünden.

Das starke Bewusstsein der Fachkräfte für die Bedeutung der Familiensprache im überwiegend deutschsprachigen Umfeld von Kita und Schule ist ein wichtiger Baustein zur Förderung von guten Startbedingungen, die Kindern eine erfolgreiche Teilhabe am Bildungssystem ermöglichen. Sie nutzen damit das Potenzial, das in der Mehrsprachigkeit von Kindern liegt. Kinder, die in ihren Familien nicht Deutsch sprechen, lernen in der Kita von den Fachkräften und von anderen Kindern umso leichter die deutsche Sprache, je besser sie bereits in ihrer Familiensprache sozialisiert und geübt sind. Umgekehrt bereichern sie mit ihrem Wortschatz aus der Familiensprache den inhaltlichen Austausch und die kulturelle Vielfalt in der Kita.

Mehrsprachige Leseförderung spielt in den Leseförderangeboten der Stiftung Lesen eine zentrale Rolle

Die Stiftung Lesen sieht in einer Lese- und Vorleseförderung, die auch die nicht deutschen Familiensprachen von Kindern berücksichtigt, großes Potenzial. Dazu entwickelt sie kontinuierlich Angebote für Multiplikatoren, Kita-Fachkräfte und Familien. Dazu gehören:

Bild3 Medienvielfalt

Bild4 Lesestart 1 2 3

Infokasten: Hilfreiche Links

  • Link zur Website der Stiftung Lesen

www.stiftunglesen.de/

  • Link zur Vorlesestudie 2021: Warum ist Vorlesen in Kitas so wichtig? Kitas als Schlüsselakteure in der Leseförderung

https://www.stiftunglesen.de/ueber-uns/forschung/studien/vorlesestudie#jmIndex0

  • Link zum kostenlosen digitalen Geschichtenservice „einfach vorlesen!“

www.einfachvorlesen.de

Endnoten

[1] Statistisches Bundesamt (Destatis) (2020). Statistiken der Kinder- und Jugendhilfe. Kinder und tätige Personen in Tageseinrichtungen und in öffentlich geförderter Kindertagespflege am 01.03.2020.

[2] Stiftung Lesen (2016). Vorlesestudie 2016. Was wünschen sich Kinder? Repräsentative Befragung von Kindern im Alter von 5 bis 10 Jahren und ihren Müttern.

[3] Insgesamt wurden 507 pädagogische Fachkräfte in Kitas bundesweit im Rahmen einer standardisierten Befragung interviewt. Die Interviews fanden zwischen dem 4. Mai und 11. Juni 2021 statt, entweder telefonisch durch geschultes Interviewpersonal (CATI) oder nach telefonischem Erstkontakt, aber erschwerter Erreichbarkeit, online mit identischem Fragenprogramm (20 der 507 Interviews). Die Daten sind repräsentativ für Kitas in der Bundesrepublik Deutschland in der Struktur der Bundesländer, der Struktur nach Trägerorganisationen, der Struktur nach Anzahl der betreuten Kinder sowie der Struktur nach durchschnittlichem Anteil an Kindern mit nicht deutscher Familiensprache. Erhoben wurden die Daten durch das Umfragezentrum Bonn (uzbonn).

Quellen

Statistisches Bundesamt (Destatis) (2020). Statistiken der Kinder- und Jugendhilfe. Kinder und tätige Personen in Tageseinrichtungen und in öffentlich geförderter Kindertagespflege am 01.03.2020. Abgerufen unter https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Soziales/Kindertagesbetreuung/Publikationen/Downloads-Kindertagesbetreuung/tageseinrichtungen-kindertagespflege-5225402207004.pdf?__blob=publicationFile (13.01.2022).

Stiftung Lesen (2016). Vorlesestudie 2016. Was wünschen sich Kinder? Repräsentative Befragung von Kindern im Alter von 5 bis 10 Jahren und ihren Müttern. Abgerufen unter https://www.stiftunglesen.de/fileadmin/Bilder/Forschung/Vorlesestudie/Vorlesestudie_2016.pdf (13.01.2022).

Stiftung Lesen (2021). Vorlesestudie 2021. Kitas als Schlüsselakteure in der Leseförderung. Repräsentative Befragung von Fachkräften in Kitas. Abgerufen unter https://www.stiftunglesen.de/fileadmin/PDFs/Vorlesestudie/20211027_VLS_PK.pdf (20.01.2022).



In: Martin R. Textor/Antje Bostelmann (Hrsg.): Das Kita-Handbuch.

https://www.kindergartenpaedagogik.de/fachartikel/bildungsbereiche-erziehungsfelder/sprache-fremdsprachen-literacy-kommunikation/vorlesen-in-der-kita-vorlesepraxis-elternarbeit-und-vorlesetipps/