Zitiervorschlag

Zur Aktualität von Öffnungskonzepten in Kindertagesstätten

Hans-Joachim Rohnke

 

Nach über 30 Jahren Erfahrung mit offen arbeitenden Kindergärten lässt sich zwischenbilanzieren, dass sich diese Einrichtungen einen festen Platz in der plural konzipierten deutschen Kindergartenlandschaft erobert haben. Für die wachsende Akzeptanz in Politik und Wissenschaft, bei Trägern, Eltern und Fachkräften (bei den Kindern ohnehin) sind neben den guten Erfahrungen vor allem die stützenden wissenschaftlichen Befunde und Erkenntnisse der Neurobiologie, der Kleinkind- und Säuglingsforschung sowie verschiedener anderer Forschungszweige (z.B. Bildungs- und Bindungstheorie, Evolutions-, Intelligenz-, Emotions- und Motivationsforschung, Entwicklungspsychologie, Sozialisations- und Milieustudien, Lernforschung) der letzten Jahre von erheblicher Bedeutung.

In unserem Zusammenhang und mit Blick auf kindliche Entwicklungsbelange stellen diese Befunde u.a. fest:

Und weiter...

    1. Es ist schön, dass es Dich gibt!
    2. Es ist gut, wenn Du Deine Fähigkeiten/ Talente/ Neigungen erforschst und nutzt!
    3. Es ist wichtig, dass Du Deine reifebedingten Grenzen kennenlernst und, wo immer es möglich ist, an deren Erweiterung und Überwindung arbeitest!
    4. Nutze und genieße den Tag und seine Möglichkeiten, erfreue Dich an Deiner Lust, die Welt immer noch mehr zu begreifen und besser zu verstehen!
    5. Lerne Deinen Körper kennen und begreife wie er, Dein Geist und Deine Seele aufeinander wirken und was Du für dich tun kannst/ musst, damit es Dir gut geht, ohne dabei die Freiheiten und das Wohlergehen anderer zu gefährden, zu beinträchtigen oder gar zu verletzen!
    6. Entwickle eine Persönlichkeit, die Dich einmalig und liebenswert macht (ohne Dich anzubiedern oder zu verbiegen!), pflege und entwickle Deine Talente, Neigungen und individuellen Fähigkeiten!
    7. Mache Dich frei von Ängsten und falschen Hemmungen!
    8. Trete selbstbewusst für Deine Belange und Interessen ein, bleibe dabei sensibel für das Allgemeinwohl!
    9. Entwickle dabei Mut, Vertrauen und Zuversicht; übernehme Verantwortung für die Mitgestaltung auf dem Weg zu einer humaneren, gerechteren und gewaltfreieren Welt!
    10. ...

Viele dieser wissenschaftlich fundierten Erkenntnisse werden insbesondere in offen arbeitenden Kindergärten seit vielen Jahren berücksichtigt - manches intuitiv, vieles durch Beobachtung und fachliche, kollegiale Reflexionen (kollegiale Beratung, Supervision).

Erzieher/innen in offen arbeitenden Einrichtungen haben unter Würdigung dieser Befunde u.a. folgende Konsequenzen daraus gezogen: Sie wissen um die Kraft der Eigeninitiative von Kindern (auch wenn diese gelegentlich zu Beginn etwas schüchtern und zurückhaltend wirken). Sie beobachten deren Selbstbildungswillen, ihre Wünsche nach Selbstwirksamkeit und das Bestreben nach Entfaltung und Selbstoptimierung. Sie sehen den Ausdrucks- und Gestaltungswillen, ihre Begeisterungsfähigkeit und die Bereitschaft zu Mitwirkung, Partizipation und Verantwortungsübernahme. Sie erleben die kindliche Freude beim Forschen, Ausprobieren und nachahmenden Lernen. Sie nehmen wahr, dass Kinder initiativ werden, dass sie sich in verschiedenen Gruppenkonstellationen gesellen und dass sie, um für sich geeignete Spielpartner werben, die für sie z.B. attraktiven, temporär wichtigen Entwicklungsthemen repräsentieren.

Pädagog/innen in offen arbeitenden Einrichtungen konnten in den zurückliegenden Jahrzehnten feststellen, dass es zur Unterstützung dieser kindlichen Entwicklungsdispositionen einige Rahmenbedingungen und Voraussetzungen gibt, die als unterstützend im Sinne der oben beschriebenen Sachverhalte anzusehen sind.

So haben viele Kolleg/innen positive Erfahrungen mit der Einführung von sog. Funktionsbereichen/ -räumen (auch Themen- oder spezielle Bildungsbereiche genannt) sammeln können:

Kritiker/innen wenden gelegentlich ein, dass derart gestaltetes und von Erwachsenen mit ermöglichtes Kindererleben die Kinder vielleicht nicht ausreichend auf die sog. Wirklichkeit bzw. die "Härten des richtigen Lebens" vorbereite.

Hierzu lässt sich sagen: Im zeitgenössigen Wirtschaftsleben unserer Tage sind interessanterweise erstaunlich viele übereinstimmende Schnittpunkte gegeben. So sehen viele moderne Wirtschaftsbetriebe in ihren Unternehmensleitbildern z.B. klare Vorteile darin, wenn ihre Mitarbeiter/innen

Viele Unternehmen freuen sich, wenn Mitarbeiter/innen die andauernden Erfordernisse betrieblichen Wandels sehen können und wenn sie sich auf neue und andere Anforderungen konstruktiv kritisch, aufgeschlossen und lernfreudig einlassen können...

Kinder in offenen Kindergärten haben diese für das Privat- und Arbeitsleben nützlichen Kompetenzen, Einstellungen und Haltungen jahrelang spielerisch "trainiert" und verfügen aus dieser Perspektive möglicherweise sogar über bemerkenswerte Entwicklungsvorteile.

Ich würde mich daher weiterhin sehr freuen, wenn diese Beobachtungen und Hypothesen endlich auch wissenschaftlich evaluiert würden. Ich bin sicher, dass es zu interessanten Ergebnissen kommen würde und dass weitreichende Impulse für die institutionelle Kleinkindbetreuung daraus hervorgehen könnten!

Autor

Hans-Joachim Rohnke
Dipl.-Päd. & Dipl.-Sup., DGSv
Beratung * Training * Supervision
Frankfurter Str. 3
36355 Grebenhain
Mobil: 0172/6561204
Email: hjrohnke@t-online.de



In: Martin R. Textor/Antje Bostelmann (Hrsg.): Das Kita-Handbuch.

https://www.kindergartenpaedagogik.de/fachartikel/kita-leitung-organisatorisches-teamarbeit/kita-organisation-offene-gruppen/87